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The secret of Mosskit cover

Vorwort

Hallo liebe Leser und Leserinnen,

sicher kennt ihr das Buch Blausterns Prophezeihung. Und egal, ob ihr Blaustern jetzt mögt oder nicht, ihr müsst zugeben, dass das Buch sehr emotional aufgebaut war. Als ich es las, war ich für lange Zeit sehr traurig, da ich Blaustern wirklich "verehrt" habe, und NIE auch nur ahnte, was sie in ihrem Leben durchmachen musste. Um meine Gedanken zu verarbeiten, begann ich, eine Fanfiction zu schreiben, die sehr eng mit Blausterns Prophezeihung verknüpft ist.

Diese Geschichte/Fanfiction ist sehr lang, aber ich wäre sehr froh, wenn ihr sie lest und mir dann auch wirklich eine Rückmeldung gebt, ob sie gut gelungen ist. Das ist mir sehr wichtig! Allerdings sind hier noch einige Rechtschreibfehler etc. zu finden, da ich diese Geschichte noch nicht darauf kontrolliert habe. Also bitte nicht denken, das wäre meine normale Rechtschreibung!

Also genug mit dem Geschwätz, macht euch ran und lest meine mit viel Liebe geschriebene Geschichte! ;)

PS: Diese Geschichte darf NICHT bearbeitet werden!! (Außer natürlich von mir. xD)

The secret of Mosskit

Prolog

 

  »Moosjunges, nein! Wach auf meine Kleine, wir sind doch schon fast da!«, jaulte eine blaugraue Kätzin. Sie kauerte in einem Schneeloch, neben ihr maunzten zwei verschreckte, winzige Junge. Die blaugraue Kätzin leckte an dem kleinen, schlaffen Körper einer blaugrau-weiß gescheckten Jungkatze. Doch auch auf die verzweifelten Rufe der Königin hin regte sich das Junge nicht.
  »Blaupelz… Du weißt, es hat keinen Sinn«, drang eine Stimme aus dem Nichts zu ihr.
Erschrocken blickte sich Blaupelz um.
  »Schneepelz? Bist du das? … NEIN! Nimm sie nicht mit, Moosjunges ist zu jung, um zum SternenClan zu gehen!«, kreischte Blaupelz.
  »Schwesterherz… Denke an Steinjunges und Nebeljunges, willst du, dass sie auch noch erfrieren? Bring sie zu Eichenherz und lass deine Tochter los!«, miaute die kaum zu erkennende, schneeweiße Katze.
  »Ich bin schuld… Ich hätte das niemals tun dürfen! Wieviele Opfer muss ich noch bringen, bis sich meine Prophezeiung erfüllt!? Hat denn noch niemand aus dem SternenClan daran gedacht, dass ich vielleicht gar nicht wie ein Feuer durch den Wald rasen will? Ich habe so viele Katzen verloren, nimm mir nicht noch mein Junges!«, wimmerte Blaupelz.
  »Es tut mir leid, aber es ist deine Bestimmung. Eines Tages wirst du sie wiedersehen, das verspreche ich dir! Moosjunges ist beim SternenClan gut aufgehoben. Ich kümmere mich um sie, wie du dich um meinen Sohn Weißpelz gekümmert hast, als ich starb.«, erwiderte Schneepelz.
Blaupelz senkte betroffen den Kopf. Dann hob sie Nebeljunges auf und ermunterte Steinjunges zum Weitergehen. An der Grenze zum FlussClan wartete ihr ehemalige Gefährte bereits auf sie.

Schneepelz nahm das schlaffe Junge am Nackenfell und machte sich davon. Sie wusste, was zu tun war. Sie würde sich um das Junge ihrer Schwester so kümmern, als sei es ihr eigenes. Als sie im Wald des SternenClans angekommen war, befand sie sich auf einer großen Lichtung. In ihrer Mitte legte sie das Jungtier ab und trat einen Schritt  zurück. Nur ein paar Herzschläge später fingen die Sterne an sich am Himmel zu bewegen und die Ahnen kamen auf die Lichtung herabgesprungen. Sie bildeten einen Kreis um Moosjunges.
  »SternenClan, dies hier ist Moosjunges, die Tochter von Blaupelz. Sie starb im Schnee, weil sie erfror… Nehmt ihre junge Seele zu euch auf, denn sie hätte eine wunderschöne Kriegerin werden können«, begrüßte sie Schneepelz.
Sie sah sich um und entdeckte in der vordersten Reihe Mondblüte, ihre Mutter. Traurigkeit lag in ihren Augen, sie fühlte mit Blaupelz, das wusste sie.
  »Sie war noch so jung!«, hauchte sie.
Dann ertönte ein unglaubliches Geräusch, als würden alle Stimmen der Katzen in der Senke mit einer Stimme sprechen:
  »Der SternenClan nimmt ihre Seele in seine Reihen auf!«
Dann löste sich die Versamlung auf. Die Katzen sprangen davon - ins Unterholz. Schließlich blieben nur noch Mondblüte und Schneepelz übrig. Schneepelz‘ Mutter tappte zu dem Leichnam.
  »Was muss deine Schwester nur alles ertragen?«, meinte sie mit erstickter Stimme.
Dann bedeutete sie Schneepelz, ihre Aufgabe zu vollenden. Die weiße Kätzin nickte, beugte sich zu Moosjunges hinab, bis sie ihr stilles Herz erreicht hatte, und leckte einmal über diese Stelle. Erst einmal geschah nichts, doch nach einiger Zeit streckte sich die Kleine und ihr Herz begann zu schlagen. Dann schlug Moosjunges die Augen auf und sah sich um.
  »Wo bin ich?«, maunzte sie erschrocken, »Wo ist meine Mutter?«
Schneepelz leckte der kleinen Kätzin sachte über das Ohr.
  »Hab keine Angst, Moosjunges, du bist beim SternenClan. Deine Mutter lebt, aber sie vermisst dich.«, erklärte Schneepelz.
Moosjunges' Augen weiteten sich.
  »Oh. Weiß sie, dass ich hier bin? Wie geht es ihr? Und mein Vater, Drosselpelz, ist sicher auch besorgt!«
Schneepelz und Mondblüte sahen sich an.
  »Schau, Moosjunges.« Mondblüte deutete zu einer Pfütze, die sich vor ihren Pfoten bildete, »Das ist dein Vater. Er heißt Eichenherz und ist aus einen feindlichen Clan.«
In der Pfütze konnte man Eichenherz sehen, der gerade Moosjunges' Geschwister aufnahm und mit Blaupelz sprach.
  »Deshalb haben wir dieses Spiel gespielt?«, fragte Moosjunges erstaunt.
Mondblüte nickte. Jetzt komm mit, wir müssen in unsere Jagdgründe zurückkehren, dann können wir in Ruhe weiterreden.
Nur ein paar Monde nach Moosjunges‘ Tod, starb auch Abendstern, der Anführer des DonnerClans. Als er ebenfalls in die Jagdgründe des SternenClans eintrat, erwartete Schneepelz ihn schon.
  »Sei gegrüßt, Abendstern. Ich möchte mit dir reden, es ist wichtig.«, empfing sie ihn.
Abendstern neigte den Kopf und wartete darauf, dass Schneepelz mit ihm sprach.
  »Es geht um Moosjunges… Du weißt, wie jung Blausterns Junge waren, als sie verschwanden. Aber nur eines ist gestorben und Blaupelz  gibt sich dafür die Schuld. Bitte lass Moosjunges eine gute Kriegerin werden!«, flehte Schneepelz. »Du weißt doch, wieviel sie Blaupelz bedeutet hat! Du kannst mit dem SternenClan sprechen. Sie werden dir zuhören.«
Abendsstern nickte.  »Aber nicht an diesem Ort. Sie wird erst viele Blattwechsel nach Blausterns Tod geboren werden.«


Kapitel 1

  »Eichenblatt! Eichenblatt!«, erklang eine Stimme von der Kinderstube aus, »Lichtschweif ist ganz unruhig und hat starke Schmerzen!«   

Ein hellbrauner Kater raste aus dem Heilerbau und eilte über die Lichtung. Jetzt war es soweit, Lichtschweifs Junge würden kommen.
Auf dem Weg stieß er versehentlich mit Flammenstern zusammen.
  »Oh, entschuldige, Flammenstern…«, miaute Eichenblatt.
Flammenstern schüttelte ihren Kopf.
  »Nicht schlimm, ich habe gehört, dass Lichtschweif anscheinend ihre Jungen zur Welt bringt.«
Eichenblatt nickte ernst und machte sich weiter auf den Weg. Er hörte gerade noch, wie Flammenstern rief:
  »Mausekralle! Bitte eile zurï SchattenClan-Grenze und berichte Silberschweif, dass seine Jungen unterwegs sind…«
Ein Schmerzensschrei zerriss die Luft, als Eichenblatt in die Kinderstube trat. Lichtschweif, eine weiße Kätzin mit gelber Brust und gelben Ohren lag auf der Seite und hechelte. Ihre gelben Augen waren Angstgeweitet und ihre Hinterläufe zuckten im Krampf.
  »Ganz ruhig Lichtschweif, Eichenblatt ist ja da.«, flüsterte Wolkenpelz, ihre Schwester.
Eichenblatt begutachtete die gelbweiße Kätzin. Sie schien unter großen Schmerzen zu leiden. Vorsichtig legte er eine Pfote auf ihren Bauch. Er spürte zwei schwache Herzschläge, es waren also zwei Junge, die sie gebären würde. Ein weiterer Schrei, diesmal noch verzweifelter als der erste.
  »Wolkenpelz, bitte hol mir in Wasser getränktes Moos und einen Zweig, in den sie hineinbeißen kann.«
Wolkenpelz gehorchte, trat jedoch nur zögerlich aus dem Bau hinaus.
  »Eichenblatt, bitte tu was!«, kreischte Lichtschweif.
Der Heiler leckte der werdenden Katzenmutter tröstend über die Stirn.
  »Spürst du die Wellen, die versuchen, deine Jungen aus deinem Bauch zu drücken?«, fragte er ruhig.
Lichtschweif hauchte:
  »Ja, ich spüre sie.«
  »Das ist gut. Jetzt versuche jedes Mal, wenn diese Welle kommt, mitzuhelfen, indem du presst. Verstehst du?«, erklärte Eichenblatt ihr.
Lichtschweif nickte kaum merklich. Eichenblatt wusste, dass Lichtschweif nicht mehr lange bei Bewusstsein bleiben würde. Die Schmerzen waren zu stark und ihr Adrenalin würde sie in die Bewusstlosigkeit drängen.
Sie musste durchhalten!  Die nächste Welle kam.
  »Und mithelfen! Gib alles, Lichtschweif, du schaffst das!«, jaulte der Heiler aufmunternd.
Lichtschweif presste und ein rundes Bündel landete im weichen Moos.
  »Wunderbar, Lichtschweif! Das machst du ganz toll!«
In diesem Moment kam auch Wolkenpelz wieder zurück. Sie hatte einen Stock mitgebracht, den sie vor Lichtschweifs Schnauze legte.
  »Leck etwas an dem Moos, du brauchst Flüssigkeit«, befahl Eichenblatt.
Die Königin leckte daran und lies sich wieder zurückfallen.
  »Wolkenpelz, geh zu dem Bündel und hol das Junge aus seiner Fruchthülle. Dann leck es, bis du seinen Herzschlag sicher spürst.«
Wolkenpelz führte den Befehl aus. Bei Lichtschweif kam jetzt die nächste Welle. Ihr Körper bäumte sich auf, aber zu schwach, um das zweite Junge herauszupressen. Lichtschweif stöhnte schwach.
  »Lichtschweif… gib jetzt nicht auf, du hast es gleich geschafft!«, flehte der Heiler.
Die gelben Augen der Königin waren starr vor Schmerz und ihre Hinterläufe zuckten nur noch kaum merklich.
  »Lichtschweif, nicht aufgeben! Versuche es noch ein letztes Mal!«
Eichenblatt wusste, dass Lichtschweif nur noch eine letzte Chance hatte. Jetzt oder nie… Er hatte Angst, sie zu verlieren. Birkenblatt hatte ihm viel gelehrt, doch jetzt lag alles allein in den Pfoten der SternenClans.
Der Körper der Kätzin bäumte sich zum letzten Mal auf. Lichtschweif jaulte vor Schmerz und Anstrengung - ein markerschütternder Schrei. Sie warf ihren Kopf in den Nacken und kratzte mit ihren Hinterläufen auf dem Boden. Sie kreischte noch einmal. Eichenblatts Augen waren groß, als er sah, wie die rundliche Fruchthülle Stück für Stück ans Licht kam. Schließlich plumpste sie in das Moos. Lichtschweifs Augen verdrehten sich und sie brach jämmerlich in sich zusammen.      »Dein erstes Junges ist wunderschön! Sieh nur!«, miaute Wolkenpelz fröhlich. Sie schob das junge Ding an den Bauch seiner Mutter. Es war eine kleine Kätzin mit fast lilafarbenem Fell und schönen, weißen Flecken.
  »CHRRRR«, schnurrte Lichtschweif schwach.
Eichenblatt war gerade bei der anderen jungen Kätzin. Sie hatte weißes Fell und schöne, graue Flecken. Eichenblatt leckte, doch das Junge atmete unregelmäßig.
Oh SternenClan, nein!   »Was ist mit dem anderen?«, fragte Lichtschweif.
  »Es atmet schwer… ich glaube, die Geburt war zu viel für sie… Der SternenClan wird entscheiden müssen, ob sie leben darf, oder nicht…«, presste der Heiler hervor.
  »Lasst mich durch! Ich muss zu Lichtschweif! Lichtschweif? Ist alles gut?!«, jaulte jemand von draußen.
Eichenblatt wusste, wer es war. Silberschweif. Besorgt blickte Eichenblatt auf das röchelnde Junge herab. Es durfte doch nicht sterben! Eichenblatt entschied sich, den Bau zu verlassen und dem Clan zu berichten. Dem Jungen konnte er nicht mehr helfen.
  »Warte, Silberschweif. Ich komme heraus und berichte euch!«
Als er ins Tageslicht trat, musste er blinzeln, um wieder normal sehen zu können.
Der hellbraune Heiler setzte sich und erklärte:
  »Dies hier war die schwerste Geburt, die ich kenne. Ihr habt sicher gehört, wie Lichtschweif litt. Sie hat zwei hübsche Jungen zur Welt gebracht, aber nur eines ist sicher durch… Das jüngere ist sehr schwach und hat Atemprobleme. Ich kann ihr nicht mehr helfen… Wir sollten den SternenClan um seine Gnade bitten.«
Niemand sagte etwas. Der erste, der reagierte, war Silberschweif, der Vater der Jungen.
  »Ich muss zu ihr! Lasst mich zu ihr!«, heulte er.
Eichenblatt machte ihm den Weg frei. Er entdeckte Heckendorn, der wie angewurzelt dastand, seine Augen starrten ins Nichts.
Es war schon kurz vor Sonnenuntergang und Eichenblatt hatte großen Hunger. Langsam tappte er auf Heckendorn zu. Er war aus demselben Wurf wie Wolkenpelz und Lichtschweif.
  »Komm, du solltest etwas essen. Lass uns eine Maus teilen.«, schlug er vor.
Der hellbraune Krieger nickte und lief zum Frischbeutehaufen. Die Blattleere befand sich in ihren ersten Zügen. Ein kalter Wind zerzauste Eichenblatts Fell.
Als er sich mit Heckendorn die Maus geteilt hatte, war er noch einmal zu Lichtschweif gegangen. Sie schlief, genauso wie die beiden Jungen. Noch lebte das grauweiße, aber die Nacht würde entscheiden. Wenn das Junge die Nacht überstand, würde es wahrscheinlich überleben. Silberschweif hatte still neben seiner Gefährtin gesessen und über sie gewacht. Die beiden waren wirklich ein schönes Paar. Sie liebten sich aufrichtig und zu Streit war es auch noch nicht gekommen.
Silberschweif hatte die Nacht kein Auge zugedrückt. Ständig hatte er über seine kleine Familie gewacht. Die Angst, auch nur eine von ihnen zu verlieren, hatte Silberschweif wachgehalten. Erneut beugte er sich zu dem kränklichen Jungen hinunter. Er meinte, es würde nicht mehr atmen und wollte gerade einen Klageruf ausstoßen, als er sah, wie sich die kleine Kätzin im Schlaf bewegte und ihr kleines Mäulchen zu einem tonlosen Miauen aufriss. Freude ersetzte die Angst, die in dem silbergrauen Kater gewütet hatte. Seine Jungen waren nun gesund und auch Lichtschweif schien es gut zu gehen.


Kapitel 2

Die Sonne war langsam am Horizont zu erkennen und sendete ihre ersten Strahlen auf die Lichtung im Felsenkessel. Die Morgenpatrouille hatte bereits das Lager verlassen und nun drangen gedämpfte Stimmen aus der Kinderstube.
  »Ich will aber eine Kriegerin werden!«, jammerte ein Junges.
  »Das wirst du auch, aber du bist noch viel zu jung! Flammenstern wird dich zur Schülerin ernennen, wenn es soweit ist.«, ertönte eine sanfte Stimme.
  »Dürfen wir wenigstens raus? Die Sonne scheint doch!«, bettelte ein anderes Junges.
Ein Stöhnen drang nach draußen. Es raschelte und Lichtschweif trat aus dem geschützten Bau. Sie sog konzentriert die Luft ein und sah hinauf zu den hellen Wolken. Dann drehte sie sich wieder um und kurze Zeit später sprangen zwei kleine Jungen heraus. Das fast lila-gestreifte hopste umher, während das grauweiß gefleckte herumrannte und sich weiter von der Kinderstube entfernte. Flammenstern saß auf der Hochnase und beobachtete die kleinen Kätzinnen. Das gefleckte schnüffelte am Boden und entdeckte den Kriegerbau. Lichtschweif bemerkte nicht, wie das Junge entzückt quickte, als es eine Mooskugel vor dem Bau fand. Es sprang darauf zu und landete mit der Mooskugel in den Krallen mitten im Kriegerbau. Verärgertes Knurren war die Antwort.
  »Was bitte macht denn ein Junges in unserem Bau? Weißt du denn nicht, dass wir Krieger unseren Schlaf brauchen?!«, knurrte jemand.
Ein verängstigtes Maunzen war zu vernehmen.
  »Weißsturm, es ist doch bloß ein spielendes Junges!«, besänftigte ihn eine Kriegerin. Flammenstern erkannte die Stimme, es war Wolkenpelz. Dann kam auch schon Lichtschweif zum Kriegerbau gerannt.
  »Was suchst du denn hier im Kriegerbau? Lass doch die Katzen schlafen, draußen ist genug Platz, um zu spielen.«, schimpfte sie. »Und es tut mir leid, dass sie dich gestört hat, Weißsturm. Entschuldige bitte.«
Als Lichtherz sich zurück auf die Lichtung begab, sprang die kleine Kätzin hinter ihr her. Flammenstern konnte ein lautes, amüsiertes Schnurren nicht mehr unterdrücken. Das Fell der Kleinen stand in alle Richtungen ab und sie hatte Unmengen an kleinen Moosstückchen in ihrem Fell stecken.
  »Und sieh nur, wie du wieder aussiehst! Wie ein kleiner Moosball!«, tadelte Lichtschweif.
Flammenstern kam von der Hochnase heruntergesprungen und trat auf die Lichtung.
  »Oh, Flammenstern!«, begrüßte sie Lichtschweif.
  »Hallo, Lichtschweif. Wie geht es dir? Du hast eine schwere Geburt hinter dir«, bemerkte die Anführerin.
Lichtschweif zuckte mit dem Schwanz.
  »Das, was dabei herausgekommen ist, macht mir das Leben auch jetzt noch schwer genug, Flammenstern. Sie hat eben die Krieger gestört.«
Die flammenfarbene Kätzin schnurrte laut.
  »Das sind Junge. Hast du schon Namen für sie? Es wird langsam Zeit, eine Zeremonie zu halten…«, meinte sie.
Lichtschweif hielt kurz inne. Dann meinte sie:
  »Sie nenne ich Federjunges. Wegen des weißen Flecks auf ihrer Brust. Er sieht aus wie eine Feder. Und den Quälgeist hier…«, sie unterbrach sich.
Das zerzauste Junge sah seine Mutter mit riesigen, runden Augen an.
  »Moosjunges!«, rief Lichtschweif dann. Sie schnurrte laut und begann, ihre weißgraue Tochter zu säubern.
  »Wunderschöne Namen für wunderschöne Junge«, bemerkte Flammenstern. »Ich werde eine Versammlung einberufen, sobald die Morgenpatrouille zurück ist«, entschied sie.
  »Lichtschweif! Wie geht es dir? Du bist ja schon draußen! Solltest du dich nicht noch etwas ausruhen?«, rief Silberschweif quer über die Lichtung, als er seine geliebte Gefährtin vor der Kinderstube sitzen sah.
Schnell eilte er zu ihr und begrüßte sie mit einem liebevollen Stubser in ihre Seite.
  »Oh, sie sind so süß!«, schnurrte der Kater.
  »Der Schein trügt, mein Liebling. Besonders die Kleine hier entwickelt sich zum neuen Quälgeist des DonnerClans.«, seufzte sie und tippte Moosjunges an. »Du hättest mal erleben sollen, wie Moosjunges die Krieger geweckt hat, als sie einer Mooskugel hinterherjagte! Weißsturm war richtig wütend…«
Silberschweif zuckte amüsiert mit den Schnurrhaaren.
  »Du hast ihnen Namen gegeben?«, fragte er.
Lichtschweif nickte.
  »Flammenstern hat mich vorhin gefragt. Sie möchte gleich die Zeremonie halten.«, erklärte sie ihm.
 

 (etwa sechs Monde später...)

 

 

»Alle Katzen, die alt genug sind, um ihre eigene Beute zu fangen, sollen sich hier unter der Hochnase versammeln!«, ertönte der gewohnte Ruf.
 Moosjunges‘ Fell war sauber und glänzte im morgendlichen Sonnenlicht. Flammenstern würde sie nun endlich zur Schülerin ernennen! Moosjunges war sehr aufgeregt. Wer würde bloß ihr Mentor sein?
  »Federjunges, Moosjunges, bitte tretet vor!«, forderte Flammenstern sie auf.
  »Bitte gib mir Silberschweif zum Mentor!«, platzte Moosjunges heraus.
  »Moosjunges! Also wirklich, du kannst doch nicht entscheiden, wer dein Mentor wird!«, wies ihre Mitter Lichtschweif sie zurecht.
Verlegen legte Moosjunges ihre Ohren an.
  »Federjunges«, begann Flammenstern ohne weiter auf Moosjunges‘ Bemerkung einzugehen, »bis du dir deinen Kriegernamen verdient hast, heißt du Federpfote. Heckendorn, Ginsterpelz war dir ein guter Mentor. Gib alles, was er dich gelehrt hat an deine junge Schülerin weiter.«
Federpfote sprang aufgeregt zu ihrem neuen Mentor. Dann berührte sie nach Tradition die Nase von Heckendorn.
  »Moosjunges, du wirst, bis du dir deinen Kriegernamen verdient hast, Moospfote heißen.«, miaute Flammenstern. Sie ließ ihren Blick durch die versammelten Katzen schweifen.   »Weißsturm… Du bist der Sohn von Rußherz. Du stammst von der edlen Blaustern. Sie ist deine Urgroßtante. Du wurdest gut von Himmelglanz ausgebildet. Gib das alles an deine Schülerin weiter.«
Moospfote war enttäuscht. Weißsturm war ein schon alter Kater. Nicht so frisch und energiegeladen wie ihre Eltern. Doch diesmal hielt sie ihren Mund und stakste zu dem weißen Krieger. Weißsturm schenkte ihr einen warmen Blick, doch Moospfote konnte ihre Enttäuschung kaum zurückhalten.
Als sie den erfahrenen Krieger mit der Nase berührte, flüsterte er ruhig:
  »Du musst lernen, Kompromisse zu machen. Ich werde mein Bestes geben, versprochen.«
Moospfote schnaubte, dann wandte sie sich von ihm ab und ging zu ihrem Vater.
  »Ich wollte dich als meinen Mentor!«, jammerte sie.
Silberschweif seufzte und legte Moospfote den Schwanz auf die Schulter.
  »Manchmal ist es besser, einen unparteiischen Mentor zu haben. Flammenstern hat eine hervorragende Entscheidung getroffen. Und jetzt geh zu Weißsturm und lerne gut von ihm, damit ich ein stolzer Vater sein kann!«
Moospfote senkte den Kopf.
  »Heckendorn, was machen wir jetzt? Können wir kämpfen üben? Bitte, bitte, bitte!«, hörte sie ihre Schwester betteln.
  »Wir zeigen euch die Grenzen. Aber jetzt gesellt euch erst einmal zu den anderen Schülern und esst zusammen, damit ihr stark genug seid«, schlug Heckendorn vor.
Zu den Schülern? Ja, das gefiel Moospfote, denn sie wollte einen Eindruck bei ihren neuen Baugenossen machen.
  »Warte, Federpfote! Ich komme mit dir!«, rief sie ihrer Schwester zu.
Gemeinsam gingen sie zu dem Schülerbau. Die Schüler saßen davor und unterhielten sich.
  »Hey, wir sind eure neuen Baugefährten!«, begrüßte sie Moospfote.
  »Ja, wissen wir.«, antwortete Spatzenpfote, eine gefleckte Kätzin mit weißer Brust und Bauch.
  »Hallo Moospfote!«, grüßte sie Windpfote freundlicher.
Moospfote entspannte sich etwas und betrachtete die anderen Schüler. Sturmpfote saß neben Spatzenpfote und wusch sich. Er war ein kräftiger, junger Kater mit unendlich vielen Flecken.
  »Wollt ihr mit uns essen? Ich kann eine Maus holen«, fragte Moospfote.
  »Ich habe keine Zeit, um mit kleinen Jungen eine Maus zu essen«, meinte Feuerpfote, »Dunstfell wird mir Kampfzüge beibringen, damit ich jeder feindlichen Katze das Fell abziehen kann.«
Blöder Angeber!
Feuerpfote zeigte seine scharfen Krallen.
  »Ich werde der stärkste Krieger des ganzen Waldes sein!«, brüstete er sich.
  »Ja, solange ich noch in der Ausbildung bin!«, knurrte Moospfote verärgert.
Feuerpfote sah sie mit einem kleinen Schimmer Verwunderung an.
  »Willst du es darauf anlegen?«, provozierte er weiter.
Knurrend machte Feuerpfote einen Satz auf sie zu, doch Sturmpfote rammte ihm in die Seite, sodass der rote Schüler umfiel.
  »Fuchsdung und Mäusedreck«, fluchte Feuerpfote.
Moospfote starrte Sturmpfote völlig entgeistert an. Der erwiderte ihren Blick jedoch nicht, sondern setzte sich neben Windpfote.
  »Wenn du keine Lust hast… Also ich hab Hunger!«, verkündete Federpfote.
Mit einem letzten hasserfüllten Blick musterte Moospfote Feuerpfote, dann teilte sie sich mit ihrer Schwester und Windpfote eine Maus.
  »Moospfote! Komm bitte, sofort!«, jaulte jemand vom Kriegerbau aus. Moospfote konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie als kleines Junges einem Moosball hinterhergejagt hatte und dann auf Weißsturms Rücken gehopst war. Sie konnte den alten Krieger nicht leiden, seitdem er sie damals so geschimpft hatte. Als sie klein war, hatte sie sogar ein bisschen Angst vor ihm gehabt. Und ausgerechnet er war ihr Mentor…
  »Komme!«, nuschelte sie mit vollem Mund.
Eilig erhob sie sich und marschierte zu ihrem Mentor, der schon auf sie wartete.
  »Was ist denn? Darf man denn nicht einmal seine Maus in Ruhe fressen?«, beklagte sie sich
  »Statt dich mit dem ältesten Schüler des DonnerClans anzufeinden, solltest du besser die Ältesten versorgen!«, grummelte der weiße Krieger.
Moospfote fauchte wütend.
  »Ich will aber nicht! Du bist der blödeste Mentor, den ich kriegen konnte!«
Weißturm öffnete sein Maul, um etwas zu sagen, bekam aber keinen Ton heraus. Moospfote stapfte wütend an ihm vorbei und rannte hinaus in den Wald.
  »AAARRRRR«, jaulte sie.
Moospfote hatte keine Ahnung wohin sie ihre Pfoten trugen, denn sie war das erste Mal draußen im Wald und kannte sich nicht aus. Während sie rannte, spürte sie auf einmal ein unangenehmes Kratzen im Hals. Es dauerte nicht lange und sie musste anfangen zu husten, bis sie stehenblieb, um nicht umzukippen. Das Atmen fiel ihr schwer und der Wald um sie herum begann sich zu drehen. Ziellos taumelte sie umher, bis sie plötzlich eine weiße Gestalt vor sich sah. Gelbe Augen brannten besorgt auf ihrem Pelz.
  »Moospfote? Ist alles in Ordnung?«, fragte Weißsturm.
Moospfote konnte nicht sprechen. Keuchend setzte sie sich hin. Eine raue Zunge leckte ihr tröstend übers Ohr.
  »Weißsturm…«, hustete sie.
  »Psssst… Ich verstehe dich. Leg dich auf die Seite und atme tief ein und aus.«, flüsterte ihr Mentor.
Zum ersten Mal hörte sie auf das, was er sagte und merkte, dass es bald besser wurde. Schließlich konnte sie sich aufsetzen und leckte ihr Brustfell.
  »Hast du sowas öfter?«, fragte er ruhig.
Moospfote blickte in Weißsturms gelben Augen. Prüfend musterten sie ihren Gesichtsausdruck. Sie senkte den Kopf.
  »Der letzte Anfall ist schon etwas her… einen halben Mond vielleicht.«, murmelte sie.
  »Weiß Eichenblatt davon?«, fragte Weißsturm
  »Nein… Ich weiß, dass ich ansonsten meine Kriegerausbildung vergessen kann! Aber ich will den Clan verteidigen! Bitte sag niemandem etwas davon!«, wimmerte Moospfote.
Es gefiel ihr nicht, so hilflos vor ihrem Mentor zu sitzen, aber sie musste verhindern, dass es jemand erfuhr.
Weißsturm legte den Kopf auf die Seite.
  »Wie ist es jetzt? Und bitte sei ehrlich.«
Moospfote konzentrierte sich auf ihre Atmung.
  »Es geht wieder. Aber ich muss für heute etwas langsamer machen«, antwortete sie.
Weißsturm nickte und bedeutete ihr, ihm zu folgen.
Vielleicht war er ja doch nicht so schlimm wie sie immer dachte?
Moospfote verwarf den Gedanken. Der alte Kater war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort, mehr nicht.
Während sie ihm langsamen Schrittes folgte, entdeckte sie schließlich ein verlassenes Gebilde.
  »Dies hier«, erklärte ihr Mentor, »ist das verlassene Zweibeinernest. Hier haben die kranken Katzen des Clans gelebt, bis sie wieder gesund genug waren, um in den Felsenkessel zurück zu gelangen.«
Moospfote machte große Augen.
  »Oh«, miaute sie.
Weißsturm bog nach rechts ab. Nach kurzer Zeit konnte sie das Plätschern eines Flusses hören.
  »Was kannst du riechen?«, fragte Weißsturm beiläufig.
Moospfote öffnete ihr Maul, um die Gerüche besser wahrnehmen zu können.
  »Ich rieche Wasser. Und einen seltsamen Geruch, der ganz frisch zu sein scheint! Ganz in der Nähe!«, verkündete sie.
  »Das ist WindClan Geruch.«, meinte der weiße Kater.
  »Das ist der Clan, der auf dem Moorland lebt und schnelle Kaninchen jagt!«, erinnerte sich die Schülerin.
  »Stimmt! Hat dir das deine Mutter erzählt?«, fragte Weißsturm neugierig.
Moospfotes Augen glänzten, als sie sich an den stürmischen Tag erinnerte, an dem sie in der warmen Kinderstube gesessen und den Geschichten ihrer Mutter gelauscht hatte.
  »Ja«, bestätigte sie.
  »Aber warum sie so nahe an der Grenze zu uns sind, wüsste ich auch gerne. Der Geruch ist – wie du schon richtig gesagt hast- sehr frisch.«
Weißsturm schlich sich mucksmäuschenstill näher zu der Grenze. Moospfote folgte seinem Beispiel, doch dann kam sie plötzlich aus dem Gleichgewicht und stolperte gegen einen Baum. Ein Ast löste sich und stürzte herab. Weißsturm jaulte erschrocken auf und stieß sie aus dem Weg, nur einen Herzschlag später krachte der Ast mit einem ohrenbetäubendem Knall auch den Boden. Ein weiterer Schrei, jedoch nicht von Mentor oder Schülerin. Moospfote zitterte, als sie sich erhob.
  »Alles in Ordnung, Moospfote?«, flüsterte Weißsturm.
  »J-ja… Du- Du hast mir das Leben gerettet!«, stellte Moospfote mit großen Augen fest.
Weißsturm betrachtete sie mit einem warmen Blick, als sie von einem zweiten, erstickten Schrei gestört wurden.
  »Wer ist da?«, fragte Weißsturm verwirrt.
  »Oh SternenClan! Weißsturm, da liegt eine Katze unter dem Ast!«, stieß Moospfote hervor.
Ihr Mentor tat einen Satz und landete neben ihr. Gemeinsam rollten sie den Ast zur Seite und befreiten so die Katze. Es war eine grau-bernsteinfarbene Kätzin mit unzähligen weißen Flecken. Ihr Hinterlauf lag in einer komplett verdrehten Position und sie blutete stark am Kopf.
  »Das ist Efeusturm!«, jaulte Weißsturm. »Die zweite Anführerin des WindClans«, fügte er erklärend hinzu.
Moospfote verstand.
  »Und jetzt?«
Doch Weißsturm hatte schon das Nackenfell der Kätzin gepackt und schliff sie in Richtung Rückweg.
  »Komm fon!«, nuschelte er durch ihr Fell.
Moospfote riss sich aus ihrer Starre los und eilte hinter ihrem Mentor her. Sie kamen nur quälend langsam voran und Moospfote musste sich zusammenreißen, um nicht gleich loszurennen.
Gütiger SternenClan, wann sind wir denn endlich da?!
Kaum hatte sie sich das gefragt, erkannte sie auch schon die Senke, die in den Felsenkessel führte.
  »Wir haben es gleich geschafft, Weißsturm!«, jubelte sie.
Schnell stürmte sie ins Lager und rief:
  »Eichenblatt, komm schnell! Du musst Efeusturm versorgen, sie wurde von einem herabfallenden Ast getroffen!«
Lautes und entsetztes Gemurmel brach aus, als ihr Weißsturm mit dem schlaffen Körper der Kätzin in den Tunnel folgte.
Flammenstern baute sich vor ihr auf.
  »Ich glaube wohl kaum, dass du das zu entscheiden hast, junge Schülerin«, brauste sie auf.
Erschrocken zog Moospfote ihren Kopf ein.
Doch bevor sie etwas zu ihrer Verteidigung vorbringen konnte, sprach Weißsturm:
  »Moospfote hat lediglich berichtet, was geschehen ist. Und außerdem bin ich der Meinung, dass wir ihr helfen sollten.«
Flammenstern wirkte angekratzt, stimmte aber dann doch widerwillig zu. Eichenblatt, der am Rande der Lichtung ungeduldig gewartet hatte, kam nun zu Efeusturm gerannt. Er hatte Spinnenweben an einer Pfote kleben und drückte diese nun auf Efeusturms Stirn. Weißsturm beugte sich zu dem Heiler vor und fragte besorgt:
  »Wird sie es schaffen?«
  »Ich weiß es nicht. Ich muss ihre Wunden gleich in Ruhe untersuchen. Geh jetzt aber lieber zu deiner Schülerin, du willst sicher noch mit ihr trainieren. Ehrlich gesagt tust du mir schon etwas leid. Sie ist so widerspenstig…«
Moospfote hielt den Atem an. Was würde ihr Mentor nun sagen?
  »Ich weiß nicht, wie oft ich das heute schon gehört habe. Ich denke, Flammenstern hat sich etwas bei ihrer Wahl gedacht. Außerdem bringt sie ein gutes Grundwissen mit und war heute sehr bemüht. Ich kann euer Bedauern wirklich nicht verstehen.«
  »Wie du meinst. Vielleicht braucht sie auch einfach nur Aufmerksamkeit.«
Weißsturm schnaubte verächtlich. Dann spürte sie seinen Atem an ihrem Ohr. Aufmerksam sog sie seinen Duft ein. Er roch wie eine frische Bindbö, die die Blätter der Bäume bewegte. Moospfote schloss die Augen. Langsam konnte sie sich mit dem Gedanken abfinden, dass ausgerechnet Weißsturm ihr Mentor war.
  »Moospfote, lass uns ein wenig deine Geschicklichkeit und Kraft trainieren. Bevor du kein Gefühl dafür hast, wirst du nicht kämpfen lernen«, erklärte er streng.
Moospfote zuckte zusammen. Den Gedanken an ihn verwarf sie sofort wieder. Kein Kampftraining? Nur weiche Trockenübungen?
Mit funkelnden Augen drehte sie sich zu ihm um.
  »Und was soll das bitte sein?«, knurrte sie.
Weißsturm sah sie mit einem belustigten Funkeln in den Augen an.
  »Das ist nicht lustig! Das ist-«, begann sie.
  »Wer zuerst dort oben ist«, jaulte er.
Moospfote blickte in die Richtung, in die er mit seiner Schwanzspitze zeigte. Sie würde die ganze Felsenwand hochklettern müssen, dabei war sie noch so klein!
  »Das ist ungerecht!«, beschwerte sie sich.
  »Meinst du, dein Gegner gibt dir die Gelegenheit, sich im Kampf zu beschweren? Auf geht’s!«, erwiderte Weißsturm bestimmt.
Und schon sauste er in Richtung Felsenwand. Moospfote jagte ihm hinterher.
Er wird schon sehen, dass ich soweit bin! Wütend machte sie einen riesigen Satz auf den ersten Sims, dann krallte sie sich in Stein für Stein. Ihre Größe war ein Nachteil. Weißsturm hatte viel längere Beine und viel kräftigere Muskeln als sie. Ihre Krallen schmerzten. Als sie den letzten Steinsims erklimmen wollte, rutschte sie mit den Hinterläufen beim Sprung ab. Nun hing sie mit ihren Hinterbeinen in der Luft.
Gib jetzt nicht nach! Mit aller Kraft zog sie sich hoch und erreichte nun den Rand der Klippe. Als sie es bis nach ganz oben geschafft hatte, saß Weißsturm in einer scheinbar desinteressierten Position und leckte sich die Brust. Moospfote wusste, dass sie lange gebraucht hatte.
  »Du musst dir einen Vorteil aus deinem größten Nachteil schaffen«, meinte er beiläufig.
  »Ich bin zu klein! Und genug Kraft habe ich auch nicht«, meckerte sie.
  »Denke mal darüber nach, was dir das wiederum für einen Vorteil bringt. Solange du diese Dinge nicht abwägst, besitzt du auch nicht die nötigen Voraussetzungen für das Kampftraining«, entschied ihr Mentor.
  »Ich werde dir noch zeigen, dass ich kämpfen kann, du alter, blöder Fellball«, kreischte sie.
Voller Wut stürzte sie sich auf Weißsturm, der lässig auswich und ihr einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf gab.
  »Du musst lernen zu denken, aber ohne, dass man deine Gedanken lesen kann.«
Schnurrte er etwa bei diesen Worten? Moospfote ärgerte sich über den fehlgeschlagenen Angriff.
  »Bist du fit?«, fragte Weißsturm langsam.
  »Mehr als dir lieb ist«, fauchte sie.
  »Dann warte hier. Wenn du mir genug Vorsprung gegeben hast, dann suche mich. Vertraue deinem Instinkt.«
Moospfote duckte sich, startklar ihrem Mentor zu folgen, sobald er im Unterholz verschwunden war.
Ohne weitere Vorwarnung stürmte der davon und verschwand im Gebüsch. Moospfote stürzte hinterher.
Schon wieder ein Nachteil! Ich bin kleiner als er!
Moospfotes Gedanken wirbelten umher. Wie konnte sie ihr finden? Dann kam ihr ein Gedanke: Ich kann versuchen, ihn zu riechen… Moospfote fand so heraus, dass Weißsturm in die entgegengesetzte Richtung gelaufen ist, in die sie am Morgen gegangen war. Moospfote folgte der Duftspur, bis sie einen anderen Geruch wahrnam.
Wasser... Der See, von dem mir mein Vater erzählt hat!
Moospfote kannte nicht den Genauen Weg, vertraute aber darauf, dass sie automatisch eine Abkürzung wählen würde. Die trennte sich von der Duftspur und preschte den Hang hinunter, den Weißsturm umgangen hatte. Auf halber Höhe blieb sie stehen und sah sich am Ufer um. Weißsturm war noch nicht hier. Sie wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte, um einen Hinterhalt auf ihn zu planen. Sie sah einen riesigen Baum, der dicke Wurzeln hatte. Schnell sprang sie dahinter und lugte von dort aus auf die Lichtung. Sie bemerkte, dass der Wind ihr entgegenwehte, was bedeutete, dass ihr Mentor sie nicht riechen würde. Und kaum hatte sie das festgestellt, kam er auch schon auf die leere Lichtung geschossen. Er hatte wohl dieselbe Idee wie sie gehabt und trabte nun auf ihr Versteck zu.
Warte noch, nur noch einen kleinen Moment… Als Weißsturm direkt vor ihr stand, jaulte Moospfote auf und sprang ihn wild an. Völlig überrumpelt fiel der weiße Kater um und gab seinen Bauch frei. Mit eingezogenen Krallen trommelte sie auf seinen Bauch ein. Dann nagelte sie ihn fest. Weißsturm wand sich problemlos unter ihr frei, setzte sich aber nur aufrecht hin und leckte einmal über sein Schulterfell.
  »Nicht schlecht. Dieses Mal hast du nachgedacht und dich auf deinen Instinkt verlassen«, bemerkte er.
Stolz reckte Moospfote ihr Kinn.
  »Ich hab das Potenzial zum besten Krieger!«, meinte sie.
  »Bis dahin haben wir noch einen langen Weg vor uns. Lass uns jetzt zurückkehren. Ich muss die Abendpatrouille zusammenstellen.«
Moospfote erinnerte sich, dass Weißsturm eine besondere Stellung im Clan hatte. Er war Flammensterns Stellvertreter.
Weißsturm schüttelte sich und erhob sich. Langsamen Schrittes gingen sie den Weg zurück zum Felsenkessel.
  »Weißsturm?«
Ihr Mentor blieb stehen.
  »Was gibt’s, Moospfote?«, fragte er zurück.
  »Warum hast du mich vor Eichenblatt verteidigt?«
Moospfote konnte die Anspannung des weißen Katers spüren.
  »Weil kein Mentor der Welt – und besonders kein Stellvertreter – seinem Schüler in den Rücken fallen würde. Krieger bedauern sich nicht selbst. Es ist ein Moment der Schwäche«, erwiderte er ruhig.
Doch Moospfote fühlte, dass es nicht alles war. Weißsturm hatte einige Prinzipien. Doch dass er sie verteidigt hatte, hatte noch einen anderen Grund, aber Moospfote wusste beim SternenClan nicht welchen.
  »Komm, deine Schwester wartet sicher schon auf dich.«
Weißsturm stürzte den engen Pfad zum Felsenkessen hinunter. Moospfote folgte ich langsamer. Als sie durch den Dornentunnel auf die Lagerlichtung kam, sah sie auch schon Federpfote, die aufgeregt auf sie zusprang.
  »Ich habe gehört, dass ihr auf Efeusturm an der WindClan-Grenze gestoßen seid!«, erklärte sie neugierig und bewundernd zugleich.
Moospfote erinnerte sich wieder an die Kätzin. Und das alles war ihre Schuld gewesen. Sie seufzte.
  »Ja. Ich gehe sie nochmal schnell besuchen. Ich bin gleich wieder da.«
Federpfote schien enttäuscht. Was hatte sie erwartet? Eine große Geschichte? Sollte sie doch Weißsturm fragen.
Als die junge Schülerin den Bau des Heilers betrat, kauerte der in einer Ecke und sah sie mit einem Paar leuchtenden Augen an.
  »Hallo, Moospfote. Was verschafft mir die Ehre?«, fragte er mit tiefer Stimme.
  »Ich wollte schauen, wie es Efeusturm geht.«
Eichenblatt rückte etwas zur Seite und gab den Blick auf ein Bündel Fell frei, das sich hob und senkte. Sie lebte also noch.
  »Wird sie es schaffen? Ihre Verletzungen sind schwer…«
Der Heiler sah sie prüfend an, dann meinte er:
  »Sie schläft jetzt. Ihr Bein war ausgerenkt, ist jetzt aber wieder am richtigen Platz. Und ihre anderen Wunden sind versorgt.«
  »Gut, danke!«, miaute Moospfote etwas fröhlicher.
Dann drehte sie sich wieder um und verließ den Bau.
  »Ich habe heute den Todesschlag gelernt!«, verkündete eine ihr vertraute Stimme.
Feuerpfote!
Wütend lief sie auf ihn zu. Der dunkelrote Schüler saß neben Eichhornstreif, einer rotbraunen Kätzin mit einem hellgrauen Streifen, der sich von Ihrer Stirn bis zu ihrer Schwanzspitze zog.
  »Oh, das ist ja wunderbar!«, schnurrte sie.
  »Du bist ein blöder Angeber!«, knurrte sie.
Eichhornstreif musterte sie erschrocken.
  »Ist schon gut, Moospfote spielt sich nur wieder auf«, erklärte er der Kriegerin.
Wütend wollte sie diesen unausstehlichen Kater angreifen, als sich jemand auf ihren Rücken stürzte.
Sturmpfote!
Instinktiv rollte sie sich auf den Rücken und wälzte ihren Gegner ab.
  »Hab ich dich du hinterlistiger…«
 
