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Version vom 4. Januar 2020, 21:03 Uhr

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»Echopfote, du darfst nicht in
der Finsternis untergehen. Du musst immer
für deinen Clan da sein!«


Schwarzer Schnee
Dark Snow
Dark Snow
Allgemeines
Autor: Grinsekätzchen
Covergestaltung: Grinsekätzchen
Herausgeber: WarriorCats-Erfindung Wiki
Details
Version: 2.1
Erstveröffentlichung: 4. Januar 2014 (V. 1),
4. August 2014 (V. 2)
Fertigstellung: 1. März 2014 (V. 1),
1. Juni 2019 (V. 2)
Seitenzahl: 451
Chronologie
Vorgänger
-
Nachfolger
Pfade der Finsternis

Als ihre Mutter Nachtschweif stirbt, bricht für die SchneeClan-Schülerin Echopfote eine Welt zusammen. Doch dann häufen sich die Anzeichen, dass eine Katze Nachtschweif getötet hat. Misstrauen wächst im SchneeClan, die Katzen verdächtigen sich gegenseitig und Echopfote wird klar, dass sie niemandem mehr trauen kann. Als dann der BlattClan eine Prophezeiung erhält, die ihm befiehlt, den SchneeClan zu vernichten, und auch Echopfote Teil einer mysteriösen Prophezeiung zu sein scheint, wird die junge Kätzin immer verzweifelter. Vor allem, als drei Krieger aus dem Wald der Finsternis sie in ihren Träumen besuchen ...

Schwarzer Schnee (eng. Dark Snow) ist der erste Band meiner Staffel Schatten des Schicksals.

Viel Spaß beim Lesen!!!

Disclsure i'm not okay with okay

Hierarchie
Timeline

Prolog

REGEN HING WIE EIN SCHLEIER vor der Welt, von der aufziehenden Nacht in Dunkelheit getaucht. Es war beinahe vollkommen still, bloß das leise Plätschern der Regentropfen, die auf den harten, unnachgiebigen Felsboden tropfen, durchbrach die schwere Stille.
Ein schwarzer Schatten, der sich kaum gegen den von düsteren Wolken verhangenen Nachthimmel abhob, huschte auf leisen Pfoten über das regennasse Felsplateau. Es war eine Katze mit fast vollkommen schwarzem Fell. Nur am langen, geschmeidigen Schwanz hoben sich einige silbern glänzende Sprenkel vom tiefen Schwarz ab.
Immer wieder sah die Kätzin sich verstohlen um, als würde sie etwas suchen ... oder vor etwas fliehen. Tatsächlich - wenige Schwanzlängen von der schwarzen Kätzin entfernt, am Rande einer tiefen Spalte, die im Fels klaffte, stand eine weitere Katze.
Der Wind trug der Kätzin den Geruch des braunen Katers zu. Dieser hatte seine Verfolgerin noch nicht bemerkt und seine gesamte Aufmerksamkeit galt der Spalte.
Über den heulenden Wind konnte die Kätzin die Stimme des Katers hören. Erst waren es abgehackte Wörter, doch dann, nach und nach, formten sie sich zu Sätzen.
»Ich weiß, irgendwo dort unten verbirgt sich ein Geheimnis. Es muss düster und doch verlockend genug gewesen sein, um Laubstern zu einem Verrat zu bringen. Und trotzdem ... trotzdem werde ich der nächste sein, der hinter dieses Geheimnis kommt!«
Die Kätzin erstarrte, nur ihre Schnurrhaare erbebten im Wind. In einer fließenden Bewegung duckte sie sich und sich so auf den Kater zu.
Dieser fuhr, sich der Beobachterin unbewusst, fort: »Wenn ich erst einmal Anführer über alle Clans bin ... dann wird der SchneeClan aufsteigen und über alle anderen Clans gebieten! Mit der Kraft der ...«
Plötzlich wurde der Kater von einem schrillen, aber festen Ausruf durchbrochen: »Nein!«
Die schwarze Kätzin sprang dem Kater mit zornig gefletschten Zähnen in den Weg, so dass diesem der Blick auf die tiefe Spalte verwehrt blieb. »Der SchneeClan wird niemals solche Wege einschlagen! Niemals!«
Der Kater starrte die Kätzin einen Moment lang erschrocken an, dann schien er sich zu fassen.
»Gäbe es einen anderen Weg, würde ich ihn wählen«, sprach er mit leiser, bedachter Stimme. Er sah der Schwarzen tief in die blauen Augen, und fuhr mit bestimmter, aber noch immer ruhiger Stimme fort: »Aber den gibt es nicht. Entweder fügt der Clan sich seinem Schicksal oder er geht unter.«
Die schwarze Kätzin fauchte frustriert und fuhr wütend die Krallen aus, silbrig schimmerten sie im Licht des Mondes, der blass hinter den Wolkenfetzen, die sich über den schwarzen Himmel jagten, hervorlugte. »Es gibt einen anderen Weg, das weißt du ganz genau! Es gibt immer einen anderen Weg, als die Herrschaft eines einzelnen! Du führst den Clan ins Verderben statt in den Ruhm!«
Auch der Kater fuhr seine langen Krallen aus und starrte die Kätzin hasserfüllt an. »Ich bin der Anführer dieses Clans, nicht du! Es ist allein meine Entscheidung! Das Alles ist allein meine Entscheidung!«
Kreischend stürzte die Kätzin auf den Braunen. »Nur der Clan selbst trifft die Entscheidungen, nicht du für ihn!«
Der Kater wehrte sich wütend und schleuderte seine Gegnerin scheinbar mühelos von sich. Diese landete auf drei Pfoten, die vierte hatte sie angewinkelt und Blut quoll aus einer Wunde in ihrem Ballen. Die Kätzin ließ sich jedoch nicht abschrecken und stürzte sich mit einem zornigen Aufschrei auf ihren Gegner, der sich einen Kratzer in seinem dichten braunen Pelz leckte.
Der Kater versuchte erneut, sie fortzustoßen, doch sie hatte ihre Krallen in sein Fell gegraben und die beiden rollten ineinander verkeilt über das Plateau. Plötzlich senkte sich die Ebene vor ihnen ab und mit erschrockenen Schreien rollten die zwei Katzen hinab, direkt auf die schwarze, gähnende Spalte im Fels zu. Es gelang der Schwarzen den Kater fort zu stoßen, aber er stürzte sich mit vor Hass lodernden Augen auf sie.
Angst und tiefe Trauer flackerten in den großen, tiefblauen Augen der Kätzin auf. Sie versuchte, dem Angreifer auszuweichen, doch er traf sie an der linken Seite und schleuderte sie gegen einen Fels.
Benommen blieb die Kätzin liegen.
Der braune Kater trat über sie und miaute mit kalter Stimme: »Du willst doch nur selbst zur Anführerin werden! Und wenn der Clan die Wege, die du wählen würdest, betritt, führst du ihn in seinen Untergang!« Der Kater bleckte die Zähne. »Es ist besser, wenn ich ...«, sagte er mehr zu sich selbst als zu der Kätzin und hob die Pfote zum tödlichen Schlag.
»Nein!«, flehte die Kätzin. »Tu es nicht! Denk an ...« Sie stockte.
Der Kater sah sie aus seinen grünen Augen an, Verwirrung lag in seinem Blick. »An wen?«, fauchte er. »An wen soll ich denken?«
Mit einem schrillen Aufschrei stieß die Kätzin den Kater von sich. Der braune Kater taumelte überrascht zurück und grub die Krallen ins dunkle Fell der Kätzin.
Angst flackerte in den Augen der Kätzin auf, als die beiden Kämpfenden auf den Rand der tiefen Spalte zurollten.
»Stopp!«, schrie sie. »Hör auf! Die Spalte!«
Aber der Braune hörte nicht auf die verzweifelten Rufe seiner Widersacherin und zog sie mit sich auf den Rand des schwarzen Spalts zu. Unter dem Gewicht der beiden Katzen bröckelte der brüchige Fels am Rand und brach schließlich ganz ab. Gemeinsam mit Staub, Schutt und Steinen stürzten die beiden Katzen in die Tiefe.
Keuchend zog der braun gemusterte Kater sich auf den sicheren Felsboden. Wenige Katzenlängen unter ihm klammerte sich die Schwarze mit dem gesprenkelten Schwanz an einen schmalen Felsvorsprung.
»Hilfe!«, schrie sie panisch. »Hilf mir! Bitte!«
»Nein.« Das Wort hing einige lange Augenblicke in der Luft.
Mit eisiger Kälte im Blick sah der Kater auf die am Vorsprung hängende Kätzin hinab, Genugtuung schimmerte blass in seinen grünen Augen.
»Was?«, rief die Kätzin mit vor Angst geweiteten Augen. »Bitte! Das kannst du nicht tun! Du musst mir helfen!«
Ein panisches Schluchzen drang aus der Kehle der Kätzin, als sie erfolglos versuchte, sich aus der Spalte zu ziehen.
Der Kater wandte ihr den Rücken zu. »Du hast mich verraten«, sagte er gerade laut genug, dass die Schwarze die kalt ausgesprochenen Worte hören und verstehen konnte. »Du hast deinen ganzen Clan verraten, unseren Clan. Dich rette ich nicht.«
Mit diesen Worten ging er. Und überließ die Kätzin in der Spalte ihrem Tod.

1. Kapitel

EIN SCHREI HALLTE durch den Felsenkessel.
Echopfote sprang erschrocken auf die Pfoten, das Fell vor Schrecken gesträubt.
Was war das? Wer hat da geschrien? Etwa eine Katze des SchneeClans?
Es war noch dunkel und die Kälte der Blattleere sickerte in Echopfotes Fell wie eisiges Wasser. Fröstelnd kauerte sie sich tief in ihr Moosnest und schmiegte sich an die tröstend warme Flanke ihrer Schwester Blattpfote, die noch immer mit einer Pfote über der hellen Nase und leicht schnaufend am Schlafen war.
Echopfote ließ ihren Blick durch den Bau schweifen. Nicht nur sie hatte der Schrei geweckt, auch Federpfote und Ampferpfote waren hellwach, während Haselpfote wie Blattpfote weiterhin friedlich schlummerte.
„Was war das?“ Federpfote sah mit vor Angst geweiteten Augen von Ampferpfote zu Echopfote.
Ampferpfote schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Er kniff leicht die grünen Augen zusammen, die im blassen Mondlicht, das durch die Äste des Schülerbaus sickerte, sanft schimmerten. „Auf jeden Fall bedeutet es nichts Gutes.“ Der Rotbraune wandte sich Echopfote zu und zuckte leicht mit den Ohren. „Was meinst du, Echopfote?“
Echopfote hob den Kopf und lauschte aufmerksam in die tiefe Nacht hinein. Die Düsternis hatte sich wie ein Schleier über den Wald gelegt und wirkte plötzlich bedrohlich. Völlige Stille herrschte nun unter den Schülern, nur das leise Atmen von Blattpfote und Haselpfote war zu hören.
„Das war eine Katze“, murmelte Echopfote. „Es klang wie ... eine Kätzin.“
Federpfotes tiefblaue Augen weiteten sich vor Schock noch ein Stück mehr. „Eine Kätzin? Etwa ... aus dem SchneeClan?“
Echopfote zuckte mit den Schultern. „Kommt“, miaute sie und schnippte mit dem Schwanz in Richtung des Ausgangs. „Irgendetwas ist da draußen passiert!“
Echopfote stand auf und schob sich vorsichtig an der schlafenden Blattpfote vorbei aus dem Bau. Ampferpfote folgte ihr wortlos und nach einiger Überlegung tappte auch Federpfote hinterher.
Sie waren nicht die einzigen, die der Schrei geweckt hatte, stellte Echopfote fest. Außer ihnen standen auch Schneebart und seine Gefährtin Schattenmond auf der Lichtung, neben ihnen Grauschweif, Flammenfuß und Mondfeuer. Am Eingang zur Kinderstube kauerte die Königin Farnschweif, die ihren langen Schwanz ängstlich um ihre drei Jungen geschlungen hatte.
Mitten auf der Lichtung hockte die junge Kriegerin Goldfell, mit der Echopfote gut befreundet war. Den Blick hatte die Goldrote auf die obere Kante der gegenüberliegenden Felswand gerichtet, während ihre Schwanzspitze unruhig hin und her zuckte.
Lautlos trat Echopfote an Goldfells Seite und fragte: „Was war das?“
Goldfell schüttelte bloß den Kopf, fassungslose Angst spiegelte sich in ihren schmalen Augen. Ihr glänzendes Fell war gesträubt und Echopfote war sich sicher, dass das nicht nur gegen die beißende Kälte der frühen Blattleere war.
Echopfote folgte ihrem Blick zu der abgebröckelten Felskante. „Hast du etwas gesehen?“
Goldfell deutete mit der Nase auf die Steilwand. „Der Schrei kam vom Plateau.“
Echopfotes Fell sträubte sich unwillkürlich.
Oben auf dem Plateau über der Steilwand klaffte eine tiefe Spalte im harten Stein, die unzählige Katzenlängen in die Tiefe führte. Wer dort hinein stürzte, starb unweigerlich. Dennoch hieß es, dass Laubstern, ein früherer Anführer des SchneeClans, es einst geschafft hatte, unbeschadet hinab zu klettern. Danach hatte er dem Clan berichtet. Allerdings war die Spalte karg und es gab dort anscheinend nicht viel zu sehen: die Spalte endete abrupt an harten, unnachgiebigem Fels, auf dem Moos wuchs, dass im Dunkeln leuchtete und die damalige Heilerin sehr interessiert hatte.
Und doch - irgendetwas musste dort gewesen sein, dass Laubstern in seinen Bann gezogen hatte, denn er hatte sein Glück kurz darauf erneut herausgefordert und war ein zweites Mal in die Spalte gestiegen. Allerdings hatte die Gunst seiner Ahnen ihn verlassen, er war abgeglitten und in den sicheren Tod gestürzt. Seit diesem Tag hatte ihn niemand mehr gesehen.
Es raschelte hinter den Rücken der beiden Kätzinnen und Eulenfeder und Birkenherz, die vor dem Lager Wache gehalten hatten, kamen durch die mit Brombeerranken geschützte Felsspalte, die den Lagereingang bildete, geprescht.
Birkenherz sah sich mit gesträubtem Fell im Felsenkessel um und ließ seinen Blick über die anwesenden Katzen schweifen. „Ist alles in Ordnung? Wer hat geschrien?“
Ehe jemand antworten konnte, sprang Rindenstern, der Anführer des Clans, aus der Felsnische, in der der Schmutzplatz lag.
„Rindenstern!“, rief Federpfote, die sich zu ihrem Vater Grauschweif und den anderen Erwachten gesellt hatte, panisch. „Da hat jemand geschrien!“
Rindenstern nickte und schritt eilig in die Mitte der Katzen. Echopfote und Goldfell wechselten einen Blick und folgten ihm dann.
„Ja, das habe ich auch gehört.“ Rindenstern kam in der Mitte des Felsenkessels zum Stehen. Sein gehetzter Blick strich über alle Anwesenden. Unwillkürlich stellte sich Echopfotes Nackenfell auf. Rindenstern war nie gehetzt - stets blieb er gefasst, selbst wenn der Rest seines Clans in Unruhe verfiel. Die Situation musste wirklich ernst sein.
„Woher kam der Schrei?“, fragte der Anführer.
„Vom Plateau“, ereiferte sich Goldfell, deren Stimme vor Aufregung einige Töne höher sprang. „Rindenstern, denkst du ... dass jemand in die Spalte gestürzt ist?“
Jedes leise Gemurmel, das zuvor auf der Lichtung bestanden hatte, verstummte mit einem Mal. Alle Augen richteten sich auf Rindenstern.
Dieser musterte die junge Kriegerin lange an. Dann erwiderte er zögernd: „Das könnte durchaus sein. Ich rufe den Clan zusammen!“
Er trabte auf den großen Baumstumpf am anderen Ende des Lagers zu und setzte mit einem eleganten Sprung hinauf. Echopfote folgte ihrem Anführer quer über die Lichtung und ließ sich vor dem Baumstumpf nieder. Auch die restlichen anwesenden Katzen suchten sich ihren Platz um den abgestorbenen Baum herum.
Goldfell setzte sich, schwer atmend vor Aufregung und Angst, neben Echopfote auf den sandigen Grund und legte sich den langen Schwanz um die Pfoten.
„Was meinst du, wer geschrien hat?“, fragte sie Echopfote, die Augen geistesabwesend erneut auf die schroffe Felskante gerichtet.
Echopfote zuckte mit den Ohren. „Klang wie eine … Kätzin, denke ich.“
Goldfell riss ihren Blick vom Plateau los und richtete ihn nun auf die jüngere Schülerin.
Diese legte den Kopf leicht schief. „Was meinst du, Goldfell?“
Goldfell zuckte leicht mit den Schultern. „Ich weiß nicht“, gab sie zu. Aufgewühlt ließ sie ihren Blick über die wenigen Versammelten schweifen. Unruhig zuckte ihre Schwanzspitze hin und her „Eine Kätzin, sagst du? Denkst du, sie kam aus dem SchneeClan?“
„Wenn nicht, heißt das, dass die, die geschrien hat, in unser Territorium eingedrungen ist“, knurrte Flammenfuß, der sich neben Goldfell gesetzt hatte. Diese verzog das Gesicht und rückte ein Stück näher an Echopfote heran. Echopfote warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu, doch Goldfell bemerkte diesen gar nicht.
Flammenfuß schien dies gar nicht zu bemerken und sprach ungerührt weiter: „Und dann hat sie ihre gerechte Strafe erhalten.“
„Nein!“, rief Goldfell entsetzt und wandte sich nun doch dem roten Tigerkater zu, das kurze Fell erschrocken gesträubt. „Der Tod ist doch keine Strafe für Grenzübertritt!“
„Und wer sagt das? Der SternenClan?“, fauchte Flammenfuß herausfordernd und mit einer Spur von Herablassung.
„Das Gesetz der Krieger“, erwiderte Goldfell mit gefasster Stimme und kühl blitzenden Augen. „Niemand darf eine Katze …“
„Niemand darf eine Katze töten oder sterben lassen“, wurde sie von Flammenfuß unterbrochen. „Vom Tod als Strafe wird nichts gesagt.“ Mit feindselig angelegten Ohren blickte er auf die anderen beiden herab.
Übelkeit stieg in Echopfote auf. Diese Diskussion war falsch, ganz falsch. „Wer sagt denn überhaupt, dass die Katze tot ist?“, warf sie ein und versuchte, das angespannte Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. „Vielleicht wurde sie ja nur von einem Dachs oder Fuchs angefallen.“ Verzweiflung stieg in ihr auf. „Oder von einem Hund oder …“
Echopfote verstummte, als sie die Blicke der anderen beiden auf sich spürte.
„Niemand kommt alleine gegen einen Hund oder Fuchs an“, flüsterte Goldfell. „Geschweige denn gegen einen Dachs!“
„Könnte doch sein“, murmelte Echopfote, obwohl ihr klar war, dass ihre Freundin Recht hatte. Sie senkte den Blick auf die Pfoten. Die Katze musste tot sein, sonst wäre sie längst zurück ins Lager gekommen - sofern sie aus ihrem Clan war.
Leise Angst stieg in Echopfote auf. Die Katzen des SchneeClans waren ihre Freunde - auch wenn einige von ihnen, wie Flammenfuß, ganz schon eigensinnig sein konnten. Bei dem Gedanken, sie könnte einen von ihnen auf ewig verloren haben, drehte sich ihr der Magen um.
„Alle Katzen, die alt genug sind, selbst Beute zu erlegen und ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, rufe ich, Rindenstern, Anführer des SchneeClans, auf, sich zu einem Clantreffen unter dem Großen Baumstumpf zu versammeln!“
Echopfote blickte auf, erleichtert, nicht auf Goldfells letzte Worte antworten zu müssen. Rindenstern saß mit hoch erhobenem Kopf auf dem Baumstumpf, während unter ihm Katzen aus den vielen Bauen krochen. Mondlichtschweif folgte Rankenschweif aus dem Bau der Krieger, Haselpfote und Blattpfote tappten verwirrt aus dem Schülerbau hinaus.
Als Blattpfote ihre Schwester entdeckte, hellte ihre Miene sich auf und sie sprang mit fröhlich leuchtenden Augen auf diese zu.
„He!“, rief sie und unterdrückte ein Gähnen. Das Leuchten in ihren Augen verschwand, als sie die Miene ihrer Schwester erkannte. Stattdessen trat ein besorgter Ausdruck hinein. „Was ist los? Alles in Ordnung?“ Ängstlich wanderte ihr Blick über die Versammelten und blieb schließlich an den anderen Schülern hängen.
„Jemand hat geschrien“, berichtete Echopfote. „Vom Plateau aus.“
Blattpfotes dünnes Fell sträubte sich. „Vom Plateau! Da ist die …“
„… Spalte, ich weiß“, miaute Echopfote. Sie richtete sich etwas mehr auf, um über die Rücken von Rankenschweif und Grauschweif, die sich direkt vor ihnen niedergelassen hatten und nun angeregt diskutierten, mehr vom Geschehen auf dem Baumstumpf erkennen konnte.
„Und was passiert jetzt? War das … jemand aus dem Clan?“ Blattpfotes Stimme klang mit einem Mal ganz anders. Angst schwang in ihr mit.
„Rindenstern wird eine Patrouille losschicken, denke ich“, erwiderte Echopfote.
Blattpfote nickte still und ließ sich neben Echopfote auf dem Boden nieder. Ihr Körper schien fast zusammen zu sacken. „Ich hoffe, es geht allen gut.“
Echopfote nickte zustimmend. Die Unruhe, was dort oben geschehen war, nagte an ihr wie Wasser an Fels. „Meinst du, wir dürfen mit? Auf die Patrouille, meine ich?“
Blattpfote sah ihre Schwester verwundert an.
„Ich meine nur“, fuhr Echopfote fort, „ich … würde gerne mit. Ich muss wissen, was dort geschehen ist!“ Unruhe brannte in ihrem Innersten wie Feuer.
Blattpfote legte eins ihrer zarten Ohren an. „Schon klar, ich will es ja auch wissen. Aber … warum willst du unbedingt mit auf die Patrouille? Was passiert ist werden wir so oder so erfahren. Und … warum sollte Rindenstern Schüler mitnehmen? Selbst wenn, würde er eher Federpfote oder Haselpfote mitnehmen!“
Echopfote atmete tief aus. „Ja, ich weiß. Aber … in zwei Monden sind auch wir bereit für unsere Zeremonie! Und obwohl wir nicht die ältesten Schüler sind …“ Sie brach ab.
Mittlerweile hatte sich der ganze Clan um sie herum versammelt und Rindenstern ließ seinen Blick zufrieden über die Katzen schweifen. Aus der Menge um ihn herum tönte aufgeregtes Gemurmel, doch dennoch schwebte in der Nacht eine Anspannung, die fast spürbar war. Echopfote zuckte nervös mit den Ohren.
Rindenstern erhob seine Stimme und augenblicklich verstummte das Geflüster: „Ihr habt es sicherlich schon gehört. Es hat einen Vorfall gegeben. Auf dem Plateau“, fügte er hinzu und Echopfote konnte förmlich spüren, wie die Anspannung der anderen Clankatzen um sie herum wuchs. Vor Aufregung sträubte sich ihr das Fell. Ihre Ungeduld brannte nun stärker in ihr als die Angst um ihre Clangefährten. Hoffentlich … hoffentlich dürfen wir mit!
Rindenstern wartete, bis alle Clanmitglieder wieder verstummt waren, dann schnippte er mit dem langen Schwanz. „Ich will, dass ihr euch nach Rang sortiert aufstellt. Die Krieger bleiben hier, vor meinem Bau, die Schüler nach dort drüben zum Schmutzplatz. Die Königinnen und Jungen bleiben an der Kinderstube. Die Ältesten …“ Er ließ seinen Blick zu Honigherz und Feuerauge, die, wie Echopfote jetzt erst bemerkte, hinter ihnen standen, schweifen. „… auch“, beschloss er dann und winkte sie zu dem Brombeerbusch, vor dem Farnschweif und Schattenherz mit dem Nachwuchs der älteren Königin saßen. Birkenjunges und Blütenjunges hatten sich ängstlich an ihre Mutter geschmiegt, während Tigerjunges, der älteste der drei, neugierig auf die Lichtung lugte.
Bewegung kam in die Menge als die Katzen begannen, sich aufzustellen. Echopfote stand auf und streckte ihre von der Kälte schon ganz steifen Glieder, bevor sie und Blattpfote sich auf den Weg zu der Nische, die zum Schmutzplatz führte, machten, dicht gefolgt von Ampferpfote und Federpfote.
Am Rand des Lagers angelangt, wandte Echopfote sich um und suchte die Lichtung mit den Augen ab. „Wo ist Haselpfote?“, fragte sie dann. Sie war sich sicher, den braunen Kater vor wenigen Augenblicken noch gesehen zu haben.
„Dort drüben“, antwortete Blattpfote prompt und wies zu Schneebart hinüber, der offenbar mit seinem Schüler in eine angeregte Diskussion vertieft war. Haselpfote gelangt es ständig, seinen Mentor zur Weißglut zu bringen.
Echopfote schnaubte belustigt. Dann merkte sie plötzlich, dass die Augen der anderen Schüler sich auf sie gerichtet hatten. Sie senkte den Blick. Offenbar war nun keine Zeit für Witze.
Schließlich gesellte auch Haselpfote sich zu seinen Baugefährten und gähnte ausgiebig. „Hab ich was verpasst?“, fragte er dann. „Ich glaube, ich habe seit Monden nicht mehr so tief geschlafen.“
Echopfote bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Federpfote und Ampferpfote einen Blick wechselten. Definitiv keine Zeit für Witze.
Als der Clan sich wieder beruhigt hatte, ließ Rindenstern, der noch immer über ihnen auf dem Großen Baumstumpf thronte, seinen wachsamen Blick über die Versammelten gleiten und nickte zufrieden. „Gut“, miaute er. „Nachtschweif, zähle du bitte die Anwesenden.“
Echopfote reckte sich, um ihre Mutter in der Menge entdecken zu können. Nachtschweif war schon seit Ewigkeiten Rindensterns Zweite Anführerin, sie war schon lange vor Echopfotes und Blattpfotes Geburt ernannt worden.
Doch niemand regte sich.
„Nachtschweif!“, wiederholte Rindenstern mit lauterer Stimme.
Noch immer keine Bewegung in der Menge.
Angst kroch wie eisige Kälte in Echopfote herauf und füllte ihre Gedanken. Nein. Nein! Das konnte nicht sein. Es konnte nicht Nachtschweif gewesen sein, die dort geschrien hatte. Echopfote verdrängte den bloßen Gedanken aus ihrem Kopf, verbannte ihn in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins. Doch die dunkle Vorahnung blieb.
Rindensterns Bewegungen erschienen plötzlich seltsam schwerfällig. Er nickte einem der Krieger zu - Echopfote konnte ihn von ihrem momentanen Standpunkt nicht erkennen - und ein cremeweißer Kater erhob sich, sodass er alle anderen um sich herum überragte.
„Birkenherz“, miaute Rindenstern mit seltsam ruhiger Stimme. „Schau nach, ob Nachtschweif noch in ihrem Bau ist.“
Birkenherz nickte bloß und huschte ohne ein weiteres Wort hinüber zu dem ausladenden Brombeerbusch, in dem der Kriegerbau untergebracht war. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis er wieder daraus auftauchte.
Alleine.
Die Angst kehrte zurück, kroch in Echopfotes Körper und hinterließ ein taubes, leeres Gefühl in ihr.
„Sie ist fort“, verkündete Birkenherz, mit rauer, aber dennoch fester Stimme. „Sie scheint bereits vor einiger Zeit gegangen zu sein. Ihr Nest war kalt und ihr Geruch schal.“
Und nun umschloss die eisige Angst ihr Herz.
Echopfote spürte nichts mehr, sah nichts mehr. Das einzige, was es gab, war Leere, nur noch Leere. Wage nahm sie wahr, wie um sie herum entsetzte Ausrufe ertönten, wilde Pfotenschritte den gefrorenen Boden erschütterten. Aber nichts davon interessierte sie.
Sie war fort. Ihre Mutter war fort.
Plötzlich war jemand neben ihr, Wärme sickerte in ihr Fell. Ampferpfotes Duft umhüllte sie. „Alles wird wieder gut. Ich verspreche es, Echopfote.“
Aber wie konnte es? Wie konnte alles wieder gut werden, wenn die eine Katze, die sie bedingungslos geliebt hatte, nicht mehr bei ihr war?
Und auf einmal hallte ein lang gezogenes, von Trauer verzerrtes Jaulen durch den Felsenkessel. Blattpfote. Blattpfote!
Endlich erwachte Echopfote aus ihrer Starre. „Blattpfote.“ Es war kaum mehr als ein Krächzen. „Blattpfote!“ Sie musste für ihre Schwester da sein.
Die zarte Tigerkätzin blickte zu Echopfote herüber, ihre schönen grünen Augen schwammen in Tränen. Warum?, schien ihr Blick zu fragen. Warum sie? Warum ausgerechnet sie?
Echopfote wusste es nicht. Sie wusste gar nichts mehr. Alles, was ihre Welt bisher bestimmt hatte, das, auf was sie sich bedingungslos hatte verlassen können, war ihr genommen worden.
Verzweiflung stieg in Echopfote auf. Panisch sprang sie auf die Pfoten. „Wir müssen sie suchen!“ Ihre Stimme klang schrill.
Die anderen Katzen verstummten abrupt und wandten sich zu ihr um. Aber Echopfote bemerkte die vielen auf sie gerichteten Augen kaum; alles was sie sah war Rindenstern, der noch immer hoch über seinen Clanmitgliedern auf dem halb verbrannten Baumstumpf saß und ihren Blick mit ängstlichen, grünen Augen erwiderte.
Echopfote fuhr fort, mit jedem Wort stieg ihre grenzenlose Panik. „Es kann nicht Nachtschweif sein, dazu sie ist zu vorsichtig! Bitte Rindenstern, sie ist deine Zweite Anführerin! Du musst eine Patrouille aussenden!“ Sie keuchte schwer, langsam verschwamm ihre Sicht.
„Natürlich werde ich eine Patrouille aussenden!“ Rindensterns Blick wurde weich. Aus irgendeinem Grund lösten seine Worte etwas in ihr; Ruhe stieg in ihr auf. „Wir werden deine Mutter schon finden, Echopfote, vertrau mir.“
Echopfote wusste nicht warum, aber irgendetwas veranlasste sie dazu, ihm zu glauben. Sie musste ihm glauben - Nachtschweif konnte nicht tot sein. Sie hätte ihre Töchter nicht verlassen - nicht jetzt, so kurz bevor sie und Blattpfote zu Kriegerinnen ernannt werden würden. Nachtschweif war immer stolz auf sie gewesen, dessen war Echopfote sich sicher.
Eine neue Welle aus Trauer und Unverständnis überrollte sie, weniger heftig als die erste, aber immer noch mit genug Wucht, um sie fast von den Pfoten zu reißen. Niedergeschlagen ließ Echopfote den Kopf hängen und setzte sich wieder.
Du kannst es nicht wissen - nur der SternenClan weiß in diesem Augenblick, ob sie wirklich tot ist. Echopfote schüttelte den Kopf. Aber es kann nicht sie gewesen sein! Nachtschweif ist viel zu umsichtig, ein solcher Fehler würde ihr nie unterlaufen … Echopfote erschauderte. Sie blickte zur Felswand, zum Plateau. Zur Spalte. Was ist dort oben bloß geschehen?
Rindenstern fuhr fort: „Bei Sonnenaufgang wird eine Patrouille auf dem Plateau nachsehen, ich werde diese anführen.“ Er ließ seinen prüfenden, traurigen Blick über die schweigende Menge unter ihm schweifen. Dann, nach einiger Überlegung, sprach er weiter: „Begleiten werden mich Grauschweif, Schneebart, Lichtschweif, Echopfote und Blattpfote.“
Rindenstern sprang vom Baumstumpf und beendete die Versammlung mit einem Schnippen des Schwanzes. Die Menge löste sich langsam auf, die meisten Katzen gingen wieder in ihre Baue. Noch immer herrschte eine drückende, schwermütige Stimmung; kaum eine Katze sagte ein Wort. Auch Federpfote und Haselpfote zogen sich wieder in das Farngestrüpp, unter dem sich der Schülerbau befand, zurück, nicht ohne den Schwestern einen vorsichtigen, mitleidigen Blick zu zuwerfen.
Ampferpfote verweilte noch einen Moment an ihrer Seite, und als er sie verließ und die Kälte wieder in ihren Pelz drang, vermisste sie ihn beinahe schon. „Was auch immer passiert“, flüsterte der rotbraune Kater einfühlsam, „ich werde immer für dich da sein. Vertrau mir.“
Echopfote brachte nur ein stummes Nicken zustande. Vertrau mir. Das hatte Rindenstern auch gesagt. Vertrau mir.
Ampferpfote trabte davon, in Richtung des Schülerbaus. Blattpfote folgte ihm, benommen, wie eine Schlafwandlerin.
Nun blieb nur noch Echopfote. Allein. Verlassen.
Ihre Mutter hatte sie verlassen.
Ich bin noch nicht bereit!, schrie ihr Innerstes. Ich brauche dich doch!
„He, Echopfote.“ Echopfote zuckte zusammen, als sie eine Berührung am Rücken spürte. Goldfell hatte sich neben ihr auf der harten Erde niedergelassen und ihr den Schwanz auf die Schultern gelegt; nun redete sie leise auf sie ein. „Kopf hoch! Wir werden Nachtschweif schon finden …“
„Das hat Rindenstern auch gesagt“, murmelte Echopfote und plötzlich klangen seine Worte so viel weniger glaubwürdig als zuvor. Eine plötzliche Welle an Unsicherheit überkam sie. Echopfote verengte die Augen. „Und ich traue ihm nicht.“ „Was?“ Goldfell sah Echopfote schockiert an. „Er ist dein Anführer! Du musst ihm trauen!“
„Tue ich aber nicht!“, erwiderte Echopfote patzig. Wut auf ihren Anführer durchschoss sie wie heißes Feuer. Er war der Anführer dieses Clans! Wie hatte er nicht verhindern können, dass Nachtschweif verschwunden ist? „Wie er vorhin vom Schmutzplatz gekommen ist!“, miaute sie abfällig. „Und - siehst du, er verschwindet schon wieder zum Schmutzplatz!“ Echopfote deutete auf ihren Anführer, der sich verstohlen umsah, und dann in der Felsnische verschwand.
Goldfell setzte eine nachdenkliche Miene auf. „Manchmal ist er wirklich etwas komisch“, miaute sie. „Aber im Grunde ist er ein guter Anführer. Vielleicht hat er ja nur Durchfall!“
„Glaube ich nicht“, entgegnete Echopfote. „Warum sollte ein Anführer Durchfall haben?“
„Warum nicht?“
„Welchen Grund sollte der SternenClan haben, einen Anführer so zu bestrafen?“
„Mit Durchfall?“ Goldfell kicherte leise.
Echopfote unterdrückte ein wütendes Knurren. Wie kann sie nur jetzt so fröhlich sein? Nachtschweif ist fort! Wahrscheinlich für … für immer …
„Vielleicht ist das ja gar nicht die Schuld des SternenClans.“ Goldfell zuckte amüsiert mit der Schwanzspitze.
„Der SternenClan hätte verhindern können, dass Nachtschweif so etwas passiert!“, fauchte Echopfote.
„Der SternenClan sieht auch nicht alles.“
Echopfote fuhr herum, als sie die leise Stimme der Heilerin Sternlichtglanz hinter sich hörte. Anscheinend hatte auch Goldfell die Kätzin nicht kommen hören, denn sie zuckte zusammen.
„Ach nein?“ Mit hängendem Schwanz stand Echopfote auf. Ihr war nicht mehr nach Gesellschaft zumute - weder von Goldfell noch von Sternlichtglanz, die all die Schuldigen auf dieser Welt vor ihr offen in Schutz nehmen würde. Lügnerin … der SternenClan hätte es sicherlich verhindern können! Ohne eine Entschuldigung trottete Echopfote in Richtung ihres Baus.
„Warte doch, Echopfote!“, rief Goldfell und sprang mit einigen Sätzen an ihre Seite.
Echopfote duckte sich unter den Brombeerranken, die den Schülerbau schützten, und schob sich in den Bau. Auch Blattpfote, Federpfote und Ampferpfote waren schon da. Blattpfote hatte sich in ihrem Nest zusammen gerollt und die Augen geschlossen, während sich Federpfote und Ampferpfote lautstark über die Ereignisse unterhielten. Beide schwiegen schlagartig, als Echopfote den Bau betrat, und beobachteten beschämt, wie sie sich in ihrem Nest zusammenrollte. Von Haselpfote war keine Spur zu sehen. Wahrscheinlich war er wieder dabei, sich bei den Kriegerinnen einzuschleimen.
Echopfote schloss die Augen und versuchte, einzuschlafen, endlich die Ereignisse dieser Nacht zu vergessen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Immer wieder musste sie an Nachtschweif denken, an ihr warmes Fell, ihren tröstenden Duft …
Plötzlich kam es Echopfote wieder so vor, als läge sie an Blattpfotes Seite in der Kinderstube. Der warme Duft der Milch erfüllte die Luft, doch als Echopfote die Augen aufschlug, verschwand er und nur die Dunkelheit der Nacht umhüllte sie.
Offenbar hatten auch Federpfote und Ampferpfote sich endlich schlafen gelegt, denn nur das gleichmäßige Atmen ihrer Baugefährten erfüllte das Dickicht. Etwas von ihr entfernt raschelte es, dann driftete Haselpfotes Duft in den Bau und der Schüler schob sich auf leisen Pfoten an ihr vorbei in sein Nest.
Echopfote blickte zwischen braunen Farnwedeln hinauf zum schwarzen Nachthimmel, an dem sich zwischen dunklen Wolkenfetzen einige silbrig glitzernde Sterne abzeichneten.
Ob Nachtschweif wohl jetzt dort oben ist?, schoss es ihr durch den Kopf. Zwischen alten Clangefährten, oben im Silbervlies? Wieder vereint mit ihrem Gefährten, der noch vor Echopfotes Geburt verstorben war? Ob sie wohl nun auf ihre beiden Töchter hinabschaute, über sie wachte?
Warum kann nicht einfach alles wieder so sein wie früher? SternenClan, hilf mir! Wie kann Nachtschweif nur tot sein?