»Los, setze dich zu Wehr! Du bist doch die angeblich beste Schülerin des Clans! Zeig mir deine Kampfzüge!«
  »Es reicht!«, jaulte Silberschweif, ihr Vater. »Hört sofort auf, alle beide!«
  »Lass mich doch den Kampf zuendeführen!«, forderte Moospfote.
  »Kommt gar nicht infrage!«, bestimmte der silbergraue Kater.
Wütend peitschte sie mit dem Schwanz.
  »Geh zu Federpfote! Sie erwartet dich.«, befahl Silberschweif, »Und damit das ein für allemal klar ist… Ihr greift euch nie wieder an! Hört einfach auf mit dem Gezänke! Ihr benehmt euch wie Junge!«
  »Moospfote ist ja auch noch ein Junges«, gab Sturmpfote zurück.
  »Bin ich NICHT! Ich bin eine anerkannte Schülerin!«, fauchte Moospfote.
  »Ruhe jetzt!«, knurrte Silberschweif wütend.
  »Seit wann das denn? Seit heute Morgen! Also bist du so gut wie ein Junges«, provozierte Sturmpfote weiter.
  »Ich bin schon fast ein Krieger!«, mischte sich Feuerpfote ein.
Moospfote verengte ihre Augen zu wütenden Schlitzen.
  »Ihr sollt ruhig sein!«
Silberschweif hatte Mühe, seine Geduld nicht zu verlieren.
  »Es reicht jetzt. Ihr habt vorerst genug gestritten! Feuerpfote, ich will, dass du den Ältesten die Zecken aus dem Pelz pflückst. Und du Sturmpfote, du gehst und holst neues Nestmaterial«, ordnete Moospfotes Vater an.
  »Und was ist mit ihr ?«, forderte Sturmpfote den Krieger heraus.
  »Geh und tu das, was ich dir aufgetragen habe, oder ich zerfetze euch höchst persönlich eure Ohren!«
Mit hoch erhobenem Schweif stolzierte Sturmpfote davon. Moospfote verstand nicht, weshalb er sie angegriffen hatte. Erst heute Morgen hatte er sie doch beschützt!
  »Wenn ich mir nicht so sicher wäre, dass Weißsturm dich so herausfordert, dann würdest du auch solche Strafen bekommen. Und ich sage es dir jetzt zum letzten Mal: Fange nicht überall unnötigen Streit an!«, knurrte ihr Vater.
  »Feuerpfote hat angefangen und Sturmpfote hat mich angegriffen!«, blaffte sie.
  »Ich will keine Widerworte hören! Geh jetzt zu Federpfote. Ich bin sehr enttäuscht von dir, Moospfote«, entgegnete er.
Mit blitzenden Augen stakste sie davon.
  »Moospfote!«, rief jemand ihren Namen.
Es war ihre Mutter. Zähneknirschend lief sie zu ihr, doch anstatt tadelnde Bemerkungen, schmiegte sich Lichtschweif an sie.
  »Silberschweif ist sehr stolz auf dich, das weiß ich. Er liebt dich sehr. Sieh es ihm nach. Momentan hat er viel zu tun und ist gestresst«, miaute sie sanft.
Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte sich Moospfote etwas. Sie drückte ihre Schnauze in das Fell ihrer Mutter und hielt einen Moment inne. Sie genoss den Augenblick der Zuneigung.
  »Ich liebe dich. Und ich bin überzeugt, dass du eine große Zukunft vor dir hast«, schnurrte Lichtschweif.
  »Ich muss jetzt zu Federpfote, sie wartet schon eine ganze Weile«, erwiderte Moospfote.
Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf ihre Mutter trabte sie zum Frischbeutehaufen. Sie hatte große Lust auf ein saftiges Kaninchen. Während sie vor einem geeigneten Kaninchen stand, suchte sie das Lager nach ihrer Schwester ab. Schnell entdeckte sie sie neben dem Schülerbau. Aber sie war nicht alleine. Da gab sich ihre Schwester tatsächlich mit diesem Mäusehirn namens Sturmpfote die Zunge. Wut durchströmte sie in Wellen. Was wollte dieser Kater denn von ihrer Schwester?
Doch bevor sie handeln konnte, wurde ihr Gedankengang durch eine Stimme neben ihr unterbrochen. Erschrocken fuhr Moospfote zusammen.
  »Lass deine Schwester. Magst du dir mit mir eine Maus teilen?«, fragte Windpfote.
Der rauchgraue sah sie mit großen Augen an.
  »Ich kann dir beim Tragen vom Kaninchen helfen, wenn du willst«, fügte er hinzu.
  »Ich brauche keine Hilfe, danke!«, blaffte sie.
Verletzt sah Windpfote sie an.
  »Ich wollte ja nur…«, begann er.
Dann wendete er seinen Blick ab und machte einen Schritt zurück. Schließlich eilte er davon, den Kopf hängend und den Schwanz auf dem Boden schleifend.
Windpfote war Sturmpfotes Bruder, das konnte sie doch nicht einfach so ignorieren.
  »Du solltest keine Vorurteile gegenüber anderen Katzen hegen«, erklärte eine Kätzin, die gerade neben Moospfote aufgetaucht war. Es war Spatzenpfote.
  »Ich kann machen, was ich will«, gab Moospfote zurück.
  »Komm, ich trage das Kaninchen zu den Sitzsteinen. Bring du doch den Ältesten etwas Frischbeute.«
  »Ich lasse mir nichts vorschreiben«, knurrte Moospfote übellaunig.
Spatzenpfote ging nicht weiter auf ihre Reaktion ein und verschwand mit dem Kaninchen. Moospfote seufzte. Dann nahm sie eine Amsel und trug sie zum Ältestenbau.
  »Will jemand waf zum Abendeffen?«, nuschelte sie durch die Beute.
  »Na endlich! Ich sterbe gleich vor Hunger!«, rief ein dunkler Kater aus einer Ecke im hinteren Teil des Baus. Im Dämmerlicht konnte Moospfote lediglich einen Schatten erkennen, doch sie wusste, dass es der Älteste Nachtsturm war.
Moospfote neigte den Kopf, um den Vogel fallen zu lassen.
  »Ach, die junge Moospfote macht uns die Ehre…«, miaute ein anderer Kater.
Er kam gerade in den Bau. Es war Sumpfkralle, ein brauner Kater mit dunklen Streifen.
  »Ich hatte mich gerade gesonnt, als mir Spatzenpfote sagte, dass wir frische Beute bekommen«, verkündete er.
  »Ich verstehe nicht, wie du auch nur halb so hungrig bist wie ich… Ich habe schon viel zu lange auf mein Essen warten müssen«, klagte Nachtsturm.
Moospfotes Haare sträubten sich.
  »Mach dir nichts draus, Moospfote. Er hat heute einen schlechten Tag. Natürlich wollte er dir danken«, raunte ihr Sumpfkralle ins Ohr, aber so, dass es der andere Kater hören konnte.
  »Wir haben schon von dir gehört, Moospfote. Du scheinst ziemlich kampflustig und schnell reizbar zu sein«, meinte Nachtsturm.
Moospfote bleckte die Zähne.
  »Ich kann es einfach nicht haben, wenn eingebildete Katzen meinen, mich beurteilen oder herumkommandieren zu müssen«, knurrte sie erzürnt.
  »Und frech ist sie auch noch!«, bemerkte der schwarze Kater mit gespielter Überraschung.
  »Das war wirklich das allerletzte Mal, dass ich euch Zottelpelzen Frischbeute gebracht habe!«, fauchte sie.
Als sie den Bau verließ, rief Nachtsturm noch hinterher:
  »Aber, aber! Das war doch erst das erste Mal!«
Als sie aus dem Bau trat, schloss sie die Augen und sog genervt die Abendluft ein.
Von drinnen hörte sie die Stimme von Sumpfkralle:
  »Hach, du machst es ihr aber nicht gerade einfach.«
  »Als Schülerin von Weißsturm sollte sie bessere Manieren haben«, entschied Nachtsturm.
  »Weißsturm wird ihr noch lehren, wie sie sich verhalten muss. Vergiss nicht, dass sie erst am Anfang ihrer Schülerausbildung steht, und dass Weißsturm ein hervorragender Mentor ist«, beschwichtigte ihn Sumpfkralle.
Moospfote schnippte mit dem Schwanz, als wollte sie die Situation im Ältestenbau wie eine lästige Schnake wegscheuchen.
Die grauweiße Schülerin eilte zu den Sitzsteinen, wo Spatzenpfote schon auf sie wartete.
  »Alles in Ordnung?«, fragte sie.
  »Es könnte nicht besser sein«, entgegnete Moospfote mit einem sarkastischen Unterton.
Spatzenpfote bedeutete ihr mit einer Schwanzgeste, das Kaninchen zu essen. Moospfote merkte erst jetzt, wie hungrig sie war und nahm direkt einen riesigen Happen. Das Kaninchen war saftig und stillte so schnell ihren erdrückenden Hunger. Sie waren völlig still beim Essen.
Doch dann ergriff Moospfote schließlich das Wort:
  »Tut mir leid wegen vorhin…«, entschuldigte sie sich. »Ich war zu grob zu dir gewesen.«
Spatzenpfote sah sie lange an. Ihr Gesichtsausdruck war warm und freundlich.
  »Jeder hat mal einen schlechten Tag«, meinte sie. »Manche auch mehrere…«, fügte sie schnurrend hinzu.
Moospfote musste ebenfalls schnurrend. Gespielt beleidigt knuffte sie Spatzenpfote in die Seite. Spielerisch rollten die beiden über den Boden, bis Spatzenpfote sie sicher überwältigte und festnagelte.
  »Okay, okay, lass ich aufstehen«, bat Moospfote.
  »Aber nur heute!«, erwiderte Spatzenpfote mit glänzenden Augen.
  »Weißt du schon, was Weißsturm morgen mit dir machen wird?«, fragte die Schülerin beinahe beiläufig.
Moospfote schüttelte sich den Staub aus dem Pelz und leckte sich über ihre Vorderpfote.
  »Wahrscheinlich rennen wir wieder den Hang dort drüben hinauf. Ich verstehe wirklich nicht, was mir das für meine Kriegerausbildung bringen soll…«, stöhnte sie und rollte sie Augen.
  »Naja, er versucht, deinen Instinkt zu verbessern. Wenn du da dein Gewicht benutzt, um auf lockerere Steine zu klettern, musst du nicht immer so weit springen… Du hättest so einen Vorteil, der deinen Nachteil an Größe und Stärke überspielt«, überlegte Spatzenpfote laut.
Moospfote dämmerte es.
  »Spatzenpfote, du bist die Beste! Von alleine wäre ich nie auf diese Idee gekommen!«, rief sie.
  »Weiß ich doch«, miaute die Schülerin.
Moospfote schnurrte.
  »Wenigstens eine normale Schülerin hier im Clan«, seufzte sie.
  »Ha! Wenn das so ist!«
Spatzenpfote stubste die jüngere Schülerin an und erhob sich.
  »Ich bin müde, und ich wette um drei Mauseschwänze, dass du es mindestens genauso bist!«, verkündete Spatzenpfote.
Moospfote stimmte zu und so machten sich die beiden auf zu ihrem Bau. Auf dem Weg kamen sie an Federpfote und Sturmpfote vorbei, die aufgeschlossen miteinander redeten.
  »Sieh dir die beiden doch mal an! Sie sehen aus, als würden sie sich sehr mögen!«, schnurrte Spatzenpfote.
Moospfotes Haare sträubten sich unwillkürlich.
  »NEIN!«, knurrte sie, »Niemals würde jemand so einen wie Sturmpfote lieben!«
Erstaunt wegen Moospfotes heftiger Antwort blieb sie stehen.
  »Jede Kätzin findet normalerweise einen Kater, der ihr Gefährte wird. Das ist doch nicht schlimm…«
  »Oh doch, das ist es, solange es Sturmpfote ist!«, flüsterte sie energisch.
Spatzenpfote schüttelte den Kopf.
  »Komm, gehen wir schlafen. Du kannst das Moosnest neben mir haben, wenn du magst«, bot sie an.
Widerstrebend folgte Moospfote der älteren Schülerin und machte es sich in ihrem Nest bequem.
Moospfote fand sich auf einer staubbedeckten Lichtung wieder. Sie sah Clankatzen, die in der Kuhle herumliefen. Es herrschte reges Treiben um sie herum, aber niemand schien Moospfote zu beachten.
  »Hallo? Wo bin ich?«, miaute sie, aber nicht ohne wie ein verschrecktes Junges zu klingen.
Sie kannte die Katzen nicht und der Ort, an dem sie sich befand, war ihr nicht bekannt. Ein heftiger Wind zerzauste ihr Fell.
Plötzlich hörte sie einen herausfordernden Ruf. Erschrocken wirbelte sie herum und erblickte noch mehr Katzen, die in die Senke stürmten.
Ein Angriff!
Alarmiert bildeten die Krieger des Clans eine Verteidigungslinie.
Schockiert beobachtete Moospfote den hitzigen Kampf. Auf einmal wusste sie, was gerade passierte. An den Gerüchen konnte sie erkennen, dass der DonnerClan den WindClan angriff. Aber sie kannte die Katzen doch überhaupt nicht!
  »Habichtherz, sie haben es auf die Heilervorräte abgesehen!«, kreischte eine Katze am anderen Ende der Lichtung.
Ein dunkelbrauner Kater trat aus dem Schatten eines Ginsterbusches.
  »Das werden sie bereuen, der SternenClan soll ihnen Leid schicken!«, fluchte er.
Moospfote konnte sich nicht rühren. Warum sollte ihr Clan den WindClan angreifen und dann auch noch den Heilervorrat zerstören?
Kaum hatte sie sich diese Frage gestellt, schon hörte sie hinter sich ein wütendes Kreischen. Moospfote drehte sich um und sah wie Habichtherz eine silbergraue Kätzin aus dem Heilerbau jagte. Sie hatte Kräuterstückchen in ihrem schimmernden Pelz stecken.
Ein eisiger Wind wehte ihr entgegen. Was würde passieren? Wer wird gewinnen?
Weiteres Wutgeheul war zu vernehmen. Habichtherz war sehr stark und der Kätzin weitaus überlegen. Moospfote wollte ihr zur Hilfe eilen, doch sie konnte sich nicht vom Fleck rühren. Dann sah sie mit vor Schreck geweiteten Augen, wie Blut auf den staubigen Boden spritzte. Habichtherz trat zurück und Moospote konnte sehen, wie die Silbergraue am Boden lag und gurgelte. Blut sickerte aus einer tiefen Wunde an ihrer Kehle.
Ein Ruf ertönte:
  »Katzen des DonnerClans, zieht euch zurück!«
Sofort hörten die Katzen auf zu kämpfen.
  »Mondblüte! Mondblüte!«, jaulte jemand hinter ihr.
Etwas Bläuliches rauschte an ihr vorbei. Es war eine kleine Kätzin, gerade mal so groß wie sie.
  »Mondblüte, wach auf! Bitte! Du hast versprochen, dass du uns niemals verlässt!«, wimmerte sie.
Eine kleine, weiße Kätzin folgte ihr.
War Mondblüte die Mutter der beiden kleinen Kätzinnen? Und wer waren sie?
Ein gruseliges Grollen verschluckte alle Geräusche, dann setzte prasselnder Regen ein.
Trauert der SternenClan um sie?
Moospfote schaffte es, sich zu bewegen und eilte zu den Schülerinnen. Auch sie schienen sie nicht zu bemerken.
   »Hallo? Wer seid ihr?«, fragte sie vorsichtig.
Doch sie bekam keine Antwort. Die Blaugraue blickte auf, ihr Blick war klar, aber man sah den Schmerz, den sie aushalten musste. Plötzlich war Moospfote von ihrem Blick gefesselt. Ein Gefühl von Geborgenheit durchströmte sie.

Kapitel 3


Schnurrend blinzelte Moospfote. Doch als sie die Augen öffnete, merkte sie, dass sie in ihrem Schülerbau war und nicht auf der nassen, blutbespritzen Lichtung. Eine Katze lag neben ihr und wärmte sie. Als sie sich aufsetzte, entdeckte sie bestürzt, dass es Sturmpfote war.
  »Hey, du Mäusehirn! Kannst du mir bitte vom Pelz rücken?«, knurrte sie.
  »Waa…?«, murmelte der Schüler benommen.
  »Du sollst mir vom Pelz rücken, habe ich gesagt!«
Moospfote stubste den Kater mit der Pfote an.
  »Such dir gefälligst dein eigenes Nest!«
Sturmpfote rappelte sich auf.
  »Immer mit der Ruhe! Ich entferne mich liebend gern von dir!«, fauchte er zornig.
  »Schön«, erwiderte Moospfote bissig.
  »Was ist denn hier für ein Lärm!«, maunzte Federpfote. Sie lag neben Windpfote und Feuerpfote.
  »Dieser Sack Flöhe ist zu nah an mich rangerückt«, erklärte sie.
  »Und was ist daran so schlimm?«, fragte Federpfote genervt.
  »Er ist blöd!«, rechtfertigte sie sich.
Insgeheim ärgerte sich Moospfote darüber, dass sie Sturmpfotes Wärme als angenehm empfunden hatte.
  »Guten Morgen, ihr Streithähne!«, gähnte Spatzenpfote.
Sofort hellte sich Moospfotes Miene etwas auf.
  »Spatzenpfote!«, begrüßte sie ihre Freundin fröhlich.
  »Hallo, Moospfote«, schnurrte sie.
  »Aha, wie ich sehe, freust du dich mehr bei dem Anblick deiner neuen Freundin als bei dem deiner Schwester!«, knurrte Federpfote verletzt.
  »Gestern hast du dich auch nur für diesen blöden Fellball interessiert!«, fauchte Moospfote zurück.
Federpfotes Augen glänzten. Enttäuscht blickte sie weg und eilte aus dem Bau.
Moospfote war wütend, aber sie hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Ihre Schwester war doch so wichtig für sie!
  »Federpfote, warte! Ich habe das nicht so gemeint! Jetzt warte doch!«, rief sie ihr hinterher.
Schnell sauste sie aus dem Bau hinaus, doch das einzige, was sie sah, war der Schwanz ihrer Schwester und das ihres Mentors Heckendorn, als sie den Tunnel des Felsenkessels verließen.
  »Federpfote!«, jaulte sie, aber sie gab nicht zu erkennen, ob sie sie gehört hatte.
  »Jetzt hast du auch endlich sie vergrault!«, sprach eine vorwurfsvolle Stimme hinter ihr.
  »Nur weil du sie magst!«, gab Moospfote zurück, und starrte in Sturmpfotes Augen.
  »Du bist blöd, also geh einfach weg!«, meinte sie missmutig.
  »Hatte ich sowieso vor«, war seine bissige Antwort.
Moospfote schloss für einen Augenblick die Augen. Alles lief schief, seitdem sie Schülerin war. Erst hatte sie den blödesten Mentor des Clans aufgebrummt bekommen und jetzt hatten auch noch alle Schüler Ameisen im Kopf.
  »Moospfote! Gut, dass du wach bist!«, rief eine Stimme.
Weißsturm…
  »Ja.«
  »Wir beginnen mit einer kleinen Übung zu Beginn…«, schlug er vor, während er zu ihr gelaufen kam.
  »Ich kann dich nicht daran hindern«, raunte sie.
Weißsturms Schnurrhaare zuckten amüsiert.
  »Du lernst schnell«, schnurrte er.
Moospfote wusste genau, wie er das meinte.
  »Ja, es wird Zeit, dass ich sinnvollere Dinge lerne als meinem Mentor zu gehorchen«, erwiderte sie mit einem Funkeln in ihren blauen Augen.
  »Da hoch?«, forderte er Moospfote heraus, ohne auf ihren Kommentar einzugehen.
  »Na dann…«
  »Los!«, jaulte er, bevor sie sich darauf vorbereiten konnte.
Wild preschte sie zu der Stelle mit kleineren Steinchen, während Weißsturm die Stelle nahm, die sie erst letzten Sonnenaufgang genommen hatten.
Moospfote merkte, dass ihre Pfoten noch nicht wach genug waren, um sie so schnell als möglich nach oben zur Klippe zu tragen. Trotzdem bemühte sie sich, schneller zu sein. Einige Steine rutschten unter ihren Pfoten den Abhang hinunter, aber jeder Tritt war sicher. Das letzte Stück schätzte sie jedoch falsch ein und rutschte an einem Stein ab. Als sie sich wieder berappelt hatte und schließlich die Kante erreicht hatte, war Weißsturm ebenfalls am Ziel.
  »Besser als gestern«, miaute er. »Ich schlage vor, dass wir das jetzt jeden Sonnenaufgang machen. Dann bist du wach und deine Muskeln sind aufgewärmt.«
Moospfote stöhnte. Noch völlig außer Atem setze sie sich vor ihren kräftigen Mentor und ringelte den Schwanz um ihre Pfoten.
  »Und jetzt? Einmal um das ganze DonnerClan-Territorium?«, kommentierte sie.
  »Nein, Moospfote. Wir werden etwas zu erledigen haben. Du weißt, was vor einem Sonnenaufgang geschehen ist?«, fragte er seine Schülerin.
  »Ja. Efeusturm ist von einem Ast getroffen worden«, erinnerte sie sich laut.
  »Genau. Und kannst du dir vorstellen, was das für ihren Clan bedeutet?«, fuhr Weißsturm fort.
  »Hmmm… Sie ist zweite Anführerin. Vielleicht beeinträchtigt sie ihr Verlust.«
Weißsturm nickte bestätigend.
  »So ist es.«
  »Dann sollten wir sie zu ihrem Clan zurückkehren lassen…«, schloss sie.
Weißsturm nickte abermals.
  »Aber das können wir alleine nicht entscheiden. Wir müssen mit Flammenstern sprechen«, erklärte der weiße Kater.
Er stand auf und strich mit seinem Schwanz im Vorrübergehen Moospfotes Flanke. Das Fell der Schülerin kribbelte komisch. Was hatte diese Geste zu bedeuten?
  »Moospfote, nicht träumen!«, ermahnte sie ihr Mentor.
Schnell sprang Moospfote auf und eilte hinter ihm her. Im Lager angekommen kletterten Schülerin und Mentor den Steinhaufen hinauf zum Bau der Anführerin.
  »Flammenstern?«, rief Weißsturm ihren Namen.
  »Weißsturm, komm herein!«, lud sie ihn ein.
Weißsturm betrat die Höhle, dicht gefolgt von der neugierigen Moospfote.
  »Hallo, Moospfote«, schnurrte Flammenstern erfreut.
Moospfote war verwundert, weshalb sich ausgerechnet ihre Anführerin über ihren Anblick freute. Fast keiner aus dem Clan konnte sie wirklich leiden.
  »Jetzt mach nicht so in Gesicht! Ich finde neue Schüler großartig, besonders, wenn sie Schüler meines Stellvertreters sind.«
  »Flammenstern-«, unterbrach Weißsturm ihre Konversation.
Verärgert schwieg Moospfote, spürte aber den Blick ihrer Anführerin auf sich ruhen.
  »Es geht um Efeusturm. Sie ist keine unbedeutende Katze für den WindClan«, begann er.
  »Das weiß ich, Weißsturm. Was verlangst du von mit zu tun?«
  »Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir weiter vorgehen. Sie kommt aus einem feindlichen Clan, und ich wette um drei Mäuseschwänze, dass der WindClan ziemlich viel dafür tun wird, um sie zu rückzuholen«, erklärte der alte Kater.
  »Und ich wette um mehr als drei Mäuseschwänze, dass sie uns eine ganze Menge über ihren Clan verraten kann«, beharrte Flammenstern. Ihre gelben Augen glühten bei der Vorstellung, dem WindClan eine Schwanzlänge voraus zu sein.
  »Wir wollten schon lange das Waldgebiet an der Grenze zurückerobern, um das wir uns seit vielen Blattwechseln streiten, seitdem es einst Feuerstern kampflos abgetreten hat«, fügte sie hinzu.
  »Ja, Flammenstern. Aber wir riskieren einen Kampf und das Leben unserer Krieger!«, widersprach Moospfotes Mentor.
  »Soweit ich weiß, ist Efeusturm eine junge, kräftige und loyale Katze. Ich bezweifle, dass sie uns Informationen geben wird, die ihrem Clan schaden. Und ich denke, dass du das genauso siehst.«
  »Du denkst gut, Weißsturm, aber mit ihr als Gefangene besitzen wir viel Macht.«
  »Aber Flammenstern-«, begann Weißsturm.
  »Nein, Weißsturm. Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen«, bekräftigte Flammenstern ihren Standpunkt.
  »Ja, Flammenstern. Ich organisiere eine Patrouille an der WindClan-Grenze.«
  »Mach das«, erwiderte Flammenstern ruhig.
Weißsturm wandte sich von der Anführerin ab und trat aus dem Bau.
  »Warte«, miaute sie. »Moospfote soll noch für einen Moment bleiben.«
Weißsturm drehte sich überrascht zu ihr um.
  »Ich wollte mit ihr und ein paar anderen Kriegern diese Patrouille begleiten…«, versuchte Weißsturm zu erklären.
  »Geh alleine. Moospfote hat eine andere Aufgabe.«
Mit verdutztem Blick verließ er den Bau.
  »Ich habe viel von deinen Taten im Clan gehört«, begann Flammenstern.
Moospfote sog die Luft ein. Ohje, jetzt würde sie wohl Ärger bekommen.
  »Zuerst will ich dir sagen, dass auch die Ältesten sehr wichtig für den Clan sind. Sie haben immer ein Ohr offen und können mir bei meinen Entscheidungen helfen. Deshalb wünsche ich mir, dass du ihnen etwas mehr Respekt erweist, auch wenn sie manchmal unausstehlich sind.«
Widerwillig senkte Moospfote den Kopf und sagte:
  »Ja, Flammenstern.«
  »Und dann möchte ich noch erklären, dass ich ganz bewusst Weißsturm als deinen Mentor auserwählt habe«, fuhr die flammenfarbene Kätzin fort. »Jetzt möchte ich, dass du zu den Ältesten gehst und sie fragst, ob sie Zecken haben. Eichenblatt braucht zurzeit etwas Hilfe, da er mit Efeusturm viel zu tun hat und letzten Sonnenuntergang hat sich Löwenpelz die Pfote vertreten. Ich verlange, dass du Eichenblatt zumindest die nächsten drei Sonnenaufgänge über hilfst. Dann sehen wir weiter.«
Moospfote stöhnte innerlich. Sie wollte endlich mit ihrer richtigen Ausbildung beginnen und hatte keine Lust, Eichenblatt zu assistieren.
  »Und keine Widerrede!«, schnurrte Flammenstern.
Sie klopfte Moospfote mit dem Schwanz auf die Schulter. Ihre Augen leuchteten und Moospfote glaubte, einen Schimmer des Wissens zu erkennen. Wusste sie vermutlich mehr über ihre Zukunft als Moospfote selbst? Moospfote verdrängte diesen Gedanken und stapfte aus Flammensterns Bau.
  »Oh, SternenClan, womit habe ich das verdient?!«, flüsterte sie halb zu sich selbst.
  »Eichenblatt?«, rief Moospfote leise seinen Namen.
  »Ja? Wie kann ich dir helfen?«, entgegnete der braune Kater freundlich.
  »Naja, eigentlich bin ich da, um dir zu helfen«, erklärte sie verlegen.
  »Ah, Flammenstern hat mir also einen Schüler zur Seite gestellt!«, freute sich Eichenblatt.
In seiner Stimme schwang Erleichterung.
  »Ich glaube, der DonnerClan braucht einen Heilerschüler«, seufzte er.
  »Vielleicht hast du ja Glück und beim nächsten Wurf ist eine Katze dabei, die Lust darauf hat«, meinte Moospfote und dachte an die Jungen von Leopardenfleck, die gerade mal vier Monde alt waren.
  »Du könntest Recht haben.«
  »Wie kann ich dir denn behilflich sein?«, fragte sie.
Eichenblatt schien leicht überrascht zu sein.
  »Was ist?«
  »Du bist heute ziemlich freundlich«, bemerkte der Heiler. »Ach ja. Du kannst dir hier Mäusegalle mitnehmen und die Ältesten auf Zecken untersuchen. Sie werden dir erklären, wie es funktioniert.«
Moospfote hatte auch gemerkt, dass sie sich entspannt hatte, seitdem sie mit Flammenstern gesprochen hatte und noch mehr, als sie in diesen Bau gegangen war. Selbst nach Eichenblatts Bemerkung war Moospfote entspannt, wo sie sonst demjenigen den Pelz zerfetzt hätte. Moospfote gefiel ihre Aufgabe zwar nicht, aber sie riss sich zusammen. Vielleicht musste sie dann für längere Zeit nicht mehr zu den Ältesten gehen.
Soll doch dann Sturmpfote ihren Kot wegräumen!
Eichenblatt hatte inzwischen ein Päckchen mit Moos und gelber Mäusegalle bereitgemacht.
  »Nimm das vorsichtig, damit du nichts davon in den Mund bekommst. Das Zeug schmeckt schlecht«, erklärte Eichenblatt.
Ohne ein weiteres Wort nahm Moospfote das Bündel auf und marschierte zum Bau der Ältesten, genau auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung.
Als sie dort angekommen war, fand sie nur Sumpfkralle vor. Er lag zusammengerollt in seinem Nest und schien zu schlafen. Doch als sie den Bau betrat, blickte er zu ihr auf.
  »Hallo«, begrüßte sie ihn steif. Sie hatte nicht vergessen, wie er mit ihr umgegangen war, als sie ihm Frischbeute brachte.
  »Hallo, Moospfote. Wie ich sehe, magst du meine Zecken entfernen?«, krächzte er mit müder Stimme.
  »Ich kann später noch mal kommen, wenn-«, begann die Schülerin.
  »Nein, nein! Ist schon in Ordnung, ich bin eben erst aufgewacht, und ich glaube ich habe eine ziemlich hartnäckige Zecke hinter meinem rechten Ohr sitzen«, meinte der Älteste und kratzte sich.
  »Und was ist mit Nachtsturm? Er ist nicht da…«, fragte Moospfote.
  »Ja… ich glaube er ist an seinem Lieblingsort im Wald«, vermutete der braune Kater. »Er wird wahrscheinlich bei dem verlassenen Zweibeinernest sein… Er gedenkt dort einer Katze, die er sehr liebte. Besonders bei Halbmond sitzt er da, die ganze Nacht lang. Du kannst Eichenblatt ausrichten, dass Nachtsturm in Ordnung ist. Soweit ich weiß, hatte er in seinem gesamten Ältestendasein nur drei Mal Zecken.«
Moospfote nickte dankbar. Von dem mürrischen Ältesten war keine Spur mehr zu erkennen. Stimmten die Geschichten, die sie als Junges immer von den Schülern hörte, als sie sich über die wechselnde Laune der Ältesten beschwerten? »Kannst du mir zeigen, wie man die Zecken entfernt?«, bat Moospfote.
  »Du musst das Fell teilen und die Zecken mit der Galle im Moos betupfen. Dann fallen sie ab«, beschrieb Sumpfkralle.
  »In Ordnung.«
Moospfote befolgte Sumpfkralles Rat. Tatsächlich fand sie eine fette Zecke hinter seinem Ohr, die sich ordentlich festgebissen hatte.
Als sie durch die Mäusegalle abfielm atmete der alte Kater auf. Sie hatte noch drei weitere gefunden, bis sie schließlich miaute:
  »Fertig!«
  »Gut, danke. Ich werde jetzt zum Fluss gehen und meinen Pelz waschen. Ein kleiner Spaziergang wird mir guttun«, beschloss der ehemalige Krieger.
  »Soll ich dich begleiten?«, bot Moospfote freundlich an.
  »Nein danke. Ich mache das lieber alleine und du findest sicher noch andere Aufgaben, die zu erledigen sind.«
Moospfote hob das Bündel mit der Mäusegalle auf und eilte zurück zum Heilerbau.
  »Ah, Moospfote!«, begrüßte sie Eichenblatt. »Leg das hier ab. Dann geh zum See und wasch gründlich deine Pfoten.«