2. Kapitel

BLATTPFOTE SCHLUG die Augen auf. Helles Morgenlicht sickerte durch die verzweigten, blattlosen Äste des Schülerbaus.
Blattpfote spürte, wie ihre Schwester sich neben ihr regte und sofort waren die Erinnerungen der letzten Nacht wieder da. Eine Woge tiefer Trauer überwältigte Blattpfote.
Warum sie? Warum nur sie, SternenClan?
Blattpfote schüttelte den Gedanken an ihre Mutter ab.
Ich darf nicht an so etwas denken! Vielleicht lebt Nachtschweif noch…
„Echopfote? Blattpfote?“ Lichtschweif steckte den Kopf durch den Eingang des Baus, ihr schneeweißes Fell schimmerte golden im hellen Morgenlicht.
Echopfote zuckte zusammen, als sie ihren Namen hörte, und schlug die Augen auf. Sie sah erschöpft aus.
Bestimmt hat sie kein Auge zugetan!
„Was ist?“, fragte Echopfote verwirrt.
„Die Patrouille“, miaute Lichtschweif, „die Sonne ist aufgegangen.“
Echopfote zuckte zusammen und Trauer erfüllte ihre strahlend blauen Augen. Blattpfote schmiegte sich an ihre Schwester und schloss die Augen, als Echopfotes vertrauter Duft ihr in die Nase stieg.
Alles wird gut! Alles wird gut werden!
Blattpfote stupste ihre Schwester mit der Nase in die Seite. „Gehen wir besser“, miaute sie, und trabte durch den Eingang nach draußen.
Echopfote folgte ihr mit hängenden Schultern.
Blattpfote blinzelte, als das grelle Licht der Morgensonne in ihre Augen stach. Die helle Scheibe lugte kaum über den Rand des Felsenkessels, und das Sonnenlicht hatte das Lager erst zur Hälfte geflutet. Der Himmel war grau und von Wolken verhangen und hin und wieder verdeckte einer der Wolkenfetzen die Sonne für kurze Zeit.
Blattpfotes Schnurrhaare erbebten im kalten Wind, als sie sich umsah. Die Lichtung war leer, nur Rindenstern, Grauschweif und Leichtschweif standen am Lagereingang. In der Mitte des Lagers stand Schneebart, neben ihm seine Gefährtin Schattenmond, die ihn mit besorgten Blicken bedachte.
„Schneebart … pass auf dich auf, ja?“, miaute Schattenmond ängstlich.
Schneebart schnurrte. „Tu ich das nicht immer? Ich kann unsere Jungen doch nicht allein lassen!“ Er warf Schattenmonds angeschwollenem Bauch einen liebevollen Blick zu.
Schattenmond senkte den Blick auf ihre Pfoten. „Doch, aber…“ Sie hob den Kopf und sah Schneebart flehend in die Augen. „Ich will dich nur nicht verlieren!“
Schneebart leckte ihr kurz übers Ohr. „Das wirst du nicht. Ich verspreche es dir.“ Er wandte sich ab und setzte in Richtung des Lagereingangs. Wenige Katzenlängen von Rindenstern entfernt, wandte er sich noch einmal um. „Ich liebe dich!“, rief er.
Schattenmond sah ihm nach, wie er mit dem Rest der Patrouille das Lager verließ. „Ich … ich liebe dich auch, Schneebart! Ich liebe dich auch.“
„Gehen wir besser.“ Echopfote stieß Blattpfote sanft mit der Nase in die Seite.
„Sonst verlieren wir noch unsere Patrouille!“ Blattpfote nickte. „Komm!“, rief sie und trabte in Richtung des Lagerausgangs.
Kaum hatten sie das Lager verlassen und den dämmrigen Wald betreten, nahm Blattpfote die Witterung der Patrouille auf. Die vier Katzen hatten den direkten Weg zum Plateau eingeschlagen, der über eine leicht ansteigende, bewaldete Felswand führte. Auch Echopfote hatte die Spur der Patrouille gefunden und trabte nun langsam in den Wald hinein. Blattpfote holte tief Luft und folgte ihrer Schwester.
Es war noch früh am Morgen und der ins graue Dämmerlicht getauchte Wald war von Nebelschwaden durchzogen. An jedem anderen Morgen hätte Blattpfote diesen Anblick genossen, doch an diesem Morgen erfüllte er sie mit tiefer Traurigkeit.
Werde ich so etwas je wieder mit Nachtschweif gemeinsam erleben dürfen?
Echopfote ging voran, lautlos und schweigend, und die Stille drückte auf Blattpfote wie Wasser. Sie holte Echopfote ein und versuchte tröstend zu schnurren, doch es kam nur ein verzweifeltes Schluchzen aus ihrer Kehle.
Echopfote warf ihr einen Blick zu. „Irgendwann müssen wir lernen, darüber hinweg zu kommen“, miaute sie mit rauer Stimme und starrte mit ausdrucksloser Miene in den düsteren Wald hinein.
Blattpfote nickte. „Echopfote … in einigen Monden, wenn wir Krieger sind, werden wir sie vergessen haben. So, wie wir auch unseren Vater vergessen haben.“
Echopfote fuhr zusammen. „Nein!“, fauchte sie, „ich will Nachtschweif nicht vergessen!“
Blattpfote zuckte bei der Heftigkeit ihrer Worte zusammen. „Vielleicht ist es besser so“, sagte sie tonlos.
Echopfote antwortete nicht und sie trabten schweigend weiter.
Grauschweif wartete am Fuß der Felswand auf sie und begrüßte sie mit einem mitfühlenden Nicken. Blattpfote mochte den grauen Kater. Sie hatte das Gefühl, dass er sie immer verstand, und ihr zumindest immer zuhörte.
„Kommt“, miaute Grauschweif mit sanfter Stimme, „die anderen warten oben.“
Es war nicht leicht, die Felswand hinauf zu klettern. Immer wieder rutschte Blattpfote auf dem feuchten Laub ab und musste sich mit Zähnen und Klauen festklammern, um nicht hinab zu fallen. Einmal wäre sie beinahe gestürzt, hätte Grauschweif sie nicht rechtzeitig am Nackenfell gepackt und auf einen Felssims gezogen.
Echopfote dagegen setzte mit scheinbarer Leichtigkeit von Fels zu Fels und griff mit ihren langen, scharfen Krallen in jeden noch so kleinen Felsspalt. Wie angespannt die Schülerin tatsächlich war, sah man nur, wenn man ihr ins Gesicht blickte.
Grauschweif hatte Recht, Rindenstern, Schneebart und Lichtschweif warteten oben an der Felswand auf sie. Rindenstern hatte seinen Blick auf einen fernen Punkt im wolkenverhangenen Himmel gerichtet, Besorgnis schimmerte in seinen moosgrünen Augen.
Lichtschweif sprang auf, sobald sie die drei kommen sah und begrüßte sie mit einem freundlichen Nicken.
Rindenstern löste sich aus seiner Starre und stand auf. „Gehen wir“, miaute er.
„Es wird bald anfangen zu regnen“, bemerkte Schneebart ernst, „wir müssen vorsichtig sein, wenn wir über den glatten Fels laufen.“
Blattpfote prüfte die Luft. Der weiße Krieger hatte Recht - der unverkennbare Duft von Regen lag in der schweren Luft.
Rindenstern nickte. „Beeilen wir uns besser.“ Mit einem Schwanzschnippen wandte er sich um und führte die Patrouille auf das Plateau hinaus.
Kaum hatten sie den schützenden Schatten der Bäume verlassen, zerrte der Wind an Blattpfotes Fell und drohte, sie umzuwerfen. Die sechs Katzen mussten sich regelrecht voran kämpfen und Blattpfote erkannte sogar an Schneebarts Gesicht, dass der massige, weiße Kater nur schwer vorankam.
Rindenstern wählte einen Weg, der am Rand des Plateaus entlangführte und von dem aus sie in den Felsenkessel hinab blicken konnten. In der Mitte der Lichtung saß Schattenmond, an ihrer Seite Goldfell. Die beiden Kätzinnen schauten, gegen den Wind eng aneinandergedrängt, zu ihnen hinauf.
Blattpfote stellte sich das Fell auf, als sie die Nässe von kleinen Regentropfen auf der Haut spürte. Sie spürte, wie Echopfote, die neben ihr ging, zusammenzuckte.
Der Regen wurde stärker und Blattpfote glitt immer wieder auf dem nassen, glatten Stein aus. Sie musste ihre Krallen tief in die winzigen Ritzen im Fels graben, um nicht auszugleiten und den Abhang hinab zu stürzen.
Rindenstern blieb stehen und drehte sich zu seiner Patrouille um. „Ihr bleibt hier“, wies er sie an, „ich gehe und suche einen sichereren Weg.“
„Was?“, rief Lichtschweif entsetzt, „aber das ist viel zu gefährlich, Rindenstern!“
Rindenstern schnurrte. „Ich habe noch drei Leben übrig. Das sind immerhin zwei mehr, als ihr habt!“ Und mit diesen Worten sprang er davon.
Blattpfote ließ sich fröstelnd auf dem kalten Fels nieder und schmiegte sich eng an die warme Flanke ihrer Schwester. Diese starrte besorgt in den dunklen Himmel.
„Es wird mehr Regen geben“, murmelte sie.
Grauschweif nickte. „Wahrscheinlich wird es bald gewittern. Und bei der Kälte können wir mit viel Schnee rechnen!“
Blattpfotes Fell sträubte sich. Sie hatte bisher nur eine Blattleere miterlebt. Damals war sie noch ein Junges gewesen, konnte sich aber trotzdem noch immer gut an die eisige Kälte, den fauligen Geruch von Krankheit und die Angst vor dem sicheren Tod erinnern.
Echopfote rückte ein Stück näher an Blattpfote heran. „Meinst du, es wird kälter werden, als in der letzten Blattleere, Grauschweif?“
Grauschweif nickte mit Nachdrück. „In der letzten Blattleere war es erstaunlich warm. Wir hatten kaum Schnee. Dieses Mal wird das wahrscheinlich ganz anders aussehen.“
Blattpfote fröstelte.
Noch kälter als letztes Mal? Wie soll eine Katze das überleben?
Ein kratzendes Geräusch ertönte und Rindenstern tauchte aus den dichten, weißlichen Nebelschwaden auf. „Kommt! Ich habe ihre Spur gefunden!“
Mit klopfendem Herzen stand Blattpfote auf. Auch die anderen Katzen schienen aufgeregt zu sein.
„War ihr Geruch frisch?“, fragte Lichtschweif atemlos.
Rindenstern schüttelte den Kopf und Trauer trat in seine Augen. „Nein, das nicht. Aber … da waren Kratzer im Fels. Sie schienen von Krallen zu stammen.“
Blattpfotes Herz setzte für einen Schlag aus.
Krallenspuren? Oh nein … war Nachtschweif etwa in einen Kampf verwickelt? Und…
„Von Krallen?“, fragte Echopfote erschrocken nach.
Rindenstern nickte. „Katzenkrallen“, miaute er und bestätigte Blattpfotes Befürchtungen.
„Das heißt … sie wurde von einer Katze angefallen?“, rief Lichtschweif entsetzt.
Rindenstern zog die Schultern hoch. „Es sieht ganz danach aus“, bestätigte er mit leiser Stimme.
„Heißt das etwa, jemand aus unserem Clan hat sie getötet?“ Blattpfotes Gedanken rasten.
Wer könnte Nachtschweif angegriffen haben? Welcher Krieger würde so etwas tun? Rankenschweif? Nein, dazu ist er zu loyal. Flammenfuß?
„Nicht unbedingt.“ Schneebarts Schwanzspitze zuckte unruhig hin und her. „Es könnte auch ein Streuner gewesen sein.“
Blattpfote verengte die Augen blickte Schneebart misstrauisch an.
War etwa Schneebart es? Nein, er würde nie so etwas tun! Oder?
Sowohl Grauschweif als auch Lichtschweif schienen erschüttert von Rindensterns Worten.
„Aber welche Katze sollte so etwas tun?“, miaute Grauschweif beunruhigt, „Nachtschweif war doch eigentlich im ganzen Clan beliebt und ich wüsste niemanden, der Gründe hätte, sie zu töten.“
Lichtschweif schüttelte den Kopf. „Ich würde niemandem aus unserem Clan zutrauen, so etwas zu tun“, flüsterte sie aufgelöst.
„Vielleicht wollte jemand Zweiter Anführer werden“, mutmaßte Schneebart, „hast du einen Geruch finden können, Rindenstern?“
Rindenstern schüttelte den Kopf. „Keine Chance. Der Regen hat alles fortgewaschen.“
Schneebart sah besorgt von Rindenstern zu Grauschweif. „Gehen wir zu der Stelle. Vielleicht finden wir ja mehr.“ Schneebart stand auf und klammerte sich mit den Krallen am Fels fest. Gegen den starken Wind tappte er ein paar Schritte voran.
„Schneebart, stopp, das ist zu gefährlich!“ Lichtschweif sprang erschrocken auf und folgte dem weißen Kater in den Regen. Lichtschweif hatte Schneebart fast erreicht, als es geschah.
Schneebart glitt auf dem nassen Fels auf und schlitterte über den glatten Boden auf die Felswand, die steil in den Felsenkessel hinab führte, zu. Verzweifelt versuchte der weiße Kater, sich mit den Krallen am Fels festzuklammern, aber es ging einfach alles zu schnell. Wie gelähmt vor Entsetzen sah Blattpfote zu, wie der Krieger über die Kante stürzte.
In diesem Moment stürzte Lichtschweif vor und packte das Nackenfell des Katers. Sie grub die Krallen in den Fels und hinterließ tiefe Kratzer, als das Gewicht des Katers sie mit sich zog. Plötzlich tauchte Echopfote neben der weißen Kätzin auf, packte ihr Nackenfell und zog sie Stück für Stück wieder zurück auf den Fels.
Keuchend ließen sich Schneebart, Lichtschweif und Echopfote auf dem harten, kalten Boden nieder.
„Danke“, japste Schneebart verlegen, „ihr habt mir das Leben gerettet.“ Er senkte den Blick und leckte sich einen Kratzer an der Flanke.
„Kein Problem.“ Lichtschweif schloss für einen Moment die Augen. „Danke Echopfote.“
Echopfote antwortete nicht und stand wortlos auf. Der Regen wurde langsam weniger du stetiger und auch der Nebel lichtete sich.
Echopfote wies auf eine Stelle am Boden. „Seht!“
Blattpfote verengte die Augen um mehr erkennen zu können. Etwa fünf Fuchslängen von ihnen entfernt klaffte eine tiefe, schwarze Spalte im Fels.
Die Spalte! Oh SternenClan, mach bitte, dass Nachtschweif noch lebt!
Jetzt sah Blattpfote auch die vielen Krallenspuren im Fels. Rindenstern hatte Recht, das waren eindeutig Katzenkrallen gewesen. Blattpfote beugte sich hinab und schnupperte an einer der Spuren. Nachtschweifs vertrauter Duft wehte ihr Schwach entgegen, übertüncht von Rindensterns frischem Geruch. Die Spur direkt neben Nachtschweifs roch ebenfalls nach Rindenstern, aber darunter war ein zweiter Duft, nicht ganz so durchdringend, aber trotzdem stark. Blattpfote konnte den Duft nicht einordnen, aber trotzdem kam er ihr seltsam bekannt vor.
Verwirrt wandte Blattpfote sich ab und entdeckte Echopfote, die starr am Rand der Spalte stand. Blattpfote wollte zu ihr gehen, erstarrte jedoch. Die Kratzspuren führten geradewegs auf die Spalte zu, der brüchige Rand des tiefen Spalts war weggebrochen.
Echopfote vergrub schluchzend ihre Nase in Blattpfotes Fell. „Ich … ich hatte gehofft, sie würde noch leben.“
Blattpfote schloss die Augen.
Warum nur, SternenClan? Warum hast du das zugelassen?

3. Kapitel

TRAUER UND WUT, hilflose Wut, wallten in Echopfote auf, als sie sich vor dem Großen Baumstumpf niederließ und zusah, wie Rindenstern den Clan zusammenrief. Ein Schluchzen drang aus ihrer Kehle und sie schmiegte sich eng an Blattpfotes Seite.
Warum? Warum nur, musste es Nachtschweif sein? Warum ausgerechnet sie?
Langsam versammelte sich der Clan um sie herum. Goldfell setzte sich neben Echopfote und leckte ihr tröstend übers Ohr. Aber nichts konnte Echopfote in diesem Moment trösten.
Rindenstern ließ seinen traurigen Blick über den Clan schweifen. „Katzen des SchneeClans“, begann er, „heute Morgen hat unsere Suchpatrouille die Spur von Nachtschweif aufgenommen. Wir … wir haben…“
Es gab kaum eine Katze des Clans, die noch nicht wusste, was geschehen war. Seit die Patrouille kurz nach Sonnenhoch zurückgekehrt war, hatte sich die Kunde von den Krallenspuren blitzschnell im Clan verbreitet. Alle trauerten um Nachtschweif, sie war immer eine gute Zweite Anführerin gewesen.
„Nachtschweif ist tot“, miaute Rindenstern mit tonloser Stimme, „wir haben sie selbst nicht gefunden, sie ist in die Spalte gestürzt. Was wir aber gefunden haben …“ Rindenstern senkte die Stimme. „Oben, auf dem Plateau, waren überall Krallenspuren im Fels. Von Katzenkrallen.“
Entsetzt sah Goldfell Echopfote an. „Spuren von Katzenkrallen?“, flüsterte sie, „davon hast du mir gar nichts erzählt!“
„Was?“, murmelte Echopfote.
Auch der Rest des Clans schien geschockt, einige sprangen auf und gingen unruhig hin und her.
„Und?“, fragte Birkenherz misstrauisch, „was bedeutet das?“
„Das ist doch einfach zu erkennen, Birkenherz!“, rief Flammenfuß und sprang auf die Pfoten, „wir haben einen Verräter unter uns!“
Mit einem Fauchen sprang Mondlichtschweif auf. „Wer sagt das? Es könnte auch ein Streuner gewesen sein!“
Flammenfuß wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Blattpfote mit einem Ruck aufstand und mit ruhiger Stimme miaute: „der Geruch an den Spuren war schon fast vollständig fortgespült, aber man konnte trotzdem noch ein wenig vom Geruch erkennen.“
Sofort herrschte Stille im Felsenkessel. Echopfote starrte ihre Schwester an.
Das hat sie mir gar nicht erzählt! Du ich habe nichts gerochen! Na ja, Blattpfote hat eine bessere Nase als ich, aber…
„Und?“, flüsterte Rindenstern ängstlich.
Was is nur los mit Rindenstern? Er ist doch sonst so beherrscht und gefasst…
Blattpfote holte tief Luft. „Der Geruch … der Geruch war irgendwie … fremd. Ich kannte ihn nicht“, berichtete sie mit nervöser Stimme.
Rindenstern seufzte und erhob erneut die Stimme über den Clan: „nun, was passiert ist, ist passiert, und wir können es nicht verändern oder rückgängig machen. Nachtschweif war eine gute Kätzin und eine ebenso gute Zweite Anführerin. Es fällt mir schwer einen Nachfolger für sie zu erwählen.“
Der Clan sah gespannt zu dem braunen Kater auf. Auch Echopfote hob den Kopf und spitzte die Ohren.
Oh nein! Wer könnte Zweiter Anführer werden? Oh, bitte, Rindenstern, nimm nicht…
Rindenstern hob den Kopf zum langsam dunkler werdenden Himmel, an dem nach und nach das Silbervlies erschien. Auch der volle Mond lugte nun über den Rand des Felsenkessels und flutete die Lichtung mit silbernem Licht.
„Ich, Rindenstern, der Anführer dieses Clans, sage diese Worte vor dem Antlitz unserer Ahnen im SternenClan, damit sie sie hören und meine Wahl billigen können.“ Rindensterns Blick schweifte über seinen Clan und blieb für einen Moment an Flammenfuß hängen, bevor er weiter zu Rankenschweif schweifte.
Oh nein! Bitte nicht Flammenfuß!
„Der neue Zweite Anführer des Clans“, miaute Rindenstern mit klarer Stimme, „wird Grauschweif sein!“
Erleichterung machte sich in Echopfote breit und sie sprang auf und rief den Namen ihres Mentors.
Ja! Grauschweif ist eine gute Wahl!
Der Rest des Clans stimmte mit ein und Grauschweif stand überrascht auf und tappte zu Rindenstern neben den Großen Baumstumpf.
„Es ist mir eine Ehre“, miaute er, „meinem Clan als Zweiter Anführer zu dienen. Ich kann natürlich Nachtschweif nicht ersetzen“, sein trauriger Blick streifte Echopfote, „aber ich werde mein Bestes tun, ihr ein würdiger Nachfolger zu sein!“
Rindenstern warf seinem neuen Stellvertreter einen wohlwollenden Blick zu, dann hob er seinen Blick zum vollen Mond. „Wir werden nach der Großen Versammlung gemeinsam Totenwache für Nachtschweif halten. Rankenschweif, Eulenfeder, Birkenherz, Mondfeuer, Halbohr und Haselpfote, ihr werdet Grauschweif, Sternlichtglanz und mich zur Großen Versammlung begleiten!“
„Rindenstern … ich glaube, es ist besser, wenn ich nicht mit euch gehe“, setzte Sternlichtglanz an, „Schattenmond steht kurz vor der Geburt ihrer Jungen und ich…“
„Nein, du wirst mitkommen“, rief Rindenstern mit einem heftigen Unterton in der Stimme, „das ist deine Pflicht als Heilerin, Sternlichtglanz!“
Sternlichtglanz zuckte zusammen. „Du begehst gerade eine furchtbaren Fehler, Rindenstern“, murmelte die und folgte ihren Anführer und der Patrouille, die dieser zusammengestellt hatte, aus dem Lager.
Echopfote trabte zur Mitte der Lichtung und ließ sich dort auf dem kalten, nassen Felsboden nieder. Kurz vor Sonnenaufgang hatte es erneut zu regnen begonnen und die Regentropfen hatten sich wie kleine, spitze Steine auf Echopfotes Haut angefühlt. Das hatte sie allerdings nicht gestört, denn der Schmerz in ihrem Herzen war stärker.
Echopfote kniff die Augen zusammen, als die Erinnerungen an Nachtschweif sie überwältigten. Sie unterdrückte ein Schluchzen.
Warum nur? Warum gerade jetzt?
Eine Schwanzspitze berührte Echopfotes Schulter und sie nahm den vertrauten Duft von Goldfell auf, als die Kriegerin sich neben sie setzte. „He, Echopfote.“
„Wir dürfen bei der Totenwache nicht sprechen, Goldfell“, miaute Echopfote, ohne die Augen zu öffnen.
Goldfell ignorierte ihre Worte. „Ich will dich nicht drängen, Echopfote, aber, es ist so … irgendwann musst du darüber hinweg kommen.“
Echopfote blinzelte, als sie die Augen öffnete und Goldfells Blick erwiderte. „Was?“
„Dein Clan braucht dich voll und ganz, Echopfote. Vor allem jetzt, so kurz vor der Blattleere.“
„Ja, ich weiß“, entgegnete sie, „es ist nur … Blattpfote hat etwas ganz Ähnliches gesagt. Sie sagte … sie sagte, es ist besser … nein, irgendwann werden wir Nachtschweif vergessen.“ Echopfote sah Goldfell gequält an. „Und … das Schlimme daran ist, sie hat recht. Schon jetzt kann ich mich kaum noch an ihre Stimme erinnern.“ Echopfote ließ den Kopf hängen. „Was ist wenn sie Recht hat? Wenn ich Nachtschweif wirklich vergessen werde? Ich habe Angst, Goldfell!“
Goldfell strich ihr sanft mit der Zunge übers Ohr. „Du wirst sie nicht vergessen, wenn du das nicht willst.“
Pfotenschritte näherten sich ihnen und wenige Augenblicke später ließ Ampferpfote sich neben ihnen nieder. „Hier. Das wollte ich dir schon seit heute Morgen geben.“ Ampferpfote schob ihr ein Büschel nachtschwarzes Fell hinüber.
Neugierig schnupperte Echopfote an dem Stück Fell. Nachtschweifs vertrauter Duft strömte ihr entgegen und ein Schnurren stieg in Echopfotes Kehle auf. „Woher hast du das?“, fragte sie Ampferpfote überrascht.
„Ich sollte das Nestmaterial im Kriegerbau auswechseln“, antwortete Ampferpfote verlegen, „und als ich das gefunden habe, dachte ich, das du es vielleicht gern hättest.“
Ein Gefühl von Wärme durchströmte Echopfote.
Er hat das wirklich nur für mich getan!
„Danke, Ampferpfote! Das … das ist echt nett von dir!“ Echopfote schnurrte glücklich und rückte in eine bequemere Position.
Blattpfote trabte zu ihnen und setzte sich neben Echopfote. „Was ist das?“, fragte sie neugierig, als sie das Fellbüschel entdeckte.
Echopfote schob ihrer Schwester das Stück Fell zu. „Von Nachtschweif“, schnurrte sie, „das hat Ampferpfote…“
Blattpfote kniff verzweifelt die Augen zusammen und vergrub die Nase in Echopfotes Fell. „Ich vermisse sie so, Echopfote! Manchmal denke ich, es wäre besser, einfach zu vergessen.“
Echopfote öffnete den Mund, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Nichts konnte den Sturm in ihrem Inneren ausdrücken.
Goldfell schnurrte unglücklich. „Blattpfote, wir alle können dich verstehen, es gibt niemanden im Clan, der Nachtschweif nicht auch vermisst!“
„Ich weiß“, schluchzte Blattpfote in Echopfotes Fell, „aber … nein, ich glaube nicht, dass ihr mich verstehen könnt!“
Echopfote holte tief Luft. In diesem Moment verstand sie, was ihre Schwester meinte. Vergessen bedeutete zwar, Nachtschweif hinter sich zu lassen, aber auch, den Schmerz zu vergessen. Ein Schluchzen drang aus Echopfotes Kehle, als sie daran dachte, was sie alles gerne mit ihrer Mutter getan hätte. Was sie nun nie mehr gemeinsam tun würden.
Das sind nutzlose Gedanken! Ich kann nicht verändern, was geschehen ist, ich kann das nicht ändern, ich kann … ich kann all das nie mehr mit ihr und Blattpfote zusammen tun … ich vermisse sie so!
In diesem Moment hallte ein gellender Schrei durch den Felsenkessel. Echopfote sprang entsetzt auf und sah sich suchend um.
„Da!“, rief Ampferpfote, „das kam aus der Kinderstube!“
Echopfote und Ampferpfote rannten, Seite an Seite, auf die Kinderstube zu und zwängten sich durch den schmalen Eingang ins Innere des großen Brombeerstrauchs.
Entsetzt zuckte Echopfote zusammen, als sie Schattenmond entdeckte. Die Königin lag ausgestreckt auf dem Boden und wand sich schreiend. Farnschweif saß neben der schwarzen Kätzin und redete mit ruhiger Stimme auf sie ein, ihre Jungen saßen mit entsetzten Gesichtern in einer Ecke des Baus.
„Was ist los?“, rief Mondlichtschweif, die hinein gestürmt kam, panisch.
Schneebart, der an der Seite seiner Gefährtin stand, sah auf, Angst funkelte in seinen blauen Augen. „Sie bekommt ihre Jungen!“
Blattpfote, die an Echopfotes Seite trat, erstarrte.
Echopfotes Gedanken rasten.
Sternlichtglanz ist nicht hier! Was sollen wir nur tun? Oh SternenClan, hilf uns!
Entsetzt starrte sie die schwarz-gemusterte Kätzin an, unfähig, sich zu bewegen. Sie spürte, wie sich Ampferpfote neben ihr regte und schnellen Schrittes den Bau verließ.
„Federpfote!“, tönte die gedämpfte Stimme des jungen Schülers von der Lichtung in den Bau, „hol Sternlichtglanz!“
„Ich?“, piepste Federpfote, „was ist denn los?“
„Schattenmond bekommt ihre Jungen“, miaute Ampferpfote, seine Stimme klang grimmig.
Etwas raschelte, anscheinend verließ Federpfote das Lager. Erleichterung, gemischt mit Furcht, durchflutete Echopfote.
Ohne Sternlichtglanz sind wir völlig hilflos!
Ein Keuchen drang aus Echopfotes Kehle. Sie drehte sich um und entfloh der Enge des Baus.
Wir können nichts für sie tun! Nur warten. Ich kann das nicht mit ansehen!
Echopfote entdeckte Ampferpfote, der auf den Heilerbau zu rannte. Ohne zu Zögern folgte sie ihm.
„Ampferpfote!“, rief sie, „was machst du da?“
Ampferpfote drehte sich überrascht zu ihr um und seine ernste Miene hellte sich auf. Mit einem Schwanzschnippen wandte er sich wieder um und verschwand in Sternlichtglanz‘ Bau. Echopfote folgte ihm in die Höhle, die der Heilerin als Bau diente.
Kaum hatte sie den Bau betreten, wallte der würzige Geruch der Kräuter ihr entgegen. Echopfote unterdrückte ein Husten und folgte Ampferpfote tiefer in den Bau.
Der rote Kater stand in der Mitte des Kräuterlagers und sah sich ratlos um.
„Was machst du hier, Ampferpfote?“, fragte Echopfote bebend.
Ampferpfote hob die Nase und schnupperte. „Bei der Geburt von Farnschweifs Jungen hat Sternlichtglanz Kräuter verwendet. Danach ging es Farnschweif besser.“
Ampferpfote trabte ein paar Schritte in eine Richtung, dann wendete er und lief in die andere Richtung. Ratlos wandte er sich zu Echopfote um. „Ich weiß aber nicht, ob ich sie wieder erkenne.“
Echopfote sah sich um und versuchte sie an die Geburt von Ampferpfote, die einzige Geburt die sie bisher erlebt hatte, zu erinnern. Sternlichtglanz hatte Feuerauge ein paar Blätter zu geschoben, die sie zerkaut hatte…
Ampferpfote murmelte etwas, dann lief er auf eine der Spalten im Fels zu und zog einige Blätter hinaus. „Ich glaube, es waren diese?“, miaute er.
Echopfote schnurrte aufmunternd und griff ebenfalls in die Felsspalte. „Nimm die hier, die sind noch nicht vertrocknet.“
Ampferpfote nickte erleichtert, nahm einen Teil der Blätter in den Mund und preschte aus dem Bau in Richtung der Kinderstube. Echopfote nahm den Rest auf und folgte ihm.
Der süße Duft der Kräuter stieg ihr ins Maul und jetzt erinnerte auch Echopfote sich an die Blätter. Kaum hatte die Schülerin den Bau hinter Ampferpfote betreten, spukte sie die Blätter aus. Sie waren gezackt und hatten eine hellgrüne Farbe.
„Schnell!“ Ampferpfote schob ihr die Blätter wieder zu. „Zerkau die!“
Echopfote zögerte einen Moment und starrte unschlüssig die Blätter an.
Was, wenn ich sie hinunterschlucke?
Als sie sah, wie Ampferpfote die Blätter zerkaute, fasste sie neuen Mut und nahm die paar Blätter wieder in den Mund. Echopfote kaute einen Moment und widerstand dem Drang, schlucken zu wollen, dann spukte sie die Blätter wieder aus.
In diesem Moment kam Sternlichtglanz in den Bau geprescht. „Ist alles in Ordnung?“, keuchte die junge Heilerin.
Ampferpfote trat zögerlich vor. „Wir - Echopfote und ich - haben diese Blätter zerkaut, weil wir dachten…“ Er stockte.
Sternlichtglanz beugte sich zu dem Brei vor Ampferpfotes Pfoten hinab und schnupperte daran. „Ja, das ist genau das richtige. Danke.“
Echopfote sah interessiert zu, wie Sternlichtglanz den Brei zu Schattenmond schob, und ruhig auf die Königin einredete. Diese nickte und leckte die zerkauten Blätter bebend auf. Kaum hatte sie geschluckt, schien sie etwas ruhiger zu werden.
Echopfote zog sich etwas zurück, um ihre Heilerin nicht zu stören, und stieß dabei gegen ihre Schwester, die immer noch entsetzt das Schauspiel vor ihr anstarrte.
„Blattpfote?“ Echopfote tippte die junge Kätzin vorsichtig an der Schulter an.
Blattpfote zuckte zusammen und warf Echopfote einen kurzen, erschrockenen Blick zu, dann seufzte sie und verließ wortlos den Bau.
Echopfote sah ihr verwirrt nach, dann wandte sie sich schnell wieder ab, als Schattenmond aufschrie. Neugierig trat Echopfote näher und sah zu, wie Sternlichtglanz dem eben geborenen Jungen schnell gegen den Strich das Fell leckte.
„Hier!“ Die Heilerin schob ihr die junge Katze zu. „Leck ihr gegen den Strich das Fell, sonst erfriert sie!“
Schnell begann Echopfote, das rot getupfte Fell des Jungen zu lecke und spürte schon bald, wie sich die kleine Kätzin zu regen begann. Glück durchströmte Echopfote, und sie begann, eifriger zu lecken.
Vielleicht bekomme ich irgendwann ja auch einmal Junge…
Ein Keuchen ließ Echopfote zusammen zucken. Sie sah auf und entdeckte ein zweites Junges, dessen silbern getupftes Fell sofort von Sternlichtglanz geleckt wurde.
Sanft legte Echopfote die Kätzin mit dem roten Fell an Schattenmonds Bauch und trat ein paar Schritte.
Sind die süß! Wie sie wohl heißen werden? Vielleicht werde ich ja Mentorin von einem von ihnen…
Echopfote sah die beiden Jungen, die gierig die Milch ihrer Mutter zu saugen begannen, mit strahlenden Augen an und hustete. Schneebart warf ihr einen scharfen Blick zu und grimmig verließ Echopfote den Bau.
Ein Dankeschön wäre wohl zu viel verlangt! Stattdessen werde ich nur angefahren. Nett!
Wütend tappte sie in die Mitte der Lichtung und ließ sich neben den Katzen ihres Clans, die sich zur Totenwache dort versammelt hatten, nieder. Eigentlich mussten sie zur Totenwache schweigen, aber die vielen Katzen flüsterten untereinander und warfen immer wieder Blicke zur Kinderstube.
Interessiert sich hier denn niemand für Nachtschweif? Sie ist gestorben! Sie verdient eine richtige Totenwache, obwohl wir sie nicht begraben können!
Rindenstern trabte zu ihnen und es wurde schlagartig still. Auch Sternlichtglanz verließ die Kinderstube und warf Rindenstern einen finsteren Blick zu, ehe sie sie sich auf die andere Seite der Lichtung setzte.
Echopfote wandte den Blick ab und entdeckte etwas abseits das schwarze Fellbüschel, das sie in der Hektik einfach liegen gelassen hatte. Glücklich, die Haarlocke nicht verloren zu haben, trabte sie darauf zu und schnupperte an dem dunklen Fell. Nachtschweifs tiefer Geruch war schon beinahe verflogen, aber noch war er da.
Echopfote erinnerte sich wieder an Blattpfotes Worte und erschauderte.
Ich werde dich niemals vergessen, Nachtschweif. Das verspreche ich!