Kapitel 4

Auf dem Rückweg dachte Moospfote lange über ihren Traum nach. Hatte er etwas zu bedeuten? Und wer war diese blaugraue Kätzin? Unendliche Gedanken wirbelten durch ihren Kopf.
Als sie endlich das Lager erreichte erblickte sie von weitem ihren Mentor, Weißsturm. Unerwartet breitete sich in ihr freudige Erregung aus, und sie beschleunigte ihre Schritte, sodass sie in ihn hineinrauschte, als er sich unerwartet umdrehte.
  »Huch!«, erschrak der.
Moospfote war gefesselt von Weißsturms langem weichem Fell. Sie sog seinen Duft ein, er roch nach Wind und Jagt.
Sie spürte, wie die Zunge des Katers flüchtig über ihre Wange fuhr. Dann machte er einen Schritt zurück und betrachtete sie neugierig.
  »Hast du frei?«, fragte er.
  »Nein, ich muss Eichenblatt helfen, und das noch ziemlich lange…«, bedauerte Moospfote.
  »Oh. Ist vielleicht keine schlechte Übung.«, meinte Weißsturm und stolzierte davon.
Moospfote sah ihm nach, dann machte sie sich auf zum Heilerbau.
  »Nein Löwenpelz, du kannst die nächsten Sonnenaufgänge lang nicht am Kriegerleben teilnehmen. Deine Pfote ist verstaucht!«
Moospfote blieb stehen. Eichenblatt schimpfte gerade mit dem erfahrenen Krieger Löwenpelz. Er hatte eine warme Stimme und ein gelb-goldenes Fell.
  »Ein Krieger kennt keinen Schmerz!«, behauptete er.
  »Und keine Grenzen…«, raunte Eichenblatt verbittert.
  »Kann ich helfen?«, fragte Moospfote unsicher.
  »Oh ja, gerne. Kannst du mal bei Leopardenfleck vorbeisehen? Vielleicht braucht sie etwas. Ich bin noch nicht dazu gekommen…«
Moospfote neigte den Kopf und machte sich auf den Weg.
In der Kinderstube angekommen, sah sie Salbeipfote, die wild umhersprang und auf dem Rücken ihrer Mutter herumtobte.
  »Hallo Moospfote«, quikte es. »Wie ist so das Schülerdasein?«, fragte sie aufgeregt.
  »Schwierig. Es gibt alle Pfoten voll zu tun.«, schnurrte sie.
Im Gegensatz zu ihrer verstrubbelten Schwester saß Minzjunges gerade da und hatte den Schwanz sorgsam um die Pfoten geringelt.
  »Klingt spannend.«, bemerkte sie.
Salbeipfote preschte an ihr vorbei und griff Moospfotes Schwanz an.
  »Ich will auch endlich Schülerin sein!«, jaulte sie.
  »Das wirst du noch früh genug!«, schaltete sich Leopardenfleck ein.
  »Hallo Leopardenfleck. Kann Eichenblatt irgendetwas für dich tun?«, fragte Moospfote.
  »Nein. Es ist alles in Ordnung. Ich bräuchte nur etwas Wasser.«, erwiderte sie.
  »Kommt sofort!«, versichterte ihr die Schülerin.
Drei Tage waren vergangen, seitdem sie von ihrer Aufgabe als Helferin befreit wurde. Und seitdem hatte ihr Weißsturm endlich beigebracht, wie man leichte Kampfzüge ausführt, und eine alte Maus hatte sie auch schon gefangen.
Nun war Moospfote gemeinsam mit Spatzenpfote, Tüpfelpelz und Weißsturm auf Patrouille.
Es raschelte im Gebüsch und Moospfote roch Eichhörnchen. Sie hatte noch nicht gelernt, wie man sich anschleicht, aber sie versuchte ihr Glück. Pfote für pfote schlich sie sich an die nichts ahnende Beute an. Doch zu spät bemerkte sie den Ast, über den sie stolperte. Verschreckt von diesem Geräusch kletterte das Eichhörnchen den Baum hoch, Moospfote eilte hinterher. Dank der Aufwärmung am Hang des Felsenkessels jeden Morgen beherrschte sie das klettern einigermaßen. Ein ruf ertönte von unten. Als sie nach unten Blickte sah sie Weißsturms besorgten Blick.
  »Moospfote! Bist du verrückt geworden? Komm da wieder runter!«, jaulte er.
  »Wow.«, war das einzige, was Moospfote hervorbringen konnte. Ihr wurde ganz schwindelig, als sie merkte, wie hoch oben sie war.
Schnell blickte sie in die Ferne und konnte das WindClan Territorium überblicken.
  »Von hier aus kann man das ganze Territorium überblicken!«, rief sie überrascht.
Sie ließ ihren Blick durch die Gegend schweifen, bis sie eine Katzengruppe vernahm, die in ihre Richtung zu gehen schien.
  »Moospfote, komm da jetzt bitte wieder runter. Wir müssen weiter!«, ermahnte sie Weißsturm.
  »Da sind Katzen! Sie kommen auf uns zu. Ich glaube es sind vier!«, berichtete Moospfote.
  »WAS?!«, platzte Spatzenpfote heraus. »Wir müssen sie angreifen, und zwar sofort!«
  »Garantiert nicht, du Mäusehirn!«, schimpfte Tüpfelpelz. »Wir wissen nicht, was sie vorhaben.«
  »Dann müssen wir das herausfinden. Moospfote, Spatzenpfote, wir gehen weiter an die Grenze heran. Tüpfelpelz, du wartest hier.«, befahl Weißsturm.
  »Und komm jetzt endlich von da oben runter!«
Langsam und mit angehaltenem Atem kraxelte sie den Baumstamm hinunter und landete etwas hilflos auf dem boden. Tüpfelpelz konnte ein amüsiertes Schnurren nicht unterdrücken. Weißsturm war schon vorangegangen, und Moospfote schloss zu Spatzenpfote auf.
  »Das war unglaublich! Du bist noch nicht lange Schülerin und du kletterst so mutig so weit nach oben!«, raunte Moospfotes Freundin beeindruckt.
  »Das war purer Leichtsinn!«, mischte sich Weißsturm und machte eine abwertende Schwanzbewegung.
  »Also ich fands toll!«, flüsterte Spatzenpfote, als sie spürte, wie angespannt Moospfote nach der Kritik ihres Mentors war.
  »Ja, was mein Mentor nicht einsehen will…«, fauchte sie leise.
  »Ruhe jetzt, ihr zwei. Ihr könnt euch auch später noch beschweren, verstanden? Das hier ist eine wichtige Mission.«, zischte Weißsturm.
 Schließlich bedeutete ihnen Weißsturm anzuhalten.
  »Kannst du was sehen?«, forschte Moospfote aufgeregt.
  »Sie haben ihre Richtung nicht geändert. Sie marschieren direkt auf die Grenze zu.«, berichtete ihr Mentor.
  »Also wenn du mich fragst, ist das keine normale Grenzpatrouille!«, knurrte Spatzenpfote.
  »Dich hat aber keiner gefragt!«, mischte sich Weißsturm ein. »Wir müssen abwarten, was geschieht. Unser Lager werden sie wohl kaum angreifen.«
Moospfote musste Weißsturm recht geben, aber trotzdem waren sie ihnen Zahlenmäßig unterlegen. Zwar waren sie ebenfalls vier Katzen, aber Moospfote hatte gerade erst ihre Ausbildung begonnen und Spatzenpfote war ebenfalls nur eine Schülerin, zwar mit fortgeschrittener Ausbildung, was aber nichts an der Situation änderte.
Moospfotes Fell sträubte sich bei dieser Erkenntnis. Spatzenpfote sah Moospfote besorgt an und Weißsturm schien ihre Angst zu riechen.
  »Moospfote, reiß dich doch bitte zusammen…«, bat er.
  »Weißsturm, wir brauchen einen zusätzlichen Krieger! Sie sind in Überzahl und könnten uns problemlos angreifen. Grund dazu haben sie ja.«, zischte Moospfote eindringlich.
  »Du hast recht. Renn zum Felsenkessel und schicke eine Patrouille her. Beeil dich!«, befahl der weiße Kater.
Moospfote wirbelte herum und stürmte davon. Sie rannte so schnell sie konnte, bis sie schließlich das Gefühl hatte zu fliegen. Und plötzlich, kurz vor dem Felsenkessel, spürte sie wieder diesen schrecklichen Druck auf ihrer Brust.
Nur noch ein paar Schritte, nur noch den Clan informieren!
Verzweifelt preschte sie weiter, auch als sie die Atemnot allmählich spürte. Sie raste erst garnicht zum Tunnel, sondern stürzte sich den steilen Hang hinunter, den sie jeden Sonnenaufgang hochkletterte.
Halb rutschend halb kletternd kam sie unten an und jaulte:
  »Flammenstern! Flammenstern!«
Als die flammenfarbene Kätzin aus dem Heilerbau gestürzt kam, keuchte Moospfote:
  »Schick eine Patrouille zur WindClan-Grenze. Vier Katzen kommen direkt auf unsere Patrouille zu!«
Bevor Flammenstern etwas sagen konnte, meldete sich Mausekralle:
  »Dunstfell, Wolkenpelz und Eichhornstreif, ihr kommt mit mir – insofern das in Ordnung geht.«
Flammenstern nickte und die Katzen eilten aus dem Lager.
Dann verschwamm alles vor ihren Augen und sie fiel in sich zusammen.
  »Wird sie wieder gesund?«
  »Ja, Federpfote. Sie wird es schaffen.«
  »Aber warum ist das passiert?«
  »Sie… Eigentlich spielt es doch keine Rolle, oder? Wahrscheinlich war sie einfach nur geschockt.«, stammelte jemand.
Langsam öffnete Moospfote ihre Augen und blinzelte. Ein Schwanz war um sie herum geringelt. Langsam blickte sie sich um. Im Dämmerlicht konnte sie erkennen, dass sie in der Kinderstube lag. Vor ihr saß Federpfote und musterte sie mit großen, besorgten Augen. Ihre Mutter Lichtschweif saß dicht neben ihr und tröstete sie. Aber wer hatte den Schwanz um sie gelegt?
Als sie die Luft einsog, erkannte sie den Geruch. Langsam und mit kaum geöffneten Augen erblickte sie Weißsturm, der mit gesenktem Kopf dasaß, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Er merkte nicht, dass sie aufgewacht war.
  »Ich hätte sie niemals losschicken dürfen! Es tut mir leid Lichtschweif…«, miaute er mit gepresster Stimme.
Moospfote hatte das verlangen ihren Mentor zu trösten. Sie schob ihre Nase in sein Brustfell und schmiegte sich eng an ihn. Weißsturm zog sie noch näher an sich heran, dann wurde es wieder dunkel um sie herum. Sie überließ sich der Bewusstlosigkeit.
  »Moospfote?«, hauchte ihr eine Stimme ins Ohr.
Moospfote wachte auf und sah Windpfote. Der kleine, graue Kater sah sie mit seinen dunkelblauen Augen an.
  »Windpfote…«, maunzte sie schwach.
  »Ich wollte wissen, wie es dir geht.«, meinte er verlegen.
  »Es geht. Aber ich habe großen Hunger.«, berichtete sie.
  »Wollen wir uns eine Maus teilen?«, fragte er hoffnungsvoll.
Moospfote miaute bestätigend. Nur einen kurzen Moment später erschien er mit einem saftigen Kaninchen.
  »Wo sind Leopardenfleck und ihre Jungen?«, fragte sie, während sie sich zum Kaninchen beugte, um einen Bissen zu nehmen.
  »Sie sind draußen. Das Wetter wird langsam besser, ich denke die Blattgrüne kündigt sich an.«, erklärte Windpfote.
  »Und was ist mit der Patrouille passiert? Hat sie angegriffen?«, fragte Moospfote neugierig.
  »Nein, aber das hätten sie -dank Spatzenpfote- getan, denn die wollte auf die Patrouille losgehen. Und die WindClan Katzen waren äußerst wütend, als sie Efeusturm im Heilerbau ausmachten. Sie haben eine Forderung gestellt: >Wir geben euch bis Vollmond Zeit. Wenn sie dann auf der Insel nicht erscheint, werden wir den DonnerClan angreifen.<. Kein wunder, Efeusturm ist nicht nur seine Stellvertreterin, sondern auch seine Gefährtin.«
Moospfote war überrascht.
  »Wirklich? Das hab ich noch gar nicht gewusst!«, gab sie zu.
  »Jetzt schon. Jeder weiß das. Aber du warst auch noch nie bei der großen Versammlung.«, stellte Windpfote fest.
Moospfote bedauerte diesen Umstand sehr. Sie war zwar erst wenige Sonnenaufgänge lang Schülerin, aber trotzdem war es ein unglaubliches Ereignis.
  »Ich wünschte, ich könnte dabei sein!«, träumte sie.
  »Es ist einfach großartig dort!«, beschrieb Windpfote aufgeregt.
  »Dort sind so viele Katzen und jede ist anders. Du erfährst spannende Geschichten von den Ältesten und hörst Geschichten von den blutrünstigsten Kämpfen dieses Waldes!«
  »Wow…«, staunte Moospfote.
  »Windpfote! Komm, wir gehen mit Feuerpfote und Dunstfell jagen!«, rief Mausekralle.
  »Oh, ich muss jetzt leider gehen. Ich komme zu Sonnenuntergang noch einmal vorbei, okay?«, bedauerte Windpfote.
  »Vielleicht ist das dann nicht mehr nötig.«, meinte Moospfote.
  »Windpfote!«, ertönte ein weiterer Ruf.
  »Entschuldige Mausekralle, ich komme!«, jaulte Windpfote schnell.
Als er die Kinderstube verlies, erschien Weißsturm am Eingang.
  »Du bist wach.«, schnurrte er.
Seine gelben Augen leuchteten für einen Moment, doch dann verschwand dieser Ausdruck wieder, und er sprach weiter:
  »Fühlst du dich in der Lage, mit auf die Lichtung zu kommen, um Kampftechniken zu trainieren?«
  Moospfote war sofort hellwach.
  »Aber ja doch!«, miaute sie erfreut.
  »Honigfell wird uns begleiten. Sie will lernen, wie man mit Schülern umgeht. Sie ist ja erst seit einem Mond Kriegerin.«, erklärte Weißstum.
  »Einverstanden.«
Der weg zur Trainingslichtung war nicht weit. Als sie dort ankamen, meinte Weißsturm:
  »Du hast bereits gelernt, dass man auf eine andere Stelle blickt, als die, die man angreifen will. Probiere auf meinen Rücken zu kommen.«
Moospfote kauerte sich hin und zielte Auf seine Schulter. Als ihr einfiel, dass sie die Stelle nicht genau fixieren durfte, schaute sie auf sein Hinterbein. Als sie absprang, warf sich Weißsturm auf den rucken und gab ihr einen hieb in die Seite. Unsanft landete Moospfote auf dem staubigen Boden.
  »Zu offensichtlich. Versuche es nochmal. Aber lass dir mehr Zeit!«, gab Weißsturm seiner Schülerin einen Tipp.
Wieder kauerte sich Moospfote hin und fixierte diesmal seinen Hinterlauf. Moospfote sprang nach einer Weile ab, aber Weißsturm machte einen Schritt zur Seite, und so landete Moospfote abermals daneben.
  »Zu spät. Plane deinen Angriff sorgfältig, aber nicht zu lange!«, riet ihr der weiße Kater.
Aus den Augenwinkeln konnte Moospfote Honigfell sehen, deren gelb-goldenes Fell im Licht der Sonne hell leuchtete. Aufmerksam sah sie ihnen zu.
Nun lies Moospfote ihrem Mentor keine zeit, sich zu ordnen und sprang direkt noch einmal ab. Weißsturm hatte nur wenig zeit auszuweichen, und somit krachte sie ihm in die Seite und brachte ihn zum Taumeln. Schnell nutzte sie diese Situation und tauchte unter seinen Bauch und boxte fest hinein. Das brachte den Kater aus dem Glichgewicht. Er fiel um und Moospfote Presste ihre Pfoten auf seine Schulter. Mit leichtigkeit kämpfte sich Weißsturm frei, schien aber äußerst zufrieden.
  »Sehr gut! Diese Kampftechnik war sehr gut ausgeführt!«
Auch Honigfell schien beeindruckt und lobte Moospfote ebenfalls.
Die nächsten Sonnenaufgänge hatte sie alle Pfoten voll zutun. Sie lernte, wie man sich an ein Eichhörnchen anschlich und sie konnte nun auch schon schwierigere Kampftechniken ausführen. Mit Federpfote hatte sie sich jetzt auch endlich wieder vertragen, obwohl es ihr überhaupt nicht gefiel, dass sie viel Zeit mit Sturmpfote verbrachte. Umso mehr Zeit steckte Moospfote in ihr Training. Inzwischen war sie ein bisschen kräftiger geworden. Moospfote saß neben Spatzenpfote und Windpfote. Sie spürte, wie der graue Schüler nah an sie heranrückte. Sie warf Spatzenpfote einen Blick zu. Sie erwiderte ihn mit einem belustigten Zucken mit den Schnurrhaaren. Moospfote bleckte kurz die Zähne. Als sie ihre kleine Maus fertig gegessen hatte, lies sie ihren Blick über die Lichtung schweifen. Minzjunges und Salbeijunges spielten vor der Kinderstube, Leopardenfleck sah ihnen zu. Liebe und Fürsorglichkeit lag in ihrem warmen Blick.
Feuerpfote und Eichhornstreif sprachen miteinander und schienen sich zu amüsieren. Sie sah ihre Eltern eng zusammensitzend und sich die Zunge gebend. Kurz sahen sie zu ihr hinüber und schenkten ihr einen liebevollen Blick. Dann sah er Flammenstern, die bei den Ältesten saß. Weißsturm brachte ihnen gerade ein fettes Kaninchen und gesellte sich mit einem höflichen Nicken zu ihnen. Dunstfell ermahnte Löwenpelz mehrmals, nicht die ganze Zeit herumzulaufen, da er eine verstauchte Pfote hatte. Dann erblickte sie ihre wunderschöne Schwester. Sie saß Sturmpfote gegenüber, und das so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Ihre grünen Augen leuchteten, sowie auch die blauen von Sturmpfote.
Moospfote knurrte. Federpfote warf ihr immer vor, sie zu ignorieren, dabei war es doch sie, die nur Augen für dieses Mäusehirn hatte. Es war doch noch viel zu früh um sich einen Gefährten zu suchen. Schmerz ergriff sie. Hatten ihre Schwester und sie denn gar nichts mehr gemeinsam?! Schnell wendete sie den Blick von ihnen ab und schaute hinüber zum Heilerbau. Gerade trat Eichenblatt mit Efeusturm heraus. Sie humpelte stark und ihre Augen waren vor Schmerz weit aufgerissen.
Sie bemerkte, wie sich alle Katzen zu ihr umdrehen und sie feindselig musterten.
  »Schaut mich nicht so an! Schließlich hab ihr mich gefangen genommen!«, knurrte sie.
Flammenstern Sprang auf und ging zu der zweiten Anführerin des WindClans. Weißsturm folgte ihr ebenfalls.
  »Kannst du uns sagen, wie wir vorgehen können, um uns den Wald zurückzuholen?«, fragte sie ruhig.
  »Für wen haltet ihr mich eigentlich?!«, knurrte sie wütend.  »Lieber sterbe ich, als meinen Clan zu verraten!«
Sie spukte diese Worte aus.
  »Ich habe doch gesagt, dass sie ihren Clan nicht verrät.«, meinte Weißsturm leise.
Moospfote war überrascht. Sie hatte nicht erwartet, dass er seiner Anführerin widersprechen würde.
Langsam drehte sich Flammenstern zu ihm um.
  »Trotzdem ist sie eine wertvolle Gefangene. Wir können den WindClan unter druck setzen und den Wald ohne Kampf fordern.«, presste Flammenstern gereizt hervor.
  »Das sieht dem DonnerClan ähnlich! Zu feige um zu kämpfen und dafür eine Gefangene benutzen!«, fauchte Efeusturm.
  »Mut und Stärke zeichnen den DonnerClan aus! Wir sind loyale Katzen, Efeusturm!«, entgegnete Flammenstern.
  »Aber ihr erwartet in der zweiten Anführerin des WindClans eine Verräterin!«, jaulte sie.  »Ihr seid Mäusehirne, ihr alle!«
Flammentern wollte gerade eine bissige Bemerkung von sich geben, als Weißsturm sie daran hinterte:    »Flammenstern. Lass Efeusturm in Ruhe. Sie ist in Gefangenschaft, sieh ihr das nach.«
Flammenstern hörte auf ihren Stellvertreter und rief:
 »Tüpfelpelz! Du übernimmst die Wache für Efeusturm. Löwenpelz, du kannst zwar nicht laufen, aber die Nachtwache kannst du übernehmen, nicht wahr?«
Der gelb-goldene Kater nickte.
Flammenstern wandte sich von Efeusturm ab und ging ein Stück mit Weißsturm. Der nickte auf eine Frage hin und trabte auf Moospfote zu.
  »Moospfote, du bist von Flammenstern für die große Versammlung auserwählt worden. Ruhe dich etwas aus, damit du heute Nacht fit bist!«, verkündete er.
Spatzenpfote sah sie überrascht an.
  »Dein erster Vollmond auf der großen Versammlung! Das ist großartig!«, rief sie.
  »Kommt noch jemand von uns mit?«, fragte Moospfote ihren Mentor.
  »Ja, Sturmpfote und Spatzenpfote.«, antwortete der weiße Kater.
  »Großartig!«, freute sich Spatzenpfote.
Wolkenpelz gesellte sich ebenfalls zu ihnen.
  »Hallo ihr!«, miaute sie freundlich.
  »Hallo Wolkenpelz!«, begrüßte sie Moospfote.
Sie mochte Wolkenpelz sehr, da sie und ihre Mutter Geschwister waren.
  »Ich bin nur hier, um mir Windpfote zu schnappen. Mausekralle möchte, dass ich mit dir auf die Jagd gehe. Ihm geht es nicht so gut.«, erklärte sie.
Windpfote stand auf und rückte endlich von Moospfote weg.
  »Bis dann, Moospfote!«, verabschiedete er sich.
Moospfote schnippte nur etwas genervt mit dem Schwanz.
Als er sich endlich außer Hörweite befand, schnurrte Spatzenpfote:
  »Ich glaube, der hat ein Auge auf dich geworfen.«
  »Hoffentlich bleibt es auch nur dabei«, stöhnte Moospfote.    »Magst du ihn nicht?«, fragte Spatzenpfote.
  »Im Moment ist er mir einfach zu aufdringlich! Hast du denn nicht gesehen, wie er mich fast erdrückt hat?«
  »Doch!«, schnurrte Spatzenpfote laut.
Eine Windbö zerzauste Moospfotes Fell.
  »Wie können die WindClan Katzen das nur überleben?«, knurrte sie.
  »Mein Pelz wird schon fast davongepustet!«, jammerte ihre Freundin, Spatzenpfote.
  »Jammert doch nicht so herum!«, ermahnte sie Wolkenpelz. »Wir haben es nicht mehr so weit.«
  »Oh ja, ich bin schon ganz gespannt auf die Insel!«, rief Moospfote aufgeregt.
  »Jaul doch nicht so herum wie ein Junges!«, knurrte Sturmpfote. »Wir wollen keine ungewollte Aufmerksamkeit von WindClan-Kriegern erwecken.«
  »Rede nicht mit mir, als seist du ein Krieger!«, fauchte Moospfote.
  »Ich bin fast einer.«, wies Sturmpfote sie zurecht.
  »Bist du garnicht! Und außerdem werde ich auch nicht auf dich hören, wenn du ein Krieger bist! Du bist nämlich ein Mäusehirn!«, widersprach Moospfote.
  »Hört jetzt auf euch zu streiten! Moospfote, komm zu mir nach vorne, sofort !«, rief Weißsturm wütend.
Zornig lief Moospfote an Sturmpfote vorbei und peitschte ihm mit dem Schwanz ins Gesicht.
  »Blödes Fellknäuel!«, zischte er.
  »Selber!«, gab Moospfote missmutig zurück.
  »Moospfote, geh jetzt zu deinem Mentor!«, grollte Wolkenpelz.
Als sie neben Weißsturm war, gab er ihr einen Klaps auf ihr Ohr.
  »Hey!«, protestierte Moospfote.
  »Nötige Maßnahme.«, meinte Weißsturm amüsiert.
Moospfote musste schnurren. Sie mochte Weißsturm mit jedem Tag mehr.
  »Siehst du den See von hier oben?«, fragte er.
  »Ja! Ich sehe die Sterne die sich im Wasser spiegeln! Weißsturm, ist das der SternenClan?«, miaute sie berührt.
  »Ja. Sie beschützen uns. Dich und mich.«, erklärte er mit sanfter Stimme.
  »Stimmt es, dass sie unsere Gefühle und Gedanken lesen können?«, fragte sie.
  »Ja, Moospfote.«, antwortete er.
  »Sehen s5ie dann, dass wir das gleiche fühlen?«, fragte sie plötzlich.
  »W-was?«, stammelte Weißsturm überrascht.
  »Nichts nichts… ich dachte nur… dumme Idee…«, nuschelte Moospfote verlegen.
Still und in Gedanken versunken lief sie neben ihrem Mentor. Schließlich konnte sie viele Katzengerüche wahrnehmen. Vor ihr erstreckte sich Sumpfgebiet. Von hier aus konnte sie die Insel erkennen.
  »Wir sind da.«, verkündete Flammenstern nachdenklich.
  »Moospfote?«, fragte  Weißsturm.
  »J-ja?«, antwortete Moospfote.
  »Hier gilt Waffenruhe. Denke immer daran, dass die Katzen hier unser Blut haben, auch wenn sie andere Vorlieben haben oder anders aussehen. Vergiss das nie, auch nicht im kältesten Kampf.«
Moospfote staunte über die Weisheit ihres Mentors. Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, deshalb schwieg sie ausnahmsweise.
  »DonnerClan, betretet die Insel!«, ertönte Flammensterns Befehl.
Daraufhin sprang die starke Kätzin auf einen Baumstamm und balancierte auf die Insel, mitten im Wasser. Die anderen Katzen taten es ihr nach.
  »Du bist dran, Moospfote.«, stellte Weißsturm klar.
  »Ja…«
Vorsichtig sprang sie auf den Baumstamm. Eine Pfote setzte sie vor die andere, unter ihr der See, dessen wasser schwarz war, wie die Nacht. Moospfote atmete auf, als sie wieder festen Boden unter den Pfoten hatte. Hinter ihr landete Weißsturm.
  »Riechst du die Clans?«, fragte er.
  »Ja, ich rieche WindClan und SchattenClan. Aber der andere Geruch…«, überlegte sie.
  »Das ist FlussClan-Geruch.«, erklärte Weißsturm.  »Du kennst ihn nicht, weil sie gegenüber von uns am See ihr Territorium haben.«
Moospfotes Mentor führte sie auf eine große Lichtung.
  »Siehst du die Katzen, dort vorne an der großen Eiche?«, fragte der weiße Kater.
  »Ja. Sind das die Anführer?«, fragte die Schülerin wissbegierig.
An den Großen Wurzeln waren vier Katzen zu sehen.
  »Die wild gesprenkelte Katze dort ist Vogelstern. Es ist die Anführerin des SchattenClans. Und neben ihr sitzt ihr Stellvertreter, der graue Kater dort. Es ist Kieselstein. Er ist alt, aber noch lange kein Ältester.«
  »Der schwarz+weiß getupfte Kater dort ist Schwalbenstern. Den Namen hast du sicher schon gehört.«, fuhr Weißsturm fort.
  »Ja, Windpfote hat mir erzählt, dass er der Anführer des WindClans ist.«, erinnerte sich die Schülerin.
  »Ja. Und er sieht nicht gerade glücklich und gesund aus.«, stellte Weißsturm fest.
  »Nein. Sicher ist er beunruhigt wegen Efeusturm. Sie ist auch seine Gefährtin.«, meinte Moospfote.
  »Genau! Und dieser Kater dort, der dunkelbraune, das ist Dornenstern, der Anführer des FlussClans. Und sein Stellvertreter, Fuchsbart, ist noch nicht zu ihm vorgedrungen.«, erzählte Weißsturm.
Moospfote blickte auf den alten, gebrechlichen Kater. Wie lange würde es dauern, bis er sein neuntes Leben verlor?
Ihre Gedanken wurden von einem freundlichen Willkommensgruß unterbrochen.
  »Hallo Weißsturm!«, rief ein Kater hinter ihr.
Moospfote wirbelte erschrocken herum und sah einen Muskulösen, jungen Kater vor sich. Er hatte weiße Ohren und Pfoten, und das Fell um seinen Mund herum war ebenfalls weiß. Seine Brust war tiefschwarz und der Rest seines Fells war rotbraun mit kaum zu erkennenden Streifen. Moospfote konnte nichts sagen, so bewunderte sie den großen Kater.
  »Hallo. Moospfote, das ist Fuchsbart.«, stellte ihr Mentor den zweiten Anführer des FlussClans vor.
  »Wie ich sehe, hat Flammenstern die einen Schüler gegeben?«, fragte er.
  »Du sagst es. Das ist Moospfote. Mehr wirst du gelcih hören.«, erklärte Weißsturm knapp.
  »Gut. Lass uns zu den Anderen gehen.«, schlug Fuchsbart vor.
  »Moospfote, sehe dich en bisschen um und lerne andere Katzen kennen, aber rede nicht zu viel von unserem Clan. Der Waffenstillstand dauert nur eine Nacht, vergiss das nicht.«
Moospfote nickte kurz. Sie hatte ehrlich gesagt etwas angst. So viele Katzen hatte sie noch nie gesehen. Sie waren viel größer als sie und wirkten bedrohlich.
  »Und das ist Abendpfote! Die neue Heilerschülerin des SchattenClans!«
  »Eulenflug, ich muss schon sagen, dass diese junge Kätzin den Anschein hat, als wäre sie talentiert.«, bemerkte eine Katze.
Moospfote hörte eine freundliche, fast schon freundschaftliche Unterhaltung hinter sich. Als sie sich umdrehte, dah sie eine dunkelrote Schülerin mit einer weßen Schwanzspitze. Das musste also Abendpfote sein. Neben ihr saß Eulenflug, ihr Mentor. Die Kätzin, die eben gesprochen hatte, war weiß mit hellen tupfen und schwarzen Pfoten.
  »Oh entschuldige Abendpfote. Ich habe mich noch garnicht vorgestellt! Ich bin Sonnenfleck, die Heilerin des FlussClans.«, stellte sie sich vor.
Unter den Katzen sah sie auch Eichenblatt. Neben ihm Saß ein riesiger, schwarzer Kater mit bedrohlichen, dunkelblauen Augen. Moospfote machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
  »Das ist Adlerschwinge. Er war Krieger, bevor er sich entschied, Heiler zu werden.«, miaute jemand neben ihr.
Moospfote zuckte zusammen und sah eine hellbraune Schülerin neben sich.
  »Du bist neu hier, oder?«, fragte sie neugierig.
  »J-ja… Ich bin Moospfote aus dem DonnerClan. Mein Mentor ist Weißsturm.«, stellte sie sich vor.
  »Schön! Ich bin Bernsterinpfote aus dem FlussClan.«
  »H-hallo Bernsteinpfote!«, stammelte Moospfote.
  »Bernsteinpfote! Fasanflug wartet auf dich! Er will dich Marderfell Vorstellen!«, rief eine hübsche, graubraune Kätzin mit weißer Schwanzspitze, Pfoten und Bauch.
  »Entschuldige, das ist Amselfeder. Ich muss zu Meinem Mentor Fasanflug. Er will Mich Marderfell aus dem SchattenClan vorstellen.«, entschuldigte sich die Schülerin.
Kaum hatte sie das gesagt war sie auch wieder in der Menge verschwunden.
  »Was stehst du hier so im Wege herum! Der DonnerClan hat wirklich schmlimme Schüler!«, fauchte ein Kater sie an.
  »Tur mir leid… Ich bin das erste mal hier und möchte neue Katzen kennenlernen. Ich heiße Moospfote und mein Mentor ist Weißsturm.«
Moospfote bemühte sich freundlich zu klingen.
  »Ich bin Zackenbart aus dem WindClan. Und jetzt verschwinde von hier!«
  »Ich darf hier sein wo ich will! Nur weil ich aus dem DonnerClan komme und dir das nicht passt, musst du mich nicht herumkommandieren!«, knurrte sie.
  »DonnerClan!«, zischte der rotbraune Krieger mit gezackten Streifen, die ihm seinen Namen gaben.
  »Der DonnerClan hält meine Schwester fest!«, bestätigte ein braun-weiß gefleckter Kater. In der Tat sah dieser so ähnlich aus wie Efeusturm.
  »Merke dir meinen Namen, Moospfote. Ich bin Gewittersturm und werde die Geiselnahme Efeusturms rächen!«, drohte der Krieger.
Moospfote legte die Ohren an.

  »Lass diese Schülerin in Ruhe, Gewittersturm. Sie ist gerade etwas mehr als ein Junges!«, befahl eine weiße Kätzin mit braunen Flecken.
  »Sei still Maisfleck! DonnerClan-Blut ist von Schande befleckt!«, widersetzte sich Gewittersturm.
  »Moospfote!«, rief Silberschweif.
Ihr Vater drängte sich durch den Kreis, den die WindClan-Krieger um sie gebildet hatten. Verängstigt kauerte sie auf dem Boden.
  »Was fällt euch Mäusehirnen ein, eine noch so junge Schülerin so zu bedrohen! Sie hat gerade erst ihre Ausbildung begonnen! Außerdem herrscht heute Nacht Waffenruhe!«, fauchte Silberschweif bedrohlich.
Schützend legte er seinen Schwanz um Moospfote und zog sie von den gereizten Kriegern weg.
  »Ist alles in Ordnung?«, fragt ihr Vater besorgt.
  »J-ja… ich hatte solche Angst!«, wimmert Moospfote.
Eigentlich war es gar nicht ihr Ding wie ein verängstigtes Junges zu heulen, aber diesmal gab sie ihre Angst offen zu. Silberschweif leckte sie tröstend übers Ohr.
Eine rosarote Kätzin mit schwarzen Streifen kam auf sie zu. Neben ihr lief ein brauner Schüler. Ihnen folgten ein grau gefleckter, alter Kater mit einem kleinen, weißen Kater, der einen schwarzen Streifen von des Schnauze bis zur Schwanzspitze hatte. Seine Pfoten waren ebenfalls schwarz, sein Schweif gestreift. Der Schüler sah außergewöhnlich aus, aber Moospfote fand ihn sehr gutaussehend.
  »Hallo Beerenglanz!«, begrüßte Silberschweif die Kätzin mit dem braunen Schüler.
  »Und das ist Kiefernpfote, dein Schüler, von dem du mir erzählt hast, nicht wahr?«
Beerenglanz nickte Stolz.
  »Und das ist wohl deine Tochter. Moospfote oder Federpfote?«, fragte Beerenglanz.
  »Moospfote!«, rief sie, bevor ihr Vater antworten konnte.
  »Ich sehe, die kleine widerspenstige.«, bemerkte die Kriegerin.
  »Hallo Moospfote! Ich bin Kiefernpfote. Wir kommen aus dem SchattenClan.«, begrüßte sie der ältere Schüler.
  »Hallo Kiefernpfote.«
Jetzt traten die anderen zwei Katzen vor. Dem Geruch nach zu schätzen, stammten sie ebenfalls aus dem SchattenClan.
  »Und wer seid ihr?«, fragte Moospfote neugierig.
  »Ich bin Graufleck. Und das hier ist mein Schüler Kohlenpfote. Es ist der Sohn von Vogelstern und Rotstreif. Vogelstern kennst du sicher, aber Rotstreif noch nicht, oder?«, miaute der grau gefleckte Kater.
  »Nein. Aber es klingt so, als sei Kohlenpfote Sohn von edlen Katzen.«, meinte Moospfote respektvoll.
  »Ja, das bin ich! Mein Vater sitzt bei deinen Clangefährten!«, erzählte der Schüler aufgeregt und schnippte mit dem Schwanz in die Richtung.
Moospfote konnte einen orangenen Krieger sehen mit flammenparbenem gezacktem Muster, der bei Wolkenpelz und Dunstfell saß.
  »Du hast tolle Eltern!«, bemerkte sie.
  »Danke!«, rief Kohlenpfote.
Moospfote fand den kleinen Schüler sehr sympathisch.
  »Die große Versammlung ist eröffnet!«, jaulte Vogelstern von der großen Eiche.
Moospfote konnte Flammenstern erkennen, die neben ihr saß. Weißsturm hatte seinen Platz unten auf den Wurzeln, so wie die anderen Stellvertreter auch. Doch Dornenstern saß ebenfalls unten. Wahrscheinlich war er zu alt und schwach, um auf den Baum zu klettern.
  »Wir haben einen neuen Schüler unter uns. Es ist mein Sohn Kohlenpfote, der hier unter uns ist um die edlen Gesetze der Krieger zu erlernen.«, verkündete sie mit leuchtenden Augen.
Die Katzen auf der Lichtung riefen seinen Namen:
  »Kohlenpfote! Kohlenpfote!«
Moospfote stimmte mit ein.
Der Schüler saß etwas verlegen da und blickte zu seiner Mutter hinauf, die seinen Blick erwiderte.
  »Außerdem haben wir reichlich Beute. Der SchattenClan ist so stark wie eh und je!«, schloss sie.
Dann trat Dornenstern vor. Er wankte auf den Pfoten, sprach jedoch laut, wenn seine Stimme auch rau und eingerostet wirkte.
  »Wir haben eine neue Kriegerin! Bärenfell hat ihre Ausbildung abgeschlossen und ist nun Vollwertige Kriegerin des FlussClans. Außerdem haben wir einen neuen Heilerschüler. Eulenflug bildet Abendpfote zur Heilerin aus.«
Erneutes zustimmendes gejaule kam auf:
  »Bärenfell, Abendpfote!«
Sie erkannte eine zart rosa Kätzin mit dickem, lagem Fell dasitzen. Sie wirkte schüchtern und zurückhaltend.
Nun war Flammenstern an der Reihe.
  »Der DonnerClan hat ebenfalls zwei neue Schülerinnen. Heute ist jedoch nur Moospfote anwesend, Federpfote hat Aufgaben im Clan zu erledigen.«
Auch sie erhielt Glückwünsche:
  »Moospfote, Federpfote!«
Aber plötzlich brachen wütende rufe aus den Reihen des Windclans aus.
 Schwalbenstern trat vor, seine Augen waren zu Schlitzen verengt, sein Fell gesträubt.
  »Sicher habt ihr euch alle gefragt wo Efeusturm ist!«, begann er. »Der DonnerClan hat sie entführt!«, jaulte er wütend.
Erschrockene Rufe unter den Katzen breiteten sich aus. Kohlenpfote starrte sie mit großen, entsetzten Augen an. Moospfote versuchte die feindeligen Blicke der Katzen zu ignorieren, aber sie konnte nicht verhindern, dass sich ihr Fell sträubte.
  »Ihr habt die Frist nicht eingehalten, die ich euch eingeräumt hatte. Der WindClan braucht seine zweite Anführerin und wir werden sie mit Krallen und zähnen zurückholen!«, drohte er. »Die Versammlung ist geschlossen!«
  »Nein! Wartet!«, rief Flammenstern. »Weißsturm war mit seiner Schülerin Moospfote auf Patrouille. Weißsturm, berichte, was passiert ist! Der DonnerClan lässt sich nicht als Verbrecher darstellen!«
Weißsturm richtete seinen Blick auf die Katzen, die nun gebannt auf seine Worte warteten.
  »Moospfote und ich waren an der WindClan-Grenze, als wir ein Rascheln hörten. Eine Katze befand sich unmittelbar auf unserer Seite des Territoriums. Als wir dem auf den Grund gehen wollten, stürzte ein Ast vom Baum und traf Efeusturm. Gemeinsam befreiten wir sie und brachten sie zu unserem Heiler. Wir haben sie nicht entführt! Außerdem wüssten wir gerne, was sie auf unserer Seite des Territoriums zu suchen hatte!«
  »Ich habe die Grenze überschritten, weil ich ein Eichhörnchen gejagt habe. Efeusturm wollte mich zurückholen!«, erhob sich eine Stimme unter den Katzen.
Als Moospfote den Hals reckte, sah sie einen stämmigen, dunkelbraunem Fell und hellem Muster.
  »Das ist Erlenpfote aus dem WindClan.«, flüsterte ihr Silberschweif ins Ohr.
Doch kaum hatte der Schüler gesprochen, brach sein Clan schon auf. Der FlussClan machte sich ebenfalls auf den Weg, nur der SchattenClan blieb noch gemeinsam mit dem DonnerClan.
  »Niemand wusste, dass es einen solchen Konflickt zwischen euch gibt.«, meinte Beerenglanz.
  »Ja, das kann sein. Aber wir haben Efeusturm nicht entführt! Wir sind keine Katzen mit dunklem Herz!«, behauptete Moospfote.
  »Das habt ihr ja klargestellt.«, meinte Graufleck ausdruckslos.
  »Also ich glaube dir!«, vertrat Kohlenpfote seinen Standpunkt.
  »Ja, wir haben niemals gesagt, dass wir ihnen nicht trauen, Kohlenpfote.«, stellte Kiefernpfote klar.
  »Wir müssen jetzt gehen. Flammenstern führ die anderen schon von der Insel.«, meinte Silberschweif.
Moospfote folgte ihrem Vater. Tatsächlich waren die anderen DonnerClan-Katzen schon von der Insel verschwunden. Schnell eilten die beiden Katzen Pelz an Pelz voran, bis sie endlich das DonnerClan Territorium erreichten. Die anderen Clanmitglieser waren stehen gebrieben, mit gefletschten Zähnen und gesträubtem Fell.
  »WindClan!«, fauchte Flammenstern verächtlich.
  »Sie sind in unser Territorium eingedrungen!«, jaulte Wolkenpelz zornig.
  »Wir müssen sie einholen!«, rief Weißsturm.
  »Moospfote! Komm her!«, befahl er.
Flammenstern hatte ihre Schritte bereits beschleunigt und die Katzen eilten nun in Richtung Lager.
Moospfote lief zu ihrem Mentor und wartete auf seine Anweisungen.
  »Du bleibst immer bei einem Krieger. Verteidige dein Lager und denk an das, was ich dir beigebracht habe. Schau, wie du den Katzen helfen kannst, aber riskiere nicht zu viel. Du bist noch nicht lange im Training, gerade mal einen Mond.«, bestimmte der weiße Kater.
  »Und du?«, fragte Moospfote.
Sie konnte das ängstliche Zittern in ihrer Stimme nicht unterdrücken.
  »Mach dir keine Gedanken um mich. Ich werde da sein, wenn du mich brachst.«, meinte er bloß und preschte nach vorne zu Flammenstern.
Es war Moospfotes erster Kampf, und sie war ziemlich aufgeregt. Sie sah Spatzenpfote, die vor ihr lief, mit gesträubtem Fell. Ihr musste es ähnlich gehen. Sturmpfote war auch ausnahmsweise nervös.
Als sie kurz vor dem Felsenkessel waren, konnten sie Lautes entsetztes Kampfgeschrei hören.
  »Die sind Krähenfraß!«, jaulte Sturmpfote wütend.
Flammenstern leis einen Kampfschrei ertönen und rannte durch den Dornentunnel auf die Lichtung.D5e anderen folgten dicht hinter ihr. Moospfote war die letzte. Plötzlich sah sie eine Katze aus dem Gebüsch preschen. Es war Zackenbart, der gerade eben noch auf der großen Versammlung war. Hinter ihm humpelte Efeusturm.
  »Halt!«, befahl Moospfote mutig.
Zackenbart knurrte bedrohlich und rief:
  »Du willst dich mir widersetzen, Junges?«
Seine Worte waren verächtlich.
  »Keinen Schritt weiter!«, warnte ihn Moospfote.
Sie musterte ihn. Er hatte einige Kratzer an seiner Schulter, Fellfetzen hingen herunter. Schnell schaute die Schülerin auf seinen Bauch, um sich nicht zu verraten.
  »Ohje, Weißsturm hat dich nicht gut trainiert… - Autsch!«
Moospfote hatte sich auf seine Schulter gestürzt und fest hineingebissen. Zackenbart war aus dem Gleichgewicht gekommen und umgefallen. Voller Wut und Kämpfergeist fuhr sie ihm mit ihre Krallen über den Bauch. Der Kater jaulte auf vor Schmerz.
  »Du solltest dich noch lange an mich erinnern, Zackenbart!«, knurrte sie.
Der Kater floh ins Gebüsch, seine Wunden waren für einen weiteren Kampf zu stark.
  »Efeusturm, bleib hier!«, rief Moospfote, als sie die Kätzin nicht sehen konnte.
  »Efeusturm! Du bist gefangene des DonnerClans!«
Moospfote folgte ihrer Duftspur. Als sie durch die Busche brach, entdeckte sie die Zweite Anführerin des WindClans. Las Efeusturm Moospfote bemerkte beeilte sie sich. Aber sie war zu langsam durch ihren verletzten Hinterlauf.
Als Moospfote bemerkte, wo Efeusturm hinlief, kreischte sie laut:    »Efeusturm, nicht! Dort ist die Klippe!«
Die Schülerin machte einen Satz, um die Katzin aufzuhalten, aber es war zu spät. Mit einem Entsetzensschrei stürzte sie den Hang hinab.
  »Nein!«, jaulte Moospfote aufgebracht.
Als auch sie den steilen Abhang sah, blickte sie über die Kante hinunter. Der Körper der Kätzin lag ganz still da, die Augen glasig, die Beine merkwürdig verrenkt. Sie blutete aus dem Mund.
  »Oh nein…«, wimmerte Moospfote.
Schnell raste sie zurück zum Tunnel und sprang auf die Lichtung. Sie sah Weißsturm mit Schwalbenstern ringen. Der weiße Krieger drohte zu verlieren. Immer noch aufgebracht rammte sie den Anführer in die Seite, sodass er hart auf dem Boden Aufschlug. Schnell nagelte sie den Kater am Boden fest.
  »Schwalbenstern! Hör auf zu kämpfen, es hat keinen Sinn mehr!«, rief sie verzweifelt.
Schwalbenstern zögerte.
  »Warum sollte ich das tun, junge Schülerin?«, knurrte er.
  »Efeusturm kann nicht entkommen. Sie ist…«, versuchte Moospfote zu erklären.
Schwalbenstern riss sich aus ihren Krallen.
  »Was ist mit Efeusturm?!«, fragte er verängstigt.
Moospfote konnte nicht mehr antworten. Ein WindClan-Krieger hatte die Kätzin schon gefunden.
  »Schwalbenstern!«, heulte Baumpelz, ein brauner Kater mit dunklen Pfoten.
Alle Katzen hörten auf zu Kämpfen. Alle starrten wie gebannt auf den jungen Krieger, der über einer Leblosen Katze stand.
  »Was ist, Baumpelz?«, fragte Schwalbenstern mit zitternder Stimme.
  »Efeusturm ist tot!«, jaulte Baumpelz entsetzt.
Ein anderer Krieger eilte zu Baumpelz, sie erkannte den gefleckten Kater. Es war Gewittersturm, der Bruder von Efeusturm.
  »Das werdet ihr bezahlen!«, versprach Gewittersturm.
Auch Schwalbenstern war an seine tote Gefährtin herangetreten. Der Kater kauerte neben der Kätzin nieder, seine Augen trüb und leer.
  »Schwalbenstern, wir haben das nie gewollt. Sie muss von dort oben heruntergestürzt sein. Es war ein Unfall.«, versuchte Flammenstern sich zu rechtfertigen.
  »Was ist passiert Moospfote?«, flüsterte Weißsturm eindringlich.
Doch die Schülerin schüttelte nur traurig den Kopf.
  »Das ist alles allein deine Schuld! Mörder, ihr seid alles Mörder! Und ihr werdet dafür bezahlen müssen, das verspreche ich euch. Ihr werdet alle bereuen, was ihr getan habt!«, kreischte Schwalbenstern außer sich.
  »Ihr solltet jetzt besser gehen…«, entschied Flammenstern plötzlich kalt.
  »Ja, bloß raus hier aus diesem Verderbnis!«, knurrte Gewittersturm hasserfüllt.
Erschrocken sprang Moospfote zur Seite, als Schwalbenstern seine Zähne fletschte. Gewittersturm folgte ihm mit dem toten Körper seiner Gefährtin.
Als sich die WindClan-Katzen zurückgezogen hatte, eilte Eichenblatt aus seinem Heilerbau. Er trug Spinnenweben, die zum Stillen der Blutung dienten, und sah sich nach den Katzen mit den Schlimmsten verletzungen um. Moospfote blickte Weißsturm an, doch der hatte nur ein paar Kratzer abbekommen.
  »Bist du denn vollkommen verrückt geworden? Du unterbrichst meinen Kampf, um Schwalbenstern zu erzählen, dass Efeusturm tot ist!«, warf er ihr vor.
  »Verstehst du denn überhaupt nichts? Sie haben wegen Efeusturm angegriffen! Sie sollte zurückgebracht werden! Ich bin Schuld an ihrem Tod!«, kreischte sie wütend und verzweifelt.
Erschrocken blickte sie ihr Mentor an.
 »Nein, bemüh dich erst gar nicht, etwas zu sagen! Sei einfach still und lass mich endlich in frieden, du uneinsichtiger… Flohpelz!«, jaulte sie zornig.
Enttäuscht wandte sie sich von ihrem fassungslosen Mentor ab und rannte über die grasbewachsene Lichtung.
  »Federpfote!«, heulte eine Stimme.
Moospfotes Herz explodierte förmlich, als sie den Klagelaut ihrer Mutter hörte. Sie wirbelte herum und entdeckte ihre Schwester auf dem Boden, sie blutete heftuhh aus einer wunde an ihrer Schulter. Sie rannte zu ihrer Schwester und kauerte sich neben sie.
  »Schwesterherz!«, wimmerte sie.
  »Moospfote!«, maunzte ihre Schwester schwach.
  »Halte durch, Eichenblatt kommt gleich!«, redete ihr Moospfote sanft zu.
  »Keine sorge, es ist nur ein tiefer Kratzer. Ich bleibe bei dir.«, krächzte Federpfote mit leuchtenden Augen.
Nun war auch Eichenblatt herangetreten und presste vorsichtig eine Lage Spinnenweben auf den Kratzer.
  »Keine Sorge, Lichtschweif, sie wird es auf jeden fall überstehen. Morgen sollte sie wieder fit sein.«, beruhigte er ihre Mutter.
Erleichtert atmete Lichtschweif aus. Moospfote kuschelte sich an sie und tröstete sie.