4. Kapitel

JETZT KOMM SCHON, Echopfote!“ Verärgert wandte Grauschweif sich zu seiner Schülerin um. „Ich will diesen Mond noch an der Sandlichtung ankommen!“
Echopfote folgte ihrem Mentor traurig durch den Wald und stapfte missmutig durch das harte, von Raureif überzogene Laub.
Seit Nachtschweifs Tod lastete die Trauer wie Schnee auf Echopfotes Herz. Und das Misstrauen innerhalb des Clans wuchs beständig.
Jemand aus dem SchneeClan muss Nachtschweif getötet haben - wer sonst? Wir haben keine fremden Clangerüche gefunden!
Grauschweif seufzte auf und trabte auf seine Schülerin zu. „Ich weiß, das ist schwer für dich, Echopfote. Aber du musst…“
„…Darüber hinweg kommen? Was weißt du denn schon!“ Wütend wandte Echopfote sich ab und tappte freundlos weiter durch den von Nebelschwaden durchzogenen Wald.
„Ich weiß mehr, als du denkst, Echopfote!“ Es raschelte, als Grauschweif sie einholte. „Was meinst du, wie ich mich gefühlt habe, nachdem Halbohr ihre Verletzungen erlitten hat? Was meinst du, was ich gedacht habe, als sie Rindenstern gebeten hat, ihren Namen zu ändern?“
„Das ist nicht dasselbe!“, fauchte Echopfote frustriert, „deine Tochter lebt noch!“
Grauschweif berührte Echopfote sanft an der Schulter. „Sei nicht wütend über das Unvermeidbare. Früher oder später wirst du deine Mutter wieder sehen.“
Echopfote stieß ein Schnauben aus und eine kleine, weiße Wolke quoll aus ihrem Maul. In der letzten Nach hatte es zum ersten Mal in dieser Blattleere gefroren und auch der Schnee würde bald kommen. Eigentlich sollten sie jagen, aber Grauschweif hatte darauf bestanden, auf der Trainingslichtung das Kämpfen zu üben.
Zwischen den kahlen Baumstämmen tauchte die sandbedeckte Lichtung auf, auf der Blattpfote und ihre Mentorin Eulenfeder miteinander rangen.
Grauschweif beschleunigte seinen Schritt, als er seine Gefährtin entdeckte, und Echopfote hatte Mühe, mit ihm mitzuhalten.
„Hallo, ihr zwei!“, wurden sie von Eulenfeder munter begrüßt. Die grau-braune Kriegerin ließ von Blattpfote ab, die sofort zu ihrer Schwester sprang und diese Nase an Nase begrüßte.
„Echopfote!“, rief sie freudig, „schau, was ich gelernt hab!“
Blattpfote kauerte sich in Jagdstellung auf den sandigen Boden und starrte ein verwelktes Blatt an, das sich langsam von seinem Ast löste und zu Boden segelte. In diesem Augenblick sprang Blattpfote und wirbelte dabei das Laub unter ihren weichen Pfoten auf, so dass es um Echopfote herum wirbelte wie Blätter im Sturm. Blattpfote drehte sich im Sprung, angelte mit den Krallen das Blatt aus der Luft und landete sicher wieder auf drei Pfoten, während sie mit der vierten das Blatt auf den Boden drückte.
Eulenfeder nickte ihrer Schülerin voll Stolz zu. „Pass auf, dass du das Laub nicht aufwirbelst“, korrigierte sie und Blattpfote nickte eifrig.
Enttäuscht wandte Echopfote sich ab.
Interessiert sich noch nicht einmal meine Schwester dafür, dass Nachtschweif tot ist?
Gedankenverloren sah Echopfote zu, wie Eulenfeder neben ihrer Schülerin stand und deren Haltung verbesserte. Als Blattpfote diesmal vorstieß, stoben kaum Blätter vom Boden auf und die goldene Kätzin trabte selbstzufrieden mit dem Blatt im Maul zu Eulenfeder.
„Echopfote? Soll ich dir den Jagdtrick auch zeigen?“
Echopfote blinzelte verwirrt. „Was? Oh … ähm … ja, gerne, aber … ich…“
Eulenfeder lachte kurz auf, dann dirigierte sie Echopfote in die Mitte der Lichtung. „Du musst dich auf den Boden kauern, so, wie du es beim Jagen immer tust. Dann…“
„Wollten wir nicht kämpfen?“, fragte Echopfote völlig verwirrt.
Was soll das? Ich … ich will das alles nicht! Ich will Nachtschweif zurück!
„Den Trick kann man auch gut beim Kämpfen verwenden“, erklärte Eulenfeder ruhig, „kommt, ich zeige es euch!“
Mit einem Schwanzschnippen scheuchte die Kriegerin die beiden Schülerinnen an den Rand der Lichtung, dann bedeutete sie ihrem Gefährten, näher zu treten.
„Achtet auf meine Haltung“, mahnte Eulenfedert, als sie auf den Boden kauerte und geduckt, wie eine Schlange, auf den grauen Krieger zu kroch, „vor allem du, Blattpfote!“
Grauschweif duckte sich kampfbereit und wollte vorschnellen, aber Eulenfeder wich dem großen Kater geschickt aus und sprang. Sie segelte durch die Luft und drehte sich im Flug, so dass Grauschweif ihren Bauch nicht erreichen konnte. Dann drehte sie sich wieder richtig herum und landete direkt auf Grauschweifs Schultern, so dass sie ihn auf den Rücken drücken und seinen ungeschützten Bauch mit den Pfoten bearbeiten konnte.
Elegant setzte Eulenfeder von der Brust ihres Gefährtens und nickte den beiden Schülerinnen aufmunternd zu. „Jetzt du, Blattpfote. Greif Echopfote an.“
Echopfote folgte ihrer Schwester auf die Sandlichtung und duckte sich kampfbereit. Sie hatte schon immer um einiges besser kämpfen können als ihre Schwester und war sich sicher, sie abwehren zu können.
Blattpfote kauerte sich auf den Boden und kroch durch den starren Sand auf Echopfote zu. Echopfote sah ihr fest in die konzentrierten, grünen Augen.
In diesem Augenblick stieß Blattpfote sich vom Boden ab und segelte auf Echopfote zu. Echopfote schoss geduckt über den Boden vor und kroch unter Blattpfote durch. Sie hörte, wie die Pfoten ihrer Schwester den Boden berührten und fuhr auf den Hinterpfoten herum, um mit den Vorderpfoten zuschlagen zu können. Blattpfote war auf Echopfotes Angriff nicht vorbereitet und ging mit einem erschrockenen Aufschrei zu Boden.
Eulenfeder trabte auf ihre Schülerin zu und redete leise auf sie ein. Echopfote wandte sich ab und sprang von Blattpfotes Bauch hinab, so dass die Kätzin sich aufsetzten konnte.
„Sehr gut, Echopfote!“, rief Grauschweif und lief auf seine Schülerin zu, „noch einmal!“
Echopfote wich zurück. „Ich … ich will das alles nicht! Das einzige, was ich will, ist Nachtschweif!“ Echopfote fuhr herum und floh von Sandlichtung, mitten in den Wald hinein.
Schluchzend rannte Echopfote durch den blattlosen Wald, ihre Pfoten trommelten über die gefrorene Erde. Ihre Sicht verschwamm.
Warum tun sie bloß alle so, als hätte Nachtschweif nie existiert? Sogar Blattpfote scheint sie vergessen zu haben!
Blattpfotes Worte kamen Echopfote wieder in den Sinn.
Echopfote, in einigen Monden werden wir Nachtschweif vergessen haben. So, wie wir auch unseren Vater vergessen haben.
Echopfote erschauderte.
Nein! Ich werde sie niemals vergessen!
Keuchens blieb sie stehen, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie entdeckte vor sich, auf einer kleinen Lichtung, Schneebart, der auf ein junges Eichhörnchen zu schlich und es mit einem einzigen Hieb erlegte.
Echopfote hatte Schneebart immer als ruhig und einfühlsam wahrgenommen. Warum war er plötzlich so wütend?
„Schneebart?“ Zögernd rief Echopfote den Namen des Kriegers und trat auf die Lichtung.
Schneebart drehte sich ruhig zu ihr um. „Echopfote. Ist alles in Ordnung?“
Echopfote wollte erst nicken, dann schüttelte sie den Kopf. „Die anderen tun alle so, als hätte es Nachtschweif nie gegeben“, miaute sie mit leiser Stimme.
Schneebart ließ sein Eichhörnchen fallen und verscharrte es unter einer Wurzel. „Vielleicht ist das ihre Weise, mit dem Ereignis umzugehen“, erwiderte er mit einem Schulterzucken.
Echopfote starrte ihn an. „Was ist deine Weise?“
Schneebart erstarrte. „Ich … ähm…“ Er seufzte. „Ich habe Nachtschweif kaum gekannt“, gab er zu.
„Was?“, rief Echopfote aus, „ich dachte … ich … ich dachte, Strompelz wäre ein Bruder gewesen!“
Schneebart senkte den Blick verlegen auf seine Pfoten. „Ja, das war er. Aber … nachdem er und deine Mutter Gefährten wurden … danach, war die Hoffnung fort, das es vielleicht doch etwas zwischen ihr und mir geben könnte.“
Echopfote starrte Schneebart schockiert an.
Er hat meine Mutter geliebt?
„Du … du hast…“
Schneebart nickte. „Und … Echopfote, ich glaube … ich bin Schuld an ihrem Tod!“
Echopfote erstarrte. Sie spürte, wie ihr Herz sich schmerzhaft zusammen zog, als sie an Nachtschweif dachte.
Nein! Nein, es kann nicht Schneebart gewesen sein! Bitte nicht! Bitte, SternenClan!
„Warum?“, hauchte Echopfote mit matter Stimme.
Schneebart holte tief Luft. „Wir waren an dem Abend, bevor sie verschwand, zusammen auf Abendpatrouille“, begann Schneebart zu erzählen, „während Birkenherz und Haselpfote die Grenze zum BlattClan neu markierten, zogen sie und ich uns etwas zurück. Nachtschweif sagte, sie habe etwas herausgefunden, was sie keiner Katze sagen könnte, ohne als Verräterin dazustehen, und das sie Rindenstern misstraue. Ich widersprach ihr und sagte, Rindenstern sei unser Anführer und wir müssten ihm vertrauen. Wir stritten uns und plötzlich sagte sie, sie würde es mir schon beweisen, und verschwand.“ Schneebart stieß ein Seufzen aus. „Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.“
Wie gelähmt stand Echopfote da, konnte nicht fassen, was sie gerade gehört hatte.
Sie hat etwas herausgefunden … etwas, was sie keiner Katze sagen könnte … und sie misstraut Rindenstern - nein hat misstraut.
Trauer bohrte sich wie ein Dorn in Echopfotes Herz und raubte ihr die Atemluft.
„Ich … ich … was sollte sie…“, japste Echopfote.
Schneebart beugte sich leicht vor, Besorgnis lag in seinen hellblauen Augen. „Echopfote? Alles in Ordnung mit dir?“
Es raschelte und Haselpfote kam auf die kleine Lichtung getrabt, hinter sich her zog der ein fettes Kaninchen.
„Schau, Schneebart!“, rief er fröhlich, „das habe ich ganz alleine gefangen!“
„Das ist ja riesig!“, miaute Schneebart erfreut, „gut gemacht, Haselpfote. Du und deine Schwester seid bereit für eure dritte Bewertung.“
Echopfote sah den weißen Krieger verwundert an. Jeder Schüler musste drei Bewertungen bestanden haben und mindestens einmal im Mondtal gewesen sein, ehe er zum Krieger ernannt wurde. Haselpfote und Federpfote waren bereits vierzehn Monde alt und somit bereit, zu Kriegern zu werden.
„Ah, hier bist du, Echopfote!“
Echopfote fuhr herum, als sie die erleichterte Stimme ihres Anführers hörte.
„Was ist los? Ist alles in Ordnung?“, fragte sie verwirrt.
Rindenstern schnurrte. „Ja, alles im Clan ist beim Rechten“, miaute er, „ich wollte mich nur auf den Weg zum Mondtal machen und mir mit dem SternenClan die Zungen geben. Und Grauschweif und dich wollte ich mitnehmen.“
Verwundert sah Echopfote in die großen, grünen Augen ihres Anführers. „Ehrlich? Warum…“
„…Dich? Nun, du und Blattpfote erreicht bald euren zwölften Mond und ihr beide müsst noch zum Mondtal reisen.“
Freude machte sich in Echopfote breit und ein Schnurren stieg in ihrer Kehle auf und vertrieb die kalte Traurigkeit, die seit Nachtschweifs Tod in ihrem Herz nistete.
Bald werden Blattpfote und ich zu Kriegern ernannt! Das ist einer der letzten Schritte bis zu meiner Zeremonie!
„Das ist toll!“, rief Echopfote fröhlich, „wann gehen wir los?“

5. Kapitel

KEUCHEND JAGTE ECHOPFOTE hinter ihrem Anführer und ihrem Mentor durch den sonnigen Wald. Die kahlen, mit Raureif bedeckten Stämme der Bäume sausten an ihr vorbei, während sie versuchte, mit den anderen beiden mitzuhalten.
Sie waren kurz vor Sonnenhoch aufgebrochen und sofort hatte Rindenstern ein schnelles Tempo angeschlagen. Echopfote hatte Mühe, die beiden älteren Kater nicht aus den Augen zu verlieren.
Erschöpft warf sie einen Blick zum dunkler werdenden Himmel.
Wann sind wir nur endlich da?
Der Wald wurde langsam lichter, bis die wenigen Bäume schließlich ganz verschwanden und die felsige Ebene immer steiler wurde.
Wie schaffen die Heiler das nur jeden Halb- und Vollmond?
Endlich wurden Rindenstern und Grauschweif langsamer und Echopfote gelang es, aufzuholen. Ihre Pfoten scharrten über den rauen Stein und Schmerz durchzuckte Echopfote bei jedem Schritt.
Warum kann der Fels hier nur nicht so glatt sein wie in unserem Lager?
Unter einer kleinen Baumgruppe machten die beiden älteren Krieger Halt und Echopfote blieb keuchend neben ihnen stehen.
„Wir haben soeben die Grenzen der Clans übertreten“, miaute Rindenstern mit seelenruhiger Stimme und begann, sich den Schwanz zu putzen.
Der braune Kater schien nicht ansatzweise außer Atem zu sein, während Echopfote japsend neben ihm zu Boden ging.
„Und … wie weit … ist es noch?“, keuchte die silberne Kätzin.
„Dort, hinter den Hügeln, liegt das Mondtal mit dem Mondfelsen“, erklärte Rindenstern.
Aufgeregt reckte Echopfote den Hals, um einen Blick auf das kleine, abgeschiedene Tal zu werfen. Grauschweif schnaubte belustigt und widmete sich dann seinem zerzausten Brustfell.
Echopfote starrte die beiden verwirrt an. „Gehen wir nicht ins Tal?“
Rindenstern schüttelte den Kopf. „Das Tal darf vor Sonnenuntergang nicht betreten werden. Und wenn wir das Tal betreten haben, dürfen wir nicht mehr sprechen.“
Echopfote warf einen Blick zum Himmel. Die Sonne stand immer noch über den Gipfeln der Hügel. „Und wann geht die Sonne unter?“, fragte sie ungeduldig.
„Das“, erwiderte Rindenstern, „dauert noch ein wenig.“
Seufzend wandte Echopfote sich ab. Da sie nichts anderes zu tun hatte, begann auch sie, sich zu putzen. Den Schwanz, die Brust, die Pfoten. Als sie fertig war, warf sie erneut einen Blick in den strahlend blauen Himmel. Die Sonne schien sich kaum bewegt zu haben.
Wir dürfen im Tal nicht mehr reden - dann kann ich die Zeit jetzt genauso gut zum Fragen nutzen!
„Warum dürfen wir nicht sprechen?“, begann sie.
Grauschweif und Rindenstern erstarrten in der Bewegung und wechselten einen Blick. „Wir wissen es nicht“, miaute Rindenstern schließlich.
Verwirrt sah Echopfote vom einen zum anderen. „Was? Aber warum müssen wir es dann tun?“
„Weil der SternenClan es so verlangt“, erwiderte Rindenstern prompt, doch irgendwie kam es Echopfote so vor, als hätte er selbst Zweifel an der Sache, „der SternenClan hat vor unzähligen Blattwechseln einer früheren Anführerin überbracht.“ „Aha“, entgegnete Echopfote platt, „und wer soll das gewesen sein?“
„Blütenstern“, antwortete Rindenstern knapp.
Nun war Echopfotes Interesse doch geweckt.
Blütenstern? War das nicht diese Anführerin, die angeblich in den Wald der Finsternis gekommen ist?
„Blütenstern?“, fragte Echopfote, „ist sie eigentlich wirklich…“
„Seht!“, rief Grauschweif, die Sonne geht unter! Wir sollten uns auf den Weg machen, Rindenstern!“
Enttäuscht hob Echopfote den Kopf. Sie hatte gehofft, nun endlich mehr über Blütenstern zu erfahren, aber anscheinend musste sie nun doch die Ältesten fragen.
Echopfotes Enttäuschung verwandelte sich aber schlagartig in Aufregung, als die junge Schülerin sah, dass die Sonne schon halb hinter den Hügeln verschwunden war und die Baumgerippe und Felsen anstrahlte, die skurrile lange Schatten warfen.
Jetzt endlich geht es los!
Die drei Katzen machten sich schweigend auf den Weg. Diesmal beeilten sie sich nicht, sondern trotteten wortlos hintereinander über die kahle Felsebene, auf der nur ab und an Sträucher und Bäume wuchsen.
Echopfote sah mit laut klopfendem Herzen zu, wie die Sonne immer tiefer sank, bis sie schließlich ganz hinter den steinernen Hügeln verschwand.
Die Nacht kehrte ein und Dunkelheit legte sich über die Welt und raubte Echopfote für einige Herzschläge die Sicht, ehe ihre Augen sich an das spärliche Licht gewöhnt hatten.
Der Weg wurde immer steiler und die Katzen folgten einem schmalen Pfad eine kleine Anhöhe hinauf. Der Hügel war dicht mit Gras und Gestrüpp bewachsen und Echopfote musste ihr dichtes Winterfell immer wieder aus den dornigen Ranken befreien.
Plötzlich endete der Pfad an einem dichten Strauch und Echopfote, Rindenstern und Grauschweif standen auf einer kleinen Lichtung inmitten von Unterholz.
Ratlos sah Echopfote sich um. „Was nun?“, fragte sie ihre Gefährten über das laute Zirpen der Grillen hinweg.
Rindenstern trat geschmeidig auf den Busch zu und zerrte mit einer eleganten Bewegung eine große Ranke beiseite.
Echopfote trat zu ihm, damit sie mehr erkennen konnte. Hinter der Ranke war eine Schneise im Gestrüpp, unzählige Pfotenspuren zeichneten sich in der harten Erde ab.
Echopfotes Herz schlug vor Aufregung schneller, und sie setzte eine ihrer kleinen Pfoten in eine der Vertiefungen, die Katzen unzählige Blattwechsel zuvor hier hinterlassen haben.
Eine Welle von Glück durchströmte Echopfote.
Ich stehe dort, wo vor mir ihrer Zeit schon meine Vorfahren standen! Selbst die berühmtesten Anführer wie Schneestern, Laubstern oder Rabenstern haben hier ihre Pfotenspuren hinterlassen…
Sanft zog Rindenstern die Schülerin zurück und ließ sich vor dem Eingang nieder, um sich noch einmal übers zerzauste Brustfell zu lecken.
Echopfote sah an sich hinab. Ihr Fell war trotz der Kälte schweißnass und stand in alle Richtungen ab.
So kann ich doch nicht dem SternenClan gegenübertreten … na ja, um genau zu ein, tut das ja eigentlich nur Rindenstern…
Verlegen putzte sie sich rasch das Fell und warf ihren Gefährten dann aufgeregte Blicke zu. „Wann geht es los?“
Grauschweif schnurrte belustigt. „Bald. Wir müssen nur warten, bis der Mond höher steht.“ Dann wurde der graue Krieger wieder ernst und ermahnte sie ein letztes Mal: „wenn wir gleich das Tal betreten, müssen wir still sein. Kein Wort sagen.“
Echopfote nickte.
Ich verstehe zwar noch immer nicht, warum, aber…
Echopfote warf einen Blick in den Nachthimmel. Das Silbervlies war strahlend und weit und der Mond, der kaum eine Kralle breit über dem Hügel stand, beinahe ganz voll.
„Steht der Mond noch nicht hoch genug?“, fragte sie ungeduldig.
Rindenstern schüttelte den Kopf. „Noch nicht“, miaute er, „aber bald ist es soweit. Siehst du den Fels da?“ Er wies mit der Nase auf einen breiten Fels der auf dem Gestrüpp ragte.
Echopfote nickte.
„Wenn er vom Mondlicht angestrahlt wird, gehen wir.“
Verwirrt starrte Echopfote den Felsen an.
Was? Aber das können wir doch von dieser Seite aus gar nicht sehen!
Der Mond wanderte weiter und weiter über den Himmel und noch immer blieb der Felsen dunkel. Echopfote rückte unruhig hin und her und fragte sich langsam, ob Rindenstern und Grauschweif vielleicht Flaum im Hirn hatten.
Sie waren viel öfter hier als ich! Sie müssen wissen, was zu tun ist!
Angespannt starrte Echopfote den Fels an.
Was soll das eigentlich? Warum müssen wir warten, bis der Mond richtig steht?
In diesem Augenblick erstrahlte der Fels in gleißend hellem Mondlicht. Echopfote hielt beim Anblick des sich kräuselnden Mondlichts die Luft an.
Rindenstern stand auf und gab den anderen mit einem Schwanzschnippen ein Zeichen, ihm zu folgen. Hastig sprang Echopfote auf die Pfoten.
Rindenstern wandte sich um und kroch unter der Ranke in die Schneise. Kurz darauf war er zwischen den dichten Ästen verschwunden.
Grauschweif nickte seiner Schülerin aufmunternd zu und ließ ihr den Vortritt. Echopfote holte tief Luft und tauchte unter der Ranke ab.
Es war nicht leicht, durch das Gestrüpp zu gehen, geschweige denn, den richtigen Weg zu finden. Nur Rindensterns Geruch und die Pfotenspuren auf dem Boden halfen Echopfote, sich nicht zu verirren. Immer wieder blieb ihr Fell an den Dornen festhängen und die silberne Kätzin musste sich gewaltsam losreißen. Kratzer brannten auf ihrer Haut.
Plötzlich hörte Echopfote ein durchdringendes, leises Rauschen.
Das muss der Wasserfall sein!
Echopfote beschleunigte ihre Schritte. Sie konnte das Ende des Busches schon sehen, nur wenige Katzenlängen vor ihr.
Sie hatte den Ausgang fast erreicht, als sie mit ihrem langen Fell festhängen blieb. Wütend grub Echopfote die Krallen in die Erde und versuchte, sich weiter zu ziehen.
Panik überkam Echopfote, als ihr klar wurde, dass sie festhing.
Heiliger SternenClan, ich komme nicht mehr los!
Plötzlich spürte Echopfote eine sanfte Berührung an ihrer Schwanzspitze. Grauschweif schob die langsam weiter.
Ich komme auch alleine klar! Mehr oder weniger…
Mit aller Kraft riss Echopfote sich los und stolperte ins Freie. Sie kniff die Augen zusammen, als helles Licht sie blendete.
Was geht hier vor sich?
Echopfote blinzelte. Sie und Rindenstern standen auf einem Felssims, hoch über einem kleinen, tiefen Tal, das von steilen Wänden eingerahmt war.
Echopfote riss erstaunt die Augen auf. Der Anblick, der sich ihr bot, war atemberaubend.
Echopfote hatte sich ein kleines, eher kahles Tal vorgestellt; als sie die Krieger und Ältesten vom Mondtal hatte erzählen hören. Das Tal, das vor ihr tief in der Felslandschaft lag, war zwar klein, schien aber dennoch gigantisch zu sein.
Unzählige Fuchslängen unter ihr erstreckte sich eine leicht abfallende, mit Gras bewachsene Landschaft, die an einigen Stellen zu kleinen Erhebungen anstieg. Das Mondtal war etwa zwanzig Fuchslängen lang und etwa zehn Katzenlängen von der Felswand, auf der Echopfote stand, entfernt erstreckte sich ein weiter, völlig unbewegter See, der im silbrigen Mondlicht zu leuchten schien.
Der Sternensee! Das muss der Sternensee sein, von dem Federpfote mir erzählt hat! Er leuchtet ja wirklich...
An der Felswand links von Echopfote rauschte ein kleiner Bach mit unglaublicher Geschwindigkeit in den Sternensee, aber trotzdem kräuselte sich das Wasser nur leicht. Das musste das Kräuseln gewesen sein, das im Mondlicht am Felsen zu sehen gewesen war.
Aber das, was Echopfote am Mondtal am meisten beeindruckte, war der gewaltige, glatte Fels, der sich wie eine spitze Kralle in den Nachthimmel erhob und wie der Sternensee hell leuchtete.
Der Mondfels! Das muss der Mondfels sein, über den die Anführer und Heiler immer zum SternenClan sprechen!
Ehrfürchtig trat Echopfote an den Rand des Felssimses.
Vielleicht werde ich ja einmal auch Anführerin des SchneeClans!
Es raschelte hinter Echopfote und Grauschweif trat zu ihr. Echopfote öffnete den Mund, aber ihr Mentor legte ihr sanft die Schwanzspitze auf die Nase.
Wir dürfen hier nicht sprechen, Echopfote, sagte sein eindringlicher Blick.
Echopfote nickte und wandte sich zu ihrem Anführer, der ungerührt hinab ins Tal blickte.
Beeindruckt ihn das denn gar nicht? Na ja, er war schon oft hier, aber…
Mit einem Schwanzschnippen rief Rindenstern Grauschweif und Echopfote zu sich und wies auf einem schmalen Pfad, der an der steilen Felswand ins Tal hinab führte. Echopfote hatte ihn erst gar nicht bemerkt, weil er dicht mit dem Farn, der überall an den Felshängen wuchs, bewachsen war.
Erstarrt vor Entsetzen sah Echopfote hinab.
Großer SternenClan, wie soll man da nur hinab klettern? Das ist viel zu steil…
Ohne zu warten machte sich Rindenstern an den Abstieg. Grauschweif stieß seine Schülerin aufmunternd in die Seite und ließ ihr den Vortritt. Echopfote seufzte innerlich und folgte ihrem Anführer.
Steine rollten den steilen Pfad hinab, als Echopfote schlitternd den schmalen Weg hinunter rutschte. Rindenstern trabte mit scheinbarer Leichtigkeit voran, während Echopfote und sogar Grauschweif große Schwierigkeiten hatten, ihr Gleichgewicht zu halten.
Wie kann Rindenstern das nur? Keine Katze des SchneeClans dürfte so gut klettern können!
Echopfote wandte sich ab und ließ ihren Blick ins Tal schweifen. Dort unten wuchs dichtes Gras, das, obwohl es fast Blattleere war, saftig grün war. Der raue Stein unter ihren Pfoten schmerzte an Echopfotes Ballen und sie sehnte sich nach dem Gefühl von Erde und Gras unter ihren Pfoten.
Echopfote seufzte innerlich auf und blinzelte.
Wenn doch bloß wieder Blattgrüne wäre! Dann würde das Gras und die Blätter sprießen, und…
Plötzlich griffen Echopfotes Pfoten ins Leere und sie stürzte in die Tiefe.
Spitze Zähne gruben sich in ihr Nackenfell und Echopfote unterdrückte einen Aufschrei.
Alles ist gut, alles ist gut…
Ihr Retter zerrte Echopfote zurück auf den Pfad und ließ sie dort auf den Fels fallen. Echopfote rappelte sich mit klopfendem Herzen auf und drehte sich um. Grauschweif sah sie besorgt an und Echopfote nickte ihm dankend zu.
Ohne ihn wäre ich jetzt tot!
Schaudernd warf Echopfote einen Blick in die Tiefe zu ihrer Rechten und wandte sich schnell wieder ab. Sich wollte sich gar nicht vorstellen, was geschehen wäre, hätte ihr Mentor sie nicht gerettet.
Kaum hatten Echopfotes Pfoten den weichen, erdigen Boden am Grund des Mondtals berührt, entspannte die Schülerin sich wieder etwas.
Sie hob den Kopf vom Pfad und sah sich um. Es war Mondhoch und das ganze Tal war in das silberne Licht getaucht, der Fels strahlte heller denn je.
Rindenstern wartete keinen Augenblick und trabte sofort durch das hohe Gras auf die Anhöhe, auf der der Mondfels stand. Das grüne Gras knisterte leise, als seine hellbraunen Pfoten es streiften.
Grauschweif folgte seinem Anführer den Hang hinauf, während Echopfote hinab zum Seeufer trottete. Sie beugte sich hinab und starrte in das tiefe, leuchtende Wasser. Ihr Gesicht spiegelte sich darin und ihre eigenen blauen Augen leuchteten Echopfote entgegen.
Echopfote beugte sich weiter hinab, um das regungslose Wasser zu berühren, doch plötzlich tauchte Grauschweifs Spiegelbild neben ihr im See. Der Kater schüttelte den Kopf und Echopfote erstarrte.
Ich soll das Wasser nicht berühren? Warum?
Grauschweif wandte sich ab und bedeutete seiner Schülerin mit einem Schwanzschnippen, ihm zu folgen. Echopfote nahm sich vor, die Ältesten zu fragen, wenn sie zurück im Lager waren, und setzte dem grauen Krieger mit einigen Sätzen hinterher.
Rindenstern hatte den Mondfels erreicht und vor dem gewaltigen Stein Halt gemacht. Echopfote stoppte neben ihm und sah beeindruckt zu dem hohen Felsen auf. Von Nahem sah er noch größer aus als zuvor.
Rindenstern warf seinen Gefährten einen Blick zu und Grauschweif trat ehrfürchtig zurück.
Echopfote, die nicht wusste, was sie tun sollte, folgte ihm.
Rindenstern nickte ihnen zu, dann trat er vor und drückte seine Nase gegen den Fels. Anschließend rollte er sich am Fuß des Mondfelsens zusammen und schloss die Augen.
Gebannt sah Echopfote zu. Rindenstern lag regungslos da, nur seine Flanke hob und senkte sich hin und wieder.
Was ist da los? Stirbt er?
Neugierig stand Echopfote auf und wollte auf ihren schlafenden Anführer zu gehen, aber Grauschweif schüttelte ruckartig den Kopf.
Dann eben nicht!
Enttäuscht setzte Echopfote sich wieder und starrte den braunen Kater weiter an.
Der Mond wanderte weiter über den Himmel und allmählich fragte Echopfote sich, ob Rindenstern nicht doch gestorben war, als ihr Anführer plötzlich aufstand und auf sie zukam.
„Grauschweif, geh jagen!“, befahl er mit strenger Stimme, „wir brauchen eine Stärkung für den Rückweg!“
Erschrocken sah Grauschweif Rindenstern an. Auch Echopfote war schockiert.
Er darf hier nicht sprechen! Das hat er selbst mir doch ausdrücklich befohlen!
Rindenstern drehte leicht den Kopf. „Nun?“
Grauschweif nickte knapp und drehte sich schnell um, um in dem kleinen Wald am Rand des Tals zu verschwinden.
Echopfote wollte ihm gerade folgen, als Rindenstern sie aufhielt: „nein, Echopfote, du nicht. Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen.“
Echopfote erstarrte.
Was … was soll das? Was will er von mir?
Rindenstern wandte sich um und trabte zurück zum Mondfels. Zögernd folgte Echopfote ihm. Rindenstern ließ sich erneut vor dem großen Fels nieder und bedeutete der Schülerin, sich zu ihm zu setzen.
Echopfote zögerte, dann setzte sie sich zu ihrem Anführer in das weiche, nun schon warme Moos.
„Drück deine Nase an den Fels“, befahl dieser.
Echopfote sah ihn ungläubig an.
Was? Das geht nicht! Nur Anführer und Heiler dürfen mit dem SternenClan reden!
Rindensterns Blick wurde weicher. „Tu es, Echopfote. Es gibt jemanden, der mit dir sprechen will.“
Echopfotes Gedanken rasten.
Wer will mich schon sprechen… Nachtschweif!
Echopfote holte tief Luft und presste ihre Schnauze an den kalten, harten Stein. Fast sofort übermannte die Müdigkeit sie und sie versank in tiefer Schwärze.