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Kapitel 5
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»Halt deinen Schwanz still, Moospfote!«, riet Windpfote.
Moospfote schlich sich gerade an eine Amsel heran. Sie hatten den Auftrag den ganzen Tag jagen zu gehen. Windpfote wollte sich ihr anschließen und Moospfote kam das ganz recht. Sie hatte zwar mit Weißsturm hart trainiert, aber sie war immer noch wütend auf ihn. Nachts verfolgten sie Albträume von Efeusturm, wie sie von der Felswand stürzte und sich alle Glieder brach.
Moospfote machte einen gut gezielten Satz und grub ihre Krallen in den Vogel. Mit einem sauberen Biss tötete sie die Beute und verscharrte sie unter der Erde, um sie später wieder einzusammeln, wenn sie zurück zum Lager gingen.
  »Guter Fang!«, bemerkte Windpfote mit leuchtenden Augen.
  »Danke!«, meinte sie verlegen.
Windpfote und sein Bruder waren wirklich sehr verschieden. Sturmpfote war ein eingebildetes Mäusehirn und Windpfote war ein starker und hilfsbereiter junger Kater. Umso älter Moospfote wurde, desto mehr fiel ihr auf, dass ihre Schwester wohl Sturmpfote als Gefährten nehmen würde. Diese Vorstellung machte sie wütend, auch wenn es nichts daran zu ändern war. Federpfote war glücklich, das zählte.
  »Meinst du, dass Feuerpfote seine Prüfung heute Schafft?«, fragte Windpfote.
Moospfote erinnerte sich, wie aufgeregt der dunkelrote Kater bei Sonnenaufgang war. Flammenstern hatte mit seiner Mentorin gesprochen und die drei Katzen waren zusammen aus dem Lager gegangen.
  »Ich glaube schon.«, meinte Moospfote. »Er ist alt genug und hat viel Erfahrung gesammelt. Aber ich warte schon sehnsüchtig auf meine Kriegerzeremonie!«
  »Ich auch! Wie wird wohl mein Kriegername lauten?«
  »Windsturm oder Windschweif…?«, überlegte sie laut.
  »Naja, hoffentlich findet Flammenstern einen guten für mich!«, meinte der graue Kater aufgeregt.
  »Das hoffe ich auch. Ich will einen wilden Namen, also nicht so etwas wie Moosblüte oder Moostau…!«
  »Du bekommst den allerschönsten, denn du bist die schönste Katze die ich kenne!«, schnurrte Windpfote.
Moospfote zuckte zusammen.
  »D-danke… Du bist auch schön.«, stammelte sie.
Windpfote sah sie mit leuchtenden Augen an. Moospfote wurde es heiß unter dem Pelz. Sie wollte den Schüler nicht enttäuschen, aber im Moment wollte sie nach keinem Gefährten Ausschau halten. Erst musste sie eine gute Kriegerin abgeben, dann blieb Zeit für anderes.
  »Lass uns zurückgehen. Es ist Sonnenhoch und ich wette, Feuerpfote hat die Prüfung sicher bestanden.«, schlug sie vor.
Windpfote nickte nur und hob sein Kaninchen auf. Moospfote trug ihre Amsel.
Im Lager angekommen, brachte sie die Beute sofort zu Eichenblatt, der heute sehr gut gelaunt zu sein schien.
  »Hallo Moospfote! Danke!«
Moospfote verschwand wieder, sobald sie ihre Frischbeute abgelegt hatte.
  »Spatzenpfote!«, rief sie ihrer Freundin zu.
Die Schülerin sah zu ihr hinüber und sprang auf sie zu.
  »Na, wie war das Jagen mit Windpfote?«, fragte sie mit leicht spöttischer Stimme.
  »Hey! Ich konnte ihm seine Bitte doch nicht abschlagen!«, verteidigte sich Moospfote.
  »Uuuund? Seid ihr euch näher gekommen?«, fragte sie aufgeregt.
  »Wie auch immer man das nennen mag!«, grummelte Moospfote.
  »Also nix mit Liebe?«, schlussfolgerte Spatzenpfote mit gespielter Enttäuschung.
  »Na warte, das kriegst du zurück!«, schnurrte Moospfote.
Spielerisch wälzten sich die beiden im Kampf auf dem Boden.
  »Gewonnen!«, triumphierte Spatzenpfote.
  »Und jetzt?«, forderte Moospfote sie heraus.
  »Dafür musst du den ganzen Tag an Windpfote kleben!«, bestimmte Spatzenpfote.
  »Niemals, das mache ich nicht!«, protestierte Moospfote.
  »Ein Krieger befolgt Befehle, wenn er einen Kampf verloren hat!«, meinte Spatzenpfote.
  »Na warte, das nächste mal gewinne ich!«
Moospfote sah sich also nach Windpfote um. Er saß neben seinem Bruder vor dem Bau der Schüler und gab sich mit ihm die Zunge.
Schnell hopste sie zu ihm und rief:
  »Magst du dir mit mir die Zunge geben?«
Windpfotes Augen begannen augenblicklich zu leuchten. Sturmpfote zeigte ihr seine Zähne und drehte sich mit einen Verächtlichen Blick um.
  »Na klar!«, antwortete Windpfote.
 Plötzlich kamen Katzen Auf die Lichtung gerannt. Es war die Prüfungspatrouille. Flammenstern sprang sofort auf die Hochnase und rief:
  »Alle Katzen, die in der Lage sind, sich ihre Beute zu fangen, mögen sie hier unter dem Hochstein versammeln!«
Alle Katzen traten aus den Höhlen und bildeten einen Kreis.
  »Feuerpfote, trete vor!«, befahl Flammenstern.
  »Dunstfell, ist Feuerpfote bereit, ein vollwertiger Krieger des DonnerClans zu werden?«, fragte sie.
Dunstfell machte einen Schritt nach vorne und nickte.
  »Ja, das ist er.«
  »Dann frage ich dich vor Angesicht des SternenClans: Wirst du das Gesetz der Krieger in allen Situationen befolgen und für deinen Clan dasein, auch wenn es dein Leben kostet?«
Feuerpfote blickte hinauf zu seiner Anführerin und antwortete mit fester Stimme:
  »Ja, das werde ich.«
Flammenstern senkte anerkennend den Kopf.
  »Ich, Flammenstern, die Anführerin des DonnerClans bitte die Ahnen des SternenClans auf diesen Schüler hinabzublicken. Er hat hart trainiert um eure edlen Gesetze zu lernen. Feuerpfote, von nun an wirst du Feuersturm heißen. Ich weiß deinen Mut und deinen Ehrgeiz zu schätzen und heiße dich als vollwertigen Krieger des DonnerClans willkommen.«
  »Feuersturm, Feuersturm!«, jubelten die DonnerClan-Katzen.
Flammenstern glitt von der Hochnase zu Feuersturm und legte ihre Nase auf seine Stirn. Im Gegenzug leckte Feuersturm seine Anführerin Respektvoll an der Schulter.
Viele Katzen gratulierten dem Kater, doch Flammenstern war wieder auf die Hochnase geklettert. Allmälich legte sich die Aufregung und es herrschte Stille.
  »Es sind schwere Zeiten angebrochen. Der DonnerClan braucht neue Schüler. Minzjunges, Salbeijunges, tretet bitte vor.«, sprach die flemmenfarbene Kätzin.
  »Salbeijunges, du wirst, bis du dir deinen Kriegernamen verdient hast, Salbeipfote heißen. Lichtschweif, du bist eine noble Kriegerin. Ich vertraue dir diese Schülerin an, nachdem deine Jungen nun mitten in ihrer Ausbildung sind. Gib deine Jagdkünste an diese Schülerin weiter und ich bin überzeugt, dass sie wie du, eine großartige Kriegerin sein wird.«, entschied Flammenstern.
Erfreut trat Moospfotes Mutter vor und berührte die weiß-braun gefleckte Schülerin mit der Nase.
  »Minzjunges. Von nun an wirst du Minzpfote heißen. Du hast dich entschieden, einen besonderen Weg einzuschlagen. Eichenblatt wird dich zu einer hervorragenden Heilerin ausbilden. Bei Halbmond wirst du zum Mondsee reisen und auch vom SternenClan als Schülerin akzeptiert werden.«, schloss sie.
Moospfote riss überrascht die Augen auf.
  »Minzpfote ist die Richtige.«, meinte Windpfote neben ihr.
  »Ja.«, bestätigte Moospfote.
Moospfote spürte flammen der Liebe in sich lodern. Sie öffnete die Augen und fand sich in einem Wald wieder. Sie sah eine blaugraue Kätzin auf einem flachen Stein sitzen. Ihr kam das Fell bekannt vor. Sie blickte hinüber auf die andere Seite des Flusses.
  »Glaubst du, der FlussClan schnappt sich die Sonnenfelsen zurück?«, fragte eine Stimme hinter Moospfote.
Erschrocken wirbelte sie herum und sah eine weiße Kätzin mit schwarzen Ohren und blauen Augen vor sich stehen. Es traf sie wie ein Schlag. Das waren doch die Geschwister, die um ihre Mutter Mondblüte getrauert hatten!
  »Ich weiß es nicht, Schneepelz…«, seufzte sie.
Moospfote glaubte, dass die blaugraue Kätzin an etwas anderes dachte, als an die nächste Schlacht. Sie spürte erneut das warme Gefühl von liebe und die schmerzende Enttäuschung, als sie über den Fluss sah.
  »Sind nicht alle Katzen gleich? Ich meine, wir sind alle Katzen, wir kämpfen für das Gleiche und wir haben dieselben Kriegerahnen…«, überlegte die Blaugraue.
  »Du hast dich in ihn verliebt, Blaupelz!«, rief Schneepelz entrüstet.
  »In wen?«, fragte Blaupelz verspannt.
  »Na in diesen eingebildeten Kater vom FlussClan! Eichenherz! Blaupelz, es verstößt gegen das Gesetz der Krieger!«
  »Ich habe doch nur überlegt. Ich will ja gar keinen Gefährten! Ich bin Kriegerin und keine säugende Königin!«
Schneepelz sah sie verletzt an.
  »Schneepelz, hör zu… Ich sagte nicht, dass es schlecht ist… Weißjunges ist toll-«, stotterte Blaupelz.
  »Hör auf dich herauszureden! Du bist dem DonnerClan nicht mehr treu! Nicht einmal deiner Schwester!«, fuhr Schneepelz sie an.
Wütend marschierte sie davon, Blaupelz hinterher. Moospfote folgte ihnen. Als sie sich in einem Gestrüpp wiederfand, entdeckte sie auch Blaupelz und Schneepelz.
  »Vorsicht, ich sehe SchattenClan-Katzen!«, miaute Schneepelz.
  »Warte, bleib hier-«, begann Blaupelz.
Doch Schneepelz war schon mit gesträubtem Fell aus ihrem Versteck gesprungen und warf sich auf eine Katze aus der Patrouille.
  »Schneepelz, warte…«, versuchte Blaupelz ihre Schwester zu besänftigen.
  »Nein Blaupelz, zu lange saß ich in der Kinderstube und habe das Tageslicht nicht gesehen!«
Die verschreckten Eindringlinge flüchteten. Schneepelz war ihnen dicht auf den Fersen.
  »Schneepelz, nicht! Der Donnerweg!«, jaulte Blaupelz aufgebracht.
Doch Schneepelz schien sie nicht zu hören. Die Patrouille war über den grauen Streifen gerast, als Schneepelz von einem riesigen Ungeheuer zerschmettert wurde.
  »Nein! Schneepelz, steh auf. Wir sind gleich zurück im Lager, der Heiler wird sich um dich kümmern, benutze nur die Pfoten-«, wimmerte Blaupelz, als sie sich über ihre tote Schwester beugte.
  »Oh nein! B-blaupelz…«, flüsterte Moospfote.
Doch die trauernde Kätzin schien sie nicht zu hören.
Tief in ihrem Inneren spürte sie den vernichtenden Schmerz über diesen Verlust. Sie schloss die Augen und fand sich in Blaupelz‘ Gedanken wieder. Im Schnelldurchlauf sah sie Blaupelz und ihre Schwester. Als junge, die auf einer Lichtung spielten, um ihre Mutter trauerten, zu Kriegern ernannt wurden, wie Schneepelz ihr Junges zur Welt brachte, bis hierher.
Sie hatte das Gefühl von innen zerschmettert zu werden. Alles fiel für sie zusammen. Der Schmerz brannte in ihrer Seele und Moospfote ließ ihn raus. Sie schrie, so laut sie konnte.
  »Moospfote! Moospfote, was ist passiert?!«, rief jemand neben ihr.
  »Schneepelz nein!«, jaulte Moospfote außer sich.
Dann erkannte sie Federpfote, die sie entsetzt ansah.
  »Schneepelz? Wer ist das denn?«
  »Ich… ich habe bloß geträumt…«, brachte Moospfote hervor.
So musste es sich also anfühlen, wenn man seine Schwester verlor… oder seinen Bruder. Bilder von Efeusturm und Gewittersturm kamen ihr in den Sinn. Vollkommen verstört krallte sie sich am Boden fest.
Was habe ich nur getan?! Er leidet wie Blaupelz! Ihr Blick verschwamm. Eine Welle der Schuldgefühle übermannte sie.
  »Oh Moospfote!«, rief Federpfote und presste sich an sie.
  »Ich habe Efeusturm getötet!«, wimmerte Moospfote.
  »Was ist passiert, Moospfote…«, fragte Federpfot.
  »Sie stand plötzlich vor mir, an ihrer Seite war Zackenbart. Ich griff ihn an und konnte ihn vertreiben. Efeusturm bekam Panik und versuchte zu flüchten, dabei ist sie die Felswand hinuntergestürzt. Ich bin eine Mörderin, Federpfote!«, jaulte Moospfote verzweifelt.
  »Nein! Es war ihr Schicksal!«, versuchte Federpfote sie zu beruhigen.
Moospfote stand mit funkelnden Augen auf.
  »Ich sage dir eines, Federpfote. Wenn auch nur eine Katze dafür sterben muss, dann bin ich ganz alleine daran schuld!«
Erschrocken sah Federpfote ihre Schwester an.
  »Wenn eine Katze ihr leben verliert, weil Efeusturm sterben musste, dann werde ich mir das niemals verzeihen können! Ich weiß, was es bedeutet, seine Schwester oder seinen Bruder zu verlieren. Gewittersturm wird sich rächen!«
  »Woher willst du dieses Gefühl kennen? Ich bin doch nicht tot, oder etwa doch?«, fragte Federpfote heftig.
  »Ich… Ach ist doch egal!«, fuhr Moospfote sie an und verlies den Bau.
  »Moospfote, was ist mit dir denn los?!«, fragte Weißsturm.
  »Nichts, außer dass ich damit leben muss, ein Katzenleben auf dem Gewissen zu haben!«, fauchte sie.
  »Du hast was ?«, entrüstete sich ihr Mentor.
  »Efeusturms Tod ist meine Schuld! Und wenn irgendeiner Katze deshalb etwas passiert, werde ich auch daran schuld sein!«
Dann stapfte Moospfote mit schleifendem Schwanz davon.
  »Moospfote, warte.«, miaute Weißsturm.
  »Warum sollte ich auf dich warten? Und jetzt sag nicht, weil du mein Mentor bist! Das ist mir egal! Ich kann keine treue DonnerClan-Kriegerin mehr werden. Ich habe eine Katze getötet!«
  »Moospfote! Jetzt reiß dich doch endlich mal zusammen! Du kannst nicht immer vor allen Problemen davonrennen! Ein richtiger Krieger stellt sich ihnen!«, knurrte Weißsturm böse.
Moospfote ignorierte ihn und lief einfach weiter, Weißsturm dicht an ihrer Seite.
  »Was willst du noch?! Ich sagte, du sollst mich in Frieden lassen!«, schrie Moospfote zornig.
  »Ich werde dir folgen, Moospfote. Egal was auch immer passieren wird, du bist immer meine Schülerin.«, erklärte Weißsturm ruhig.
Moospfote sah den Kater unsicher an.
  »Das glaube ich kaum. Schlimmer als Windpfote ist keiner.«, meinte sie.
  »Wenn man eine Katze liebt, dann tut man alles für sie.«, meinte Weißsturm und seine Augen leuchteten.
Moospfote blieb der Mund offen stehen. War das gerade eine Liebeserklärung gewesen?
  »Steh nicht so herum, Heckendorn und Federpfote warten auf uns. Wir wollen an die SchattenClan-Grenze.«, bestimmte er, als wäre eben nichts gewesen. Verwirrt willigte Moospfote ein und gemeinsam kehrten sie zum Felsenkessel zurück. Und tatsächlich, Heckendorn, der Bruder ihrer Mutter, und seine Schülerin Federpfote standen schon am Brombeertunnel.
  »Können wir jetzt gehen?«, fragte Heckendorn.
  »Ja, Heckendorn! Ich bin jetzt bereit.«, antwortete Moospfote, bevor es ihr Mentor tun konnte.
Ihre Worte klangen scharf. Heckendorn blickte sie anerkennend an.
  »Auf geht’s!«, rief Federpfote.
Weißsturm ging mit Heckendorn voraus, Moospfote lief neben Federpfote her.
  »Tut mir leid wegen eben… Ich hatte schlecht geträumt und machen mir eben Vorwürfe…«, versuchte Moospfote zu erklären.
  »Schon gut, Schwesterherz. Ich liebe dich trotzdem, ganz so, wie du bist.«, verzieh Federpfote.
  »Ich dich auch…«
Federpfote sah ihre Schwester an.
  »Sicher? Auch wenn ich einmal die Gefährtin von Sturmpfote sein werde?«, fragte sie aufgeregt.
Moospfote knirschte mir den Zähnen.
  »Solange er dich glücklich macht…«, seufzte sie. »Aber erwarte nicht von mir, dass ich ihn deshalb mögen werde«, fügte sie hastig hinzu.
  »Na gut. Aber denk daran, wir sind dann eine richtige Familie! Wie Lichtschweif, Heckendorn, Silberschweif und wir!«, gluckste sie.
  »Lässt sich nicht vermeiden.«, konterte sie.
Federpfote schnurrte.
  »Das ist meine Schwester!«, rief sie vergnügt.
  »Jaja…«
  »Ruhe ihr zwei! Wir sind jetzt ganz nah an der Grenze. Wir wollen doch keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns ziehen!«, zischte Heckendorn, blieb aber freundlich.
  »Er ist ein guter Mentor.«, flüsterte Federpfote, als hätte sie Moospfotes Gedanken gelesen.
  »Weißsturm auch… Er ist so-«, schwärmte sie.
  »Ruhe jetzt!«, befahl Heckendorn noch einmal.
Schuldbewusst legte Federpfote die Ohren an.
  »Entschuldige Heckendorn.«
Weißsturm starrte unverwandt auf die andere Seite des Waldes. Moospfote konzentrierte sich nun ebenfalls auf ihre Umgebung. Sie kauerten in einem Gebüsch. Von dort aus konnte sie einen alten, abgenutzten Weg sehen.
  »Was ist das?«, fragte Moospfote neugierig.
  »Der alte Donnerweg.«, flüsterte Weißsturm.
  »Donnerweg?«
  »Früher sind hier wohl die Monster vorbeigerauscht.«, erklärte ihr Mentor.
  »Monster?«
  »Darin bewegen sich die Zweibeiner.«
Als Moospfote ihn verständnislos ansah, fügte der weiße Kater hinzu:
  »Es wird ein Tag kommen, an dem dir alles klar werden wird.«
Heckendorn gab ihnen mit dem Schwanz ein Zeichen, weiterzugehen. Weißsturm trat aus dem Versteck und prüfte konzentriert die Luft.
  »Nichts. Lasst uns zum Fluss gehen und schauen, ob alles ruhig ist.«, schlug er vor.
Heckendorn marschierte vor ihm her, Moospfote blieb dicht bei ihrem Mentor. Als sie die Luft einsog, konnte sie das Wasser riechen und hörte auch das sanfte plätschern des Flusses.
  »Man könnte glatt denken, dass sie die Fischgesichert immitieren wollen.«, schnurrte Federpfote.
  »Der FlussClan hat genauso viel Ehre verdient wie all die anderen Clans. Sie könnten uns auch Eichhörnchenpelze nennen.«, wies Heckendorn seine Schülerin zurecht.
  »Also ich kann damit leben. Fische sind eklig und nass.«, kommentierte Moospfote.
  »Moospfote! Zeige bitte mehr Respekt vor den anderen Katzen!«, schimpfte Weißsturm.
  »Ich glaube er empfindet Sympathie für die Fischgesichter.«, flüsterte Moospfote an Federpfote gewandt.
  »Das hab ich gehört!«, meinte Weißsturm mit gespielter Empörtheit. In Wirklichkeit amüsierte er sich.
Kaum kam der dunkle, fast schwarze Fluss in Sicht, ertönte ein lautes krachen im Unterholz und eine kleine Gestalt raste in Richtung Fluss. Moospfote konnte erkennen, dass die Katze etwas jagte.
  »SchattenClan!«, knurrte Federpfote.
  »Bleib hier.«, zischte Moospfote und raste hinter der Katze her.
Doch sie war zu langsam. Das kleine etwas platschte ins Wasser und ruderte Hilflos mit den Pfoten.
  »H-Hilfe!«, gurgelte die braun-weiße Kätzin.
  »Moospfote, was fällt dir ein?! Hast du Ameisen im Kopf?!«, jaulte Weißsturm wütend.
  »Nein, es ist Salbeipfote! Wir müssen ihr helfen.«
Sofort verstummte das Knurren in der Kehle ihres Mentors. Ehe er sie erreichen konnte, kletterte Moospfote auf einen Stein. Unter ihr war das reißende Wasser, das an ihrem Stein leckte.
  »Versuche mehr zu mir  zu schwimmen!«, rief Moospfote.
Salbeipfote befolgte ihren Rat und erreichte den Stein. Hilflos kratzten ihre Krallen am Stein, doch Moospfote senkte ihren Kopf und packte das Nackenfell der Schülerin. Ihre Beine waren kräftig und es gelang ihr, die Kätzin auf den Stein zu ziehen.
  »Weißsturm, hilf mir sie ans Ufer zu tragen!«, befahl sie.
Weißsturm sprang auf einen Stein in ihrer Nähe und packte Salbeipfote. Die kleine Schülerin befand sich inmitten einer Panikattake und schlug unkontrolliert mit ihren Pfoten herum. Einmal kratzte sie sogar Weißsturm. Als er sie endlich am Ufer ablegen konnte, wandte sich Salbeipfote ab Boden.
  »Wir sollten sie zu Eichenblatt bringen…«, schlug Heckendorn vor.
  »Salbeipfote?! Wo bist du?«, jaulte eine Katze.
Eine Gestalt trat aus dem Unterholz. Es war Salbeipfotes Mentorin, Lichtschweif. Ihre Augen wurden größer, als sie ihre Patrouille sah. Ihre Schülerin, wie sie sich auf dem Boden wandte und schrie und ihre Tochter Moospfote, die noch immer auf einem lockeren Stein kauerte.
  »Moospfote! Was machst du denn da?«, heulte Lichtschweif angsterfüllt.
  »Ich habe soeben deine Schülerin vorm Ertrinken gerettet…«, gab sie zurück.    
   »Ohje…«, war das einzige, was Lichtschweif hervorbringen konnte.
Moospfote sprang zurück ans Ufer.
  »Moospfote, würdest du Salbeipfote mit Lichtschweif zurück zum Lager bringen?«, bat sie ihr Mentor Weißsturm.
Moospfote nickte. Lichtschweif hatte die Schülerin schon aufgehoben. Gemeinsam eilten sie zurück zum Felsenkessel. Kaum waren sie auf die Lichtung getreten, wurden sie mit große Augen angesehen. Doch die Beiden achteten nicht darauf und begaben sich direkten Weges zum Heilerbau.
  »Was ist passiert?«, fragte Eichenblatt ernst.
  »Sie ist in den Fluss gefallen und geriet in Panik.«, berichtete Moospfote, bevor ihre Mutter etwas sagen konnte.
Inzwischen war Salbeipfote bewusstlos geworden, atmete jedoch ziemlich schnell.
Eichenblatt stupste die Schülerin an, sodass sie aufwachte.
  »Salbeipfote? Kannst du mich hören?«, fragte er.
  »Ja…«, antwortete Salbeipfote schwach. »Wasser! Überall ist Wasser! Hilfe!«, begann sie plötzlich zu schreien.
Panisch wirbelten ihre Pfoten durch die Luft. Man konnte erkennen, wie sie ihre verzweifelten Versuche imitierte, über Wasser zu bleiben.
  »Wir müssen sie beruhigen. Ich gebe ihr jetzt Mohnsamen, tretet bitte zurück, sie könnte euch kratzen.«, beschloss Eichenblatt.
Moospfote und Lichtschweif befolgten den Befehl des Heilers und zogen sich etwas zurück. Kaum hatte Eichenblatt der kleinen Schülerin die Schwarzen Kügelchen verabreicht, beruhigte sie sich etwas, bis sie schließlich einschlief.
  »Zum glück ist Minzpfote gerade bei den Ältesten…«, meinte Eichenblatt, wohl eher zu sich selbst.
  »Ich hätte besser aufpassen sollen…«, flüsterte Lichtschweif verstört.
  »Vielleicht.«
  »Lass uns rausgehen und etwas fressen. Mehr können wir jetzt nicht tun.«, beschloss Moospfote.
Als sie aus dem Bau trat, spürte sie, dass ihre Mutter ihr folgte.
  »Dass du dein Leben für sie riskiert hast…«, begann Lichtschweif.
  »Schon gut, ich bin dem DonnerClan treu.«, stellte Moospfote klar.
  »Wärst du dabei gestorben… Ich hätte mir das nie verziehen!«, hauchte Lichtschweif.
  »Ich bin aber nicht gestorben. Und jetzt nimm einen Bissen von dieser Maus!«, erwiderte Moospfote.
  »Moospfote, ich muss sagen, dass du dich großartig verhalten hast!«, rief Weißsturm ihr zu.
Der Schülerin wurde von dem Lob ganz warm ums Herz.
  »Danke!«, schnurrte sie.
  »Komm, ich möchte zu Flammenstern und mit ihr etwas besprechen.«
  »O-okay… Ich komme!«, antwortete Moospfote verwirrt.
Schnell kletterte Moospfote die Hochnase hinauf.
  »Weißt du noch, wie du das erste mal die Felsenwand hochgeklettert bist?«, fragte Weißsturm sanft.
  »Oh ja.«
Moospfototes Herz schlug schneller. Mit leuchtenden Augen sah sie Weißsturm an.
Ein Feuer brannte in ihr, ein Gefühl der Zuneigung hüllte sie ein.
  »Lass uns da rein gehen.«, schnurrte Weißsturm.
Er betrat die Höhle, Moospfote folgte ihm.
  »Hallo Weißsturm!«, wurde ihr Mentor begrüßt.
  »Sei gegrüßt, Flammenstern. Ich habe etwas auf meinem Herzen.«, begann Weißsturm.
  »Ich höre?«
  »Ich möchte Moospfote noch besser ausbilden. Dafür bräuchte ich jedoch deine Erlaubnis, den Clan für eine unbestimmte Zeit zu verlassen. Ich möchte sie dem Leben da draußen vertraut machen.«, erklärte Weißsturm.
Moospfote konnte ihren Ohren kaum trauen. Sie würden ganz alleine den Clan verlassen?
  »Ich bin überzeugt davon, dass sie eines Tages eine bedeutsame Katze sein wird.«, fügte ihr Mentor leise hinzu, doch Moospfote konnte ihn verstehen.
Was? Sie? Eine besondere Rolle?
  »Du bist der zweite Anführer dieses Clans! Du kannst doch nicht in solchen Zeiten den Clan verlassen!«, entrüstete sich Flammenstern.
  »Nimm Mausekralle solange als Ersatz. Ich bin überzeugt davon, dass Moospfote dieser Ausflug sehr viel bringen wird!«, meinte Weißsturm eindringlich.
  »Und wann wolltest du aufbrechen?«, fragte Flammenstern.
  »In zwei Sonnenaufgängen.«, beschloss Weißsturm.
Flammenstern starrte einen Moment lang in die Ferne.
  »Na gut.«, entschied die Kätzin.
Moospfotes Herz machte einen Hüpfer. Sie würde mit Weißsturm ganz alleine sein!
  »Ich sage Mausekralle bescheid. Ich muss ihm die wichtigsten Dinge erklären. Moospfote wird sich anderen Katzen anschließen.«, schloss Weißsturm. Dann verlies er den Bau.
  »Überraschung gelungen?«, fragte er.
  »Und wie! Ich freue mich so sehr! Wir sind die ganze Zeit für uns! Ist das nicht wunderbar?«, schnurrte Moospfote laut.
Weißsturms Augen blitzten kurz auf.
  »Ja.«, flüsterte er.
Dann sprang der weiße Kater davon. Verträumt sah sie ihm nach, bis sie eine Katzen neben sich spürte.
  »Alles ok?«, fragte Windpfote.
  »Äh, ja klar. Bei dir?«, stotterte sie.
Irgendwie fühlte sie sich ertappt.
  »Naja… Nicht der Rede wert.«, murmelte der rauchgraue Kater.
Moospfote sah ihm in die dunkelblauen Augen. Anscheinend hatte er es wirklich bemerkt, das unglaubliche Gefühl, das sie für Weißsturm hatte.
Sie knuffte den Schüler spielerisch an.
  »Ich werde in zwei Sonnenaufgängen mit Weißsturm eine Exkursion machen.«, erzählte sie ihm.
  »Ich werde dich vermissen.«, sagte der nur.
Dann drehte er sich um und trottete mit hängendem Schwanz davon.
  »Windpfote!«, rief sie ihm nach.
Er drehte seinen Kopf zu ihr um, seine Augen waren leer. Betroffen sah Moospfote zu Boden.
Jemand sprang sie an. Als sie die Luft einsog, machte sie den Geruch von Spatzenpfote aus.
  »Man Spatzenpfote! Du hast mich vielleicht erschreckt!«, jaulte Moospfote erschrocken auf.
  »Ich kann doch nicht unbestraft lassen, dass du einfach so weggehst!«, meinte sie und leckte ihr Brustfell.
  »Man, ich werde dich wirklich vermissen, Spatzenpfote!«, miaute Moospfote und sah ihre Freundin bedauernd an.
  »Du kommst ja wieder.«, tat sie ab.
Moospfote nickte heftig.
  »Natürlich! Ich lasse meinen Clan doch nicht im Stich! Ich werde die beste Kriegerin, die es je geben wird!«
 Jetzt kamen auch noch ihre Eltern zu ihr.
Spatzenpfote verabschiedete sich und lies sie mit ihrer Familie alleine.
  »Wir haben gehört, was passiert ist.«, meinte Silberschweif.
Ein Funken Bedauerns lag in seiner Stimme.
  »Es wird nicht lange dauern.«, beschwichtigte Moospfote den Silbernen Kater.
  »Wir lieben dich sehr. Vergiss uns nicht auf deiner Reise.«, meinte Lichtschweif.
  »Das hört sich ja an, als wäre es ein Abschied für immer! Ich komme ja wieder, keinen Grund zur Aufregung!«, fuhr Moospfote sie an.
Sie hatte es satt immer so bemuttert zu werden. Innerlich fasste sie einen Entschluss. Sie drehte sich um und trabte davon. Es dauerte nicht lange, als sie ihre Schwester im Schülerbau fand.
  »Federpfote? Ich muss mit dir sprechen, und zwar jetzt.«
Zu spät sah sie Sturmpfote, der sich an ihre Schwester geschmiegt hatte.
  »Muss das jetzt sein? Lass sie doch mal in Frieden!«, knurrte der gesprenkelte Kater.
  »Sei still! Ich habe nicht mit dir gesprochen! Mäusehirn!«, zischte sie.
  »Ich warte vor dem Bau, sonst bekomme ich bei eurem Anblick noch Brechreize!«
Schnell glitt Moospfote wieder auf die Lichtung und versucht sich zu beruhigen. Nicht zum ersten Mal regte sie sich über das Verhältnis ihrer Schwester zu Sturmpfote auf.
  »Man Moospfote! Was war das denn jetzt! Du hast Sturmpfote schon wieder verärgert!«, fauchte Federpfote hinter ihr.
  »Das ist mir egal! Ich will mich nur von dir verabschieden. In zwei Sonnenaufgängen verschwinde ich von hier, aber ich habe keine Lust, dass sich jede Katze von mir verabschiedet! Freundlicherweise mach ich bei dir eine Ausnahme. Mach‘s gut!«
Verblüfft sah Federpfote ihre Schwester an.
  »Oh. Das habe ich nicht gewusst!«
Schnell schob sie ihre Nase in Moospfotes Fell. Moospfote leckte ihrer Schwester sachte übers Ohr, dann stand sie auf und suchte ihren Mentor. Sie wollte, dass er wusste, wo sie war. Doch Moospfote konnte ihren Mentor nirgends finden und ihr ging auf, dass er mit Mausekralle losgezogen sein konnte. Schnell schlüpfte sie aus dem Lager und schnupperte am Boden. Es dauerte nicht lange, als sie Weißsturms Geruch entdeckte, ganz frisch. Moospfote folgte ihr und wusste nach einer Weile, dass er mit Mausekralle zum verlassenen Zweibeinernest zusteuerte. Schnell suchte sie sich eine Abkürzung und preschte durch das Unterholz. Als sie das Zerfallene Gebilde sah, merkte sie, dass die Katzen noch nicht hier waren. Schnell huschte sie in das Innenleben dieses merkwürdigen Baus und wartete darauf, dass ihr Mentor hier erschien.
  »…Und du weißt ja, hier ist eine gute Stelle zum Mäusejagen. Wenn es zu viele Verletzte gibt, wenn es einen Kampf gab, könnt ihr sie hier unterbringen. Wenn ihr die Ritzen mit Moos stopft, ist es nicht mehr zugig.«
Moospfote erkannte die gedämpfte Stimme ihres Mentors. Es dauerte nicht lange und sie konnte sein weißen Fell sehen. Nun hoffte sie, dass ihr Mentor sie bemerkte, sodass sie ihm sagen konnte, wo er sie zu suchen hatte. Und die weißgraue Kätzin hatte Glück. Ihr Mentor betrat tatsächlich das verlassene Zweibeinernest, um sich davon zu überzeugen, dass alles im normalen Zustand war.
  »Pst!«, zischte Moospfote angespannt.
  »Moospfote?«, flüsterte er.
  »Ja. Ich will diese Nacht nicht im Lager sein. Ich bin unten am See.«, maunzte sie.
  »Nein, warte. Ich kenne einen besseren Ort, den sonst niemand kennt.«, meinte Weißsturm.
  »Ich gehe mit Mausekralle zur WindClan-Grenze und zeige dir dann unauffällig das Versteck. Folge uns unauffällig!«, fügte er hinzu.
  »In Ordnung.«
  »Weißsturm? Was machst du so lange in diesem Ding?«, rief Mausekralle.
  »Ich habe nur einen Riss in der Wand entdeckt. Ich komme wieder raus!«, erwiderte Weißsturm ruhig.
Moospfote bewunderte den weißen Krieger für seine unerschöpfliche Ruhe und Gelassenheit.
Der Kater trabte aus dem Zweibeinernest und gesellte sich zu Mausekralle, dem braunen Kater mit schwarzen Flecken.
Als die beiden sich umdrehten und sie außer Sichtweite war, folgte sie ihnen.
  »Wir gehen jetzt zur WindClan-Grenze. Wenn die Patrouillen hier entlang gehen, dann sollten sie den Aussichtspunkt niemals auslassen.«, erklärte Weißsturm gerade noch in Hörweite.
Sie konnte die Pfotenschritte hören, die auf den Boden trommelten. Sie wurden von den Blättern gedämpft.
Nach einiger Zeit, entdeckte Moospfote den Baum, an dem der Ast heruntergestürzt war und Efeusturm getroffen hatte. Die Schülerin schloss für einen Moment die Augen und sog die frische Waldluft mit zusammengebissenen Zähnen ein. Sie sah Schneepelz, wie sie auf dem Donnerweg lag. Jetzt fiel ihr ein, was der Donnerweg war. Und das, was sie getroffen hatte, war also ein Monster gewesen. Aber welche Katze überquerte schon freiwillig diesen Todesstreifen?
Dann hatte sie ein Bild von Efeusturm im Kopf, wie sie hier vor dem Baum lag, blutend um mit verkrüppeltem Bein.
Das war meine Schuld, alles, was passiert ist, war ganz allein meine Schuld!
Als Moospfote die Augen aufriss, um diesen Schrecklichen Bildern zu entkommen, bemerkte sie, dass Weißsturm und Mausekralle verschwunden waren. Sie konnte aber mit Leichtigkeit ihre Fähte aufspüren und folgen. Schließlich hatte sie die beiden Krieger eingeholt. Kaum war sie unter einen Farnstrauch gekrochen, hörte sie ihren Mentor sagen:
  »Warte, ich habe ein Knacken gehört. Geh schonmal weiter, ich sehe nach, ob es eine Maus war.«
  »Ich warte etwas unterhalb.«, beschloss Mausekralle und sprang davon. Durch die dichten Farnwedel konnte sie weißes Fell sehen, das sich auf sie zubewegte.
  »Moospfote?«, hauchte ihr Mentor.
  »Hier bin ich!«, miaute sie und sprang aus ihrem Versteck.
  »Komm mit, wir sind ganz nah am Versteck.«
Weißsturm setzte über einen verrotteten Baumstumpf. Dahinter war eine kleine Lichtung auszumachen, die von Moos bedeckt war.
  »Aber hier ist a nichtmal so etwas wie ein Bau!«, jammerte Moospfote.
  »Doch.«, behauptete der weiße Krieger.
Er ging zu einer kleinen Erhöhung aus Moosbedeckter Erde und schob riesige Farnwedel zur Seite. Dahinter befand sich ein kleines schwarzes Loch.
  »Oh!«, bemerkte Moospfote. »Ist das ein Bau?«
  »Viel mehr, Moospfote. Es ist ein riesiges Tunnelsystem. Es führt unter anderem zum WindClan-Territorium.«, erklärte Weißsturm stolz.
  »Stimmt, ich rieche WindClan, wir müssen uns unmittelbar an der Grenze befinden!«
  »Sammel etwas Moos für ein Nest und geh da rein. Aber nicht zu weit, du würdest dich verlaufen, und das würde deinen Tod bedeuten. Ich komme in zwei Sonnenaufgängen vorbei, dann brechen wir auf. Wenn du Hunger hast, dann geh jagen, aber bitte auf unserer Seite.«
Er sah seine Schülerin einen Moment lang an.
  »Ich muss jetzt zu Mausekralle, er wartet sicher schon!«, flüsterte er dann.
Moospfote sah gerade noch seinen weißen Schwanz im Gebüsch verschwinden, dann arbeitete sie am Moos.

 

Kapitel 6

  Weißsturm hatte ihr beigebracht, wie man sorgfältig Material für die Nester der Ältesten gewann. Sie setzte ihre Kralle an und schnitt vorsichtig ein Stück Moos ab. Schließlich hatte sie viel mehr, als sie für ihr Nest brauchte, und schob die Lagen in die dunkle Höhle. Sie musste ihre Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Von draußen sickerte etwas Licht herein. Als sie sich in ihrem Moosbett zusammenrollte, konnte sie leises Plätschern eines Baches hören.   Ein unterirdischer Bach? Das hab ich ja noch nie erlebt! Das muss ich mir ansehen! Obwohl Weißsturm es ihr verboten hatte, stand sie auf und prüfte sie Luft. Sie war in einer Höhle. Als sie geradeaus weiterlief, konnte sie eine Abzweigung erkennen. Aus der einen strömte frische Luft, aus der anderen konnte sie das Wasser riechen. Sie nahm den, aus dem die Luft von draußen strömte. Der Gang wurde immer enger, bis Moospfote die Wände zu ihren Seiten mit ihren Schnurrhaaren spüren konnte.
Aber hier muss es doch einen Ausgang geben! Kaum hatte die diesen Gedanken, konnte sie helles Licht vom anderen Ende des Tunnels erkennen. Moospfote beschleunigte ihre Schritte und trat schließlich aus der Höhle. Kräftiger WindClan-Geruch wehte ihr entgegen. Eine Katze war hier ganz in der Nähe! Schnell sprang sie von dem Höhleneingang weg, damit niemand ihn fand. Moospfote betete innigst, dass es nicht Zackenbart, Gewittersturm oder Schwalbenstern war, ansonsten würde sie als Frischbeute enden.
  »Wer bist du denn?«, ertönte ein überraschtes Stimmchen.
Moospfote sah sich um und entdeckte einen kräftigen Schüler. Sie erinnerte sich an den Kater. Er war auf der Großen Versammung gewesen. In der untergehenden Sonne glänzte sein braunes Fell und die helle Musterung leuchtete.
  »Du riechst nach DonnerClan!«, bemerkte er.
Doch der Kater klang keineswegs feindselig.
  »Ich bin Moospfote. Schülerin von Weißsturm. Den kennst du bestimmt.«, stellte sich Moospfote vor.
  »Ich bin Erlenpfote. Mein Mentor ist Gewittersturm.«, erwiderte der Schüler.
Moospfote zuckte bei dem Namen Gewittersturm zusammen.
  »Ohje…«, flüsterte sie.
  »Das mit Efeusturm war ein Unfall. Gewittersturm hat seine Schwester sehr geliebt. Ihre Eltern sind früh gestorben und sie war das einzige, was er noch hatte.«, meinte Erlenpfote, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
  »Ich habe das nicht gewollt, keiner hat das jemals gewollt.«, versuchte sich Moospfote zu rechtfertigen.
  »Ich weiß, trotzdem ist ihr Tod tragisch. Schwalbenstern schwört deine Clan Rache.«
  »Ich weiß. Wer ist jetzt sein Stellvertreter?«, fragte sie.
  »Gewittersturm.«
  »Gefährliche Mischung,«
  »Warum bist du auf unserer Seite des Territoriums?«, fragte Erlenpfote.
  »Weil… Ich meinen Mentor suche. Er war auf einmal weg…«, log sie.
  »Bist du so hilflos ohne ihn?«, fragte er belustigt.
  »Nein, wir hatten uns bloß gestritten!«, gab Moospfote zurück.
  »Bist du Streitsüchtig?«
  »Weiß nicht. Ansichtssache?«
  »Was ist meine Ansicht?«
  »Dumme DonnerClan-Schülerin, die sich mit ihrem Mentor streitet, und wie ein hilfloses Junges umherirrt?«
  »Getroffen.«
Erlenpfote schnurrte.
  »Und was denkt die hilflose Schülerin von mir?«
  »Besserwisserisches Mäusehirn?«
  »Bin ich so schlimm?«
Diesmal schnurrte Moospfote laut.
  »Finde es heraus.«
Erlenpfote schnüffelte, dann sträubte sich sein Haar.
  »Verschwinde, schnell! Gewittersturm kommt!«, zischte er.
Moospfote schnippte ihm zum Abschied mit dem Schwanz an die Schulter, dann eilte sie wieder ins Gebüsch. Sie befand sich zum Glück auf der Waldseite des WindClan-Territoriums. Sie versicherte sich mit einem Blick über die Schulter, dass ihr niemand folgte und schlüpfte zurück in den Tunnel. Schnell rannte sie den Weg zurück zu ihrem Moosnest.
Sie rollte sich erneut zusammen und legte ihren Schwanz über die Nase. Sie schaute nach draußen und merkte, wie die Sonne unterging.
Ihr Magen knurrte.
Zeit für eine Maus. Moospfote stand wieder auf, streckte sich und trat nach draußen. Ihr Schatten fiel auf die Erde. Sie Öffnete das Maul und konnte eine spur von Amsel riechen. Und tatsächlich, als sie auf den Moosbedeckten Baum kleterte, sah sie direkt unser sich den schwarzen Vogel. Bereit zum Sprung kauerte sie sich hin. Dann landete sie mit einem Satz auf der ahnungslosen Amsel und bohrte ihre Krallen in ihre Flügel. Geschickt tötete sie das Tier, hob es auf und kehrte zurück in den Tunnel.
Von nicht weiter Entfernung hörte sie plötzlich ein Lautes Platschen. Erschrocken zuckte die Schülerin zusammen.
Hat mich Erlenpfote verfolgt?
Schritte kamen auf sie zu. Arlamiert kauerte sich die Kätzin in den Schatten und wartete auf die Katze, die sich ihr näherte. Ein Schatten bedeckte den Boden und Moospfote sprang die Katze an. Ein überraschten Miauen war die Antwort. Als sie sich an der Katze festkrallte, merkte sie, dass das Fell nass war.
  »Moospfote! Hast du denn garnichts von mir gelernt?«, knurrte ein Kater.
Erschrocken zog die Kätzin ihre Krallen ein und lies von dem Kater ab.
  »Entschuldige, Weißsturm!«, rief sie.
  »Du hättest die Luft prüfen müssen, dann wäre dir aufgefallen, dass ich es bin.«, meinte ihr Mentor verärgert.
  »Ja…«, schämte sich Moospfote.
  »Ich rieche Amsel?«
  »Ja, ich war gerade jagen. Magst du etwas haben?«
  »Ich habe dir eine Maus mitgebracht.«, verkündete Weißsturm.
  »Prima. Setz dich und erkläre mir, weshalb du jetzt schon da bist.«, meinte Moospfote.
  »Okay.«
Weißsturm kauerte sich in das weiche Moos und nahm einen Bissen von der Amsel.
Moospfote tat es ihm nach und nach einer Weile der Stille hatten sie alles aufgegessen.
Moospfote kuschelte sich an das Fell ihres Mentors und fragte:
  »Und, warum bist du jetzt schon hier? Konntest du es ohne deine liebenswürdige Schülerin nicht aushalten?«, schnurrte sie.
  »Unter anderem.«, miaute er. »Ich wollte sichergehen, dass du dich nicht verirrst.«
  »Dann hättest du genauso gut im Lager bleiben können.«, fuhr Moospfote ihn ärgerlich an. »Ich brauche keinen Mentor, der die ganze Zeit auf mich aufpasst!«
  »Da wäre ich mir nicht so ganz sicher.«
Moospfote rückte beleidigt von ihm weg.
  »Ich hätte genauso gut im Lager bleiben können! Die wollen mich doch auch alle nur bemuttern!«, knurrte sie.
  »Ist da jemand beleidigt?«, fragte Weißsturm belustigt und beugte sich über seine Schülerin, die ihm den Rücken zukehrte.
  »Naaa?«
Weißsturm kitzelte sie mit seinen Schnurrhaaren.
  »Heeey!«
Moospfote wandte sich zu ihm in und drückte seine Schnauze mit ihren Pfoten weg.
  »MMMHH. Na warte!«, nuschelte der Kater.
Die beiden rangen noch etwas miteinander, bis sie auf dem Rücken liegen blieben und schnauften.
  »Ganz schön stark! Du bist stärker und größer geworden.«, bemerkte Weißsturm.
  »Das will ich hoffen!«
  »Du wirst eine wunderbare Kriegerin abgeben.«
  »Die beste, die es jemals geben wird!«, brüstete sich Moospfote.
  »Sicher.«
  »Du klingst nicht überzeugt.«
  »Doch, bin ich, weil ich dein Mentor bin!«, schnurrte Weißsturm.
  »Eigenlob stinkt, du Mäusehirn!«
Zärtlich leckte sie ihren Mentor die Wange.
  »Wir brechen schon morgen auf.«, beschloss Weißsturm.
  »Wirklich?!«, fragte Moospfote aufgeregt.
  »Wenn ich das sage, meine ich das auch ernst!«
  »Und was machen wir morgen?«, löcherte sie den Kater.
  »Überraschung!«, meinte Weißsturm feierlich. »Und jetzt schlaf endlich, du kleines Energiebündel!«
  »Gute Nacht, Weißsturm.«
  »Gute Nacht, Moospfote«
Moospfote kuschelte sich an ihn und sah durch die Farnwedel nach draußen. Viel erkennen konnte sie nicht. Sie öffnete ihr Maul um ihrem Mentor noch etwas zu sagen. Sie wollte ihm gestehen, was sie für ihn empfand, was sie spürte, dieses unglaubliche Glücksgefühl, das sie selbst in kühlen Nächten warm hielt.
Aber irgendetwas hinderte sie daran. Sie schloss ihr Maul wieder und seufzte. Weißsturm war sowieso eingeschlafen –oder tat jedenfalls so.
Aber sie war noch nicht bereit einzuschlafen. Sie dachte an Erlenpfote, den WindClan-Schüler. Plötzlich fielen ihr die Worte von Blaupelz wieder ein.
  »Sind wir Clan-Katzen nicht alle gleich? Ich meine, wir Kämpfen für die gleichen Dinge, wir Leben alle gemeinsam in einem Wald und wir fühlen alle die gleichen Dinge. Liebe, Schmerz… alles.«  Moospfote erschrak. Das hatte sie doch nur wegen Eichenherz gesagt, weil sie ihn liebte. Auch wenn Blaupelz das abgestritten hatte, war es offensichtlich. Das Feuer der Liebe hatte in ihr gebrannt, das gleiche, das in ihr selbst brannte, wenn sie an ihren Mentor dachte.
Moospfote fasste einen Entschluss. Sie musste unbedingt zu den Ältesten im Lager gehen und sie nach Blaupelz befragen. Sie musste herausfinden, ob es diese Katze wirklich gibt. Wenn jemand eine Antwort darauf wusste, dann sie.
Moospfote erhob sich vorsichtig und schnüffelte an Weißsturm, um sich zu versichern, dass er tatsächlich eingeschlafen war. Seine Atmung war gleichmäßig. Leise schlüpfte sie aus dem Bau nach draußen. Das Mondlicht wurde durch dichte, dunkle Wolken gebrochen. Der silberne Glanz färbte ihr Fell in ein funkelndes grau. Es dauerte nicht lange, da war ein lautes Gewittergrollen zu hören und Regen prasselte auf den Boden und auf die Blätter.
Der Regen wird meinen Geruch überdecken. Die Schülerin schüttelte sich und beschleunigte ihre Schritte. Als sie endlich am Felsenkessel angelangt war, fiel ihr ein, dass ja eine Katzen Wache halten würde. Sie prüfte die Luft und erkannte den Geruch von Feuersturm.
Der hat mir gerade noch gefehlt! Also schlich sie zu dem Abhang, den sie so oft hochgeklettert war.
Runter wird es doch wohl auch gehen!
Leise setzte sie vorsichtig eine Pfote vor die andere und schaffte es tatsächlich ohne weitere Geräusche den Boden zu erreichen. Schnell hüpfte sie in Richtung Ältestenbau. Sie schob die Nase herein und konnte vage die Umrisse von Sumpfkralle erkennen. Sie wollte den alten Kater nur ungern wecken. Als sie sich fragte, wo Nachtsturm war, fiel ihr ein, war ihr Sumpfkralle erzählt hatte. Der Kater war bei Halbmond immer die ganze Nacht bei dem alten Zweibeinernest. Moospfote wirbelte demnach um, flitzte zur Felsenwand, kletterte geschickt nach oben und preschte durch den Wald. Das klettern fiel ihr nun viel leichter, außerdem war sie groß und kräftig geworden. Ein Gefühl des Stolzes ergriff sie. Endlich hatte sie das verlassene Zweibeinernest gefunden. Sie nahm Nachtsturms Geruch wahr und sah den pechschwarzen Kater dasitzen und die Sterne beobachten.
  »Nachtsturm?«, fragte sie vorsichtig.
Ein paar leuchtende Augen richteten sich neugierig auf sie.
  »Moospfote? Wahrhaftig, du bist es!«, rief er verblüfft.
Moospfote eilte an seine Seite und neigte respektvoll den Kopf.
  »Woher wusstest du, dass ich hier bin?«
  »Sumpfkralle.«, war ihre simple Antwort.  »Ah, verstehe.«
  »Hör zu, ich habe nicht viel Zeit, aber eine Menge Fragen.«, begann sie.
  »Ich bin bereit sie zu beantworten, insofern ich das kann…«, erwiderte Nachtsturm.
  »Danke. Meine erste Fragte ist, ob es jemals eine Katze namens Blaupelz gab. Es ist, glaube ich, eine Katze des DonnerClans gewesen.«
Nachtsturm schwieg einen Moment lang.
  »Es gab im DonnerClan eine wunderbare Anfüherin namens Blaustern. Ich glaube, ihr Kriegername war Blaupelz. Aber das ist so viele Blattwechsel her, dass ich es dir nicht genau sagen kann.«, antwortete Nachtsturm schließlich.
  »Hatte sie eine Schwester namens Schneepelz? Ist sie durch ein Monster gestorben?«, fragte Moospfote weiter.
  »Beerennase hat mir einmal erzählt, dass Mausefell ihm erzählt habe, Blaustern habe ein schreckliches Leben gehabt. Sie hat –laut ihrer Erzählung- ihre Mutter verloren und schließlich ihre Schwester. Und auch ihre Jungen, die sie später bekam.«
  »Sie hatte Jungen ?!«, platzte es Moospfote heraus.
  »Ja. Ich glaube es waren zwei. Und es waren zur Hälfte FlussClan-Junge.«, erinnerte sich der ehemalige Krieger.
  »Eichenherz!«, rief Moospfote.
  »Was?«, fragte Nachtsturm verwirrt.
  »N-nichts…«, stammelte die Schülerin.
Sie schüttelte sich. Blaupelz war also Anführerin geworden?
  »Warum bist du hier?«, fragte Moospfote, denn sie kannte nur die halbe Antwort. Außerdem wollte sie vom Thema etwas ablenken.
Nachtsturm zuckte zusammen.
  »Das geht dich nichts an, junge Schülerin!«, knurrte er.
Moospfote wich erschrocken zurück. Auf den plötzlichen Stimmungswandel des Katers war sie nicht gefasst.
  »Verschwinde! Oder ich gehe zu Flammenstern und erzähle ihr, was für seltsame Fragen du mir stellst!«, fauchte Nachtsturm.
Schnell drehte sich Moospfote um und verschwand im Unterholz.
Plötzlich hörte sie ein Platschen und Flüche einer Katze. Moospfote kletterte auf einen Baum und sah hinunter.
Sie konnte Eichenblatt sehen, der auf Minzpfote blickte, die in eine Pfütze gefallen war. Der Heiler Schnurrte.
  »Mäusedreck!«, fachte Minzpfote etwas verlegen.
Moospfote hatte ganz vergessen, dass die Heiler aller Clans sich bei Halbmond am Mondsee trafen. Die beiden waren gerade auf dem Heimweg. Mit angehaltenem Atem wartete sie darauf, dass die beiden weiterliefen, dann kletterte sie den Stamm hinunter und preschte zurück zum Tunnel. Weißsturm schlief immer noch und Moospfote kauerte sich wieder zu ihm. Ihre Augen wurden schwer und sie schlief fast augenblicklich ein.

 

== Kapitel 7==


  »Igitt! Du stinkst ja fast so schlimm wie Fuchsdung!«
Moospfote wurde durch ihren angewiderten Mentor wach. Sie gähnte und streckte sich, als sie merkte, dass ihr Fell komplett durchnässt war. Kein wunder, dass Weißsturm angeekelt war.
  »Tut mir leid, Weißsturm.«, murmelte sie verlegen.
  »Warst du gestern Nacht draußen?«
Seine gelben Augen schienen Löcher in Moospfotes Pelz zu brennen.
  »Ich… musste ein Geschäft erledigen… dabei bin ich im Schlamm stecken geblieben und habe so lange im Regen gewartet, bis ich wieder sauber war…«, log sie.
  »Dummer kleiner Fellball!«, schnurrte Weßsturm.
  »Das ist nicht lustig!«
  »Und ob!«
  »Ich bin nicht klein!«
  »Sicher?«
  »Ganz sicher!«
Weißsturm schubste seine Schülerin zu Boden.
  »Mal sehen, ob du mich einholst!«, jaulte er und rannte davon, bis schließlich sein ganzer Körper von der Dunkelheit verschluckt wurde.
  »Hey!«, jammerte Moospfote. »Das ist nicht fair!«
Schnell raffte sie sich auf und nahm seine Verfolgung auf. Ihre Krallen schrabbten unangenehm auf dem kalten, harten Fels, aber das hielt Moospfote nicht auf.
Plötzlich sah sie aufschäumendes Wasser vor sich, aber sie rutschte auf dem nassen untergrun aus und plumpste in das kühle Nass.
  »Hilfe!«, gurgelte sie.
Sie spürte, wie sich Krallen in ihr Fell bohrten und sie zurück auf den kalten Felsenboden zogen. Hustend und keuchend lag sie da und musste blinzeln, um ihren Retter sehen zu können.
Zu ihrer Überraschung war es nicht Weißsturm.
  »Erlenpfote!«, rief sie verblüfft.
  »Ich habe dich gehört, wie du laut gerufen hast. Ich habe dich gestern beobachtet, wie du hier in diese Höhle zurückgegangen bist.«, erklärte er knapp.
  »Versprich mir, dass du es keinem Anderen weitersagen wirst!«, flehte Moospfote den WindClan-Schüler an.
  »Nur, wenn du das gleiche versprichst.«
  »Ich schwöre auf den SternenClan.«, erwiderte Moospfote.
  »Ich schwöre ebenfalls auf den SternenClan.«
  »Gut.«, meinte die Schülerin.
  »Wo ist dein Mentor?«, fragte Erlenpfote.
  »Das wüsste ich allerdings auch gerne…«
Moospfote hielt erschrocken die Luft an, als sie seine Schritte wahrnahm.
  »Verschwinde. Er kommt.«, zischte sie.
Erlenpfote senkte höflich den Kopf und verschwand in der Dunkelheit.
  »Weißsturm?«
Ihr Mentor rief ihr etwas zu, aber seine Worte gingen im Geräuschpegel des Wassers unter.
Als der alte Kater bei ihr angelangt war, fragte er:
  »Ist was passiert?«
Moospfote schüttelte den Kopf.
  »Ich habe mich vor dem Wasser erschreckt und nach dir gesucht.«
SternenClan sei Dank, dass das Wasser Erlenpfotes Geruch überdeckt.
  »Wir müssen da reinspringen.«, meinte Weißsturm.
  »Wir müssen was ?«, kreischte Moospfote voller Panik.
Weißsturm legte seinen Kopf schief. Alles in Moospfote wehrte sich in das kalte, reißende Wasser zurückzukehren.
  »Du wirst schon sehen, warum wir das müssen«
Moospfotes Herz begann zu rasen. In ihrem Kopf wirbelten Bilder umher. Sie sah einen grauen Kater vor sich. Er hatte schwarze Flecken und sein Fell war ungepflegt. Sie hörte die Worte so laut und deutlich, dass ihr fast übel wurde:
  »Wasser wird dich vernichten! Wasser wird das Feuer in dir ersticken!« Moospfote rang nach Luft. Wer war dieser Kater und was hat er mit seiner Aussage gemeint?!
  »Du brauchst keine Angst zu haben! Halt dich an meinem Schwanz fest, dann passiert dir nichts. «
Moospfote nickte steif. Mit großer Entschlossenheit stürzte sich ihr Mentor in das schäumende Wasser, Moospfote hinterher. Verzweifelt hielt sie sich an Weißsturms Schweif fest, damit sie nicht von riesigen Felsbrocken zerschmettert wurde.
Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wurden sie in weiches Gras gespült.
  »Rate mal wo wir sind!«, rief Weißsturm.
  »Beim SternenClan?«, stöhnte sie.
Weißsturm zuckte belustigt mit den Schnurrhaaren.
  »Steh mal auf, du nasses Fellbündel.«
Moospfote erhob sich auf ihre wackligen Beine und sah sich um. Dieser Ort war ihr sehr vertraut. Die junge Kätzin entfernte sich etwas von Tunnel und merkte, dass der kleine, unterirdische Bach in den großen See mündete.
  »Unglaublich!«, rief sie entzückt.
Es dauerte nur ein Paar Herzschläge, bis sie die alte Eiche erkannte.
  »Die alte Eiche!«
  »Ja. Dieser Weg wurde einst von Häherfeder entdeckt.«, erzählte Weißsturm.
Moospfote war nun interessiert an der Geschichte ihres Mentors, deshalb setzte sie sich hin.
Weißsturm setzte sich ihr gegenüber.
  »Häherfeder war Eichenblatts Mentor. Der graue Kater war blind, fand sich jedoch gut zurecht. Außerdem ging das Gerücht um, er könnte in fremde Gedanken eindringen.«
Moospfote schauderte. Sie hoffte, dass niemand ihre Gedanken lesen konnte, denn die waren so durcheinander, wie ihre Haare als Junges, als sie in den Kriegerbau eingefallen war.
  »Löwenglut, sein Bruder, hatte sich damals in diesem Tunnel mit Heideschweif aus dem WindClan getroffen, als sie noch Schüler waren. Später hat sich Löwenglut aber von ihr getrennt. Als WindClan-Jungen Heideschweif gefolgt sind, haben sie den Geheimen Ort verraten und der WindClan hat den DonnerClan angegriffen.«
Moospfotes Blut gefror in den Adern. Was wäre, wenn Erlenpfote genau das wieder tun würde? Die Zeiten waren hart und der WindClan zeigte dem DonnerClan äußerste Feindseligkeit.
  »Anschließend hat der DonnerClan das Loch zugestopft. Als Distelblatt, die Schwester von Häherfeder und Löwenglut, wegen Hochverrats in diese Tunnel flüchtete, fielen Steine in den Eingang und versperrten ihn.«, fuhr Weißsturm fort.
  »Ist sie dort gestorben?«, fragte Moospfote.
  »Nein.«, antwortete Weißsturm ruhig.
  »Und warum ist der Eingang wieder frei?«
  »Ich hatte eine Gefährtin. Sie hat mir geholfen den Tunnel wieder frei zu machen. Es hat Monde lang gedauert.«, erklärte der weiße Kater.
  »Wer war deine Gefährtin?«, wollte seine Schülerin wissen.
  »Efeusturm.«
Weißsturms Worte erschütterten Moospfotes Geist.
Ich habe seine Gefährtin getötet! Ich habe eine allseits beliebte Katze auf dem Gewissen! Was habe ich nur getan!
  »Sie war eine Schülerin, als wir Sympathie füreinander empfanden. Es ist lange vorbei zwischen uns. Der Altersunterschied und vor allem der Clan war zwischen uns.«, schloss er.
  »Liebst du sie noch?«, fragte die Schülerin.
  »Nein. Seit vielen Blattwechseln nicht mehr. Kaum waren die Tunnel wieder frei, trafen wir uns dort. Aber es hat nichts genützt. Sie war eine Schülerin und ich schon seit Monden ein Krieger. Außerdem war unsere Beziehung gegen das Gesetz der Krieger.«
Moospfote sah den weißen Kater lange an. Seine Augen waren in weite Ferne gerichtet, als würde er auf diese Zeit zurückblicken. Doch es lag keine Spur von Bedauerung in seinem Blick. Weißsturm strahlte so etwas wie Zufriedenheit aus, er akzeptierte seine Vergangenheit, er würde nichts davon bereuen.
  »Soviel zum Thema Tunnel. Jetzt möchte ich dir etwas beibringen, dass nur wenige Katzen beherrschen. Das Schwimmen.«
Moospfote fuhr zusammen. Sie wollte nicht wieder ins Wasser gehen, schon gar nicht, nachdem sie von einem Kater eine miese Prophezeihung bekommen hatte.
  »Wate mal bis zu deiner Nasenspitze ins Wasser hinein. Den Rest erkläre ich dir danach.«
  »Das ist total unsinnig! Ich bin keine FlussClan-Katze! Und ich wüsste auch nicht, wozu das bitte gut sein soll!«, jammerte Moospfote.
  »Vertrau mir einfach! Du wirst es eines Tages brauchen.«
  »Ich will aber nicht – Hey! Lass das!«
Weißsturm hatte seine widerspenstige Schülerin am Nackenfell gepackt und ins Wasser geschleift.
  »Beim SternenClan, was ist denn in dich gefahren, du blöder Fellball!«, jaulte sie.
Trotz alldem war ihr Mentor ruhig. Wie konnte man in so einer Situation gelassen sein? Moospfote überlegte, ob es etwas mit seinem Alter zusammenhing. Plötzlich erinnerte sie sich an das, was er ihr eben erzählt hatte.
  »Der Altersunterschied stand zwischen uns.« Ihr Blut gefror. Wenn schon damals der Altersunterschied bei ihm eine Rolle spielte, dann war er heute noch relevanter. Enttäuschung flammte in ihr auf.
  »Lass mich los!«, schrie sie, nur jetzt voller Wut.
  »Was-«
Doch Weißsturm konnte nicht weitersprechen, denn Moospfote hatte ihrem Mentor einen heftigen Schlag versetzt und warf sich nun auf ihn.
  »Du hast mir Hoffnung gemacht! Du mieser Lügner!«, kreischte die Kätzin außer sich.
Völlig überrascht wehrte sich ihr Mentor nicht. Moospfote versetzte ihm wieder einen Schlag.
  »Ich hasse dich, Weißsturm!«
Weißsturm versuchte sich immer noch nicht zu wehren. Er hatte den Ausdruck von Überraschung abgelegt und sah sie nur an. Ausdruckslos.
  »Was wird das?«, fragte er schließlich.
Moospfote machte sich nicht die Mühe ihm den Grund für ihren Wutausbruch zu nennen.    »Sei still, sei einfach still!«, fuhr sie ihn an.
Ihre blauen Augen blitzten. Sie drehte sich um und watete tiefer in den See.
  »Moospfote, nur bis zur Schnauze reingehen!«, ermahnte Weißsturm seine Schülerin.
Moospfote überhörte ihn einfach und ging tiefer. Sie würde ihm schon zeigen, was sie konnte, und zwar ohne seine Hilfe.
  »Moospfote!«, rief er noch einmal.
Die grauweiße Schülerin konnte mittlerweile nicht mehr stehen.
  »Schwimmen geht wie laufen.« Sie hörte eine weiche Stimme flüstern. Unsicher drehte sie ihren Kopf nach hinten, aber Weißsturm stand bloß bis zum Bauch im Wasser und sah sie an. Sie hätte schwören können einen Augenblick lang so etwas wie Traurigkeit oder Verzweiflung in seinen Augen zu sehen, doch nur einen Herzschlag später war der Ausdruck verschwunden.
  »Laufen ist wie schwimmen.«
Jetzt sprach ein Kater. Seine Stimme war eindringlich, aber auf irgendeine Weise liebevoll.
Moospfote streckte das rechte Vorderbein vor und das Hinterbein. Nur langsam laufen brachte sie Sicht weiter. Sie ruderte etwas heftiger und als sie ihren Kopf etwas nach oben streckte, konnte sie sich tatsächlich über Wasser halten.

  »Sieh her, ich kann das auch ohne deine Hilfe.«, brüstete sie sich.
  »Bist du dir sicher, dass du das ganz ohne Hilfe kannst?«, fragte er.
Moospfotekniff die Augen zusammen.
  »Was meinst du?«
  »Du weißt es genau.«, meinte Weißsturm gelassen. »Lass uns jagen gehen. So wie es aussieht, beherrschst du das Schwimmen.«
Moospfote befolgte nur widerwillig seinen Ratschlag. Sie ließ sich auch extra viel Zeit um aus dem Wasser zu kommen. Moospfote schüttelte sich, sodass Weißsturm die Wassertröpfchen abbekam. Verärgert funkelte er seine Schülerin an, dann sprang er davon um zu jagen. Moospfote folgte ihm nicht, sondern kletterte auf den ersten Ast der alten Eiche. Von dort aus konnte sie den See ein Stück weit überblicken. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und ließ den See in seinem schönsten Licht glänzen.
Die grauweiße Kätzin kletterte die Eiche wieder hinunter und prüfte die Luft. Sie erkannte fast augenblicklich den Duft von einer Maus. Darauf bedacht, den Boden nur minimal unter ihrem Gewicht vibrieren zu lassen, kroch sie voran, bis sie die Maus auf einer Wurzel der Eiche sitzen sah. Moospfote drückte sich vom Boden ab und nagelte das sich windende Tier auf dem Boden fest. Dann biss sie dem Geschöpf in die Kehle.    »Hab ich dich!«, flüsterte sie zufrieden.  Schnell versteckte sie ihre Beute im Stamm der alten Eiche, dann kehrte sie um, um noch etwas mehr zu fangen. Sie prüfte erneut konzentriert die Luft und entdeckte eine ganz frische Spur von einen Vogel. Sie erkannte, dass es eine kleine Meise war. Der Wind wehte ihr entgegen, daher konnte Moospfote sich sicher sein, dass die Beute sie nicht bemerken würde. Sie musste um einen Busch herum schleichen und entdeckte den kleinen, braunen Vogel auf einem niedrigen Ast sitzen. Moospfote verlagerte das Gewicht auf ihre Hinterläufe und balancierte es so lange, bis sie sicher stand. Ein letztes Mal schätzte sie die Entfernung ab und machte einen riesigen Satz.
  »Wir werden uns jetzt etwas ausruhen. Heute Nacht ziehen wir dann weiter.«, beschloss Weißsturm, nachdem sie ihre Beute verzehrt hatten.
  »Aber tagsüber könnten unsere Clangefährten und hier finden!«, widersprach Moospfote.
  »Nicht, wenn wir in die Aushöhlung des Stammes der alten Eiche gehen.«, bemerkte ihr Mentor.
  »Ich schlafe tagsüber nicht.«, entgegnete Moospfote bissig.
  »Dann wirst du es heute tun.«
  »Nein.«
Weißsturm zuckte gleichgültig mit dem Schwanz, dann schlüpfte er in die Aushöhlung und legte sich hin.
Moospfote war das egal. Sie hüpfte wieder in das Wasser. Die Sonne brannte und der Tag war unglaublich heiß. Sie war froh über eine Abkühlung im Wasser. Außerdem war sie inzwischen vom Wasser fasziniert. Sie konnte die Warnung immer noch nicht verstehen.
  »Wasser wird dich vernichten!« Und warum hatten ihr dann zwei andere Katzen das Schwimmen gelehrt? Moospfote tauchte unter. Sie sah den sumpfigen Boden unter sich. Als sie weiterschwamm zischte etwas silbernes vor ihrer Schnauze entlang. Sie bemerkte, dass überall um sie herum kleine, silberne Fische schwammen. Entzückt streckte sie die Pfote danach aus und versuchte sie zu fangen. Aber die kleinen Tiere waren zu wendig und glitschig, als dass sie sie fangen könnte. Schließlich tauchte sie wieder auf und schnappte nach Luft. Wasser war großartig! Schnell schwamm sie an land, schüttelte sich und kletterte auf den untersten Ast der alten Eiche. Von dort aus beobachtete sie den See. Plötzlich sah sie eine Katze darin, war sich aber nicht sicher wer es war.
Eichenherz?
Doch so schnell das Bild gekommen war, verschwand es auch wieder. Dann sah die Schülerin zu WindClan-Territoriu hinüber und meinte eine kleine Katze auf de Hügelkamm stehen zu sehen.
War es Erlenpfote?
Doch dann erschien eine mächtige Gestalt neben der Katze. Er besaß die unverkennbare Körperform von Gewittersturm. Er schob den Schüler von der Stelle und die beiden verschwanden.