6. Kapitel

ECHOPFOTE SCHLUG die Augen auf, als ihr ein durchdringender, modriger Geruch in die Nase stieg.
Erschrocken sprang Echopfote auf die Pfote und sah sich um. Sie stand inmitten von hohen, kahlen Bäumen, aus denen spitze Äste wie Krallen hinaus ragten. Der Geruch der seltsamen Bäume stach in Echopfotes Nase. Echopfote hob den Kopf zum dunklen Himmel, doch sie konnte weder Sonne, noch Sterne, noch Mond entdecken. Nur lange, karge Äste, die bis in den Himmel zu führen schienen.
Echopfote erschauderte.
Wo bin ich hier? Sollte ich nicht im SternenClan sein? Ist das hier etwa der SternenClan?
Echopfote hob die Nase und prüfte die Luft. Niemand war in der Nähe, nicht einmal eine winzige Maus konnte Echopfote wittern.
Ich verstehe das nicht! Rindenstern hatte doch gesagt jemand wolle mit mir sprechen! Aber hier ist niemand…
Der Wind pfiff in den Bäumen, doch unten, am Waldboden, war es vollkommen windstill. Nicht ein Luftstoß bewegte Echopfotes Fell.
Etwas knackte hinter Echopfote. Die Kätzin fuhr zusammen und sprang herum, die Luft war durchtränkt von einem Geruch. Einem bekannten Geruch.
In dem dämmrigen Licht, das den Wald erfüllte, stand eine Kätzin, nur wenige Schwanzlängen von Echopfote entfernt. Ihr Fell war fast vollkommen schwarz, nur an Schwanz und Bauch prangten einige silbrige Sprenkel, die im düsteren Licht matt schimmerten.
Sie war völlig verändert, schien geduckt zu sein, alles Selbstbewusstsein war verschwunden. Aber Echopfote hätte sie überall wieder erkannt. Die Kätzin vor ihr war ihre Mutter.
„Nachtschweif!“ Glück stieg in Echopfote auf. Wie sehr hatte sie ihre Mutter vermisst! Sie stürmte auf die Kätzin zu und schmiegte sich dicht an sie.
Nachtschweif begann zu schnurren und leckte ihrer Tochter liebevoll übers Ohr, dann schob sie sie sanft von sich.
„Ich freue mich so dich zu sehen!“, platzte Echopfote heraus, „ich wusste, du würdest mich nicht im Stich lassen!“
Nachtschweif hob aufmunternd den Kopf, aber in ihren Augen schimmerte Traurigkeit. „Natürlich nicht! Ich vermisse euch beide.“
Echopfote nickte. „Ich vermisse dich auch. Und Blattpfote…“ Echopfote zögerte. Blattpfote hat in den letzten Tagen nicht den Eindruck gemacht, als würde sie Nachtschweif sonderlich vermissen!
Nachtschweif bemerkte ihr Schweigen und beugte sich leicht vor. „Echopfote, du darfst nicht in der Finsternis untergehen. Du musst immer für deinen Clan da sein!“ Die Erkenntnis durchzuckte Echopfote wie ein Blitz.
Genau das haben mir alle die ganze Zeit zu sagen versucht! Blattpfote trauert nicht nicht um Nachtschweif - sie hat nur erkannt, dass es auch Wichtigeres gibt! Ich bin so blind…
„Ja“, hauchte sie, „ich werde es versuchen, Nachtschweif.“
Nachtschweif schnurrte. „Das weiß ich.“
Echopfote schloss glücklich die Augen.
Endlich kann ich sie wieder sehen!
Doch dann riss sie die Augen ruckartig auf und sah sich ängstlich um.
„Nachtschweif?“, fragte sie leise, „ist das hier … ist das hier etwa der SternenClan?“
Wenn ja, dann möchte ich lieber nicht sterben!
Nachtschweif schüttelte traurig den Kopf. „Nein, Echopfote. Das ist nicht der SternenClan. Das hier ist der Wald der Finsternis.“
Echopfote zuckte erschrocken zusammen. Die Ältesten des SchneeClans hatten ihr schon viel vom Wald der Finsternis erzählt. Hierher kamen nur die Katzen, die in ihrem Leben gegen das Gesetz der Krieger verstoßen hatten.
„Was?“, stotterte sie, „wie … warum … was … du hast doch nicht gegen das Gesetz verstoßen!“ Echopfote sah mit großen Augen zu ihrer Mutter auf. „So etwas würdest du niemals tun!“
Nachtschweif senkte den Kopf und sah wortlos auf ihre nachtschwarzen Pfoten.
Echopfote starrte ihre Mutter entsetzt an.
Nein! Das muss ein Irrtum sein! Sie kann nicht hier sein!
„Nachtschweif?“, fragte Echopfote zögernd, „ist … ist Schneebart Schuld an deinem Tod?“
Nachtschweif hob abrupt den Kopf. „Nein!“, fauchte sie, „er trägt an nichts die Schuld! Nie hat er irgendetwas getan, was gegen das Gesetz verstößt!“
„Aber … er sagte…“
„Es ist nicht seine Schuld, Echopfote“, flüsterte Nachtschweif, „es ist ganz allein meine Schuld!“ Tränen glitzerten in ihren blauen Augen.
„Nein“, miaute Echopfote verwirrt, „da waren Krallenspuren an der Spalte … deine und die einer anderen Katze … wer war diese Katze?“
Nachtschweif starrte sie einen Moment lang an, dann bemerkte sie mit ausdrucksloser Stimme: „die Sonne wird bald aufgehen. Du solltest jetzt gehen.“
Echopfote warf einen Blick zum Himmel. Noch immer war er schwarz, nicht ein winziger Lichtstrahl drang hindurch. „Aber es ist doch noch gar nicht…“
„Geh jetzt!“, rief Nachtschweif.
Plötzlich war es Echopfote, als würde Wasser an ihrem Pelz zerren. Mit aller Kraft kämpfte sie gegen den Drang an, nachzugeben und hinfort zu treiben. Ein Rauschen dröhnte in Echopfotes Ohren, wie ein gewaltiger Sturm, der über den Wald hinweg fegte.
„Wer hat das getan, Nachtschweif?“, schrie sie, „wer hat dich getötet?“
„Du wirst es alles erfahren, wenn die Zeit dafür gekommen ist“, tönte die ferne Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr, „und dann wirst du es verstehen können. Aber gib Acht, Echopfote! Gib der Finsternis in dir nicht nach! Niemals!“

7. Kapitel

ENTSETZT SPRANG Echopfote auf die Pfoten und wirbelte herum.
Rindenstern stand etwa zwei Katzenlängen von ihr entfernt, der dunkelbraune Kater hatte sich an einen kleinen Fels gelehnt und leckte sich die helle Pfote. Als er Echopfote sah, ließ er von seinem Fell ab und stand auf.
Fauchend stürzte Echopfote auf ihn zu.
Rindenstern trat ihr einen Schritt entgegen. „Und?“, miaute er, „hat Nacht…“
„Was sollte das?“, unterbrach Echopfote ihn, „warum wollte sie mit mir sprechen? Warum ist sie dort? Antworten habe ich so oder so keine bekommen!“
In diesem Moment war es Echopfote egal, dass sie gleich gegen zwei Gesetze verstieß - sie durfte hier weder sprechen, noch ihrem Anführer grundlos widersprechen. Nicht, dass sie keinen Grund gehabt hätte.
Nachtschweif - im Wald der Finsternis! Wie kann das nur sein?
Rindenstern öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment sprang Grauschweif zwischen den Anführer und die Schülerin.
„Echopfote!“, fauchte der graue Kater, „was, verdammt noch mal, machst du da?“
Echopfote fuhr zusammen. Sie hatte ihren Mentor noch nie so wütend gesehen.
Aber … warum redet Rindenstern mit dem Wald der Finsternis? Er sollte doch eigentlich mit seinen Ahnen im SternenClan sprechen! Und vor allem - warum schickt er mich dorthin? Ja, Nachtschweif ist da, aber … wer weiß, wer da noch alles ist…
Plötzlich überkamen Echopfote doch leise Schildgefühle.
Warum in aller Welt habe ich so überreagiert?, fragte sie sich ratlos, ich bin doch froh, dass ich meine Mutter endlich sehen konnte!
Rindenstern schnippte kurz mit dem Schwanz. „Es ist alles in Ordnung, Grauschweif. Deine Schülerin hat nichts Unrechtes getan.“
Verwirrung stieg in Echopfote auf.
Nichts Unrechtes getan? Aber ich habe doch gegen das Gesetz der Krieger verstoßen, und das gleich zwei Mal! Müsste ich nicht bestraft werden?
Überrascht blickte Echopfote Rindenstern an. Dieser zwinkerte ihr nur verschwörerisch zu.
Grauschweifs Augen verengten sich und er ließ wortlos eine magere Maus vor Rindensterns Pfoten fallen. Rindenstern nickte seinem Stellvertreter dankend zu und beugte sich hinab, um einen Bissen von der Beute zu nehmen.
Echopfote trat ein paar Schritte zurück, obwohl ihr Magen so laut knurrte, dass sie sicher war, dass Rindenstern und Grauschweif ihn klar und deutlich hören konnten. Sie war es nicht gewohnt, mit so hohen Persönlichkeiten wie ihrem Anführer und dem älteren Krieger zu essen.
Echopfote ließ sich auf dem kalten Boden nieder und begann sich das Fell zu bürsten. Der modrige Geruch vom Wald der Finsternis war daran haften geblieben wie eine lästige Klette und Echopfote schaffte es einfach nicht, ihn los zu werden.
„Hier.“ Echopfote zuckte zusammen, als etwas vor ihrem Pfoten im Gras landete. Es waren die Reste der Maus, die Grauschweif vor ihr fallen gelassen hatte. Echopfote schnupperte an dem toten Körper. Rindenstern und Grauschweif hatten ihr einen Teil übrig gelassen, aber den Magen füllen würde es ihr nicht.
„Danke, Grau-.“ Echopfote verstummte, als ihr einfiel, dass sie hier eigentlich nicht sprechen durfte.
Noch einmal werde ich dieses Gesetz heute nicht brechen!
Echopfote nickte dem rauchgrauen Kater, dessen Fell im Mondlicht silbern schimmerte, dankend zu und schlang die Maus hinunter. Dann verscharrte sie die Reste im Gras.
Rindenstern erhob sich und bedeutete seinen Gefährten mit einem Schwanzschnippen, ihm zu folgen. Hastig sprang Echopfote auf die Pfoten und folgte ihrem Anführer durch das Tal.
Den Pfad hinauf zu klettern war noch schwieriger als hinab zu steigen. Echopfote rutschte immer wieder ab und musste von Grauschweif, der dicht hinter ihr ging, aufgefangen werden. Es dauerte nicht lange und ihr silbernes Fell war schweißnass und steif von der eisigen Kälte. Außerdem war Echopfote müde von der langen Reise und stolperte immer wieder über die eigenen Pfoten.
Rindenstern gönnte ihnen keinen Herzschlag, um sich auszuruhen, sondern lief, kaum waren sie oben angekommen, direkt weiter. Keuchend folgte Echopfote ihm durch das Gestrüpp und wünschte sich zurück in ihr warmes Nest im Schülerbau.
Dort würde ich jetzt Seite an Seite mit dem anderen Schülern schlafen, alles wäre gut … stattdessen muss ich nun hier draußen, an diesem kargen Ort, hinter meinem Anführer herrennen und hoffen, dass dieser Albtraum bald zuende ist…
Echopfote hustete und beschleunigte ihre Schritte. Je schneller sie lief, desto eher waren sie wieder zu Hause.
Das Gespräch mit Nachtschweif kam ihr wieder in den Sinn.
Ich kann einfach nicht fassen, dass sie im Wald der Finsternis ist! Was kann sie denn schon getan haben? Nachtschweif war eine gute Katze, das weiß ich. Noch mehr - sie war meine Mutter!
Echopfote ließ den Kopf hängen und sah zu, wie der harte Felsboden unter ihren Pfoten hinweg flog. Mit jedem Schritt, den sie tat, schoss ein stechender Schmerz durch ihre aufgeschürften Pfoten und Echopfote sehnte sich mehr denn je nach ihrem vertrauten Wald.
Rindenstern trabte in raschem Tempo voran, doch plötzlich ließ er sich zurückfallen, so dass er neben Echopfote lief.
Überrascht sah Echopfote den rotbraunen Kater an.
„Das bleibt aber unter uns, Echopfote“, wisperte der Clan-Anführer und trabte wieder an die Spitze der Patrouille.
Verwirrt blickte Echopfote ihm nach. Was er wohl meint?, fragte sie sich, den Streit? Oder, dass ich mit Nachtschweif gesprochen habe?
Echopfote schüttelte den Kopf. Vermutlich beides.
Endlich spürte Echopfote wieder das vertraute Gefühl von Laub unter ihren Pfoten und der tiefe Duft des Waldes umhüllte sie.
Echopfote beschleunigte ihre Schritte und ihre Pfoten wirbelten das harte, gefrorene Laub auf. Hinter den Wipfeln der kahlen Bäume ging schon die Sonne auf.
Endlich sind wir wieder zu Hause!
Echopfote schloss die Augen und hob das Gesicht ins wärmende Licht der Sonne. Sie hörte das Trippeln der Beute im Unterholz und versuchte das Loch in ihrem Bauch zu vergessen.
Vielleicht kann ich ja Beute mitbringen…
Aber Rindenstern und Grauschweif hasteten weiter voran und ließen Echopfote keine Gelegenheit zum Jagen. Seufzend öffnete sie die Augen wieder und preschte hinter Grauschweif den Hang zum Lagereingang hinab.
Es waren Mondlichtschweif und Rankenschweif, die Wache hielten. Die beiden Krieger begrüßten sie freundlich und Echopfote verlangsamte die Schritte, während ihre Gefährten durch den Eingang ins Lager preschten.
„Und?“, fragte Rankenschweif, „wie war es im Mondtal?“
„Toll!“, rief Echopfote, „das war wirklich schön dort, vor allem weil ich…“ Echopfote verstummte, als sie sich wieder an Rindensterns Warnung erinnerte. „Aber der Weg … war wirklich anstrengend“, miaute sie stattdessen und hob eine Pfote.
Mondlichtschweif nickte mitfühlend. „Geh am besten sofort zu Sternlichtglanz, Echopfote“, riet die silberne Kätzin, „die kümmert sich um deine Pfoten.“ Sie schnurrte. „Ich weiß noch, als ich das erste Mal im Mondtal war. Ich dachte, meine Pfoten fallen mir ab!“
Echopfote schnaubte belustigt und schob sich durch die Felsspalte ins Lager.
Anstatt sich auf den Weg zum Heilerbau zu machen, humpelte Echopfote über die Lichtung zum Schülerbau. Sie duckte sich unter den spitzen, tief hängenden Ästen und tappte zu ihrem Moosnest, wo sie sich zusammen rollte und die Schwanzspitze über die Nase zu legen. Es war schön, wieder hier zu sein.
Echopfote schloss die Augen und sank langsam in den Schlaf, als sie ein Rascheln hörte. Erschrocken hob Echopfote den Kopf und entdeckte Federpfote, die auf müden Pfoten hinein getappt kam.
„Und?“, miaute die silber-weiße Kätzin und gähnte herzhaft, „ist toll, oder?“
Echopfote nickte müde. „Der Weg ist nur etwas zu weit“, murmelte sie schlaftrunken, „und der Boden etwas zu hart…“
„Du … Echopfote?“, fragte Federpfote zögernd.
Echopfote hob den Kopf und sah ihrer Freundin genau in die dunklen Augen.
„Was ist?“, wollte sie wissen.
Federpfote senkte den Blick auf ihre Pfoten, die nervös das Moos unter ihr kneteten.
Haselpfote wird nicht darüber erfreut sein, dass sein Bett nur noch aus ein paar zerrissenen Fetzen besteht … aber sie werden ja sowieso bald zu Kriegern ernannt…
„Ist alles in Ordnung?“, hakte Echopfote nach.
Federpfote schüttelte den Kopf und seufzte. „Ich … ich glaube, ich habe meine Beurteilung vermasselt!“, platze sie heraus.
„Was?“, rief Echopfote erschrocken aus, „wieso das denn?“
Wenn sie ihre Beurteilung nicht bestanden hat, darf sie noch keine Kriegerin werden!
Federpfote kniff die Augen zusammen. „Ach … du weißt ja, nach Nachtschweifs Tod habe ich Mondlichtschweif als Mentorin bekommen. Und … nach der Jagdpatrouille schien sie so unzufrieden, aber Schneebart hat Haselpfote in höchsten Tönen gelobt… Ich hoffe, ich darf die Beurteilung bald wiederholen!“
„Natürlich darfst du das“, miaute Echopfote sanft und wandte sich ab. Bei der Erwähnung ihrer Mutter hatte sich ihr Herz schmerzhaft zusammen gezogen. Sie hatte sie zwar getroffen, aber trotzdem vermisste sie Nachtschweif mehr denn je.
Echopfote schmiegte sich enger an ihre Freundin, um sie zu trösten und um ihren eigenen Kummer zu vergessen. „Und … wer sagt denn, dass du die Beurteilung wirklich vermasselt hast? Vielleicht…“
„Alle Katzen, die alt genug sind, selbst Beute zu erlegen und ihre eigenen Entscheidungen zu fällen, rufe ich, Rindenstern, Anführer des SchneeClans, auf, sich zu einem Clantreffen unter dem Großen Baumstumpf zu versammeln!“
Federpfote hob mit einem Ruck den Kopf, als Rindensterns Ruf durch das Lager schallte. „Jetzt werden sie ernannt!“, flüsterte sie aufgeregt.
„Was? Wer wird ernannt?“, fragte Echopfote verwirrt.
„Oh!“ Federpfote sah Echopfote überrascht an. „Du weißt es noch gar nicht?“ Federpfote stand auf, schüttelte sich einige Moosfetzen aus ihrem silbernen Pelz und schob sich durch den Eingang auf die Lichtung.
„Was weiß ich noch nicht?“, rief Echopfote, als sie Federpfote folgte.
Echopfote musste blinzeln, als sie ins helle Licht der Sonne blickte und wandte hastig den Blick ab. Es hatten sich schon viele Katzen unter dem Großen Baumstumpf versammelt und verwehrten ihr den Blick auf den alten Baum, der vor Rindensterns Bau stand. Verwirrt tappte Echopfote zu den anderen und ließ sich neben ihrer Schwester nieder.
„Was ist denn los?“, wollte sie wissen.
„Sieh doch!“, erwiderte Blattpfote und deutete auf die Lichtung, „Farnschweifs Junge werden zu Schülern ernannt!“
Echopfote lehnte sich zur Seite, um mehr erkennen zu können. Blattpfote hatte Recht, inmitten der vielen Katzen saßen Tigerjunges, Blütenjunges und Birkenjunges, die Köpfe hoch erhoben, während ihre Mutter sie stolz anblickte. Mondfeuer saß neben seiner Gefährtin und warf immer wieder stolze Blicke auf seine Jungen.
Kaum hatte sich der ganze Clan unter ihm versammelt, begann Rindenstern, der auf dem Baumstumpft stand, zu sprechen: „wir haben uns heute hier versammelt, um drei jungen Katzen zu Schülern zu ernennen.“ Der braune Kater schnippte mit dem Schwanz. „Tretet vor, ihr drei!“
Aufgeregt sprang Tigerjunges auf Rindenstern zu. Seine Schwester folgte ihm, nur Birkenjunges schritt ihnen langsam und bedacht hinterher.
Er scheint seinen ganz eigenen Weg zu gehen, schoss es Echopfote durch den Kopf, aber Birkenjunges war schon immer anders als seine Geschwister.
Rindenstern sprang vom Baumstumpf, so dass er direkt vor den Jungen stand. Dann trat er ein paar Schritte auf Tigerjunges zu und erhob seine Stimme erneut über den Clan. „Von diesem Tag an, bis dieser Schüler sich seinen Kriegernamen verdient hat, wird er Tigerpfote heißen. Ich bitte den SternenClan, über diesen Schüler zu wachen, bis er in seinen Pfoten die Kraft und den Mut eines Kriegers findet.“
Echopfote sah die Augen des getigerten Schülers sogar aus der Entfernung aufleuchten.
Rindenstern fuhr fort: „Halbohr, du bist bereit für deinen ersten Schüler, Du bist eine hervorragende Kriegerin und hast dich nie von deinen Verletzungen abhalten lassen, diese zu werden. Ich bin davon überzeugt, dass du deinen Mut und deine Leidenschaft an Tigerpfote weitergibst und ihn das lehrst, was Nachtschweif dir einst beigebracht hat.“
Beim Klang des Namens ihrer Mutter zuckte Echopfote unwillkürlich zusammen. Sie ist hier, sagte sie sich und atmete tief durch, jetzt gerade ist sie wahrscheinlich hier, um zuzusehen, wie ihre erste Schülerin einen Schüler bekommt!
Halbohr trat mit vor Glück strahlenden Augen vor und begrüßte Tigerpfote Nase an Nase.
„Sie wird es nicht einfach mit ihm haben“, murmelte Blattpfote Echopfote zu, „Tigerpfote hat seinen ganz eigenen Geist und Willen.“
Echopfote nickte. Ihre Schwester hatte Recht, fast niemand im Clan konnte sich bei Tigerpfote durchsetzen. Aber trotzdem war Echopfote sich sicher, dass Halbohr es schaffen würde.
Sie hatte eine hervorragende Mentorin, dachte sie traurig.
Als Halbohr und Tigerpfote geendet hatten, tappte Rindenstern auf weichen Pfoten zu Blütenjunges und miaute: „Von diesem Tag bis zu ihrer Ernennung wird diese Schülerin den Namen Blütenpfote tragen. Möge der SternenClan sie auf ihrem Weg begleiten und ihre Pfoten stets die richtigen Pfade finden.“
Blütenpfote hob stolz den Kopf und Echopfote hörte leise das Schnurren der schildpattfarbenen Schülerin.
Rindenstern nickte Birkenherz zu, der daraufhin aus der Menge trat und sich ruhig neben Blütenpfote stellte. Nur seine Augen verrieten seine Aufregung.
„Birkenherz“, sprach Rindenstern, „nachdem Lichtschweif zur Kriegerin ernannt wurde bis du nun bereit für einen neuen Schüler. Ich vertraue darauf, dass du all deine Mut und deine Weisheit an Blütenpfote weitergeben wirst.“
„Das werde ich, Rindenstern“, miaute Birkenherz und berührte Blütenpfotes Nase mit der seinen. Die kleine Kätzin musste sich recken, um die Nase ihres Mentors zu erreichen.
Nun trabte Rindenstern an Birkenpfotes Seite. „Von diesem Tag an bis zu seiner Kriegerzeremonie wird der Name dieses Schülers Birkenpfote lauten. Ich bitte den SternenClan, seine Pfoten zu leiten, so dass er einmal ein großartiger Krieger wird.“
Rindensterns Blick schweifte über seine Clangefährten, bis er an Flammenfuß hängen blieb. „Flammenfuß!“, rief er und winkte den Kater zu sich.
Dieser sprang erschrocken auf. „Was? Ich?“
Rindenstern schnaubte belustigt. „Flammenfuß, du bist bereit für deinen ersten Schüler. Mögest du dein Geschick im Kampf und deine Loyalität an ihn weiter geben!“
Loyalität! Jedes Eichhörnchen ist loyaler als Flammenfuß! Die kann man immerhin fressen…
Flammenfuß, der inzwischen neben seinem Schüler auf der Lichtung stand, nickte seinem Anführer freundlich zu. „Danke. Ich werde mir Mühe geben.“ Der getigerte Kater berührte sanft Birkenpfotes Nase.
Laut rief der SchneeClan die Namen der neuen Schüler, die stolz auf der Lichtung standen. „Tigerpfote! Blütenpfote! Birkenpfote!“
Echopfote wandte sich ab, als ihr Anführer die Versammlung beendete, und tappte gähnend auf den Schülerbau zu.
„He, Echopfote!“ Goldfell sprang zu ihr, ihre Augen leuchteten. Echopfote sah die Kätzin verwirrt an. Warum plötzlich so fröhlich?
„Was ist los?“, fragte Echopfote interessiert und unterdrückte ein Gähnen.
„Wie findest du es, dass Flammenfuß einen Schüler bekommen hat?“, platzte Goldfell heraus, „war doch dringend nötig, wo Mondlichtschweif jetzt Mentorin von Federpfote ist.“
Echopfote verengte die Augen. „Birkenpfote war schon immer der Kleinste und Schwächste des Wurfs“, knurrte sie mit gedämpfter Stimme, „ich habe Angst, Flammenfuß könnte zu hart mit ihm sein. Du kennst ihn ja.“
„Hast du etwas gegen ihn?“ Goldfell sah sie erst überrascht, dann wütend an. „Ja, Birkenpfote mag vielleicht schwach sein“, fauchte sie, „umso wichtiger, dass er einen starken Mentor bekommt. Das hat wahrscheinlich auch Rindenstern gesehen.“
„Stark?“, miaute Echopfote abfällig.
„Ja, stark!“, knurrte Goldfell, „Flammenfuß wird ein guter Mentor sein! Hast du seine Freude nicht gesehen, als Rindenstern ihn aufgerufen hat?“
„Ich hab nur die Überraschung gesehen“, murmelte Echopfote.
„Ja!“, rief Goldfell, „weil Rindenstern…“
Sie verstummten, als Flammenfuß auf sie zu stolzierte. „He!“, miaute der rote Kater hochmütig, „redet ihr über mich?“
Als ob es über dich viel zu bereden gäbe…
„Nein, nein“, entgegnete Goldfell etwas zu hastig, „wir reden über … über…“
„Mentoren und ihre verschiedenen Vorzüge“, unterbrach Echopfote ihre Freundin. Diese warf ihr einen dankbaren Blick zu.
„Und?“, schnurrte Flammenfuß.
„Was und?“, erwiderte Echopfote wütend.
„Da stehe ich bestimmt hoch oben, was?“, bemerkte Flammenfuß.
„Schön wär‘s!“, schnaubte Echopfote und fing sich einen bösen Blick des Kriegers ein.
„Streng dich bloß an“, neckte Goldfell den Kater.
Flammenfuß Fell sträubte sich. „Ihr werdet schon sehen, eines Tages werde ich der beste Krieger des SchneeClans sein! Wartet nur ab!“
„Träum weiter, Flammenfuß!“ Verärgert über die Prahlerei des älteren Kriegers schnippte Goldfell mit der Schwanzspitze.
Flammenfuß fauchte. „Besser, als so ein Mäusehirn zu sein, wie ihr beide es seid!“
„Trainier du erst einmal deinen Schüler!“, winkte Goldfell ab.
„Immerhin habe ich einen Schüler!“ Mit diesen Worten stolzierte Flammenfuß davon zu der Stelle, an der Birkenpfote verloren im Sand saß. Er berührte seinen Schüler sanft an der Nase und deutete mit dem Schweif auf den Lagerausgang.
Sofort sprang der silbern-getigerte Schüler auf die Pfoten und trabte zu der Felsspalte. Flammenfuß folgte dem kleinen Kater, überholte ihn und tappte vor ihm durch den Brombeertunnel.
Seufzend wandte Echopfote sich ab und wollte sich gerade auf den Weg zurück zu ihrem Bau machen, als sie Goldfells verträumten Blick bemerkte. Die goldene Kriegerin starrte wie ein verliebtes Kaninchen auf die andere Seite des Lagers, wo sich Mondfeuer und Lichtschweif eine dürre Amsel teilten.
Was sie wohl hat?
„Ist alles in Ordnung, Goldfell?“, fragte Echopfote zögernd.
Die Kriegerin schüttelte verwirrt den Kopf, als hätte sie Echopfotes Anwesenheit ganz vergessen. „Klar. Alles in Ordnung.“ Sie seufzte. „Ich hätte nur auch gern einen Schüler, verstehst du?“
Echopfote nickte, obwohl sie wusste, dass das noch nicht alles war.
Wenn das der Grund für deinen Blick ist, können Igel fliegen, Goldfell! Ich weiß ganz genau, dass du verliebt bist! Fragt sich nur … in wen?
„Keine Sorge, Goldfell“, miaute Echopfote sanft, „eines Tages wirst du auch Mentorin werden.“ Echopfote wartete einen Moment, dann miaute sie: „und … bei mir ist dein Geheimnis gut aufgehoben. Vertrau mir!“