  »Moospfote, wo steckst du?«, zischte jemand.
Moospfote erwachte und sah von ihrem Ast hinunter auf den Boden. Es war Nacht. Die Schülerin erkannte die Statue ihres Mentors, der sie verzweifelt zu suchen schien. Bevor sie sich zu erkennen gab betrachtete sie den klaren Sternenhimmel. Die Luft war immer noch ziemlich warm. Manchmal wehte ein erfrischender Wind vom Moorland her, der Moospfote etwas aufatmen lies.
  »Hier bin ich!«, miaute Moospfote schließlich.
  »Ach da oben!«
Weißsturms Schülerin kletterte den Baum hinunter und trat an seine Seite.
  »Wir müssen zügig laufen. Wir haben viel vor.«, meinte Weißsturm.
  »Was genau haben wir den vor?«, fragte Moospfote neugierig.
  »Ich möchte dir den Donnerweg zeigen. Er ist in der Nähe des Pferdeortes. Wir wollen uns beeilen, denn der WindClan darf nicht merken, dass wir auf seinem Territorium waren.«
Weißsturm war schon ein ganzes Stück vorrausgegangen und drehte seinen Kopf mehrmals zu ihr um, als er ihr die Situation beschrieb.
Moospfote eilte hinterher. Sie überquerten mühelos den Bach, was sie dem vorangegangenen Schwimmunterricht zu verdanken hatten. Nach kürzester Zeit erreichten sie die großen Hügel. Von dort aus konnten sie das gesamte Moorland überblicken.
  »Ab jetzt werden wir uns ganz nah am Ufer aufhalten.«, bestimmte Weißsturm.
  »Wir könnten ein Stück weit im Seewasser waten, dann kann keiner unserer Geruchsspur folgen.«, behauptete seine Schülerin.
  »Gute Idee.«
Schleimer. Moospfote glaubte, dass ihr Mentor nur alles wieder gutmachen wollte, was schiefgelaufen war. Doch Moospfote nahm sich fest vor, ihm nie wieder ihre Liebe zu zeigen.
Die beiden DonnerClan-Katzen liefen eine ganze Weile stumm nebeneinander.
  »Warum warst du vorhin plötzlich so wütend auf mich?«, fragte der weiße Kater vollkommen ruhig.
  »Das kannst du dir nicht denken?«, fuhr Moospfote ihn an.
  »Sollte ich das wissen?«
  »Efeusturm war also zu jung, was?«
Weißsturm reagierte überhaupt nicht auf Moospfotes Anschuldigung.
  »Ja. Damals hat es viel ausgemacht, denn sowohl Efeusturm als auch ich waren sehr jung und hatten eine große Zukunft vor uns liegen.«
  »Ach ja, und jetzt nicht mehr?«
  »Ich bin alt und habe nur wenig Zukunft vor mir.«
  »Du hast noch viel Zeit. Wenn Flammenstern stirbt wirst du Anführer!«
  »Flammenstern ist jung und hat noch acht Leben.«
  »Aber du bist nicht alt! Jedenfalls nicht steinalt. Du wirst noch viele Blattwechsel lang Krieger bleiben.«
  »Ach Moospfote.«, seufzte Weißsturm.
Moospfote sah ihren Mentor erwartungsvoll an, sie hoffte, dass er ihr seine Liebe gestehen würde, aber es kam nichts dergleichen.
Enttäuscht stapfte sie weiter. Dann erkannte sie den Pferdeort wieder. Ganz in der Nähe war die Insel, auf der sich alle Clans zu Großen Versammlung trafen.
  »Kannst du den dunklen Streifen dort erkennen?«, fragte Weißsturm.
Moospfote reckte den Hals. Tatsächlich konnte sie einen dunklen Streifen erkennen.
  »Was riechst du?«
Die grauweiße Kätzin schnupperte.
  »Das riecht ja schrecklich! Der Geruch sticht mit in die Nase!«, jammerte Moospfote.
  »Das sind die Ausdünstungen der Monster. Komm mit, du sollst lernen, den Donnerweg zu überqueren. Es kann kaum eine Katze, ohne panisch zu werden. Doch wenn wir auf eine Mission müssten, müssen wir ihn überqueren.«
Weißsturm sprang aus dem Wasser und rannte davon. Moospfote folgte ihm, blieb aber in einem sumpfigen Loch stecken. Verzweifelt strampelte sie mit den Beinen, dabei sank sie immer tiefer in den Schlamm hinein.
  »Hilfe! Weißsturm hilf mir!«, kreischte sie panisch.
Der Krieger wirbelte herum und kam zu ihr gerast.
  »Hilfe! Ich sinke immer weiter nach unten!«
  »Wir hätten doch durch den Zweibeinerort gehen sollen…«, murmelte Weißsturm besorgt.
  »Jetzt hol mich hier heraus du dämlicher Fellball!«, fauchte Moospfote.
Sie war mittlerweile bis zum Bauch eingesunken.
  »Was geht hier vor?«, miaute eine Katze in ihrer Nähe.
Es war Sonnenfleck, die Heilerin des FlussClans.
  »Ich wollte meiner Schülerin den Donnerweg zeigen. Jetzt steckt sie hier im Sumpf fest.«, erklärte Weißsturm knapp.
Sonnenfleck nickte und schob sich an dem Massigen Krieger vorbei.
  »Hör auf dich zu bewegen, sonst wird es nur noch schlimmer.«
Sonnenflecks Stimme war sanft und ruhig.
  »J-ja.«
Die schöne Heilerin streckte ihr schwarzes Vorderbein nach ihr aus und grub ihre Krallen in ihr Fell.
  »Aua!«, jaulte Moospfote laut auf.
  »Wenn du nicht in diesem Dreck ersticken willst, hältst du den Schmerz aus!«
Sonnenflecks Stimme wurde Scharf.
  »Ja, Sonnenfleck.«
Die FlussClan-Heilerin hatte erstaunliche Kräfte, denn es gelang ihr, die Schülerin zu sich heranzuziehen und mit den Zähnen zu packen.
Als Moospfote endlich wieder festen Boden unter den Pfoten hatte, atmete sie erleichtert auf.
  »Hab vielen Dank, Sonnenfleck!«
  »Du stinkst.«, war ihre Antwort.
  »Ich werde dir das nicht vergessen, Sonnenfleck!«, behauptete Moospfote aufrichtig.
  »Ihr DonnerClan-Katzen habt auch wirklich nichts besseres zu tun, als irgendwo herumzuschnüffeln, oder?«
Sonnenflecks grüne Augen blickten sie Vorwurfsvoll an.
  »Wir sind auf einer Missoin, die Moospfote zu einer besseren Kriegerin machen wird!«, verteidigte sich Weißsturm.
  »Und da müsst ihr unbedingt mitten in der Nacht hier rumstreunern?«
  »Das Gleiche könnten wir auch dich fragen!«, grummelte Moospfote.
Weißsturm schnippte ihr mit der Schwanzspitze gegen das Maul.
  »Dornenstern liegt im Sterben! Ich bin auf Kräutersuche um sein Leiden zu lindern!«, zischte Sonnenfleck gereizt.
  »Das tut uns leid. Dornenstern war ein großartiger Anführer. Wir werden dem SternenClan für all seine Leben danken.«, bedauerte Weißsturm.
Sonnenfleck entspannte sich etwas und Moospfotes Fell legte sich wieder.
  »Ich begleite euch gerne bis zum Donnerweg.«, erklärte sich die Heilerin bereit.
  »Gerne.«, stimmte Weißsturm zu.
Die hübsche Kätzin drehte sich um und lief Richtung Donnerweg. Weißsturm folgte ihr. Moospfote taumelte hinterher, ihr Fell klebte unangenehm an ihr und war hart wegen des getrockneten Schlamms. Die Ausdünstungen der Monster stachen immer mehr in der Nase und ließen ihre Augen tränen.
  »Das brennt ja in den Augen!«, jammerte sie.
  »Und ich dachte, die DonnerClan-Katzen zeichnen sich durch Mut und Stärke aus!«, stöhnte Sonnenfleck.
  »Und durch was zeichnet sich der FlussClan aus? Durch seinen ekelhaften Geruch?«, erwiderte Moospfote bissig.
  »Deine Schülerin ist schlagfertig, Weißsturm.«
Der weiße Krieger zuckte nur mit dem Schwanz. Sonnenfleck blieb stehen, auch Weißsturm kam zum stehen. Moospfote quetschte sich in ihre Mitte und sah in der Morgendämmerung den dunklen, übelriechenden Streifen.
  »Das, Moospfote, ist der Donnerweg. Er ist sehr gefährlich und man sollte ihn schnell und mit äußerster Vorsicht überqueren.«
Der Boden begann leicht zu beben und ein lautes Grollen tat ihr in den Ohren weh. Moospfotes Nackenhaare stellten sich auf.
  »Da kommt ein Monster.«, rief Weißsturm über den Lärm hinweg.
Und tatsächlich konnte sie die glühenden Augen eines riesigen Monsters erkennen, die sie blendeten. Es donnerte an ihnen vorbei. Der Wind, der dabei entstand, zerzauste ihr Fell.
  »Zu viele Katzen sind durch diese Ungeheuer gestorben.«, seufzte Sonnenfleck.
  »Meine Schwester zum Beispiel. Sie wurde von so einem Monster zerfetzt. Die arme Herbstpfote…«
Moospfote sah die Heilerin mit großen Augen an.
  »Aber wie konnte das denn passieren?«
Sonnenfleck sah sie traurig an.
  »Sie hat in der Blattleere ein Kaninchen gejagt. Es hätte alle Ältesten ernähren können.«
Sonnenfleck wandte sich von ihr ab und starrte auf den Donnerweg.
  »Dornenstern hat hier sein achtes Leben verloren.«, murmelte sie.
Es herrschte ein Moment der Stille.    »Moospfote?«
Die Schülerin sah zu ihrem Mentor auf.
  »Ja?«
  »Was würdest du tun, wenn du den Donnerweg überqueren müsstest?«
Die junge Kätzin trat widerstrebend an den Rand des Donnerwegs heran.
  »Zuerst schaue ich nach links und rechts, um zu überprüfen, dass kein Monster auf mich zurast.«, erklärte sie.
  »Und dann, wenn keins in der Nähe ist, renne ich -so schnell ich kann- hinüber.«
  »Im Moment sind nur wenige Monster unterwegs. Viele schlafen noch in der Nähe der Zweibeiner, denn sie wachen erst auf, wenn die Zweibeiner in ihre Bäuche steigen. Normalerweise kannst du auch hinüberrennen, wenn ein Monster weit entfernt ist.«
  »Was? Zweibeiner gehen freiwillig in diese Ungeheuer? Sind sie denn lebensmüde?«
  »Zweibeiner sind komisch. Kennst du die Geschichte von dem alten Wald?«, fragte Weißsturm.
  »Alter Wald? Nein, die kenne ich nicht.«
  »Du warst nicht gerade oft bei den Ältesten. Dir ist eine der spannendsten Geschichten entgangen!«, mischte sich Sonnenfleck ein.
  »Könnt ihr sie mir erzählen?«, bettelte Moospfote.
Doch Sonnenfleck schüttelte den Kopf.
  »Ich muss schnellstens zurück zu Dornenstern. Ich möchte bei ihm sein, wenn er zum SternenClan geht. Ich kenne ihn als Anführer seit ich ein Junges bin.«
  »Viel Glück, Sonnenfleck!«, rief Moospfote der Heilerin hinterher. »Möge der SternenClan deinen Weg beleuchten!«
  »Ich erzähle dir davon beim Rückweg. Vorher möchte ich, dass du den Donnerweg überquerst. Einmal hin und zurück, und zwar dann, wenn ein Monster auf dich zukommt.«, meinte Weißsturm ernst.
  »Aber ich kann den Donnerweg doch auch überqueren, wenn kein Monster kommt.«, widersprach Moospfote ängstlich.
  »Meinst du, dass sie warten, damit du bequem hinüberkriechen kannst?«, knurrte ihr Mentor ungeduldig.
  »Nein.«, murmelte die Schülerin.
  »Dies hier ist eine Prüfung. Also bemühe dich, ansonsten wirst du gnadenlos zerfetzt.«
Moospfote schauderte. Sie erinnerte sich an Schneepelz‘ Tod.
  »Ich weiß.«, flüsterte sie traurig.
Weißsturm sah sie überrascht an.
  »Was weißt du?«, fragte er.
  »Ich… habe mal von sowas geträumt…«, stammelte sie.
Weißsturm kniff die Augen zusammen. Verlegen musterte Moospfote den Boden.
  »Ich höre ein Monster, Bereit?«
  »J-ja.«
Moospfote wusste, dass sie sich beeilen musste. Schnell sah sie in die Richtung, aus der das Monster auf sie zuraste, dann raste sie über den Donnerweg hinüber auf die andere Seite. Der Boden fühlte sich heiß und klebrig an. Außerdem stank der dunkle Streifen, sodass ihre Augen tränten. Nur ein paar Herzschläge später rauschte das Ungeheuer vorbei.
Puh. Ich will wirklich nicht so wie Schneepelz enden.
Es dauerte eine ganze Weile bis erneut das Dröhnen eines Monsters zu hören war. In der Ferne bewegte sich ein flimmernder, schwarzer punkt auf sie zu. Schnell huschte Moospfote auf die andere Seite. Weißsturm legte seiner Schülerin den Schwanz auf die Schulter.
  »Gut gemacht. Aber merke dir eins: Der Donnerweg kann tödlich sein, aber bewahre bei seiner Überquerung immer Ruhe und versuche die Katzen, die bei dir sind, zu beruhigen.«
  »Ja. Ich verstehe.«, miaute Moospfote nachdenklich.
  »Lass uns umkehren.«, schlug der weiße Kater vor.
  »Aber ich habe Hunger!«, jammerte Moospfote.
  »Oh SternenClan! Wir befinden uns auf dem FlussClan-Territorium! Wir fressen, wenn wir zurück auf unserem Territorium sind.«, stöhnte Weißsturm.
  »Können wir uns nicht ein bisschen ausruhen?«, bettelte Moospfote.
  »Wir haben keine Zeit.«
  »Warum? Es ist gerade mal Sonnenaufgang!«
  »Wir gehen zum Mondsee. Bei Mondhoch müssen wir da sein.«
Weißsturm lief davon und legte ein harsches Tempo vor.
   »Wenn wir uns beeilen, können wir uns noch ausruhen.«
Moospfote sprang hinter ihm her. Diesmal bemerkte sie das Schlammloch und setzte hinüber. Das frische Wasser spritzte ihr ins Gesicht.    »Erzählst du mir jetzt die Geschichte vom alten Wald?«, fragte Moospfote.
  »Na gut. Lauf neben mir, dann muss ich nicht so laut reden.«, erwiderte ihr Mentor.
Als Moospfote auf seiner Höhe war, begann er zu erzählen:
  »Vor vielen Blattwechseln lebten hier am See noch keine Katzen. Weit weg von hier gab es einen großen Wald mit endlos vielen Donnerwegen. Die vier Clans lebten zusammen, so wie heute. Aber der Wald wurde von Vielen Katastrophen heimgesucht. Als Blaustern noch Anführerin des DonnerClans war, gab es im Wald einen grausamen Kater Namens Tigerstern. Er war ein Krieger des DonnerClans und hieß Tigerkralle. Er tötete voller Machtgier Rotschweif, den Zweiten Anführer. Er log Blaustern an und schließlich wurde er zu ihrem Stellvertreter ernannt. Als er versuchte, Blaustern zu töten, wurde er aus dem Clan verstoßen. Aber er schwor dem DonnerClan Rache. Erst gab es einen Wandbrand. Dann hetzte Tigerstern, der Anführer des SchattenClans war, eine Hundemeute auf den DonnerClan. Blaustern starb schließlich, als sie ihren Clan rettete und mit dem Leithund In den Fluss stürzte.«
Moospfote atmete scharf ein.
  »Sie starb so qualvoll!«, heulte sie ernsthaft betroffen.
  »Aber das reichte Tigerstern nicht. Er schloss sich
 mit dem FlussClan zusammen und holte den schrecklichen BlutClan mit in den Bund. Er wollte den WindClan und den DonnerClan unterdrücken und über den ganzen Wald herrschen. Als der Anführer des BlutClans –Geißel- Tigerstern mit einem Schlag alle neun Leben nahm, beanspruchte er den Wald für sich. Daraufhin verbündeten sich alle vier Clans und vertrieben den BlutClan. Aber dieser Kampf war schlussendlich doch sinnlos. Der SternenClan schickte je einer
Katze aus einem Clan eine Nachricht. Gemeinsam brachen die Auserwählten auf und erführen von Mitternacht, einer Dachsin, dass der Wald von den Zweibeinern Zerstört werden wird. Schließlich brachen die Clans auf und erreichten den See hier.«, fuhr Weißsturm fort.
  »Der SternenCla ist noch stärker als ich dachte!«, staunte Moospfote.
  »Der SternenClan ist unser Leitmotiv. Die Kraft der Katzen erfüllt unsere Seelen. Sie schenken uns Beute und neues Leben. Sie sichern uns Lebensrum und bewahren uns vor dem Tod. Der SternenClan ist das, was uns antreibt. Verlierst du den Glauben an ihn, verlierst du deinen Verstand. Das beste Beispiel ist Blaustern. Nach Tigerkralles Verrat und dem Feuer verlor sie ihren Glauben. Sie weigerte sich zu den Großen Versammlungen zu gehen und betrachtete alle Katzen im DonnerClan als Verräter. Zum Glück erlangte sie ihren Glauben wieder, als sie starb.«, erklärte Weißsturm.
Moospfote war erstaunt.
  »Blaustern hat ihren Glauben verloren? Ich dachte sie war legendär!«, rief Moospfote.
  »Oh das war sie auch. Nach ihr kam Feuerstern, er war ebenfalls ein Held. Aber er musste niemals so viel für seinen Clan opfern. Blaustern hat alles verloren. Schließlich hatte sie nur noch ihre Liebe zu ihrem Clan.«
Moospfote schnaufte. Sie kannte Blaupelz, die junge Kriegerin, aber Blaustern, die legendäre Anführerin? Sie hatte doch das Gesetz der Krieger gebrochen, als sie Eichenherz Junge gebar!
  »Du scheinst viel über sie zu wissen, Moospfote.«, bemerkte ihr Mentor.
  »Ä-älteste… Sie haben viel über sie gesprochen…«, log Moospfote.
Weißsturm sah sie schief an.
  »Du warst doch nie so redselig!«
  »Äh. Trotzdem.«
  »Na dann…«
  »Moospfote! Moospfote!«, jaulte jemand ganz in ihrer Nähe.
Mentor und Schülerin hatten Mittlerweile fast die Grenze zum DonnerClan erreicht.
Weißsturm zuckte kurz zusammen und Moospfote drehte ihren Kopf in die Richtung, aus der die Rufe kamen. Erlenpfote kam zu ihnen gerast.
  »Erlenpfote! Was machst du denn da?«, rief Moospfote dem Schüler zu.
  »Moospfote! Ihr müsst verschwinden, alle beide! Gewittersturm hat euch gesehen, er wird euch beide angreifen!«
  »Ihr kennt euch?«, brachte Weißsturm hervor.
  »Keine Zeit für lange Erklärungen. Ihr müsst verschwinden, und zwar sofort !«
  »Worauf wartest du noch, Weißsturm!«, fuhr Moospfote ihren Mentor an.
  »Ist ja schon gut!«
Mit einem feindseligen Blick verabschiedete er sich von Erlenpfote.
  »Danke!«, flüsterte Moospfote ihm zu, dann preschte sie davon.
Völlig außer Atem erreichten die beiden schließlich die Grenze und befanden sich auf DonnerClan-Territorium.
  »Können wir uns hier ausruhen?«, fragte Moospfote.
  »Nein! Wir müssen weiter weg von der Grenze! Am Mondsee können wir dann jagen.«, erwiderte Weißsturm.
Er verlangsamte sein Tempo nicht und raste durch den Wald hindurch, als wären schreckliche Hunde hinter ihnen her. Naja, sowas ähnliches könnte tatsächlich hinter ihnen her sein. Gewittersturm war ein loyaler Krieger und der Tod seiner Schwester hatte ihn nicht geschwächt. Er war stärker geworden. Und genau das konnte ihnen zum Verhängnis werden.
Die Schülerin folgte dem weißen Kater. Er nahm jedes Hindernis mit einem sauberen Sprung, Moospfotes Fell dagegen verhedderte sich manchmal ich Sträuchern.
Moospfote fing an zu keuchen. Sofort blieb Weißsturm stehen und sah sie mit großen, besorgten, gelben Augen an.
  »Tut mir leid. Willst du dich setzen?«
Die Schülerin nickte. Sie plumpste auf den Boden und schloss die Augen.
  »Was ist das blos?«, keuchte sie.
  »Ich glaube, du wirst es bald erfahren.«, murmelte ihr Mentor nachdenklich.
  »Du weißt, was mit mir los ist? Warum hegst du Geheimnisse vor mir?«, knurrte Moospfote.
  »Hey!«
Weißsturm leckte ihr zärtlich übers Ohr, doch seine Schülerin zuckte trotzig zurück.
  »Lass das!«, fauchte sie.
  »Was ist los?«, fragte Weißsturm.
  »Du hast mir sozusagen mitgeteilt, dass wir keine Zukunft haben!«
Der weiße Krieger sah sie verletzt an.
  »Ich hatte damals noch eine Zukunft!«, verteidigte er sich.
  »Und jetzt keine mehr?!«
  »Nein!«
  »Du bist Flammensterns Stellvertreter! Und wirklich alt bist du auch nicht!«
  »Moospfote! Es reicht jetzt! Ich sage ich habe nur noch wenig Zukunft, und dann meine ich das auch so! Und jetzt steh auf und komm mit mir! Es ist schon Sonnenhoch!«, blaffte ihr Mentor.
Die Kätzin rappelte sich auf und lief wütend hinter Weißsturm her.
Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie einen Felskamm.
  »Wir müssen da jetzt hoch. Halte am besten Abstand von mir, donst bekommst du noch Steinbrocken ab.«
Doch Moospfote funkelte ihn nur an und stürmte den Felskamm hoch. Wozu kletterte sie jeden Sonnenaufgang diesen verdammten Hang im Lager hoch? Sie würde es ihrem Mentor schon zeigen!
  »Hatte ich nicht gesagt, gehe hinter mir?«
  »Muss ich wohl überhört haben, tut mir leid.«
Endlich hatte Moospfote den höchsten Punkt erklommen und sah den kleinen See. Das war also der Mondsee.
  »Der Mondsee!«, staunte sie.
  »Ja, wunderbar, nicht wahr?«, meinte Weißsturm neben ihr. »Hunger?«
Die Schülerin nickte.
  »Dann lass uns jagen. Dort unten ist es am besten. Aber halte dich vom See fern!«
Moospfote kletterte den Hang wieder hinunter und sprang in die Büsche.
   »Moospfote, es ist Mondhoch. Lass uns zum See gehen.«
Der Kater stubste sie in die Seite.
  »Zum See?!«, fragte Moospfote ungläubig.
Doch ihr Mentor war schon weg. Sie rappelte sie also auf, gähnte und folgte ihm. Der See war schwarz. Wie ein großes, gähnendes Loch sah er aus. Nur die Sterne am Himmel spiegelten sich darin. Das Mondlicht erhellte den See zusätzlich.
  »Komm heran.«, befahl Weißsturm.
  »Aber nur ein Anführer oder die Heiler dürfen dorthin!«, protestierte sie.
  »Wir sind eine Ausnahme. Komm heran und lecke etwas von dem Wasser auf. Dann wirst du einen Traum haben. Du darfst später niemndem etwas davon erzählen, hörst du?«
Moospfote schauderte. Der SternenClan verdienste ihren äußersten Respekt und sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ihr erlaubt war, ihre Träume mit ihm zu teilen.
  »Hab keine Angst, Moospfote. Das hat alles seine Richtigkeit.«, raunte Weißsturm.
Moospfote trat zitternd vor und senkte den Kopf. Das Wasser war eiseskalt und rann ihren Hals hinunter. Sie hatte das Gefühl vom Boden gerissen zu werden. Alles um sie herum wurde schwarz.
  »SternenClan?«, wimmerte sie.
Es gab keine Antwort, bloß Dunkelheit. Und dann, auf einmal und ohne Vorwarnung, plumpste sie in weiches Moos. Sie konnte nichts sehen und fühlte sich nass und verletzlich. Nur wenige Herzschläge später war das Gefühl wieder weg. Doch stattdessen packte ihn die Kälte. Sie bekam keine Luft, alles um sie herum war weiterhin dunkel. Sie begann zu zittern. Dann spürte sie, wie sie Zähnte packten und sie ans Licht gezogen wurde. Um sie herum war es hell. Etwas weißes und kaltes bedeckte den Boden, es war Schnee. Sie kannte das Zeug, denn es war Blattfall, als sie geboren wurde. Doch das hier war nicht ihr Lager und sie konnte nirgends ihre Mutter riechen. Aber sie erkannte eine blaugraue Kätzin vor sich.
  »Blaupelz?«, piepste sie.
Sie war verwundert über ihre hohe, junge Stimme.
  »Ja meine kleine?«, schnurrte sie.
Es war tatsächlich Blaupelz!
  »Moosjunges! Du bist vom Schnee bedeckt worden!«, piepste ein anderes Junges.
Es war hellgrau und hatte blaue Augen. Die kleine Kätzin sah aus wie Blaupelz.
  »Achtung Nebeljunges! Ich greife dich jetzt an!«, heulte ein kleiner dunkelgrauer Kater.
  »Aua! Zieh deine Krallen ein, Steinjunges!«
Nebeljunges und Steinjunges. Sie kannte die Jungen nicht. Aber seltsamerweise war sie selbst ein Junges. Sie sah sich um und stellte fest, dass sie im DonnerClan-Lager sein musste.
So sah es hier aus? Damals, im alten Wald.
  »Ist alles in Ordnung, Moosjunges?«, fragte Blaupelz und leckte ihr über den Kopf.
Sie antwortete nicht.
  »Ich bringe dich zurück in die Kinderstube. Ich habe nur nicht genug Milch, um euch zu ernähren…«
  Ich bin ihr Junges? Was sollte dieser Traum? Ich habe doch nichts mit ihr zutun! Ich bin nicht einmal verwandt mit ihr!
Doch um sie herum löste sich wieder alles auf. Jetzt sah sie Blaupelz, Steinjunges und Nebeljunges aus einer anderen Perspektive. Sie befand sich nicht mehr in der Gestalt von Moosjunges, sondern war ein heimlicher Beobachter auf einem vereisten Baum. Sie erkannte jetzt das dritte Junge, es sah ganz genauso aus wie sie selbst. Grau mit weißen Flecken. Das war also Moosjunges. Die Jungen stolperten hinter ihrer Mutter her. Ein eisiger Wind blies ihnen heftig entgegen.
Was suchte eine Königin mit so kleinen Jungen mitten im Wald? Und dazu noch bei so schrecklichem Wetter? Lange würden die Jungen nicht mehr durchhalten.
Genau das schien Blaupelz auch zu denken, denn sie schob mit ihren Pfoten den Schnee beiseite und zog ihre Jungen zu sich. In der Schneeverwehung waren sie wenigstens etwas windgeschützt. Nach einer Weile weckte sie Steinjunges. Auch Nebeljunges erwachte, doch das kleine, grauweiße Kätzchen rührte sich nicht. Das Fell des Jungen war vom Schnee ganz weiß. Moospfote konnte von ihrem Platz aus erkennen, dass Moosjunges ihre Augen geschlossen hatte. Der Klagelaut von Blaupelz war eindeutig, sie musste erfroren sein.
Moospfote konnte es kaum fassen. Diese Reise war doch fahrlässig gewesen!
Blaupelz schob ihre anderen Jungen vorwärts. Moospfote kletterte vorichtig vom Baum und folgte ihnen. Dann erkannte sie einen zugefrohrenen Fluss. Ein brauner und erhabener Kater stand dort und wartete auf die drei Katzen. Blaupelz übergab ihm Nebeljunges und Steinjunges, die entsetzliche Klagelaute von sich gaben, und ging wieder zurück. In ihrem Gesicht lag Schmerz. Der Schmerz einer Königin, die ihre Jungen verlor, der Schmerz einer Katze, die ihre Liebe zu einer Katze unterbinden musste, und die Wut darüber, dass sie das alles nur für ihren Clan tat. Dass sie alles aufgab, was sie liebte, nur um ihrem Clan loyal zu sein.
War es das alles wert?
Tiefe schwärze umgab Moospfote. Nach einigen Herzschlägen fand sie sich auf einer leeren Lichtung wieder.
  »SternenClan?«, rief sie erneut. »Warum schickt ihr mir solche Träume?«
Moospfote fragte, obwohl sie Angst vor der Antwort hatte. Die Antwort konnte alles in ihrem Leben ändern.
  »Moospfote!«
Sie hörte eine liebliche Stimme. Der Tonfall war zart und weich. Eine Katze trat aus dem Gebüsch und schlüpfte geschmeidig auf die Lichtung.
  »Blaupelz!«, hauchte Moospfote ungläubig.
  »Blaustern.«, korrigierte die Kätzin.
Blausterns blaue Augen leuchteten vor Zuneigung.
  »Moospfote, es ist Zeit für dich zu erfahren, wer du wirklich bist.«
Die Schülerin zitterte.
  »Ich weiß, wer ich bin!«, entgegnete sie scharf. »Ich bin Moospfote, die Tochter von Lichtschweif und Silberschweif! Ich bin eine loyale DonnerClan-Schülerin.«
  »Im Prinzip schon. Aber du bist viel mehr als nur ein gewöhnliches Mitgleid des DonnerClans.«, meinte Blaustern.
Moospfote sah die ehemalige Anführerin mit großen Augen an.
  »Du bist meine Tochter.«
Diese Erkenntnis traf die Schülerin wie ein harter Schlag im härtesten Kampf.
  »Das kann nicht sein! Dann wäre ich ja tot! Ich bin doch erfroren, nicht wahr? Ich bin wegen deiner Dummheit gestorben!«, jaulte Moospfote.
Sie versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass sie schon immer das Gefühl hatte, etwas anderes zu sein.
  »Moospfote! Ich musste euch abgeben. Das mit Eichenherz war ein Fehler, aber ich habe euch geliebt! Es hat so wehgetan euch zu verlieren. Ich konnte mich nie zu euch bekennen, erst als ich starb. Aber dich hatte ich verloren, so wie meine Mutter und meine Schwester. Ich musste Weißpelz aufziehen. Dann verliebte ich mich in Eichenherz. Es war nur eine Nacht, aber da ist es wohl passiert…«
  »Wir waren also ein Fehler! Ich bin also etwas, was gar nicht hätte passieren dürfen!«, heulte Moospfote verletzt.
  »Hör zu, Moospfote. Ich hatte eine Prophezeiung zu erfüllen. Ich musste Anführerin werden! Ansonsten würde mein Clan zugrunde gehen. Das konnte ich nicht zulassen. Morgenstern hätte niemals eine Königin als seine Stellvertreterin gewählt. Ich musste euch also abgeben.«
  »Warum lebe ich dann noch?«, fragte Moospfote verwirrt.
Hatte Blaustern sie wegen ihrem Ehrgeiz abgegeben?
  »Ihr habt mir so viel bedeutet. Der SternenClan war gnädig und hat entschieden, dass du wiedergeboren wirst. Ich wollte, dass du leben kannst. Ich wollte, dass du eine Familie hast!«, flüsterte Blaustern.
Ihre Augen waren zu Boden gesenkt.
  »Gänsefeder hatte die ganze Zeit Recht. Ich bin geboren, um für meinen Clan zu leben, koste es was es wolle. Und alles, was ich liebte, war gegen diesen Plan. Ich habe alles verloren, Moospfote, bitte verlass du mich nicht auch noch.«
Die Schülerin musste schlucken. Niemals würde sie ihrer Mutter verzeihen.
  »Aber eines sollst du noch wissen. Ein Tribut musstest du liefern. Du hast einen Teil deiner Gesundheit verloren. Du hast Atembeschwerden. Es ist auf einen Geburtsfehler zurückzuführen.«
Moospfote konnte es nicht fassen. Sie war in einer Familie geboren, aber sie war trotzdem einsam, denn ihre eigentliche Familie weilte im SternenClan.
Niemand hatte sie nach ihrer Meinung gefragt.
  »Was ist aus Nebeljunges und Steinjunges geworden?«, fragte Moospfote.
  »Sieh selbst!«
Blausterns Miene hellte sich etwas auf.
Es raschelte und zwei kräftige Gestalten kamen auf sie zu.
  »Moospfote! Wie schön, dass du da bist!«, schnurrte der dunkelgraue Kater.
  »Steinjunges?«, forscht Moospfote.
  »Nein nein nein! Steinfell bittesehr!«
  »Du warst Krieger?«
  »Zweiter Anführer. Ich starb im Kampf gegen Schwarzstern, damals noch Schwarzfuß.«, berichtete Steinfell.
Der Kater trat vor und leckte sie liebevoll am Ohr.
  »Einen wunderbaren Bruder habe ich da!«, stellte Moospfote fest.
  »Den besten!
«, meldete sich die hellgraue Kätzin zu Wort.
  »Nebeljunges!«
Sie sah wirklich aus wir Blaustern.
  »Nebelstern.«, schnurrte sie.
  »Du bist Anführerin gewesen?«, staunte Moospfote.
Nebelstern nickte.
  »Eine bessere hätte es nicht geben können.«, meinte Blaustern stolz.
  »Moospfote, wir sind glücklich, dass du beim DonnerClan leben kannst.«, miaute Steinfell sanft.
  »Du bist unsere Schwester, auch wenn wir das nie wirklich gemerkt haben. Du bist zu früh gestorben. Aber jetzt sind wir für dich da. Für immer!«, pflichtete Nebelstern ihrem Bruder bei.
  »Danke.«
Es tat gut zu wissen, dass man Geschwister hatte. Sie teilten ihre Vergangenheit und verstanden sie bestimmt, wenn sie sagte, dass sie Blaustern niemals verzeihen würde.
  »Und das ist unser Vater.«, stellte Steinfell den dunkelbraunen Kater vor, der sich zu ihnen gesellte.
  »Eichenherz.«
Es war das einzige, was Moospfote sagen konnte. Ihr Vater saß da, neben Blaustern und in einer ehrwürdigen Position.
  »Hallo Moospfote. Wir sind und schon einmal begegnet.«
  »Du warst es, der mir das Schwimmen gelehrt hat?«, fragte Moospfote.
  »Ja, das war ich. Ich möchte, dass du es lernst, damit du nicht stirbst, so wie Blaustern. Sie ertrank.«
Moospfote nickte, sah ihre Mutter aber nicht an.
Dann kam eine schlanke, weiße Kätzin. Es musste Schneepelz sein. Dicht hinter ihr war ein weißer Kater, der ihrem Mentor so sehr ähnelte, dass Moospfote erschrak.
  »Das ist meine Schwester Schneepelz. Sie wurde-«, begann Blaustern.
  »Von einem Monster erfasst. Ihr habt mir doch die Träume geschickt, nicht wahr?«, unterbrach Moospfote ihre Mutter.
  »Und das ist mein Sohn, Weißpelz.«, stellte Schneepelz ihren Sohn vor.
  »Hallo, junge Kriegerin.«, begrüßte er sie mit tiefer Stimme.
Moospfote war ganz angetan von den vielen Katzen, die ihre Familie waren. Und trotzdem zerriss es ihr das Herz, denn ihre eigentliche Familie war tot.
  »Mondblüte ist unsere Mutter, Gänsefeder ihr Bruder.«, miaute Schneepelz mit sanfter stimme.
Die wunderschöne Kätzin trat zu ihnen. Ihr Fell war silbern gestreift. Moospfote war traurig darüber, dass sie einen so frühen und so schrecklichen Tod gestorben ist. Neben  ihr humpelte ein alter, ungepflegter Kater mit schwarzen flecken.
  »Das ist Gänsefeder?«
  »Ohje, hat er deine Träume etwa gestört? Hör nicht auf ihn, er ist alt und verwirrt.«, meinte Mondblüte.
  »Ich bin alt, aber ich habe recht!«, protestierte Gänsefeder mit heiserer Stimme.
  »Wegen deiner blöden Prophezeiung habe ich mein Leben verloren, du dämlicher Fellball!«, grummelte Mondblüte.
  »Oh SternenClan, wie damals.«, kommentierte Blaustern und verdrehte die Augen.
  »Wo ist dein Gefährte?«, wandte sich Moospfote zu Mondblüte.
  »Pah, der war ja mal’n echter Glücksgriff!«, spottete Gänsefeder.
  »Sei still! Er war ein wichtiger Krieger, auch wenn er später Tupfenschweif als Gefährtin hatte.«, antwortete Mondblüte.
  »Ist er deshalb nicht hier?«, fragte Moospfote.
  »Er hat sich nie sonderlich um seine Jungen geschert!«, meinte Gänsefeder.
  »Wir sollten wieder gehen.«, meinte Weißpelz. »Mach‘s gut, Moospfote!«
Alle Katzen verschwanden von der Lichtung, bis nur noch Blaustern und ihre Jungen blieben.
Steinfell trat zu Moospfote vor und leckte ihr die Schulter.
  »Bis demnächst, Schwesterherz. Wir beschützen dich, vergiss das nicht.«
Nun kam auch Nebelstern zu ihr und verabschiedete sich. Moospfote wollte ihre Geschwister gar nicht erst gehen lassen. Blaustern stand vor ihr und betrachtete sie mit größter Zuneigung.
  »Ich bin sehr stolz auf euch, auch auf dich.«, schnurrte sie.
  »Du hast mich verraten! Du hast uns alle verraten! Du warst keine gute Mutter! Dein Ehrgeiz hat dich geleitet, mehr nicht! Ich brauche dich nicht in meinem Leben. Es reicht, wenn ich meine Geschwister bei mir habe, denn die verstehen mich! Sie mussten das gleiche durchmachen wie ich. Ansonsten habe ich bereits eine Familie; Lichtschweif, Silberschweif und Federpfote. Dich brauche ich nicht.«, zischte sie zornig.
  »Sei kein Narr, Moospfote. Ich musste das tun, ansonsten würde es den DonnerClan nicht mehr geben!«, versuchte Blaustern zu erklären.
  »Du lobst dich selbst, hältst dich für was Besseres. Für mich hättest du keine Anführerin sein brauchen, mir hätte eine Mutter gereicht!«
Das hatte gesessen. Blaustern wich zurück und gab ihre perfekte, elegante Haltung auf. Ihre Augen wurden dunkel.
  »Auf Weißsturm kann ich mich verlassen. Er wird dich lehren. Du wirst deinen Weg finden.«
Ihre Stimme war gebrochen.
  »Du kannst jetzt gehen. Aber vergiss nicht, dass ich dich liebe.«, flüsterte die ehemalige Anführerin.
Moospfote fand sich am Ufer des Sees wieder. Ihr Kopf schwirrte. Deshalb hatte man ihr diese Träume geschickt! Um ihr zu sagen, wer ihre Familie ist. Sie sah sich um. Weißsturm lag neben ihr und träumte noch. Moospfote putzte sich und dachte an Blaustern. Vielleicht liebte sie sie ja wirklich, aber es war zu spät für Entschuldigungen.
Plötzlich sprang Weißsturm keuchend auf. Sein Fell sträubte sich und seine gelben Augen waren weit vor Angst.    »Weißsturm, ist alles in Ordnung?«, fragte sie ängstlich.
Sie bemerkte, dass Weißsturm Weißpelz sehr ähnlich sah. Ob er wohl mit ihm verwandt war?
  »Wir müssen zurück zum Lager, schnell.«, keuchte er.
  »Was ist denn los?«
Doch Weißsturm antwortete nicht. Er preschte davon und Moospfote hatte Mühe mitzuhalten. Sie kletterten den Bergkamm hinauf und auf der anderen Seite hinunter. Dann ging es weiter durch den Wald hindurch. Weißsturm drosselte das Tempo kaum. Moospfote fragte sich, was ihr Mentor wohl geträumt hatte.
  »Weißsturm, du bleibst jetzt stehen und erklärst mir, was in dich gefahren ist!«, rief Moospfote.
  »Keine Sorge Moospfote, ich wusste bescheid, aber nicht, dass es so früh soweit ist!«
Verwirrt eilte Moospfote hinter dem weißen Krieger her.
  »Was redest du denn da?«
  »So wenig Zeit, nur so wenig Zeit.«, murmelte er vor sich hin.
Oh SternenClan, bitte erkläre mir, was mit Weißsturm passiert ist! Es war sonst gar nicht Weißsturms Art hektisch zu sein. Aber irgendetwas hatte es geschafft, den Kater vollkommen aus der Ruhe zu bringen.
In letzter Zeit sprach er immer unverständlicheres Zeug. Warum war er der Meinung, dass sie zu wenig Zeit hatten? Und wozu? Endlich hatten sie das Lager erreicht. Als sie es betraten, hörte Moospfote schon den Lauten Ruf ihrer Mutter. Sie erschrak. Wie sollte sie sich ihr gegenüber verhalten, wenn es nicht ihre wirkliche Mutter war? Wusste sie von Blaustern? Wusste irgendwer, dass ihre gesamte Familie im SternenClan weilte? Zu gern hätte sie Weißsturm danach gefragt, aber jetzt war Lichtschweif da.
  »Moospfote! Oh Moospfote! Mein liebes, warum bist du denn einfach so abgehauen?«
Moospfote grub müde ihre Nase in Lichtschweifs Fell. Auch Federpfote kam angerannt und begrüßte sie glücklich.
  »Da bist du ja, du kleiner Fellball!«, drang eine Stimme zu ihr.
Es war Spatzenpfote.
  »Hey, Spatzenpfote. Alles klar bei dir?«
  »Ja klar! Bei dir?«
  »Soweit ganz gut. Nur müde.«, erklärte Moospfote.
  »Keine Zeit zum schlappmachen. Wir gehen jetzt ein bisschen Kampftechniken üben.«, meinte Weißsturm.
  »Aber es ist doch gerade erst Sonnenaufgang!«, protestierte Moospfote.
  »Nichts da! Du must hart arbeiten, um ein Krieger zu sein!«
  »Feuersturm! Komm her! Ich möchte, dass du mit uns zur Mooslichtung gehst, um zu trainieren!«, rief Weißsturm.
Der rote Kater saß vor dem Kriegerbau und gab sich gerade mit Eichhornstreif die Zunge.
  »Ich komme.«, antwortete er und erhob sich.
Moospfote stöhnte. Kaum war man zurück im vertraten Heim, schon bekam man die unbeliebtesten Katzen aufgehetzt.
  »Keine Widerrede, Moospfote. Geh mit ihm schon mal vor, ich komme dann nach. Ich muss Flammenstern über unserere Reise informieren.«
Moospfote ahnte, dass er über mehr als nur das mit ihr reden wollte. Weißsturm wusste viel mehr, als die anderen Katzen in diesem Clan. Flammenstern würde er sich vielleicht anvertrauen.
  »Weißsturm? Kann ich mit Federpfote mitkommen? Sie sollte auch etwas Kampftraining nehmen. Und wie ich höre, ist Moospfote eine exzellente Kämpferin!«
Heckendorn hatte sic zu Wort gemeldet. Feuersturm schnaubte.
  »Ja, Heckendorn. Komm ruhig mit.«
Moospfote war etwas erleichtert, nicht allein mit Feuersturm gehen zu müssen.
  »Ist das nicht großartig? Wir lernen Kampfzüge!«
Federpfote sprühte vor Energie. Moospfote hingegen war müde und niedergeschlagen. Einen Moment lang wollte sie sich ihrer Schwester anvertrauen, ließ diesen Gedanken jedoch wieder fallen.

Schnaufend schleppte sich Moospfote ins Lager. Ihr Mentor hatte sie in den letzten Tagen fast zu Tode gehetzt. Sie war jeden Tag zum Kampftraining eingeteilt, außerdem musste sie mit Abendpatrouille in den Wald und Mittags musste sie jagen und die Ältesten versorgen. Jeden Morgen wurde sie noch vor der Dämmerung geweckt. Sie musste ein Morgendliches Training mit Weißsturm absolviern, das er Ausdauerlauf nannte.
  »Wenn du deinen Geburtsfehler etwas ausbügeln möchtest, dann ist das hier genau das richtige. Du bekommst mehr Ausdauer und kannst besser Kämpfen, Jagen und schneller rennen-«, hatte er ihr gesagt.
Moospfote hatte sich danach den ganzen Tag den Kopf zerbrochen, woher Weißsturm wusste, dass ihre Atemnot ein Geburtsfehler war. Sie selbst hatte es erst kürzlich erfahren. Außerdem machte er ständig Andeutungen. Er erzählte ihr alles über Blaustern und ihr leben, als sei es lebensnotwendig. Dann war das Thema FlussClan jeden Tag eine hochwichtige Sache. Ihr Mentor sprach jeden Tag so viel über den FlussClan, dass sich Moospfote langsam fragte, ob sie nicht auch dort lebte, anstatt im DonnerClan.
Beim Ausdauertrainig musste sie einmal mis zum verlassenen Zweibeinernest sprinten, dann zu den Tunnel rennen und un den Fluss springen, bis sie beim See wieder herauskam. Dann eine runde unter Wasser tauchen. Danach zurück zum Lager und ab zum Kampftraining.
Moospfote hatte so viel zutun, dass sie kaum noch Zeit hatte zu essen.
Heute war sie endlich fertig mit jagen und bekam zum Glück den Abend frei.
  »Ohje. Du siehst müde aus, Moospfote!«, bemerkte Windpfote.
  »Das bin ich auch. Weißsturm nimmt mich so hart ran in letzter Zeit.«, beschwerte sie sich.
Windpfote legte ihr tröstend den Schwanz auf die Schulter.
  »Das hört schon wieder auf. Er ist nur etwas nervös in letzter Zeit. Er kriegt sich schon wieder ein.«
Moospfote war dankbar für Windpfotes Zuspruch. Sie liebte Windpfote nicht, aber er war ein guter Freund, auch wenn er viel mehr für sie empfand. Der junge Kater sah sie lange an.
  »Ich hab mir sorgen gemacht, als du plötzlich weg warst.«, meinte er.
Verlegen sah sie Windpfote an.
  »Tut mir leid. Aber…«
  »Ein Spaziergang?«, fragte er.
  »Na gut.«
Windpfote und Moospfote liefen zum See hinunter. Inzwischen war er so etwas wie Moospfotes Lieblingsort geworden. Die alte Eiche war ein wunderschöner Baum, der Schatten spendete und auf den man wunderbar klettern konnte.
  »Du liebst ihn, oder?«
Moospfote war überrascht.
  »Wen?«
  »Na deinen Mentor!«
  »Ich…«
Moospfote suchte nach einer passenden Ausrede.
  »J-ja.«, stotterte sie schließlich und ergab sich der Wahrheit.
  »Hast du es ihm gesagt?«, fragte Windpfote ruhig.
Moospfote spürte seine Enttäuschung.
  »Ehrlich gesagt habe ich immer darauf gehofft, dass er damit anfängt…«, gab sie zu.
  »Er hat nichts gesagt?«
  »Nein.«
Moospfote senkte traurig den Kopf.
  »Ich glaube er hat Angst es dir zu sagen. Ich meine… Du bist manchmal wirklich launisch. Aber genau das liebe ich an dir. Manchmal kann das einen jedoch etwas abschrecken, wenn du verstehst, was ich meine.«
Moospfote lauschte Windpfote gebannt.    »Ich glaube, dass er nicht will, dass du dich auf ihn einlässt, weil er älter ist als du. Er will, dass du einen Jungen Kater an deiner Seite hast, von dem du viel hast. Wenn du ihn nimmst, musst du ihn auch als ältesten ertragen und pflegen.«
  »Aber das würde ich tun! Ich liebe ihn und ich würde für immer für ihn sorgen! Der Altersunterschied ist für mich kein Problem!«, rief Moospfote.
Windpfote hatte ihr Hoffnung gemacht. Das würde auch erklären, weshalb Weißsturm über den Altersunterschied zwischen Efeusturm und ihm aufmerksam gemacht hatte.
  »Sag es ihm.«, riet Windpfote.
  »Danke Windpfote! Danke vielmals! Ich werde sofort mit ihm sprechen!«
Ausgeregt sprang sie auf und eilte zurück zum Lager. Doch Weißsturm war nirgends zu sehen. Moospfote entschied widerwillig bis Sonnenaufgang zu warten.