8. Kapitel

ECHOPFOTE, ICH WILL, dass du gemeinsam mit mir, Schneebart, Mondlichtschweif, Haselpfote und Federpfote auf Patrouille an der SturmClan-Grenze gehst!“
Echopfote stöhnte auf, als sie die Stimme ihres Mentors hörte, sagte aber nichts weiter dazu.
Warum muss unbedingt ich mit an die SturmClan-Grenze? Der SturmClan besteht aus einem Haufen von Feiglingen! Was denken die sich eigentlich dabei, ständig die Duftmarken zu verschieben?
Innerhalb der letzten Tage hatten die Grenzpatrouillen immer wieder beleidigende Duftmarken an der SturmClan-Grenze gefunden und Rindenstern, der sich sicher war, der SturmClan wolle einen Kampf provozieren, hatte die Patrouillen verdoppelt. Statt vier Katzen sollten nun mindestens sechs an der Grenze patrouilleren.
Federpfote hopste aufgeregt auf Echopfote zu. „Das ist es!“, rief sie erfreut, „jetzt werden wir uns endlich beweisen können!“
Echopfote nickte geistesabwesend. Federpfote und Haselpfote hatten ihre Beurteilung zwar beide bestanden, aber trotzdem war Rindenstern der Meinung, sie sollten sich noch einmal unabhängig davon beweisen.
Grauschweif fuhr fort: „Flammenfuß, ich möchte, dass du die Patrouille an der BlattClan-Grenze anführst. Nimm Birkenherz, Lichtschweif, Blütenpfote und deinen Schüler mit.“
Flammenfuß sah seinen Zweiten Anführer finster an. „Ich habe Birkenpfote aber versprochen, dass wir heute Kämpfen üben!“
Grauschweif zuckte gleichgültig mit der Schwanzspitze. „Das kann warten“, entgegnete er, „Patrouillen waren Schülern schon immer eine gute Lehre.“ Er ließ seinen Blick über den Clan schweife, bis er an Halbohr hängen blieb. „Halbohr, du führst die erste Jagdpatrouille an, du, Rankenschweif, die zweite. Nehmt mit, wen ihr wollt.“
Die beiden Krieger nickten und Grauschweif sprang mit einem eleganten Satz zu seiner Patrouille.
„Kommt“, forderte der graue Kater sie auf und trabte in Richtung des Lagerausgangs. Haselpfote und Schneepfote folgten ihm sofort, dahinter Mondlichtschweif. Echopfote und Federpfote verließen das Lager als letzte.
Kühler Wind strich durch Echopfotes Pelz, als sie den schützenden Felsenkessel verließen. Es hatte zwar noch nicht geschneit, aber am Horizont bäumten sich Sturmwolken auf und hin und wieder hörte man fernen Donner grollen. Echopfote erschauderte.
Federpfote hüpfte unruhig von einer Pfote auf die andere. „Meinst du, der SturmClan greift uns an? Meinst du, es kommt zum Kampf?“
Echopfote sah ihre Freundin ratlos an. „Kann sein“, miaute sie knapp und versank in tiefem Schweigen.
Es war kein weiter Weg zur SturmClan-Grenze, aber trotzdem war Echopfote fast erfroren, als sie den Bach erreichten, der die Grenze markierte.
„Sieh mal!“, rief Federpfote, „er ist zugefroren!“
Sie hatte Recht. Der Bach, der etwa eine Fuchslänge breit war, war vollkommen zugefroren.
Vorsichtig setzte Federpfote eine Pfote auf das Eis. Es knackte kurz, hielt aber stand. Nun sprang die Schülerin ganz auf die Eisfläche und schlitterte quietschend über den Bach. Federpfote landete auf dem Bauch, rappelte sich aber sofort wieder auf und rief: „fangt mich doch!“
„Das ist gemein!“, empörte sich Haselpfote, als er seiner Schwester folgte, die munter übers Eis hüpfte, „du hast zu viel Vorsprung!“
„Und?“, entgegnete Federpfote, bevor sie erneut ausglitt und ans andere Ufer schlitterte.
Haselpfote lief ihr hinterher und jagte sie über das gefrorene Wasser. „Komm Echopfote!“, rief er, „das macht Spaß!“
Echopfote ging vorsichtig ein paar Schritte näher ans Ufer und setzte eine Pfote aufs Eis. Es knackte gefährlich und Echopfote zog die Pfote schnell wieder zurück.
Nun sei keine Spielverderberin!, wies sie sich im Stillen zurecht, hab Spaß!
Echopfote holte tief Luft und folgte ihren Baugefährten. Vergnügt quietschend schlitterte sie über den Bach auf Haselpfote zu, der vor seiner Schwester floh.
„Hab dich!“, rief sie zufrieden und nahm vor dem hellen Kater Reißaus.
Haselpfote folgte ihr und stieß sich kraftvoll vom Eis ab. Echopfote spürte, wie ein Gewicht sie niederdrückte und sie landete prompt, von Haselpfotes Gewicht niedergedrückt, auf dem kalten Grund.
„He!“, knurrte Grauschweif, „passt bloß auf! Ich will nicht, dass jemand die Grenze übertritt!“
„Klar doch!“, erwiderte Echopfote und versuchte vergebens sich zu befreien. Haselpfote drückte sie wieder zu Boden, verlor dabei aber das Gleichgewicht und so schlitterten die beiden aufeinandergestapelt über die glatte Eisfläche. Entsetzt sah Echopfote, wie der Bach vor ihnen einen Hang hinab führte. In der Blattgrüne floss dort ein kleiner Wasserfall hinab.
„Halt!“, brüllte sie und versuchte verzweifelt, ihre Krallen ins Eis zu schlagen. Es war vergeblich, das Eis war zu dick und hart.
Entsetzt jaulte sie auf, als sie und Haselpfote den zugefrorenen Wasserfall hinab glitten und unten hart gegen einen Baum schlitterten. Echopfote stöhnte auf und versuchte sich unter Haselpfotes Gewicht zu befreien. Der braune Kater sprang hastig von ihrem Rücken und glitt prompt auf dem Eis aus.
Benommen rappelte Echopfote sich auf - und wurde sofort wieder auf den Boden gedrückt. Hier war er jedoch nicht aus Eis sondern aus Erde.
„Lass das, Haselpfote!“, fauchte Echopfote wütend und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Dass es nicht Haselpfote war, der sie zu Boden drückte, wurde Echopfote erst klar, als der Angreifer ihr die Krallen in den Rücken schlug.

9. Kapitel

VOR SCHMERZ JAULTE Echopfote schrill auf und bäumte sich auf, um ihren Angreifer abzuwerfen. Dieser war jedoch schwerer als gedacht und presste Echopfote erbarmungslos auf die kalte Erde.
„Na, was haben wir denn da?“, zischte eine Stimme an ihr Ohr, „hat da etwa eine kleine Schülerin die Grenze übertreten?“
Echopfote erschauderte, als sie spürte, wie ihr der Rücken zerkratzt wurde. Sie versuchte erneut, sich zu befreien, wurde jedoch scheinbar mühelos auf den Rücken gedreht.
Ich habe die Grenze doch gar nicht übertreten!
Echopfote prüfte die Luft und stellte fest, dass sie sich geirrt hatte. Die Grenze lag etwa eine halbe Katzenlänge links von ihr.
Und wenn, dann nicht absichtlich! Kein Grund, so brutal zu werden!
Echopfote schrie auf, als der Angreifer ihr die Krallen ins weiche Bauchfell grub. Nun konnte sie diesen endlich erkennen.
Es war eine dunkelbraune Kätzin, die sie am Boden festgenagelt hatte, sowohl ihr Bauch als auch ihre Pfoten und ihre Schwanzspitze waren weiß. Und ihre Krallen sehr spitz.
Echopfote beugte sich mit aller Kraft vor und bis der Kätzin heftig ins Bein. Diese taumelte und gab Echopfote endlich frei. Echopfote sprang auf die Pfoten und fuhr der Dunkelbraunen die Krallen übers Ohr. Diese schien erschrocken, fasste sich jedoch bald wieder und versengte ihre scharfen Zähne in ihrem Schweif. Echopfote jaulte auf und grub ihre Krallen in die Flanke der Angreiferin.
Plötzlich wurde Echopfote von der Seite angerempelt und verlor das Gleichgewicht. Das Fell der Kätzin entglitt ihr und sie fiel der Länge nach auf den Boden. Sofort wurde sie am Boden gedrückt und alle Luft wich aus ihren Lungen. Sie spürte, wie eine weitere Katze ihre Flanke mit den Krallen bearbeitete und wand sich verzweifelt, wusste aber, dass sie unterlegen war. Die SturmClan-Katzen kämpften erbarmungslos und oft nicht gerecht - so wie jetzt.
Mit einem Ruck wurde das Gewicht von ihrem Rücken gehoben und Echopfote sprang benommen auf die Pfoten. Ihre Wunde pochten schmerzhaft, aber trotzdem zwang sie sich, weiter zu kämpfen.
Sie sah sich um. Keine Katzenlänge von ihr entfernt rang Grauschweif wütend mit einem kleinen, getigerten Kater, auf der anderen Seite des Baches kämpfte Federpfote verbissen mit einem grau-gescheckten Kater und Schneebart schlug eine schwarze Kätzin in die Flucht.
Echopfote fuhr herum, als Schmerz ihre Flanke durchzuckte. Die braune Kätzin, die sie angegriffen hatte, stand keuchend neben ihr, Blut troff aus einer tiefen Wunde an ihrer Flanke und ihr eines Ohr war zerfetzt.
Mit einem einzelnen Schlag warf Echopfote die geschwächte Kätzin um. Sie wollte sich gerade in ihrer Schulter verbeißen, als sie am Nackenfell gepackt und abrupt fortgezogen wurde. Echopfote schlug hart auf dem Eis auf, für ein paar Herzschläge schien sich die Welt um sie herum zu drehen.
Benommen sah sie sich um und entdeckte hinter sich den grau-gescheckten Kater, mit dem Federpfote gekämpft hatte und der noch immer ihr Nackenfell gepackt hielt. „Renn, Habichtflügel!“, rief er der Braunen mit dem zerfetzten Ohr zu, die sofort vom Schlachtfeld humpelte.
Wütend sprang Echopfote auf die Pfoten und zog dem Grauen die Krallen übers Gesicht. Dieser hielt verblüfft inne, anscheinend hatte er keinen Angriff erwartet. Dann stieß er vor und versuchte, sie von den Pfoten zu stoßen.
Aber Echopfote war schneller und wich ihm gekonnt aus. Sie schlitterte übers Eis aus seinem Blickfeld, fand auf der glatten Fläche jedoch keinen Halt mehr und stieß mit Mondlichtschweif zusammen, die gegen einen massigen, weißen Kater kämpfte.
Schnell zog Echopfote sich zurück und krallte sich ins Eis. Sie sah sich gehetzt um und entdeckte den Grauen, der mit vor Wut lodernden Augen auf sie zu stürzte, dabei allerdings von der tiefen Wunde an einem seiner Hinterbeine behindert wurde. Der Kater rutschte aus, prallte gegen Echopfote und riss sie mit sich.
Echopfote jaulte entsetzt auf, als sie den kleinen Anhang, den der Bach an dieser Stelle hinab floss, hinabstürzten. Sie versuchte, ihre Krallen in das harte Eis zu stoßen, doch es gelang ihr nicht und die kalte, raue Fläche kratzte über ihre Haut.
Dumpf schlugen sie und der Kater auf, das Eis unter ihnen zersplitterte und die winzigen Eisstücke bohrten sich in Echopfotes Fell.
Wir brechen ein!
Verzweifelt stieß Echopfote den Kater von sich, als der Boden unter ihnen nachgab und eisige Wellen über ihr zusammenschlugen.
Einen Moment lang war Echopfote vor Schock und Kälte wie gelähmt und wurde vom rauschenden Wasser durch den Bach getragen.
Großer SternenClan! Ich werde sterben!
Panisch versuchte Echopfote sich an die Oberfläche zu kämpfen und strampelte wild mit den Beinen. Ihre Kratzer brannten schmerzhaft, aber Echopfote gab nicht auf. Doch es war zwecklos, keine Pfotenlänge kam sie der Wasseroberfläche näher. Echopfotes Glieder wurden schwer und ihre Bewegungen langsamer.
Ich schaffe es nicht!
Plötzlich spürte Echopfote, wie jemand ihr Nackenfell packte und sie wurde mit einem unsanften Ruck aus dem Wasser gezogen. Eisige Luft umfing sie und fuhr ihr unnachgiebig ins nasse Fell.
Japsend zog Echopfote sich ganz aus dem Wasser und brach erschöpft zusammen. Sie spürte einen zweiten Körper an ihrer Seite und rückte unwillkürlich ein Stück von ihm ab, als der scharfe Geruch in ihre Nase stach.
Ein SturmClan-Krieger! Was will der von mir? Er … er hat mir das Leben gerettet…
Mit letzter Kraft öffnete Echopfote die Augen und blinzelte das Wasser hinfort. Neben ihr lag der graue Kater, der sich langsam erhob und hastig ein Stück zur Seite rückte.
„Danke“, keuchte Echopfote und hustete, damit die letzten Reste des Flusswassers ihre Lunge verließen.
„Kein Problem“, erwiderte der Graue mit kühler Stimme und erwiderte ihren Blick. Er hatte große, strahlend blaue Augen, die Echopfote in ihren Bann zu ziehen schienen.
Mit aller Macht wandte Echopfote sich ab und leckte verlegen über einen ihrer vielen Kratzer. An die an ihrem Rücken kam sie kaum heran du musste sich verrenken, um ihn mit der Zunge zu erreichen.
Ein belustigtes Schnauben ließ sie zusammen fahren. Der Kater hatte sich immer noch nicht abgewandt und betrachtete sie mit einem spöttischen Funkeln in den Augen.
„Was ist?“, fauchte Echopfote wütend und musste erneut husten.
Verdammter Bach! Warum musste Federpfote nur auf die blöde Idee kommen, über das Eis zu laufen? Wir sind doch keine Jungen mehr!
„Nichts“, entgegnete der Kater mit unschuldiger Miene, „ich habe nur noch nie eine Katze gesehen, die versucht hat, sich so zu putzen.“
„Wie würdest du es denn machen?“, fragte Echopfote wütend.
Der Graue blinzelte. „Ich würde jemand anderen fragen.“
Echopfote wich unwillkürlich zurück. „Danke, ich komme allein zurecht!“ Wütend wollte sie sich abwenden, aber ihr Blick fiel auf das linke Hinterbein des Katers, dass er seltsam abgewinkelt hatte.
„Oh!“, rief sie aus, „was hast du denn da an deinem Bein?“
Der Graue warf einen Blick auf seine Wunde. „Oh, das? Das ist nichts, ich…“ Er verzog schmerzhaft das Gesicht, als er das verletzte Bein enger an seinen Körper zog.
„Und ob das etwas ist“, murmelte Echopfote und spürte, wie Sorge in ihr aufstieg. Wütend versuchte sie, diese zu unterdrücken.
Wer bin ich? Eine Heilerin? Ich muss mich nicht um diesen blöden Kater sorgen!
„Wer war das denn?“, fragte sie neugierig und trat einen Schritt näher.
Ein angestrengter Ausdruck trat in die blauen Augen des Katers. „Ähm … diese kleine, weiße…“
„Federpfote!“
Der Kater senkte den Blick. „Sie kämpft nicht schlecht“, gab er mit einem Schulterzucken zu.
Echopfote unterdrückte ein belustigtes Schnauben und humpelte zu dem Grauen Kater. Sie beugte sich hinab und schnupperte an der tiefen Bisswunde an seinem Bein.
„Die solltest du besser säubern“, riet sie, „da ist Schmutz hineingeraten, das könnte sich entzünden.“
Sie hob den Kopf und begegnete dem Blick des grauen Katers. Seine Augen verengten sich, er sah beinahe wütend aus. „Bist du … etwa eine Heilerin? Oder Heilerschülerin?“ „Nein!“ Wütens funkelte Echopfote den Grauen an.
Ich - eine Heilerin! Klar doch!
Der Graue senkte verlegen den Blick.
Feindselig starrte Echopfote ihn an. „Hast du irgendetwas gegen Heiler?“, bemerkte sie spitz und hob das Kinn.
Der Kater hob den Kopf und sah ihr in die Augen. In seinen blauen Augen lag noch immer ein Anflug von Wut. „Nein, nicht im Allgemeinen“, miaute er hochnäsig, „unsere Heilerin ist nur besonders unfähig.“
Verblüfft hielt Echopfote inne. Sie hatte nur Gutes über Regenwolke gehört, die Kätzin sollte eine sehr begabte Heilerin sein. Aber vielleicht täusche sie sich auch.
„Aber“, widersprach Echopfote verwundert, „ich dachte, Regenwolke wäre…“
Mit einem Schwanzschnippen unterbrach der Kater sie. „Ich bin übrigens Sturmpfote“, erzählte er, „und du?“
Ein Schüler? Ist er nicht viel zu groß für einen Schüler?
„Ich bin Echopfote“, erwiderte Echopfote und leckte sich verlegen die Pfote, „du bist also wirklich noch ein Schüler?“
Sturmpfote nickte. „Brandstern meint, ich und meine Geschwister seien noch nicht soweit - dabei sind wir alle schon seit fast dreizehn Monden Schüler!“
Echopfote sah den Kater mitfühlend an. Jetzt, wo sie wusste, dass er noch ein Schüler war, fühlte sie sich ihm näher, obwohl er ganze zwei Monde älter war als sie.
Echopfote rückte in eine bequemere Position und betrachtete den jungen Kater. Er sah nicht schlecht aus; er war schlank, aber trotzdem kräftig und unter seinem kurzen, grau gescheckten Fell zeichneten sich deutlich seine Muskeln ab. Am auffälligsten waren jedoch seine großen, strahlenden Augen, die schienen, als wären sie Seen, in denen sich der Himmel spiegelt.
„Ist alles in Ordnung?“ Sturmpfotes Stimme riss Echopfote aus ihren Gedanken.
„Oh, natürlich“, miaute sie eilig und senkte verlegen den Blick, „ich habe nur nachgedacht.“
Sturmpfote sah sie neugierig an. „Worüber denn?“
Echopfotes Fell prickelte vor Scham.
Ich sage ihm doch nicht, worüber ich nachgedacht habe!
„Über meine Familie“, log Echopfote schnell.
Interessiert sah Sturmpfote sie an. „Deine Familie? Was ist denn mit deiner Familie?“
Verlegen senkte Echopfote den Blick auf ihre Pfoten. „Nun ja … ich … ähm … meine Mutter ist vor einem halben Mond gestorben und … meinen Vater habe ich kaum gekannt…“
„Oh.“ Sturmpfote schien betroffen zu sein. „War deine Mutter … Nachtschweif?“
Echopfote nickte du merkte, wie sich ihr Nackenfell bei dem Gedanken an ihre Mutter aufstellte. Mit aller Kraft zwang sie sich, es wieder anzulegen und miaute mit rauer Stimme: „sie ist wahrscheinlich in die Spalte gestürzt, Genaueres weiß niemand.“
Niemand außer Nachtschweif selbst, schoss es Echopfote durch den Kopf.
„Das … das tut mir…“, begann er, wurde dann jedoch von einem lauten Rufen unterbrochen.
„Echopfote!“ Federpfote kaum den Hang hinab geschlittert, „hier bist du! Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“
„Kein Problem“, miaute Echopfote und warf Sturmpfote einen hastigen Blick zu.
„Na dann!“ Federpfote drehte sich schwungvoll um und trabte über das Eis auf die SchneeClan-Seite der Grenze. „Gehen wir!“
Echopfote wartete, bis Federpfote zwischen den Bäumen verschwunden war, dann wandte sie sich ein letztes Mal zu Sturmpfote um.
„Ich gehe dann besser auch“, miaute der graue Kater und stand mühsam auf.
„Soll ich dich begleiten?“, schlug Echopfote vor.
Sturmpfote warf einen Blick auf sein verletztes Bein und sah dann wieder Echopfote an. „Nein, ich glaube, das geht schon. Und außerdem wollen wir ja nicht noch einen Kampf riskieren.“
Er zwinkerte Echopfote zu und begann, den Hang zu seinem Territorium hinauf zu humpeln. Oben angekommen drehte er sich noch einmal um und rief Echopfote zu: „wir sehen uns!“ Mit diesen Worten verschwand er.
„Echopfote, kommst du jetzt endlich?“
Echopfote fuhr herum und entdeckte Grauschweif, der am Hang auf der SchneeClan-Seite stand.
Echopfote lief auf ihren Mentor zu und missachtete dabei den stechenden Schmerz, der sie bei jedem Schritt durchzuckte.
Der Rest der Patrouille wartete bereits auf sie. Echopfote reihte sich neben Federpfote ein, die sofort begann, aufgeregt auf sie einzureden.
„Stell dir vor!“, rief sie, als die Patrouille sich langsam in Bewegung setzte, „Schneebart hat gesagt, dass wir jetzt bereit sind, zu Kriegern ernannt zu werden! Mondlichtschweif, die Langweilerin, hat natürlich nichts gesagt, aber das ist mir im Moment auch egal.“
„Schön“, miaute Echopfote geistesabwesend.
„Und, Echopfote, ich habe einen SturmClan-Krieger ganz alleine verjagt!“, rief Federpfote euphorisch.
„Er war ein Schüler“, murmelte Echopfote.
„Und? Er war mindestens zwanzig Monde alt!“
„Neunzehn. Neunzehn Monde.“
Seufzend drehte Federpfote sich zu Echopfote um und musterte sie besorgt. „Irgendwie bist du heute seltsam, Echopfote“, bemerkte sie, „ist alles in Ordnung mit dir? Bist du etwa verletzt?“
„Nein, alles in Ordnung“, erwiderte Echopfote und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Die Bäume waren nun vollkommen kahl und an den Ästen hingen schillernde Eiszapfen.
Echopfote erschauderte, als sie sich an das Gefühl erinnerte, wie das Eis unter ihren Pfoten zerbrochen war, wie die eisigen Wellen sie unter Wasser gedrückt hatten … hätte Sturmpfote sie nicht gerettet, wäre sie nun tot.
Eigentlich war er ja doch ganz nett … nein, das sind überflüssige Gedanken! Er mag zwar nett gewesen sein, aber er stammt immer noch aus einem anderen Clan! Selbst wenn wir uns wieder sehen sollten, dann nur auf einer Großen Versammlung … oder im Kampf. Es kann für uns keine gemeinsame Zukunft geben!