Kapitel 8

  »Der WindClan! Der WindClan!«, schrie Salbeipfote hysterisch.    »Salbeipfote, du träumst! Sei still und lass uns schlafen.«, murrte Moospfote mit geschlossenen Augen.
  »Moospfote, steh auf! Der WindClan greift unser Lager an!«, jaulte die junge Schülerin.
Mit einem Ruck erwachte Moospfote und stand auf. Tatsächlich konnte sie das Kampfgeheul von Gewittersturm hören.
  »Was erlauben die sich!«, rief Moospfote empört.  »Salbeipfote, wecke schnell die anderen Schüler. Ich gehe in den Kriegerbau.«
Moospfote schlüpfte nach draußen. Einige Katzen kämpften schon. Schnell eilte sie zum Kriegerbau, aus dem die Katzen strömten. Weißsturm lief an ihr vorbei ohne sie zu bemerken.
  »Es ist soweit, oh SternenClan, beschütze diese Schülerin.«, murmelte er vor sich hin.
Moospfote erstarrte. Was redete ihr Mentor nun schon wieder? Nach dem Kampf würde sie ihm sagen, dass sie ihn liebte, und zwar bedingungslos.
Sie entdeckte Löwenpelz, der mit Zackenbart kämpfte. Der goldbraune Kater würde von dem WindClan-Krieger überwältigt. Moospfote wusste, dass sie ihm zu Hilfe eilen musste. Sie war froh über die unzähligen Kampfstunden, die sie in den letzten Tagen absolviert hatte.
  »Zackenbart, du weicher Fellball! Ich habe dich wohl letztes Mal nicht hart genug vertrieben!«, jaulte sie.
  »Ach, Moospfote. Mit dir habe ich tatsächlich noch eine Rechnung offen!«
Zackenbart lies von Löwenpelz ab und kam mit gebleckten Zähnen auf sie zu.
  »Du wirst vorerst keine Pfote mehr in dieses Territorium setzen!«
Zackenbart schnaubte verächtlich.
Moospfote sprang ihn an, er wehrte sie jedoch mit einem krätigen schlag ab. Moospfote kam aus dem Gleichgewicht und viel. Zackenbart zog ihr mit den Krallen über die Schulter. Brennender Schmerz durchzuckte sie.
  »Na warte!«
Moospfote schlug heftig nach dem Kopf des Kriegers. Sie traf ihr und Blut spritzte auf den Boden. Zackenbart jaulte auf. Moospfote schleuderte ihn von sich und sprang ihm auf den Rücken. Sie biss dem Krieger in die Schulter, dann kam Löwenpelz und führte seinen Kampf alleine weiter.
Moospfote schaute sich um, als sie von hinten angegriffen wurde. Der Angriff hatte große Wucht und sie schlug hart auf dem Boden auf.
  »Erlenpfote!«, stieß Moospfote hervor.
  »Es tut mir leid, Moospfote.«
Die Augen des Schülers waren traurig auf sie gerichtet.
  »Ich muss Gewittersturm ein guter Schüler sein. Ich muss meinem Clan loyal gegenüber sein.«
Moospfote wandt sich unter ihm hervor. Mit aller Kraft sagte sie:
  »Ihr greift umsonst an. Efeusturm ist tot. Auch euer Kampf wird sie nicht zurückholen! Sie wurde nicht von uns getötet!«
Bei dem letzten Satz spürte sie einen Stich im Herzen. Sie war schuld an ihrem Tod. Es war alles ihre Schuld. Aber sie musste den Kampf abwenden.
  »Wir kämpfen für unsere Ehre! Wir kämpfen für Efeusturm, die euch nicht zu Krähenfraß mache konnte!«
Erlenpfotes Ton hatte sich rapide verändert. Vor wenigen Tagen war er kein extremer Gegner des DonnerClans gewesen.
Moospfote schlug ihm mit ihren Krallen ins Gesicht. Dann rammte sie den Schüler und warf ihn zu Boden. Sie senkte ihren Kopf, bis ihre Schnauze fast seine berührte.
  »Such dir jemand anderen zum Kämpfen.«
Dann lockerte sie ihren Griff, damit sich Erlenpfote befreien konnte. Er verschwand im Kampfgetümmel. Immer noch verwirrt bemerkte Moospfote, dass ihr Mentor nicht in Sichtweite war. Vielleicht brauchte er ja Hilfe? Sehnsüchtig hoffte die Schülerin das weiße, weiche Fell Weißsturms zu sehen. Aber vergeblich. Vielleicht ist er ja nach draußen gerannt um einen Krieger zu verjagen. Moospfote wich den Kämpfenden Katzen aus. Ihre Mutter setzte sich mit ihrer Schülerin Salbeipfote gut zu wehr. Lichtschweif schlug von vorne auf einen schildpattfarbenen ein, die kleine Schülerin schnappte nach seinem Schweif.
  »Na Fasanflug! Hier bekommst du deine Rechnung!«, triumphierte Salbeipfote stolz.
Der Krieger war sehr kräftig und von gutem Aussehen, aber gegen die beiden Katzen hatte er kaum eine Chance. Moospfote trat aus dem Tunnel und sah sich um. Keine Spur von Weißsturm. Moospfote bewegte sich unbewusst auf die Stelle zu, an der Efeusturm in den Tod stürzte. Schmerzhaft dachte sie an die Schöne Kriegerin, die bis zu Letzt ihrem Clan loyal gegenüberstand. Und nur sie war für ihren Tod verantwortlich. Vorsichtig sah sie an der Kante hinunter. Und da sah sie Ihren Mentor, der mit Baumpelz kämpfte. Doch der junge Kater kam nicht gegen Weißsturms schlaue Vorgehensweise an. Moospfote bemerkte, dass ihr Mentor sehr jung wirkte. Seine Fähigkeiten waren groß und schließlich schlug er seinen Gegner in die Flucht. Moospfote war erleichtert, dass Weißsturm kaum Wunden davongetragen hatte. Doch ihr fiel auf, dass sich im Schatten des Heilerbaus etwas bewegte. Überrascht sah sie genauer hin und konnte Gewittersturms kalten, grünen Augen sehen. Er plante einen Hinterhalt! Zu spät warnte die Schülerin ihren Mentor.
  »Weißsturm! Hinter dir!«, jaulte sie.
Doch der massige Kater landete mit einem erstaunlich großen Satz auf dem weißen Krieger und presste ihn zu Boden.
  »Weißsturm.«, zischte er.
Weißsturm versuchte sich unter dem WindClan-Krieger hervorzukämpfen.
  »Gewittersturm!«, presste er hervor. »Efeusturm ist tot! Niemand kann daran etwas ändern.«
Auch jetzt schien der Kater ruhig zu sein und sprach langsam und deutlich zu seinem Angreifer.
  »Dir ist ihr Tod doch egal! Sie hatte für euch keinerlei Bedeutung!«, knurrte Gewittersturm bitter.
  »Das ist nicht wahr. Ich habe sie sehr gemocht und wir waren gute Freunde.«, erklärte Weißsturm aufrichtig.
Moospfote dachte an das, was er ihr über die Kriegerin erzählt hatte. Wie er sich heimlich mit ihr traf.
  »Breite keine Schande über meine Schwester aus! Sie hätte sich niemals mit solch einem Gesindel befreundet!«, kreischte Gewittersturm wütend.
Weißsturm! Du machst ihn doch nur noch wütender!       »Ihr hattet, als ihr noch junge wart, einen Bruder. Er hieß Kleinjunges. Er ist mit euch auf eine Mission gegangen. Aber ein Zweibeiner hat den kleinen angegriffen und ihm ein Bein abgeschnitten. Er wurde danach von eurem Clan verstoßen und ihr habt ihn tot am Pferdeort gefunden.«, miaute Weißsturm immer noch gelassen.
Moospfote erschrak. Wie können Zweibeiner einem Katzenkjungen das Bein abschneiden!?
Gewittersturms Augen weiteten sich.
  »Das… das…«, stotterte er.
Dabei zögerte der Kater einen kurzen Moment lang und Weißsturm konnte sich aus seinem Griff befreien.
  »Das hat sie mir erzählt. Ihr Tod ist mir nicht egal, Gewittersturm. Ich weiß, dass du sehr darunter leidest. Aber dieser Kampf hat keinen Sinn.«
Gewittersturm wurde plötzlich wütend. Er ging auf den weißen Kater los und Schlug auf dessen Bauch ein.
Moospfote schrie laut auf.
  »Nein! Lass das! Es ist meine Schuld! Lass ihn los!«
Doch Gewittersturm war zu wütend, um sie zu hören. Moospfote wusste, dass e nur eine Möglichkeit gab, ihren Mentor zu retten. Die musste springen. Soweit sie wusste, hatten manche Katzen so etwas schon überlebt. Moospfote fixierte Gewittersturm und stürzte sich von der Felswand. Und sie landete tatsächlich auf ihm.  Durch die Wucht des Aufpralls wurde sämtliche Luft aus ihrer Lunge gepresst und Gewittersturm rollte von Weißsturm herunter. Erstaunt sah er sie an.
  »Es ist meine Schuld, hörst du? Lass Weißsturm in Frieden!«, jaulte Moospfote verzweifelt.
Gewittersturm fletschte sie zähne und schlug sie, ehe Moospfote reagieren konnte, in ihre Schulter. Die Schülerin befreite sich und setzte zu einem gewaltigen Sprung an. Sie katapultierte sich über den massigen Kater und wirbelte vor der Landung herum, dann biss sie Gewittersturm heftig ins Bein. Der schrie laut auf vor Schmerz. Als der Kater herumwirbelte, rollte Moospfote zur Seite und wich so einem tödlichen Schlag aus. Dann schob sie sich geschickt unter Gewittersturms Bauch und schlug heftig darauf ein. Blut spritzte ihr in das Gesicht. Der WindClan-Krieger sprang nach hinten und entzog sich so ihren Schlägen auf seinen Bauch. Er erhob seine Pfote und zog sie langsam und genüsslich über ihre rechte Seite. Moospfote wandt sich vor Schmerz. Der große Kater fesselte sie am Boden und schlug heftig auf ihren Kopf ein. Wieder und wieder. Die Schülerin bemerkte, wie sie langsam das Bewusstsein zu verlieren drohte. Doch irgendetwas passierte. Die Schläge hörten auf, Gewittersturm wurde von ihr weggezerrt.
Danke Weißsturm! Moospfote konnte sich nicht erheben. Der Schmerz schien sie zu lähmen.
Gewittersturm floh mit einem lauten Kreischen. Um sie herum wurde es still, die Kampfgeräusche verstummten. Der Kampf war gewonnen. Der WindClan wird verschwinden.
Jetzt konnte sich Moospfote auch endlich wieder erheben. Sie zuckte bei dem Schmerz zusammen, aber sie sah sich um. Wo war ihr Retter, Weißsturm?
Moospfote sah ihn an der Wand sitzen. Er atmete schwer, seine Augen jedoch glühten vor Stolz.
  »Du hast mir das Leben gerettet!«, bedankte sich Moospfote.
Doch Weißsturm schüttelte bloß den Kopf.
  »Das war Sturmpfote. Doch das meiste hast du selbst erledigt. Du bist eine ausgezeichnete Kämpferin.«
Sie erschrak. Sturmpfote hatte sie gerettet? Dieser eingebildete…
Sie wirbelte herum. Sturmpfote stand vor ihr und zuckte mit den Ohren.    »Gern geschehen,«, schnurrte er.
Seine Augen leuchteten spöttisch.
Moospfote konnte nicht antworten. Sie war fasziniert von seinen tiefblauen Augen. Doch plötzlich weiteten sie sich voller entsetzten. Er sah nicht mehr sie an, sondern etwas, das hinter ihr war. Moospfote folgte seinem Blic und sah Weißsturm, den anfing zu stöhnen. Ihr war nicht aufgefallen, dass er nicht richtig saß, sondern gegen die Wnad gelehnt hatte. Aus seinem Bauch triefte Blut. Es wurde vom Boden aufgesogen.
  »Weißsturm… N-nein. Eichenblatt! Komm schnell! Weißsturm ist verletzt!«, kreischte sie panisch.
Vollkommen verwirrt taumelte Moospfote zu ihrem Mentor. Er hatte die Augen halb geschlossen.
  »Weißsturm…«, flüsterte sie ihm zu.
  »Moospfote! Komm her, Minzpfote muss dich untersuchen!«, rief Eichenblatt.
Moospfote konnte nur mit viel Mühe ihren Blick von Weißsturm losreißen.
Er durfte nicht sterben!
Während Minzpfote ihre heftige Schulterwunde versorgte, rief Eichenblatt nach Flammenstern.
Die Anführerin wirkte selbst nach dem Kampf makellos. Ihr Fell glühte in der aufgehenden Sonne. Sie trat hinter den Heilerbau. Moospfote konnte nicht sehen, was sie tat. Nach einer ganzen Weile tauchte die flammenfarbene Kätzin wieder auf, ihre Augen waren auf den Boden gesenkt. Der Clan hatte sich mittlerweile auf der Lichtung zusammengefunden. Viele sprachen bedrückt miteinander. Niemand schien sich über den Sieg zu freuen.
Das ist alles meine Schuld. Flammenstern trat zu ihr und hauchte in ihr Ohr:
  »Geh zu ihm.«
Ihre Stimme klang einfühlsam, so als wüsste sie, was Moospfote für Weißsturm empfand.
Die Schülerin nickte und eilte davon. Weißsturms weißes Fell war von Blut befleckt. Inzwischen lag er auf dem Boden. Schwach hob er seinen Kopf, als er Moospfote hörte.
  »Moospfote.«, flüsterte er.
  »Weißsturm…«
Moospfotes Stimme bebte.
  »Hör zu. Ich werde gleich zum SternenClan gehen. Und du kannst mich nicht daran hindern.«
Moospfote zuckte zusammen, dann sah sie Eichenblatt fragend an. Sie wünschte, sein Gesicht hätte Weißsturms Worte nicht bestätigt.
  »Nein, Weißsturm nein!«, flehte sie.
  »Du bist die erste Katze, an der ich mir die Zähne ausbeißen musste. Du bist etwas ganz besonderes.«
Weißsturm keuchte. Ein schwall Blut trat aus seinem Bauch, doch er blieb ganz ruhig, so wie er immer zu sein pflegte.
  »Und ob du willst oder nicht, ich werde gehen. Du brauchst mich nicht mehr.«
  »Wie kannst du nur so etwas sagen! Natürlich brauche ich dich! Ich-«
Moospfote wollte das aussprechen, was sie für ihn empfand doch Weißsturm schnitt ihr das Wort ab.
  »Du hast eine große Zukunft vor dir. Lass mich gehen, aber vergiss mich nicht.«
Und jetzt schien ihr Mentor zum ersten Mal aus der Fassung gebracht zu sein. Seine Augen wurden trüb vor Kummer. Sehnsüchtig sah er seine Schülerin an.
  »Siehst du? Du schaffst es mich vollkommen neu zu ordnen. Dir habe ich viel zu verdanken. Du hast mir die Augen geöffnet, Junge Moospfote. Du hast ein Feuer in mir entflammt. Du hast mir einen Sinn fürs Leben gegeben. Ich ehre deinen Mut, deine Willensstärke.«
  »Weißsturm! Du hast mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin!«
  »Lebe wohl, Moospfote. Und wenn du traurig bist, dann sieh zu den Sternen hinauf. Ich werde da sein und auf dich aufpassen, auch wenn du dagegen protestierst.«
Mit diesen Worten hauchte der weiße Kater sein Leben aus.
  »Nein! Verlass mich nicht! Ich muss dir doch noch sagen, was ich für dich empfinde! Dass mir dein alter egal ist…«
Weißsturm sah sie mit flackernden Augen an. Er konnte ihr nicht mehr antworten, aber in seinem Blick lag etwas, das Moospfote wissen ließ, dass er genauso empfand. Dann fiel sein Kopf auf die Erde. Sein Körper war still.
  »Er ist tot!«
Ihr Klagelaut war laut und herzzerreißend.
Die anderen Katzen des Clans stimmten mit ein. Das war alles ihre schuld, er war wegen ihr gestorben. Ihr Mentor war tot. Ihre liebe war tot. Das Feuer in ihr erlosch. Kalte, gähnende Leere erfüllte ihren Bauch und ließ sie schaudern.

== Kapitel 9==



Moospfote wankte zur Lichtung. Flammensterns hatte zur Versammlung aufgerufen. Moospfote sah, wie Eichenblatt den leblosen Körper ihres Mentors auf die Lichtung schleift. Neben ihr lief Windpfote, der sie immer wieder unsicher anblickt. Als sie sich setzte, rückte er etwas an sie heran und legte ihr den Schwanz auf die Schulter.
  »Moospfote. Es tut mir so leid.«, flüsterte er.
Langsam drehte sie ihren Kopf in seine Richtung. Seine blauen Augen sahen traurig aus. Er zeigte aufrichtiges Mitgefühl.
  »Schon gut. Das alles war meine Schuld.«
Sie lehnte sich etwas an den grauen Schüler. Seine Wärme tröstete sie etwas.
  »Sturmpfote, Windpfote, Spatzenpfote und Moospfote. Kommt nach vorne.«, befahl Flammenstern von der Hochnase aus.
Die Schülerin zuckte überrascht zusammen. Langsam folgte sie Winpfote, der nicht minder überrascht wirkte.
  »Ihr habt alle hart trainiert, um die Fähigkeiten eines Kriegers zu erlernen. Wollt ihr das Gesetzt des SternenClns ehren und befolgen? Werdet ihr für euren Clan Kämpfen, selbst, wenn es euch das Leben kostet?«
  »Ja.«, antwortete Spatzenpfote mit entschlossener Stimme.
  »Ja.«, meinten Windpfote und Sturmpfote.
  »Ja, das werde ich.«, erwiderte Moospfote
In diesem Moment erfüllte sie großer Stolz. Aber war sie nicht zu jung, um zur Kriegerin zu werden? Und was war mit Federpfote?
  »Dann rufe ich, Flammenstern, Anführerin des DonnerClans, den SternenClan an, auf diese Schüler zu blicken. Sie haben art trainiert um eure edlen Gesetze zu erlernen.
Spatzenpfote, von nun an wirst du Spatzenpelz heißen.
Sturmpfote, von nun an wirst du Sturmherz heißen,
Windpfote, dein Name wird Windherz sein und Moospfote, dein Name lautet von nun an Moospelz.«
Flammensterns Blick ruhte auf Moospelz.
  »Der SternenClan ehr deinen Mut und deine Eigensinnigkeit, sowie deinen ausgepragten Sinn für Gemeinschaft und Freundschaft. Besonders deine Kampfkünste sind zu erwähnen. Weißsturm war ein stolzer Mentor und empfahl dich zur Kriegerin, obwohl du noch sehr jung bist. Moospfote, ich möchte dir außerdem das Amt als meine Stellvertreterin anbieten.«
Moospelz klappte der Mund auf.
Stellvertreter? So früh?
  »Selbstverständlich wird dir Mausekralle helfen. Aber ich glaube, dass es deine Bestimmung ist.«
Moospelz ahnte, wer Flammenstern diesen Floh ins Ohr gesetzt hatte.
  »Ich kann nicht Weißsturms Nachfolgerin sein. Er war zu großartig.«, erwiderte sie zögernd.
  »Es war sein Wunsch.«
Flammenstern sah sie mit einem warmen Blick an. Sie wusste also, dass etwas zwischen Moospelz und ihrem Mentor lief.
  »Wenn es sein Wille ist. Wenn es des SternenClans Wille ist…«
Moospfote stockte, als sie eine blasse Katzengestalt vor sich sah. Es war Nebelstern.
  »Ja. Der SternenClan will es.«, flüsterte sie.
  »Dann trete ich dieses Amt an.«
Der Clan jubelte glückwünsche.
  »Moospelz, Moospelz!«
Windherz gratulierte ihr zuerst.
  »Ich bin beeindruckt.«
Moospelz nickte nur. Diese neue Aufgabe stellte eine Menge Arbeit dar.
  »Glückwunsch du kleiner Fellball!«, schnurrte Spatzenpelz.
  »Danke. Aber ich werde eine ganze Menge lernen müssen… Ich werde immer im Schatten von Weißsturm stehen…«
  »Ach was! Es ist schrecklich, was geschehen ist. Und das tut mir unendlich leid für dich. Aber das Leben geht weiter, Moospelz.«  Silberschweif und Lichtschweif kamen zu ihr und beglückwünschten sie.
  »Wir sind so stolz auf dich! Ich habe immer gesagt, dass du eine großartige Kriegerin abgeben wirst!«, miaute Silberschweif.
Lichtschweif sah Moospelz nur mit einem liebevollen Blich an und leckte ihr übers Ohr.
  »Was ist mit Federpfote? Will sie mir denn nicht gratulieren?«, fragte Moospelz mit schlechtem Gewissen. Flammensturm hatte sie vorgezogen. Ihre Schwester musste sicher sauer sein.
Moospelz‘ Eltern wechselten einen Blick.    »Ich weiß nicht wo sie ist.«, ertönte eine Stimme hinter ihnen.
Es war Heckendorn, Federpfotes Mentor.
  »Ich muss sie suchen gehen…«, meinte Moospelz entschlossen.
  »Hat dir Weißsturm etwa nicht beigebracht, dass ihr Nachtwache halten müsst?«, scherzte Heckendorn.
Moospelz zuckte bei dem Namen ihres Mentors zusammen.
Bei ihrer Nachtwache dachte Moospelz viel nach. Weißsturm war gestorben. Der Kater, den sie so sehr liebte. Er lag gewaschen auf der Lichtung. Moospfote schlich leise zu ihm und legte sich neben den leblosen Körper.
Als die Sonne allmählich aufging, regten sich einige Katzen. Ein paar wachten auf und traten auf die Lichtung. Flammenstern stieg von der Hochnase.
  »Ihr dürft jetzt wieder reden. Legt euch hin und ruht euch bis Sonnenhoch aus.«
Moospelz war müde und folgte den anderen in den Kriegerbau, um sich ein freies Nest zu suchen. Sie kratzte sich etwas Moos zusammen und rollte sich zusammen. Aber sobald sie die Augen schloss, schossen ihr schreckliche Bilder durch den Kopf. Weißsturm, der sterbend in einer Blutlache lag, Efeusturm auf dem Boden, Schneepelz unter dem Monster, Mondblüte mit einer Wunde an der Kehle.
Sie dachte an ihre SternenClan-Geschwister Steinfell und Nebelstern. Sie würden verstehen, wenn sie Blaustern hasste. Blaustern war von Ehrgeiz geblendet gewesen.
Sie hat uns nie geliebt! Irgendwann sah Moospelz ein, dass sie nicht einschlafen konnte und schlüpfte aus dem ungewohnten Kriegerbau. Sie wollte Federpfote suchen gehen. Moospfote hatte sie seit ihrer Kriegerernennung nicht mehr gesehen. Langsam machte sie sich Sorgen. Sie entdeckte Salbeipfote, die gerade aufgewacht war. Federpfote war nirgends zu sehen.
  »Salbeipfote!«, rief Moospelz.
Die Schülerin sah erschrocken auf.
  »Tut mir leid, dass ich so apät aufgestanden bin.«
Moospelz schnurrte. Salbeipfote war sehr unsicher und oft entschuldigte sie sich übermäßig viel.
  »Nein, das ist es nicht. Hast du Federpfote gesehen, oder weißt du, was sie macht?«
Erstaunt sah die kleine Kätzin zu ihr auf.
  »Sie ist aus dem Lager gerannt, als du zu Flammensterns Stellvertreterin ernannt wurdest. Seitdem ist sie verschwunden.«, maunzte sie.
  »Danke Salbeipfote.«
Moospelz eilte aus dem Lager und versuchte Federpfotes Geruch aufzuschnappen. Vergeblich. Zu viel WindClan-Geruch hing in der Luft, der es ihr unmöglich war, den ihrer Schwester zu identifizieren.
  »Federpfote! Wo bist du?«
Keine Antwort. Moospelz dachte darüber nach, wo ihre Schwester sich am ehesten aufhalten würde. Auf jeden Fall nicht in der Nähe der WindClan-Grenze. Also kam eigentlich nur das verfallene Zweibeinernest und die SchattenClan-Grenze infrage.
Schnell rannte sie in die Richtung. Sie vernahm ein leises Wimmern, als sie hinter einem hohlen Baumstumpf stehen blieb. Langsam schlich sie in Kauerhaltung zu dem alten Gebilde und entdeckte schließlich ihre Schwester. Sie lag zusammengekauert auf dem kalten Steinboden und zitterte. Moospelz trat ins Licht. Müde sah Federpfote auf, sie sah schrecklich aus.
  »Oh Federpfote!«, flüsterte Moospelz. »Was zum SternenClan ist denn los?!«
Die Kätzin setzte sich neben Federpfote und schmiegte sich an sie.
  »Ich konnte nicht ahnen, dass ich so bald zur Kriegerin ernannt werde. Ich wünschte du hättest neben mir gestanden.«
  »Aber wir haben so viele Geheimnisse voreinander… Und es werden mit deinem neuen Posten als Stellvertreter immer mehr! Wir entfernen uns doch voneinander, siehst du das denn nicht?«, krächzte Federpfote.
  »Ach Schwesterherz! Es liegt aber an deinem Sturmherz. Du hast nur noch Augen für ihn! Und wenn ich etwas gegen ihn vorbringe, dann bist du gleich böse mit mir.«
  »Du bist auch nicht viel besser! Weißsturm war schon immer dein Held, selbst als wir noch Junge waren. Du hast sein selbstbewusstes Auftreten imitiert und bewundert.«    »Federpfote, er ist tot! Jetzt steht er nicht mehr zwischen uns. Zufrieden?«
Moospelz war verletzt. Sie hatte Weißsturm geliebt, aber statt dass die ihr ihr Mitleid aussprach hagelte es Vorwürfe.
  »Aber das ist kein Geheimnis.«
  »Du hast mir nie gesagt, dass du ihn liebst.«, meinte Federpfote.
  »Ich habe es nicht einmal ihm sagen können.«
Moospelz war sich bewusst, dass sie es Windherz gesagt hatte. Vor ihrer Schwester. Ein schlechtes Gewissen hatte sie deshalb jedoch nicht. Warum auch? Federpfote war immer so auf Sturmherz fixiert, sodass sie das kaum interessierte.
  »Und du verheimlichst mir noch etwas. Mehreres. Du brichst nach einem kurzen lauf zusammen, verschwindest mit Weißsturm und erzählst mir nicht mal, was ihr gemacht habt!«
Federpfote hob ihre Stimme und schrie schon fast.
  »Und du? Du hast mich auch nicht gefragt, oder? Hast du irgendwann mal so ausgesehen, als würdest du dich für mein Leben interessieren? Und du gratulierst mir nicht zum Kriegerdasein, obwohl ich dir angeblich so wichtig bin!«, jaulte Moospelz empört.
Ihr gefiel es nicht, dass Federpfote sie auf ihren Zusammenbruch ansprach, und schon gar nicht auf ihre Reise. Beides musste ein Geheimnis bleiben.
  »Das ist nicht wahr!«, protestierte Federpfote lautstark.
  »Doch!«, knurrte Moospelz.
  »Ich habe selbst auch Probleme!«
  »Denkst du ich nicht?«
  »Doch, deshalb will ich mit dir reden! Bin ich dir denn egal?«
  »Wenn du das denkst…«
Moospelz musste schlucken. Das Verhältnis zu ihrer Schwester war sichtlich angespannter als sie gedacht hatte. Mag daran liegen, dass sie nicht ihre wirklich Richtige Schwester war. Sie war eine normale Schülerin, Moospelz hingegen etwas Besonderes, eine Katze mit geheimen Wurzeln im SternenClan.
  »Hast du Geheimnisse vor mir?«, fragte Moospelz etwas ruhiger.
Federpfote sah weg.
  »Federpfote?«
  »Du weißt doch, dass ich Sturmherz sehr liebe...«, begann sie.
  »Ich habe kein Mitleid, wenn er dich abserviert hat. Ich habe von Anfang an gesagt, dass er ein Mäusehirn ist.«
  »Moospelz! Er ist wunderbar! Und mit uns ist eigentlich alles in Ordnung…«
  »Aber?«
  »Ich erwarte Junge, Moospelz. Und Sturmherz kann sich irgendwie nicht richtig freuen…«
Moospelz sprang entsetzt auf.
  »Bitte WAS? Aber normalerweise geht das doch nicht so schnell…«
Moospelz wusste nicht was sie sagen sollte. Auf irgendeine Art und Weise war sie enttäuscht.
  »Wer weiß das alles?«, fragte Moospelz.
  »Eichenblatt, Lichtschweif und du… und natürlich Sturmherz.«
  »Du musst das geheim halten, okay? Vielleicht merkt es ja keiner und du bist Kriegerin, wenn sie zur Welt kommen.«
  »Frühestens in drei Monden. Und ich trage die Jungen nur zwei Monde lang. Selbst wenn ich schnell Kriegerin werde, dann fällt die baldige Geburt sofort auf! Moospelz, das ist ein Skandal!«
Federpfote rutschte unruhig hin und her. Moospelz dachte fieberhaft über eine Lösung nach.
  »Du musst sie heimlich bekommen.«, meinte sie.
  »Niemals! Wo soll ich sie denn hinbringen?«
Moospelz dachte an die Tunnels.
  »Ich kenne einen Ort, an dem du sie verstecken könntest.«
Federpfote schüttelte heftig den Kopf.
  »Nein, ich kann das nicht! Sie mich doch einmal an! Ich werde bald kugelrund sein!«
  »Wir müssen mit Sturmherz sprechen. Vielleicht hat er eine Lösung für das Problem.«, schlug Moospelz vor.
  »Er redet seit meiner Beichte kaum noch mit mir…«, wimmerte ihre Schwester.
  »Soll… Soll ich mit ihm reden?«
Moospelz sträubte sich innerlich gegen diese Vorstellung, aber sie konnte ihre Schwester nicht im Stich lassen.
  »Das würdest du wirklich tun?«, fragte Federpfote kleinlaut.
  »Du weißt doch, du bist meine Schwester!«
Moospelz nahm sich zusammen. In ihrem Kopf wehre sich alles gegen diese Aussage.
Meine richtige Schwester ist Nebelstern. Und mein Bruder ist Steinfell.
  »Komm, ich bringe dich zu Eichenblatt, der soll sich ein bisschen um dich kümmern.«
Es war schon Sonnenhoch, als sie nach Sturmherz suchte. Er war nicht wie erwartet im Kriegerbau gewesen. Federpfote hatte sie Minzpfote überlassen, die ziemlich aufgeregt war. Eichenblatt war auf der Suche nach Kräutern. 
  »Hey, pass doch mal auf!«, knurrte jemand.
Moospfote sah sich um und entdeckte Sturmherz, der die kleine Salbeipfote anfuhr.
  »T-tut mir leid… ich… War so gedankenverloren.«, piepste sie.
  »Mach dich lieber nützlich, als hier andauernd im Wege herumzustehen!«, fauchte Sturmherz.
Drohend reckte er sich vor der Schülerin, die flach auf dem Boden kauerte.
  »Lass Salbeipfote in frieden. Lichtschweif ist auf der Sonnenhoch-Patrouille!«, rief Moospelz.
Wut breitete sich in ihrem Bauch aus. Kurz hatte sie es für möglich gehalten, dass Sturmherz gar kein so übler Kater war.
  »Warum sollte ich? Sie ist geradewegs in mich hineingelaufen!«, beschwerte sich der Kater.
  »Sie hat sich doch entschuldigt, oder nicht?«
Moospelz sah ihn böse an.
  »Salbeipfote, du kannst mir mit den Ältesten helfen!«
Wolkenpelz saß in ihrer nähe und winkte die Schülerin mit dem Schwanz zu sich.
  »Und du, lieber Sturmherz, solltest dich nicht gegen deine zweite Anführerin auflehnen.«
Die Augen der Kätzin leuchteten. War da ein Funken des Amüsierens?
Dankend nickte Moospelz ihrer Tante zu, dann wandte sie sich an Sturmherz.
  »Ich muss mit dir reden..«, meinte sie.
  »Mag sein, aber ich nicht mit dir!«, schnauzte er.
  »Bei Sonnenuntergang am verfallenen Zweibeinernest. Bis dahin kannst du mit Löwenpelz, Silberschweif und Honigpelz jagen gehen.«
Mit diesen Worten wandte sie sich von Sturmherz ab.
  »Moospelz! Ich möchte dich gerne sprechen!«, rief Flammenstern.
Moospelz zuckte zusammen.
  »Natürlich, Flammenstern.«, erwiderte sie.
Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
  »Was gibt es denn?«, fragte Moospelz, als sie in den Bau ihrer Anführerin eintrat.
  »Moospelz.«, wurde sie freundlich begrüßt. »Setz dich doch.«
Moospelz setzte sich in das weiche Moos und betrachtete Flammenstern aufmerksam. Sie war eine elegante Kätzin mit schönen Augen und langem Fell.
  »Ich erwarte von dir, dass du mit allen Katzen aus diesem Clan gleich umgehst. Auch, wenn du sie nicht leiden kannst, ist dies deine Pflicht, hast du mich verstanden?«
Flammensterns Tonfall war scharf, aber freundlich.
  »Selbstverständlich. Sturmherz hat Salbeipfote zu unrecht angegriffen. Es war meine Pflicht den Streit zu klären, oder etwa nicht.«, erwiderte sie.
Sie bemühte sich in dem gleichen Tonfall zu sprechen, wie ihre Anführerin.
  »Du lernst schnell.«
Flammenstern wurde freundlicher und setzte erneut zum Sprechen an:
  »Aber das ist es nicht, weshalb ich mit dir sprechen möchte. Ich wollte dir sagen, dass Weißsturm ein großartiger Krieger war. Und wenn ich etwas von ihm weiß, dann ist es, dass du ihn zu einer anderen Katze gemacht hast. Er wirkte wieder wie ein Schüler, der über mehr nachdachte, als seine Pflichten. Du hast ihm –wie auch immer du das geschafft hast- ein neues Lebensgefühl gegeben. Er hatte plötzlich wieder eine Aufgabe. Es schien als habe er die Bestimmung ausgerechnet dich auszubilden. Er fragte mich, ob ich dich zu seiner Schülerin mache. Selbstverständlich willigte ich ein. Moospelz, es war nicht zu übersehen, dass er dich nicht nur als Aufgabe gesehen hat, sondern dich sehr geliebt hat. Er hat niemals eine Kätzin so bewundert wie dich. Und das hat er mir gesagt, bevor er starb. Behalte ihn in Gedanken, Moospelz, aber das Leben geht weiter, auch ohne ihn. Suche dir einen anderen Gefährten, der dir Kraft gibt.«
Moospelz war gerührt.    »Ich weiß, ich bin eigentlich nur eine Schülerin, aber ich habe ihn sehr geliebt. Es wird niemals einen Ersatz für ihn geben, ich kehre der Liebe den Rücken zu. Sie verletzt dich mehr, als dass sie dir guttut.«
  »Moospelz! Weißsturm schätzte deine Liebe. Und er schätzte auch deine Entscheidung seine Gefährtin zu sein, auch wenn er viel älter war als du. Aber es schien, als wüsste er, dass er sterben würde. Als wäre mit dir seine Bestimmung erfüllt. Seine Liebe war vielleicht ungeplant.«
Moospelz erstarrte. Vielleicht hatte Weißsturm tatsächlich über ihre SternenClan-Familie Bescheid gewusst. Diese Ansicht erklärte viele seiner Verhaltensweisen. Es war seine Bestimmung sie mit Blaustern bekannt zu machen. Es war seine Bestimmung ihr den Weg zu legen. Aber seine Liebe war ungeplant. Vielleicht hatte er deshalb nie gesagt, was er für sie empfand. Vielleicht hatte er gewollt, dass sie sich einen anderen Kater suchte.
Und jetzt fiel Moospelz die Katze ein, die er gemeint haben könnte. Die Katze, die sie immer getröstet hatte, die, die von Anfang an zu ihr gehalten hatte.
  »Verstehst du, was ich meine? Er wusste mehr, als er mir sagen konnte. Und du weißt sicher warum. Und jetzt geh und nehme dir für heute noch etwas Auszeit.«, miaute Flammenstern sanft.
  »Und vergiss nicht, er wird immer an deiner Seite sein.«
Moospelz nickte.
  »Ich weiß.«, flüsterte sie.
 

 

 

Kapitel 10

 

Die untergehende Sonne tauchte den ruhigen See in ein schönes orange. Moospelz saß auf einer Wurzel der alten Eiche und sah in die Ferne. Seit ihrem Gespräch mit Flammenstern war sie hier, hatte kaum die Position geändert. Jetzt hörte sie ein Geräusch, das sie aus ihren Gedanken riss.     »Ich wusste, ich würde dich hier finden.«, meinte Windherz.
Moospelz blieb sitzen und sah immer noch auf das ruhige, wellenlose Wasser.
  »Ja. Du weißt viel über mich.«, meinte sie leise.
  »Ich habe mir gedacht, ich könnte dich etwas trösten. Wenigstens bei dir sein, wenn du trauerst.«, meinte er sanft.
Langsam und etwas zögernd trat der rauchgraue Kater neben sie und folgte ihrem Blick.
  »Hier habe ich ihm zum ersten Mal beweisen wollen, dass ich kämpfen kann.«, murmelte Moospelz.
  »Und du hattest recht. Du bist eine ausgezeichnete Kämpferin.«
  »Ich habe ihn nie verstanden. Die Art, wie er mich ausgebildet hat. Aber jetzt begreife ich erst wirklich, wie er sich bemüht hat, aus mir eine Kriegerin zu machen, auf die er stolz sein kann.«
Windherz schwieg. Moospelz wusste, dass er sie liebte. Aber das würde er ihr jetzt nicht offen zeigen. Windherz akzeptierte ihre Gefühle.
Dich hat er gemeint. Moospelz stand auf und lief langsam zum Ufer. Dort stellte sie sich mit den Pfoten in das kühle nass. Das Wasser wirbelte um ihre Pfoten und Moospelz sog langsam die frische Abendluft ein.
  »Danke, dass du immer für mich da bist, auch wenn ich deine Gefühle verletze.«, meinte Moospelz.
Sie spürte, wie überrascht Windherz wirkte, auch wenn die mit dem Rücken zu ihm stand.
  »Ich kann dich verstehen. Wenn ich dich nicht als Gefährtin bekomme, dann wenigstens als Freundin.«
Mit einem tiefen Atemzug drehte sie sich zu Windherz um.     »Ich war immer zu blind um zu sehen, dass auch Weißsturm wollte, dass ich einen anderen Gefährten als ihn habe. Ich war zu blind um es zu verstehen.«
Windherz sah sie an, ohne die Miene zu verziehen, ohne irgendetwas zu sagen.    »Ich verstehe, dass du der richtige bist. Ich verstehe, dass ich dich liebe.«, flüsterte Moospelz.
Sie war sich sicher, dass Windherz der einzige war, der für sie als Gefährte infrage kam.
Der junge Krieger schien so überrascht, dass er nicht antworten konnte.
  »Ich liebe dich.«, miaute sie noch einmal.
  »Ich dich auch, Moospelz.«
Sie lief zu ihm und kuschelte sich an ihn. Windherz erwiderte ihre Zuneigung mit einem zärtlichen Lecken.
  »Ich muss zum verlassenen Zweibeinernest, mit Sturmherz reden. Er hat anscheinend ein paar Beziehungsprobleme mit Federpfote.«, sagte Moospelz.
  »Ich begleite dich, wenn du nichts dagegen hast.«, bot Windherz an.
  »Na gut. Dann komm.«
Den ganzen Weg liefen sie dicht aneinandergedrängt. Seine Wärme tat ihr gut. Lange hatte sie sich nach diesem Gefühl gesehnt.
  »Da wären wir.«, stellte Windherz fest, als das Zweibeinernest in Sicht kam. Und Sturmherz war tatsächlich erschienen. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten, als er sie und Windherz sah. Zärtlich stupste Moospelz ihrem Gefährten in die Seite, dann verabschiedete sie sich und lief zu Sturmherz.
  »Läuft da was zwischen euch?«, fragte er beinahe beiläufig.
  »Ich wüsste nicht, dass das dich was angeht!«
  »Hat ja nicht lange gedauert, bis du Weißsturm vergessen hast.«
Moospelz fuhr die Krallen aus.
  »Ich habe ihn nicht vergessen, und ich werde ihn auch nicht vergessen.«, knurrte sie.
  »Na klar, hätte ich auch gesagt, an deiner Stelle.«, kommentierte Sturmherz.
  »Kommen wir zu dir. Was ist mit dir und Federpfote?«, fragte sie.
  »Ist das jetzt ein Verhör oder was?«
  »Nur so, Federpfote ist meine Schwester, und sie hat Kummer, wegen dir!«, fauchte Moospelz.
  »Weißt du…«
  »Ja ich weiß bescheid. Und es ist umso schlimmer, wenn du sie jetzt hängen lässt! Sie liebt dich, du Mäusehirn!«
  »Aber es ist gegen das Gesetz… Ich will die Jungen nicht. Ich will auch erst einmal sie nicht. Ich muss darüber nachdenken…«, erklärte er.
  »Wusste ich es doch! Von Anfang an wusste ich, dass du sie sitzen lässt, wenn sie dich braucht! Du bist ein Feigling, Sturmherz. Echte Krieger stehen zu ihren Gefährten! Und zu ihrer Liebe! Und noch was: Die Jungen sind nicht nur Federpfotes Jungen! Es sind auch deine! Durch ihre Adern fließt auch dein Blut!«, redete sie ihm ins Gewissen.
Anscheinend hatte das gewirkt.
  »Ich werde mich in Zukunft besser um sie kümmern. Versprochen.«, miaute er.
  »Ich weiß nicht, was meine Schwester an dir so toll finden kann.«, fragte Moospelz sich laut.
Sturmherz sah für einen kleinen Moment verletzt aus.
  »Deine Meinung ist mir egal.«, meinte er.
  »Wirklich?«
Sie sah Sturmherz mit einem durchdringenden Blick an.
  »Ist doch egal.«
Sturmherz drehte sich um und verschwand. Moospelz setzte sich noch einmal kurz hin, bevor sie zum Lager gehen würde. Doch kaum war Sturmherz verschwunden, tauchte eine andere Katze auf. Es war Nachtsturm. Der Älteste schien etwas überrascht sie hier anzutreffen.
  »Hallo Nachtsturm!«, begrüßte sie den Kater freundlich.
Sie hatte zwar nicht vergessen, wie er sich letztens gegenüber ihr verhalten hatte, versuchte ihn aber deshalb nicht in eine Schublade zu stecken.
  »Hallo.«, begrüßte der Kater sie knapp.
Moospelz entschied sich sitzen zu bleiben. Sie hatte das Gefühl dem Ältesten etwas schuldig zu sein. Vielleicht mehr Aufmerksamkeit. Mit der Zeit hatte sie gelernt, dass die Ältesten wie die jetzigen Krieger hart für das gekämpft hatten, für das sie jetzt lebten. Für sie wirkte es selbstverständlich in ihrem Nest zu schlafen und durch den Wald zu spazieren. Aber genau das hatten die Ältesten für sie erkämpft.
  »Jetzt weiß ich, wie es ist.«, miaute Moospelz.
  »Was weißt du?«, fragte Nachtsturm nachdenklich.
  »Wie es ist, wenn man jemanden verliert, der einem sehr nahe stand.«
Nachtsturm drehte seinen Kopf in ihre Richtung.
  »Du hast ihn sehr geliebt. Und er dich auch. Es tut mir so leid.«
  »Wen hast du verloren?«, forschte sie vorsichtig.
Der schwarze Kater blickte wieder in die Ferne.
  »Kennst du die Geschichte von Gewittersturm und Efeusturm?«
  »Weißsturm hat mal erwähnt, dass sie eine Schwester hatten. Die Zweibeiner haben sie misshandelt und sie wurde verstoßen.«, erzählte sie.
   »Ich habe sie gefunden. Sie lag hier und wimmerte so kläglich, dass ich Mitleid mit ihr hatte. Natürlich kam sie aus dem WindClan, aber ihre Geschichte erschütterte mich. Ich war Krieger und habe sie hier versteckt. Gelegentlich konnte ich für sie jagen.«
  »Welchen Namen hatte sie?«, fragte Moospelz neugierig.
  »Sie hieß Kleinjunges. Als sie älter wurde war sie enttäuscht über ihre Behinderung. Sie liebte ihren Clan noch immer und sehnte sich nach ihrer Familie. Mit der Zeit verliebten wir uns und sie erwartete schließlich Junge von mir. Alles war natürlich heimlich geplant. Aber irgendwann erwischte und ein Fuchs. Er griff und an und tötete ihre neugeborenen Jungen. Als der Kampf vorüber war, wurde Kleinjunges unter dem Namen Dreibein verbannt. Seitdem habe ich sie nie wieder gesehen. Manchmal suche ich sie noch, rufe heimlich ihren Namen, der so schrecklich klingt… aber nie kommt eine Antwort.«
Nachtsturm senkte betrübt seine Augen.
  »Das ist ja furchtbar!«, rief Moospelz.
  »Ja, das ist es.«, flüsterte er.
  »Machen wir noch einen Rundgang? Ich würde dich begleiten, wenn es für doch in Ordnung ist.«
  »Okay. Lass und gehen.«

Moospelz träumte wieder. Sie stand am See, aber es gab keinen Wind und kein Leben um sie herum. Eisige kälte lies ihr Blut gefrieren. Eine blaugraue Kätzin erschien vor ihr, hinter ihr standen Nebelstern und Steinfell.
  »Blaustern! Halte dich aus meinem Leben raus!«, knurrte Moospelz.
  »Ich bin so stolz auf dich! Moospelz! Der Name klingt fabelhaft.«, freute sich ihre Mutter.
  »Lass mich in Frieden! Du hast uns damals einfach im Stich gelassen! Du bist keine Mutter. Eine Mutter ist wie Lichtschweif, die sich um ihre Jungen sorgt!«
Blausterns Blick sah verletzt aus.
  »Moospelz. Was damals passiert ist, tut mir leid!«
  »Ja, genau. Unsere Geburt tut dir leid! Wenn das nicht passiert wäre, dann hättest du viel weniger leiden müssen! Warum also besuchst du mich in meinen Träumen? Ich habe mit dir abgeschlossen. Niemals werden wir dir verzeihen.«
  »Als du im SternenClan warst, hast du mir verziehen.«, meinte Blaustern.
  »Wie gut, dass ich meine Meinung jetzt geändert habe!«, fauchte sie Moospelz.
  »Moospelz. Wir haben unserer Mutter auch verziehen. Bei vollem Verstand. Sie hat immer nur das Beste für uns gewollt. Wir wären wahrscheinlich gestorben, wenn sie uns nicht weggegeben hätte! Sie hatte nicht mehr genug Milch für uns. Grauteich konnte uns gut ernähren.«, meinte Nebelstern mit sanfter Stimme.
Moospelz wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
  »Wir haben noch eine Prophezeiung für dich. Sieh mal her.«, rief Steinfell.
Moospelz sah sich selbst. Eine hübsche, schlanke Kätzin, die in der Kinderstube lag. Um sie herum tollten 4 kleine Jungen. Im Eingang der Kinderstube standen Federpfote und Windherz. Aber sie schienen nicht nur dort zu stehen, sondern eng aneinander gedrängt zu sein.
Was hatte das zu bedeuten? Doch ehe Moospelz ihre Geschwister fragen konnte, fand sie sich im Bau wieder. Windherz lag neben ihr, er schlief tief und fest. Spatzenpelz war schon aufgestanden, ihr Nest war aber noch ganz warm. Vorsichtig löste sie sich von ihrem Gefährten und trat hinaus in die Morgendämmerung. Sie musste die Patrouillen zusammenstellen. Mehrere Katzen kamen auf sie zu, als sie sie sahen.
  »Guten Morgen Spatzenpelz.«, begrüßte Moospelz ihre beste Freundin.
  »Lichtschweif, Wolkenpelz und Silberschweif, ihr kommt mit mir. Wir wollen eine Jagtpatrouille bilden. Und wir nehmen Salbeipfote mit.«, entschied Moospelz.
Sie sah, wie ihre Mutter zum Schülerbau eilte und ihre Schülerin weckte.
  »Sturmschweif, Mausekralle und Heckendorn. Ihr seht nach der WindClan-Grenze. Ich weiß nicht, ob Federpfote mitkommen kann…«
  »Natürlich kann ich!«, rief ihre Schwester vom Heilerbau aus.
Moospelz sah Eichenblatt fragend an, der nickte zustimmend.   »Also gut. Ihr seht nach der Grenze. Löwenpelz, Honigpelz und Leopardenfleck, ihr schaut euch bei der SchattenClan-Grenze um.«, bestimmte sie.
  »Tüpfelpelz, du schaust gemeinsam mit Spatzenpelz und Windherz, ob das Lager Reparaturen unterzogen werden muss. Wenn ja, dann seht zu, dass ihr etwas tut. Wenn nicht, dann helft Eichenblatt und Minzpfote.«
Durch ihre Ansagen herrschte reges Treiben im Felsenkessel. Ihre Eltern, Salbeipfote und Wolkenpelz hatten sich bereits am Brombeertunnel versammelt.
  »Auf los geht’s los!«, rief Moospelz.
  »Los!«, rief Wolkenpelz und schnurrte laut.
Gemeinsam verließen sie das Lager.
  »Salbeipfote, wo denkst du kriegen wir heute viel Beute zwischen die Pfoten?«, fragte Moospelz.
  »Ich denke etwas in der Nähe vom alten Donnerweg. Aber nicht zu nahe, denn die Tiere wurden damals von den Ungeheuern verscheucht.«, meinte die Schülerin verlegen und warf ihrer Mentorin einen unsicheren Blick zu.
Lichtschweif nickte ihr ermunternd zu.    »Ihr habt gehört, was Salbeipfote gesagt hat?«
Moospelz führte die Katzen nahe zur SchattenClan-Grenze. Sie wollte testen, welche Fortschritte Salbeipfote machte.
  »Ich rieche eine Maus!«, zischte Salbeipfote angespannt.
  »Sie gehört dir.«, erwiderte Moospelz.
Die Schülerin hatte tatsächlich den Geruch früher wahrgenommen als sie. Beeindruckt beobachtete Moospelz die Kauerstellung von Salbeipfote. Nahezu perfekt bewegte sie sich über den Boden und erlegte sauber ihre Beute.
  »Prima.«, lobte sie Moospelz.
  »W-wirklich?«
Salbeipfote blinzelte verlegen.
  »Ich bin immer ehrlich zu dir. In Lichtschweif scheinst du eine hervorragende Mentorin gefunden zu haben.«
Ein Windstoß blies ihr entgegen und brachte den Geruch von SchattenClan mit sich. Da viel Moospelz etwas ein.
  »Lichtschweif und Silberschweif, geht hinunter zum Fluss und schaut dort nach Beute. Wolkenpelz, du kommst mit mir, ich muss zur Grenze.«, befahl sie.
Verwundert sahen sie die anderen an.
  »Aber warum-«, setzte Silberschweif an.
  »Schon gut, Wolkenpelz ist bei ihr.«, beruhigte ihn Lichtschweif mit sanften Tonfall.
Moospelz achtete nicht mehr auf sie, sondern drehte sich um und preschte über den alten Donnerweg, den Bach bis zum alten Zweibeinerweg. Hoffentlich kam bald eine Patrouille. Und tatsächlich, bald schnappte sie den Geruch von Kieselstein auf, es war der Zweite Anführer des SchattenClans. Er schein mit anderen Katzen unterwegs zu sein.
  »DonnerClan!«, jaulte er.
Gemeinsam mit drei anderen Katzen brach er aus dem Gebüsch und stellte sich vor ihnen auf.
  »Sei gegrüßt, Kieselstein!«, presste Moospelz hervor.
Es viel ihr schwer ihren Angstgeruch zu unterdrücken.
  »Moospfote. Sieh an sieh an. Und wen haben wir denn da? Die junge Wolkenpelz.«
  »Was ist, ziehen wir ihnen gleich das Fell über die Ohren oder warten wir noch auf eine Ausrede?«, fragte eine ockerfarbene Kätzin, deren Fell unzählige Schattierungen aufwies.
  »Marderfell!«, wies Kieselstein sie zurecht.
Kieselstein war ein alter, kleiner und grauer Kater mit schütterem Fell.
Moospfote erkannte Kohlenpfote und seinen Bruder Schattenkralle. Er war ein riesiger Kater mit langen Krallen, die den Boden zerfetzten.
  »Was habt ihr zu eurer Verteidigung zu sagen?«, fragte Schattenkralle mit kalter Stimme.
  »Ich wollte etwas von euch wissen.«, erklärte Moospelz.
Kieselstein und auch der Rest der Patrouille sahen überrascht aus. Schließlich sprach Marderfell das aus, was alle dachten:
  »Kommt es jetzt schon so weit, dass die Schüler das Wort an sich reißen?«
  »Nein, Marderfell.«, entgegnete sie scharf. »Ich bin Moospelz, Kriegerin und Stellvertreterin von Flammenstern.«
  »Gratuliere.«, brachte Kohlenpfote hervor.
Dankbar blinzelte sie dem Schüler zu.
  »Du bist doch noch ein ganzer Schüler!«, geiferte Schattenkralle.
  »Wie kannst du das denn bitte beurteilen?«, fragte Moospelz mutig.
  »Das werde ich dir zeigen!«, knurrte er und stürzte auf sie.
Moospelz wich ihm aus und stieß ihm mit den Hinterläufen in die Seite.
  »Ups, das war wohl daneben.«, spottete sie.
Wieder sprang er in ihre Richtung und warf sie zu Boden. Geschickt rollte sie sich unter ihm auf den Rücken und stieß ihn mit den Hinterläufen von sich. Nun schlug Schattenkralle mit den Vorderpfoten Richtung Kopf, doch Moospelz wich jedes mal aus. Für jeden Fehltreffer verpasste sie ihm einen Schlag.
  »Schattenkralle, es reicht. Lass sie in Ruhe. Ich möchte hören, was sie uns fragen möchte.«, meinte Kieselstein streng.
  »Nun?«, wandte er sich an Moospelz.
  »Ich wollte fragen, ob ihr Neuigkeiten vom FlussClan habt. Sonnenfleck ist nicht zur Heilerversammlung gekommen.«
Kieselstein schien einen Moment nachzudenken.
  »Dornenstern ist vor einem Sonnenaufgang gestorben. Fuchsbart wird seinen Platz einnehmen.«, berichtete er schließlich.
  »Ist er wirklich gestorben? Wie schrecklich!«, rief Moospelz.
Sie konnte sich gut an den gebrechlichen Kater erinnern, der kaum mehr in der Lage war aufrecht zu sitzen.
  »Er hatte ein erfülltes Leben.«, meinte Kohlenpfote nachdenklich.
  »Eine Frage an dich, Moospelz. Wenn du Flammensterns Stellvertreterin bist, dann heißt das, dass Weißsturm zurückgetreten ist. Aber so weit ich weiß, war er noch topfit. Besonders letzten Mond.«, überlegte Kieselstein.
  »Weißsturm ist tot.«, presste Moospelz hervor.
  »Weißsturm ist was ?«, jaulte Kieselstein entsetzt. »Das tut mir leid. Er war ein hervorragender Kater in letzter Zeit. Fuchsbart wird das nicht gefallen. Überhaupt nicht. Sie standen sich sehr nahe, wenn man das so betrachten kann.«
  »Ich muss zu ihm und es ihm persönlich sagen. Schließlich war ich seine Schülerin.«, beschloss Moospelz.
Wolkenpelz sträubte ihr Fell.
  »Du wärst gefundenes Fressen für-«, setzte sie an.
  »Nein Wolkenpelz. Ich bin eine Kriegerin, schon vergessen? Und dazu habe ich einen hohen Rang.«, meinte sie bestimmt.
  »Meinst du sie glauben dir das?«, entrüstete sie sich.
  »Du kannst mich nicht davon abhalten. Ich gehe, und zwar sofort.«
Die SchattenClan-Katzen sahen sie interessiert an.
  »Kieselstein, ich bitte dich das Territorium durchqueren zu dürfen. Ich habe dir meinen Beweggrund genannt und schwöre beim SternenClan nichts zu jagen.«
  »Unmöglich!«, rief Marderfell aus.
  »Wer hat dich gefragt?«, fuhr Kieselstein seine Clankameradin an.
  »Aber Kieselstein-«, begann Schattenkralle.
  »Ich habe hier das Sagen! Und ich entscheide mich dafür. Sie scheint mir vertrauenswürdig, und wenn sie es doch wagen sollte, wird sie und ihr Clan dafür bezahlen.«, entschied Kieselstein.
Er trat zur Seite und machte ihr somit den Weg frei.
  »Wolkenpelz, du informierst niemanden über mein Vorhaben. Geh zurück zum Lager und sag Dunstfell bescheid, dass sie mit Feuersturm die Ältesten ausführen soll.«
  »Aber du wirst doch nicht alleine…«
  »Doch. Dann wissen sie, dass ich sie nicht angreifen werde.«, meinte Moospelz. »Bis später.«
Moospelz schlüpfte an Kieselstein vorbei und lief schnellen Schrittes am Seeufer entlang. Sie spürte seinen durchdringenden Blick auf ihrem Pelz ruhen, doch sie drehte sich nicht um und verlangsamte auch nicht ihr Tempo. Sie musste sich beeilen, damit ihrem Clan nicht auffiel, dass sie fehlte. Und schon bald hatte sie den FlussClan-Geruch in der Nase. Sie war an einer großen Halbbrücke angelangt. Sie lief weiter, bis sie an der Grenze war und wartete auf die Sonnenhoch-Patrouille. Sie machte es sich bequem und sah hinaus auf das Wasser.
  »Das ist mein Clan.«, flüsterte jemand in ihr Ohr.
Verschreckt sprang sie auf und sah sich um. Auf dem Wasser konnte sie vage den umriss einer braunen Katze erkennen.
  »V-vater?«, flüsterte sie vorsichtig.
Die Augen des Katers glühten, als er näher zu ihr herantrat.
  »Ja, Moospelz. Hör zu. Ich habe deine Mutter wirklich sehr geliebt. Sie hätte euch vielleicht nicht weggegeben, wenn ich in den DonnerClan gegangen wäre. Aber ich liebte meinen Clan und konnte nicht. Deiner Mutter hat es das Herz gebrochen, euch in einem anderen Clan aufwachsen zu sehen. Ihr Clan, der DonnerClan, war das einzige, was sie noch hatte. Glaube mir, sie hat dich immer geliebt. Und sie tut es auch jetzt noch.«
Moospelz streckte langsam die Pfote zu der blassen Gestalt ihres Vaters aus, doch in diesem Moment jaulte jemand ganz in der Nähe.
  »Ein Eindringling! Schnappt sie euch!«
Es war eine braune Kätzin mit schwarzer Musterung, die gerufen hatte.
  »Wartet! Ich bin in Frieden gekommen!«, rief Moospelz.
Ihre Nackenaare stellten sich vor Angst auf.
  »Wer kann mir das versichern?«, knurrte sie, als sie sie umkreiste.
Mit einem wachsamen Blick musterte die Kätzin Moospelz von oben bis unten.
Eine cremefarben-rötliche Kätzin kam zu der Kätzin hinzu.
  »Wirbelpelz, gehe zurück und berichte Fuchsstern, was hier vor sich geht!«
Die Kätzin nickte und verschwand wieder. Kaum war sie außer Sichtweite, kamen weitere Katzen auf sie zu. Einmal war es eine kleine bräunliche Schülerin mit rundlichen, großflächigen Flecken.
  »Blattpfote, so wie Nachtflügel gerade handelt, muss man handeln, wenn man einen Eindringling fasst. Man muss einen Krieger oder einen Schüler zum Lager schicken um den Vorfall zu melden.«
Der Kater, der neben Blattpfote lief hatte einen grünlichen Pelz. Weißsturm hatte ihr gesagt, dass das Grünpelz sei, ein sehr netter Kater mit vielen guten Eigenschaften.
  »Nachtflügel, ich habe auf eine Patrouille gewartet. Ich muss Fuchsstern eine Nachricht überbringen. Es ist niemand bei mir, der SchattenClan weiß ebenfalls, dass ich die einzige Katze bin, die durch ihr Territorium gewandert ist.«, beteuerte Moospelz.
  »Wer sagt denn, dass ihr nicht mit dem SchattenClan einen Hinterhalt plant?«, zischte die Kätzin.
  »Warum sollte er sich gegen euch wenden? Außerdem hat der DonnerClan schon eine Feindschaft mit dem WindClan. Warum sollten wir uns dann auch noch gegen den FlussClan wenden?«
Nachtflügel betrachtete sie immer noch mit ihren bernsteinfarbenen Augen.
  »Nachtflügel, es hat keinen Sinn sie jetzt anzugreifen. Sie ist vollkommen wehrlos.«, schaltete sich Grünpelz ein.
Moospelz musste sich zurückhalten, um nicht wütend zu werden. Sie war nicht hilflos. Sie bildete sich sogar ein, eine der besten Kämpferinnen zu sein, die der Wald jemals gesehen hatte.
Nachtflügel gab schließlich nach und die Krieger flankierten sie. Blattpfote lief dicht hinter ihr. Es war etwas sumpfig und sie brauchten ziemlich lange, bis sie das bereits informierte Lager erreicht hatten. Ein Fluss begrenzte es und bot somit Schutz vor Angreifern.
Eine bernsteinfarbene Katze mit zu hälfte schwarzem Fell begrüßte die Krieger und wartete auf Moospelz‘ Erklärung weshalb sie hier war.
  »Ich bin hier, um Fuchsstern eine Nachricht zu überbringen.«, erklärte Moospelz.
Die Kätzin legte skeptisch den Kopf schief.
  »Als Schülerin hältst du dich für wichtig genug?«
  »Ich bin eine Kriegerin des DonnerClans, Moospelz. Außerdem bin ich Flammensterns Stellvertreterin.«, knirschte sie.
Es war mühsam ihre Wut zurückzuhalten. Ihr war bewusst, dass sie noch so klein war wie eine Schülerin.
  »Diese Schülerin kann erstaunlich gut Lügen.«, meinte die Kätzin.
  »Würdest du mich jetzt zu im bringen? Oder was bildest du dir ein?«, zischte Moospelz.
  »Ich bin Fuchssterns Stellvertreterin, liebe Moospfote. Ich bin Lilienschweif.«
Moospelz schnappte nach Luft. Das war ein Fehler gewesen.
  »Lass sie, Lilienschweif. Ich will, dass sie sich mit mir ungestört unterhalten kann.«, rief jemand über die Lichtung, auf der sich mittlerweile der ganze FlussClan versammelt hatte.
  »Komm mit, Moospelz. Und ihr geht wieder an eure Aufgaben!«, rief Fuchsstern.
Moospelz freute sich den Kater zu sehen. Er schien gut mit ihrem Mentor ausgekommen zu sein.
Eilig lief sie zu ihm und er führte sie in einen von Farn bedeckten Bau. Langsam setzte sich der Kater hin und sah sie aufmerksam an.
  »Du bist also alleine durch das SchattenClan-Territorium gegangen und bei uns eingedrungen um mir etwas zu berichten?«, fragte er ruhig.
Moospelz erwiderte seinen Blick.
  »Ja, Fuchsstern. Wie gesagt bin ich jetzt zweite Anführerin des DonnerClans.«, begann Moospelz.
  »Aber das würde ja heißen, dass Weißsturm zum Ältesten geworden ist…«, grübelte Fuchsstern.  »Das kann ich mir nicht vorstellen.«
  »Fuchsstern… Es gab einen Kampf zwischen Wind- und DonnerClan. Er ist dabei ums Leben gekommen. Er wurde von Gewittersturm getötet, der nun Schwalbensterns Stellvertreter ist.«, berichtete Moospelz mit erstickter Stimme.
  »Oh nein!«, rief Fuchsstern erschüttert. »Nicht er! Nicht mein guter Weißsturm!«
  »Ich hielt es für angemessen dich persönlich darüber zu informieren.«, erklärte Moospelz.
  »Danke, Moospelz. Ich schicke dir zwei meiner Krieger zur Grenze zurück. Es war schön dich zu sehen.«, meinte Fuchsstern.
  »Grüpelz, Berenfell! Kommt und begleitet Moospelz zur SchattenClan-Grenze.«, rief er laut.
Moospelz erkannte Bärenfell, die cremefarbene schüchterne Kätzin.
  »Stimmt es wirklich, dass du Flammensterns Stellvertreterin bist?«, fragte sie.
Moospelz nickte.
  »Wahnsinn!«
  »Bärenfell komm, wir wollen nicht herumtrödeln.«, rief Grünpelz. Schnell eilten die Krieger weiter. Die Sonne stand an ihrem höchsten Punkt. Ihre heißen Strahlen brannten auf Moospelz‘ Fell. Sie war schon müde und wollte nur noch zurück in den Felsenkessel.
  »Da wären wir.«, miaute Bärenfell feierlich.
  »Ja. Von hier an werde ich alleine klarkommen. Vielen dank für eure Gastfreundlichkeit.«, verabschiedete sie sich.
  »Möge der SternenClan deinen Weg beleuchten.«, erwiderte Grünpelz kurz.
Moospelz folgte dem Weg, den sie heute früh hergelaufen war. Als sie endlich in ihr vertrautes Territorium gelangte und der Felsenkessel in Sicht war, war Moospelz sehr erleichtert.
  »Moospelz! Ist alles in Ordnung?«
Windherz kam auf sie zugerannt.
  »Ja. Alles in Ordnung.«
Windherz presste sich dicht an sie. Moospelz konnte die Zärtlichkeiten nicht erwidern. Er ist nicht der Richtige. Aber sie hatte Windherz das versprechen gegeben. Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Die Schwänze miteinander verschrängt betraten sie das Lager. Moospelz konnte Federpfote sehen, die neben Sturmherz saß. Die beiden Stritten heftig miteinander. Dann sah Sturmherz auf und entdeckte Moospelz.
  »Federpfote nein! Ich kann das nicht! Du bist eine Schülerin und ich brauche Zeit um eine Entscheidung zu treffen. Bitte gib mir Zeit!«, flehte er.
  »Ich liebe dich aber! Und ich brauche dich! Du kannst mich jetzt nicht hier sitzen lassen!«, fauchte Federpfote verzweifelt.
Moospelz rückte von Windherz weg und lief zu den beiden Streithähnen.
Sturmherz stand auf. In seinem Blick lag schmerz und Unentschlossenheit.    »Das ist doch nicht dein Ernst! Sturmherz geh nicht! Rede mit mir!«, jammerte Federpfote.
  »Wir haben geredet Federpfote. Du willst es einfach nicht begreifen.«, erwiderte Sturmherz leise.
Dann trottete er davon, aus dem Lager hinaus.
Windherz sah seinem Bruder nach, dann setzte er sich neben Federpfote, die immer noch zum Brombeertunnel starrte.
  »Federpfote, ach Federpfote. Ich habe doch immer gesagt, dass das nicht gutgehen wird.«, murmelte Moospelz.
  »Was war denn los. Liebt er dich nicht mehr?«, wollte sie wissen.
  »Ich weiß es nicht. Er will nur… du weißt schon.«, meinte Federpfote traurig.
Es war also wegen den Jungen.    »Okay. Ich habe eigentlich mit ihm gesprochen. Aber er meinte er brauche Zeit.«, erzählte Moospelz nachdenklich.
Sie erinnerte sich an die Zeit, an der ihre Schwester und Sturmherz zusammensaßen und sich Ewigkeiten lang in die Augen sahen. Was war geschehen?
  »Soll ich mit Sturmherz sprechen?«, fragte Windherz.
Moospelz schüttelte den Kopf.
  »Nein. Es hat keinen Sinn. Er wird schon von selbst wiederkommen.«
Federpfote begann plötzlich zu zittern.
  »Federpfote, was ist los?«, fragte Moospelz besorgt.
  »M-Mriiaaaau!«, presste sie hervor.
Sie krümmte sich zusammen und wandte sich am Boden.
  »Eichenblatt!«, jaulte Moospelz erschrocken.
Der erfahrene Heiler kam angerannt.
  »Was ist passiert?«, wollte er wissen.
  »Sie hat mit Sturmherz gestritten und jetzt ist sie zusammengebrochen!«, berichtete Moospelz unendlich besorgt.
Der heiler schnupperte a der stöhnenden Schülerin, dann nahm er die Kätzin am Nackenfell und trug sie zum Heilerbau. Moospelz folgte ihm, Windherz dicht hinter ihr.
  »Moospelz, Windherz, sie braucht Ruhe. Moospelz, komm später noch einmal vorbei, wir müssen reden.«, meinte der Heiler mit einem besorgten Blick auf Moospelz gerichtet.
Moospelz verließ den Bau mit hängendem Schweif, Windherz presste sich tröstend an sie.
  »Wie soll ich das nur meiner Mutter erklären? Ich sollte doch ein Auge auf sie haben.«, seufzte sie.
  »Mach dir keine Sorgen. Es war einfach etwas zu viel für sie.«, versuchte Windherz sie zu beruhigen.
  »Windherz, du hast ja keine Ahnung.«
Mit diesen Worten erhob sie sich und stürmte aus dem Lager. Sie wollte Sturmherz finden und ihm das Fell zerfetzen.
  »Moospelz, was machst du denn da! Pass auf!«, jaulte jemand.
Moospelz hatte nicht darauf geachtet, wohin sie ihre Pfoten trugen und fand sich an der Klippe wieder, von der es direkt hinunter in den See ging. Sie wollte anhalten, aber sie war zu schnell und rutschte über die Kante hinaus.
  »Wasser wird dich vernichten!« Gänsefeders mahnende Worte hallten in ihrem Kopf nach.
  Ich kann schwimmen! Protestierte sie panisch. Als die Felskante immer weiter In die Entfernung rückte, sah sie sie Silhouette von Sturmherz, der sie hatte warnen wollen.
  Zu spät, Sturmherz, zu spät. Ein schrecklicher Schmerz breitete sich auf ihrem Bauch aus. Sie hatte es noch geschafft sich instinktiv umzudrehen. Moospelz verlor die Orientierung. Sie blinzelte und öffnete ihre Augen unter Wasser. Um sie herum war alles bläulich, das Sonnenlicht lies das Wasser golden funkeln. Mit einem Mal fühlte sich Moospelz sehr wohl. Sie bemerkte, wie sehr sie es genoss im Wasser zu sein. Doch diese Idylle wurde durch ein lautes Platschen neben ihr zerstört. Sturmherz trieb reglos neben ihr, sein Fell wirbelte durch das Wasser hin und her. Alarmiert schwamm sie mit kräftigen Stößen zu ihm und packte den Kater am Nackenfell. Dann tauchte sie auf und schwamm Richtung Ufer. Es kostete sie all ihre Kraft um den Kräftigen Krieger an Land zu ziehen, doch sie schaffte es. Die Sonne schien auf ihre Pelze und wärmte sie.
  »Sturmherz?«, fragte Moospelz vorsichtig, während die sich über den Kater beugte.
Er begann zu husten und spuckte Wasser.
  »Moospfote, um des SternenClans Willen! Was ist passiert?«, rief Jemand schon aus der Ferne.
Moospelz suchte die Gegend nach einer Katze ab, bis sie die Gestalt von Erlenpfote erkannte, der eilig auf sie zukam.
Schließlich blieb er keuchend vor ihr stehen.
  »Ich habe nur eure Schreie gehört, und dann hab ich euch von der Klippe stürzen sehen…«, stotterte Erlenpfote aufgeregt.
  »WindClan!«, fauchte Sturmherz schwach, dann wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt.
  »Nein, es geht uns gut. Ich habe nur nicht aufgepasst.«, erwiderte Moospelz knapp.
Sie war immernoch enttäuscht wegen dem Kampf. Der Schüler hatte sie angegriffen, obwohl sie so etwas wie eine Freundschaft verband.
Erlenpfote sah sie mit einem warmen Blick an.    »Es-«, setzte er an.
  »Was geschahen ist, ist geschehen, Erlenpfote. Es ist besser, wenn dich deine Clankameraden hier nicht finden. Also geh zurück auf dein Territorium.«, meinte Moospeltz scharf.
Mit verletztem Blick wandte er sich von ihr ab und verschwand.
Moospelz trat wieder zu Sturmherz, der sie mit seinen blauen Augen ansah.
  »Mäusehirn!«, schnurrte sie.
Sturmherz schnurrte ebenfalls laut. Er hob seinen Kopf etwas an, sodass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte.
  »Hast du was mit dem?«, fragte er.
  »Neeiiin…«, murmelte Moospelz, während sie ihre Nasenspitze weiter senkte, sodass sie Sturmherz‘ Wange streifte.
Sturmherz rollte sich zur Seite und war nun über Moospelz.
  »Du hast mir anscheinend das Leben gerettet.«, meinte er.
  »Hätte ich dich dort unten lassen sollen?«, schnurrte Moospelz belustigt.
Sie lag nun auf dem Bauch und Sturmherz hielt sie am Nackenfell gepackt. Ein schrecklicher Schmerz durchfuhr ihren Unterleib und sie schrie laut auf.     »Sturmherz! Was-«
Der Kater stieg von ihr hinunter und leckte ihr das Fell sauber.
Moospelz genoss den Moment der Zuneigung. Doch dann musste sie wieder an Federpfote denken und sie bekam ein schrecklich schlechtes Gewissen.
  »Sturmherz… Federpfote ist zusammengebrochen.«, flüsterte sie bedrückt.
  »Federpfote ist was?«, rief Sturmherz erschrocken.
  »Sie war so bestürzt über deine Worte… Sturmherz, sie liebt dich. Und sie braucht dich an ihrer Seite. Außerdem trägt sie deine Jungen in ihrem Bauch!«
  »Und was ist mit mir? Darf ich denn keine Gefühle haben? Was ist mit uns ?«, fragte Sturmherz mit hoher Stimme.
  »Willst du es denn nicht verstehen? Es gibt kein uns. Und es wird auch nie wieder eines geben!«, schrie Moospelz wütend.
Sie war sauer auf sich selbst, dass sie auf ihn hineingefallen war, dass sie sich von ihm hatte verführen lassen. Das durfte nicht passieren. Das hätte niemals passieren dürfen. Das hier war falsch, aber es hatte sich so verdammt richtig angefühlt.
Aufgewühlt sprang Moospelz auf und kehrte zum Lager zurück. Sie schlug den Weg zum Heilerbau ein.
Als sie noch einmal kräftig durchatmete kam gerade Windherz aus dem Bau. Als er Moospelz erkannte senkte er die Augen.    »Was ist?«, fragte Moospelz.
  »Ich habe Federpfote bloß besucht. Es geht ihr etwas besser. Sie muss die Nacht noch im Heilerbau bleiben.«, berichtete er.
  »Da hast du dich ja sorgfältig erkundigt!«, blaffte sie, dann schob sie sich an ihm vorbei und lief zu Federpfote, die in ihrem Nest lag und sie aufmerksam beobachtete.
  »Schön, dass du da bist, Schwesterherz.«, begrüßte sie Moospelz.
  »Hallo Federpfote. Ist alles soweit in Ordnung?«, fragte sie.
  »Sie muss diese Nacht noch hierbleiben.«, meinte Minzpfote. Moospelz hatte die hübsche Schülerin gar nicht wahrgenommen. Sie stand etwas abseits an einer Spalte und sortierte Kräuter.
  »Wo ist Eichenblatt?«, erkundigte sich Moospelz.
  »Kräuter Sammeln.«, erklärte Minzpfote.
  »Soll ich später noch einmal kommen?«
  »Nein.«
  »Er wollte mit mir reden…«, meinte Moospelz verwirrt.
  »Ich weiß. Er möchte, dass du die Sache mit Sturmherz klärst.«
Federpfote sah Moospelz fragend an.
  »Konntest du mit ihm sprechen?«, fragte sie.
  »N-nein. Ich habe ihn nicht gesehen. Aber ich glaube, dass er dich sehr liebt. Er kommt zurück, versprochen.«
Federpfote schien nun etwas beruhigt. Müde rollte sie sich zusammen und schloss die Augen.
Moospelz verlies den Bau und trat auf die Lichtung.
  »Hey Moospelz! Lass uns zusammen etwas essen!«, rief ihr Spatzenpelz zu.
Als Moospelz es nicht fertigbrachte etwas von der Beute zu fressen, die sie sich teilten, wirkte Spatzenpelz besorgt.
  »Ach man Moospelz. Was ist denn los?«, seufzte die junge Kriegerin.
  »Nichts…«, log Moospelz.
  »Hör auf mir was vorzumachen! Sag mir, was los ist.«
Moospelz senkte den Kopf um dem Blick ihrer Freundin zu entgehen.
  »Ich habe meine Schwester betrogen, und Windherz gleich mit.«
  »Ach ja, stimmt! Was läuft denn da eigentlich zwischen dir und Windherz?«, warf Spatzenpelz ein.
  »Das verstehst du nicht.«, tat Moospelz ab.
  »Naja, ich denke, du hast das Gefühl ihm etwas schuldig zu sein…«, meinte Spatzenpelz.
Moospelz sah hoch.    »Wenn du das so siehst. Du verstehst das eben nicht.«
  »Nein, ich verstehe wirklich nicht, weshalb du ihm etwas vorspielst, Moospelz. Wenn da keine Liebe ist, wird da auch nie eine sein!«
  »Und mal angenommen, dass es deine Bestimmung ist?«, murmelte Moospelz.
  »Es soll eine Bestimmung sein unglücklich zu sein? Beim besten Willen nicht!«
  »Ich kenne eine Katze, die hatte die Bestimmung alles in ihrem Leben zu verlieren. Und das alles nur, um den Clan zu retten.«
  »Und du denkst, du seist etwas Besonderes, so wie diese Katze?!«
Spatzenpelz schien allmählich gereizt.
  »Ich hab doch gesagt, dass du es nicht verstehen wirst!«, knurrte Moospelz.
  »Also deine Laune ist mir zu schlecht, als dass ich weiter mit dir hier sitze! Das ist ja nicht auszuhalten!«, schimpfte Spatzenpelz.
Sie erhob sich und lief schweigend davon.
Moospelz seufzte unglücklich. Warum war sie auf Sturmherz hineingefallen? Warum fühlte sich das ganze so unglaublich richtig an? Federpfote durfte niemals davon erfahren, niemals. Moospelz würde sich das niemals verzeihen ihrer Schwester das Herz gebrochen zu haben. Und jetzt musste sie plötzlich wieder an Weißsturm denken. Ihr Blick verschwamm. Er hatte sie geliebt, so aufrichtig, so echt. Aber sie war niemals dazu gekommen ihrem Mentor ihre Gefühle zu gestehen. Warum musste er auch sterben? Moospelz wusste die Antwort. Es war seine Bestimmung. Und es war ihre Bestimmung mit Windherz zusammen zu sein. Aber ihr Herz hatte kaum Gefühle für ihn übrig. Warum? War das normal?
Als sie zum Lagereingang sah, erblickte sie Sturmherz. In der untergehenden Sonne stolzierte er in das Lager. Moospelz ertappte sich, wie sie weich wurde. Doch Sturmherz bog zum Heilerbau ein.
Es war nur einmal. Es wird nie wieder vorkommen. Er gehörte Federpfote. Und ihr gehörte ein gebrochenes Herz.

 

Kapitel 11



Zwei Monde waren  vergangen, seitdem Moospelz mit Sturmherz gesprochen hatte. Heute war ein schrecklicher Morgen. Sie fühlte sich so müde wie noch nie. Zudem war ihr schrecklich schlecht. Als sie sich auf die Pfoten stemmte und aus dem Kriegerbau sah, konnte sie schon reges treiben beobachten. Der Clan war beschäftigt. Sie schob sich aus dem Bau und begab sich zum Schmutzplatz. Ihr war schrecklich übel. Federpfote hatte ihre Jungen zur Welt gebracht. Sie waren noch winzig und umgeben von pflaum. Zwei gesunde Käterchen. Als sie wieder in das Lager kam, sah sie Windherz, der schon wieder in der Kinderstube war. Sturmherz dagegen saß bedrückt vor dem Bau und blickte in die Ferne. Moospelz lief zum ersten Mal nach zwei Monden zu ihm.
  »Hey.«, begrüßte sie ihn.
  »Hey. Wie geht es dir? Du siehst schlecht aus, obwohl du gut genährt bist.«
Das bekam sie mittlerweile von jedem zu hören. Aber sie war nicht fett. Jedenfalls nicht, weil sie zu viel gegessen hatte.
  »Mir geht es nicht so gut. Du siehst aber auch nicht gerade glücklich aus. Als Vater solltest du fröhlich sein.«, bemerkte Moospelz.
  »Wie soll ich froh sein, wenn ich meine Gefährtin nicht liebe?«, murmelte Sturmherz.
Moospelz sah in seine blauen Augen, die aussahen, als seien es runde Teiche.
  »Ich weiß es nicht. Ich bin auch nicht glücklich. Aber wir können das Federpfote niemals sagen.«
Ihre Schwester hatte noch immer nicht ihren Kriegernamen erhalten.
  »Moospelz.«
Windherz war plötzlich neben ihr und sah sie durchdringend an.
  »Ich….«, begann Moospelz.
  »Nein, es ist schon gut. Ich liebe dich wirklich sehr, aber ich wusste auch, dass du nicht so empfindest. Dein Herz schlägt für meinen Bruder. Federpfote und ich werden uns um die Jungen sorgen. Sie hat eure Liebe längst akzeptiert.«
Windherz rieb seine Schnauze an der ihren und trat einen Schritt zurück. Federpfote war nun ebenfalls aufgetaucht. Sie schien zufrieden. Mit strahlenden Augen sah sie Moospelz an.
  »Ich… ich bin sprachlos…«, stotterte Moospelz.
  »Na los, schnapp ihn dir, bevor er wegrennt!«, schnurrte Federpfote.

Moospelz begriff. Sturmherz war der richtige. Sie hatte immer gedacht, der SternenClan würde Windherz meinen. Aber da lag sie falsch. Die Geburt ihrer Jungen stand kurz bevor. Niemand aus dem Clan durfte davon etwas wissen. Es war ungünstig als Zweite Anführerin Junge zu bekommen. Sie würde gemeinsam mit ihrem Gefährten Sturmherz zu dem Ort gehen, an den sie auch Weißsturm gebracht hatte.
Im Moment der Geburt wusste Moospelz, wie Blaustern, ihre SternenClan-Mutter, empfunden hatte. Nun konnte sie all ihren Schmerz spüren, als sie die Geburt von ihr und ihren Geschwistern Steinfell und Nebelstern vertuschen musste. Ihre Mutter war nie herzlos. Blaustern war ihre wahre Mutter. Moospelz würde ihr verzeihen. Sie würde eines Tages zu ihr zurückkehren. Und Moospelz glaubte sogar ihren Duft zu riechen, während sie dalag, unter den Wehen, die ihre Jungen auf die Welt pressten.



~ENDE~


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