10. Kapitel

ERSCHÖPFT LIESS BLATTPFOTE ihre Beute auf den Frischbeutehaufen fallen und ließ sich auf dem gefrorenen Boden nieder. Rankenschweif, der ihre Jagdpatrouille angeführt hatte, hatte sie erst zurück ins Lager gelassen, als sie insgesamt einen Sperling, zwei Amseln und eine Spitzmaus gefangen hatten. Nun war Blattpfote völlig erschöpft und wünschte sich in ihr warmes Moosnest.
Sie wählte eine Maus vom Frischbeutehaufen und machte sich hungrig über das Tier her.
Kaum hatte sie die Zähne in die Beute geschlagen, sah sie, wie Ampferpfote an ihr vorbei tappte.
„He, Blattpfote“, miaute der rotbraune Kater, „weißt du, wo Echopfote ist? Sie sollte längst von der Patrouille zurück sein.“
Blattpfote zuckte mit den Schultern. „Nein, tut mir leid“, erwiderte sie und schob dem anderen Schüler die Maus zu, „möchtest du die mit mir teilen?“
Ampferpfote schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“ Mit diesen Pfoten tappte er über die Lichtung auf den Schülerbau zu.
Blattpfote seufzte und senkte den Blick auf die Maus vor ihren Pfoten, Eifersucht stach sie wie ein Dorn ins Herz.
Warum beachtet er nur immer Echopfote? Ich bin Luft für ihn!
Der Appetit auf die Maus war ihr längt vergangen und so schlug sie die Fänge wenig beherzt in den toten Körper. Sie schluckte schwer und ließ den Blick über das Lager schweifen.
Eigentlich war alles wie immer. Tigerpfote und Blütenpfote sonnten sich auf der freien Fläche vor dem Schülerbau, Birkenpfote spielte mit Schmetterlingsjunges und Libellenjunges Fangen, Goldfell und Flammenfuß stritten sich lautstark um ein Stück Frischbeute. Ja, alles war wie immer.
„Ahh!“
Erschrocken fuhr Blattpfote herum, als sie den gellenden Schrei hörte. Schmetterlingsjunges stand schwer atmend in der Nähe der Kinderstube und starrte mit weit aufgerissenen Augen etwas Weißes an, das vor ihrer Nase durch die Luft segelte. Birkenpfote blickte die goldene Kätzin erschrocken an, Libellenjunges stand neben ihm. Die silberne Kätzin verbarg sich ängstlich hinter dem Rücken des älteren Katers.
„Schmetterlingsjunges!“ Schattenmond rannte panisch auf ihre Tochter zu und zog die kleine Kätzin mit dem Schwanz an sich. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
Zitternd deutete Schmetterlingsjunges auf das Weiße vor ihrem Gesicht, das langsam zu Boden schwebte. „Was … was … was ist … das?“
Schattenmond begann erleichtert zu schnurren. „Davor brauchst du keine Angst zu haben, meine Kleine“, miaute sie beruhigend, „das ist bloß Schnee!“
„Schnee?“ Schmetterlingsjunges‘ blaue Augen funkelten neugierig, „ist das gefährlich?“
Schattenmond begann, lauter zu schnurren. „Nein, natürlich nicht! Man kann es sogar essen!“
„Echt?“ Schmetterlingsjunges trat einen Schritt vor und schnappte nach der Schneeflocke, verschluckte sich aber daran und musste heftig husten.
Libellenjunges kam hinter Birkenpfotes Rücken hervor und tappte zu ihrer Schwester. „Wer das Schnee als erstes berührt, hat verloren!“, rief sie und pustete ihrer Schwester eine Schneeflocke ins Gesicht.
Erschrocken sprang diese zurück und pustete die weiße Flocke zurück. Libellenjunges vergaß die Flocke und jagte Schmetterlingsjunges hinterher, die sofort Reißaus nahm.
Schmetterlingsjunges rannte über die Lichtung und wäre beinahe mit Tigerpfote zusammen gestoßen, der die Jungen vom Schülerbau ausbeobachtete.
Oh je!, dachte Blattpfote, als der kräftige Tigerkater sich aufrichtete.
„He!“, rief Tigerpfote und beugte sich zu Schmetterlingsjunges hinab, die um einiges kleiner war als er selbst, „kann ich vielleicht mitspielen?“
„Klar!“, entgegnete Schmetterlingsjunges fröhlich und tippte dem Kater mit der Pfote auf die Schulter, „du bist!“
Blütenpfote stand ärgerlich auf, als ihr Bruder den Jungen zur Kinderstube folgte, und wandte sich zu Birkenpfote, der verloren in der Mitte der Lichtung stand.
„Komm, Birkenpfote!“, miaute sie und winkte ihren Bruder mit einem Schwanzschippen zu sich, „lass uns jagen gehen!“
Mit diesen Worten tappte sie auf den Lagereingang zu und war wenig später zwischen den Dornenranken verschwunden. Birkenpfote warf den spielenden Jungen noch einen letzten Blick zu, dann folgte er seiner Schwester mit hängendem Schweif.
Jetzt begann es stärker zu schneien und Blattpfote musste sich immer wieder den Schnee aus den Augen blinzeln.
Großer SternenClan, ist es kalt! Warum muss ich nur so ein dünnes Fell haben?
Es raschelte im Dornentunnel und wenige Momente später trat Grauschweif ins Lager. Erschrocken wich Blattpfote zurück, als sie die tiefe Wunde an der Schulter des grauen Katers entdeckte.
Oh nein! Sind sie etwa angegriffen worden?
Blattpfote stürmte auf die Patrouille zu und stoppte gekonnt neben ihrem Zweiten Anführer. „Ist alles in Ordnung?“, rief sie panisch, „wo ist Echopfote?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, sprang Blattpfote neben den Lagerausgang und prüfte die Luft. Echopfote lief am Ende der Patrouille, hinter ihr war nur Federpfote. Blattpfote erschauderte, als ihr der scharfe Geruch von Blut in die Nase stieg.
Oh nein! Sie ist verletzt!
Ohre Rücksicht auf Haselpfote, der gerade aus dem Tunnel trat, zu nehmen, rannte Blattpfote zum Lagerausgang und zwängte sich in den Dornentunnel.
„He! Nicht so eilig!“, knurrte Schneebart, als Blattpfote mit dem weißen Krieger zusammen stieß.
Ängstlich ließ Blattpfote sich von ihm zurück ins Lager schieben und ging dort unruhig auf und ab.
Ob sie schwer verwundet ist? Wird sie etwa sterben? Nein! Nein, sie darf nicht sterben! Ihren Verlust kann ich nicht auch noch verkraften…
Mondlichtschweif trat mit gesträubtem Fell aus dem Tunnel, dicht gefolgt von Echopfote. Erleichtert lief Blattpfote auf ihre Schwester zu und schmiegte sich an ihre Seite.
„Großer SternenClan! Wurdet ihr angegriffen? Bist du in Ordnung?“ Besorgt sah Blattpfote ihre Schwester an.
Echopfote nickte geistesabwesend und schnurrte. „Ja. Alles ist in Ordnung. Und hat nur…“ Echopfote hustete kurz auf. „Uns hat nur der SturmClan angegriffen“, beendete sie dann ihren Satz.
Blattpfote nickte. „Bist du verletzt?“, fragte sie prompt.
Echopfote schüttelte den Kopf. „Nein, alles ist in Ordnung“, miaute sie und gähnte, „ich muss mich nur ein wenig ausruhen…“
Wieder trat ein verträumter Ausdruck in ihre großen, blauen Augen und sie humpelte über die Lichtung auf den Schülerbau zu. Blattpfote verengte die Augen und blickte ihrer Schwester misstrauisch nach.
Irgendetwas stimmt hier nicht…
Dann sah Blattpfote, dass Echopfotes silbern getigertes Fell am Rücken vor Blut rot gefärbt war, und lief alarmiert auf ihre Schwester zu.
„Echopfote, warte!“, rief sie, „es ist nicht alles in Ordnung! Du bist verletzt!“
Echopfote fuhr zu Blattpfote herum, ihre Augen verengten sich. „Mir geht‘s gut!“, fauchte sie mit wütend funkelnden Augen.
Was ist bloß mit ihr los?, fragte sich Blattpfote verzweifelt, so war sie noch nie!
Blattpfote sprang zu ihr und stellte sich ihr in den Weg. „Nein“, knurrte sie zornig, „du wirst zu Sternlichtglanz gehen, ob du willst oder nicht! Ich lasse nicht zu, dass du einfach so über die Lichtung humpelst, als wäre nichts geschehen!“
Was geschehen ist, möchte ich überhaupt gerne wissen!
Seufzend gab Echopfote sich geschlagen und ließ sich von Blattpfote zur der kleinen Höhle führen, in der Sternlichtglanz‘ Bau untergebracht war. Immer wieder warf Blattpfote ihrer Schwester besorgte Blicke zu. Sie humpelte sehr, schien aber seltsam abwesend zu sein.
Kaum hatten sie den Heilerbau betreten, umfing Blattpfote der würzige Geruch der Kräuter. Sie unterdrückte ein Niesen.
Sternlichtglanz stand in der Mitte des Baus, sie versorgte gerade Schneebart. Der weiße Kater hatte einige Kratzer an den Schultern und den Flanken, schien aber sonst unverletzt zu sein. Er war ein guter Kämpfer.
Als Sternlichtglanz sie entdeckte, winkte sie sie mit einem Schwanzschippen zu sich und wies sie an, sich zu setzen. Blattpfote ließ sich mit steifen Gliedern auf dem kalten Fels nieder und Echopfote ließ sich neben ihr erschöpft fallen.
Sternlichtglanz stand auf und nickte Schneebart zu. „Du bist fertig“, erklärte sie mit sanfter Stimme, „du kannst schlafen gehen, aber mach keine ruckartigen Bewegungen, sonst reißen die Wunden wieder auf!“
„Ja, ja. Ich weiß.“ Der weiße Kater gähnte müde und Blattpfote war sich fast sicher, er würde sich nicht an Sternlichtglanz Befehl halten.
Doch, bestimmt tut er das. Wir haben Blattleere und können uns keine Verletzten leisten, das weiß Schneebart.
Kaum hatte Schneebart den Bau verlassen, wandte die Heilerin sich Echopfote zu. Sie sah erschöpft aus. „Gut, ihr seid die letzten.“ Sie seufzte. „Tut mi leid, es gibt einfach zu viel zu tun. Birkenherz hat sich heute Morgen einen Dorn in die Pfote getreten, Farnschweif hustet, dann noch der Kampf … das ist einfach zu viel!“
Blattpfote nickte verständnisvoll. „Wenn du willst, kann ich dir helfen“, bot sie an, obwohl sie nicht besonders viel Lust hatte, ständig Kräuter zu sortieren.
Sternlichtglanz winkte aber ab. „Das ist nett von dir Blattpfote“, miaute sie, „aber … du musst dich auf deine eigenen Verpflichtungen konzentrieren.“
Sternlichtglanz wandte sich von Blattpfote ab und tappte auf leisen Pfoten zu Echopfote, die einen sehnsüchtigen Blick auf die Lichtung warf. Die Erde war von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die im Sonnenlicht schimmerte.
Libellenjunges und Schmetterlingsjunges bewarfen sich kichernd gegenseitig mit Schnee und jagten einander durch Lager. Feuerauge trat aus dem Ältestenbau und sah den beiden Jungen wehmütig zu, dann machte sie sich auf den Weg übers Lager, wobei sie ihr verkrüppeltes Bein hinter sich her zog.
Sternlichtglanz schnupperte an den Wunden an Echopfotes Rücken, dann nickte sie und tappte zu der Wand der Höhle, in der sie ihre Kräuter aufbewahrte. Wenige Herzschläge kam sie mit einigen Stängeln im Maul zurück.
„Setz dich auf den Boden“, wies sie Echopfote nuschelnd an, „am besten mit dem Rücken zu mir.“
Es war Echopfote leicht anzusehen, dass sie sich unwohl fühlte, als die silberne Kätzin sich in einer steifen Bewegung auf dem harten Stein niederließ.
Sternlichtglanz trat zu der Schülerin und legte die Stängel zu ihren Pfoten ab. Dann begann sie, diese zu zerkauen und auf Echopfotes Wunden zu pressen.
Echopfote sog zischend die Luft ein. „Das brennt“, fauchte sie zwischen zusammen gebissenen Zähnen.
Blattpfote konnte Sternlichtglanz ansehen, dass sie ein belustigtes Schnurren unterdrücken musste. „Es heilt“, erwiderte sie.
Echopfote schnaubte frustriert und richtete sich auf. „Bin ich dann jetzt endlich fertig?“
Sternlichtglanz öffnete gerade den Mund, als ein Ruf durch den Felsenkessel tönte. „Alle Katzen, die alt genug sind, ihre eigene Beute zu erlegen und selbst Entscheidungen zu fällen, rufe ich, Rindenstern, der Anführer des SchneeClans, auf, sich hier, unter dem Großen Baumstumpf, zu einem Clantreffen zu versammeln!“
Erlöst sprang Echopfote auf die Pfoten und huschte aus dem Bau. Blattpfote blickte ihr nach und schnaubte belustigt.
Sternlichtglanz seufzte. „Da ist wohl jemand mit der falschen Pfote aufgestanden“, miaute sie kopfschüttelnd und tappte ins Freie.
Blattpfote folgte der Heilerin und verengte die Augen, als das helle Weiß des Schnees in ihren Augen stach. Es war ein schöner Tag, aber ein eisiger Wind fegte durchs Lager.
Blattpfote erschauderte und trabte in die Mitte des Lagers, wo sich bereits der Clan versammelt hatte. Sie ließ sich neben Ampferpfote nieder und der rotbraune Kater begrüßte sie mit einem Nicken.
„He!“, schnurrte Blattpfote, als sie sich neben ihn setzte, „ist alles…“
„Sei doch leise!“, fauchte Schneebart, der nicht weit von ihnen saß. Sein Pelz roch immer noch nach Sternlichtglanz Kräutern.
Schattenmond tappte an Schneebarts Seite, ihre beiden Jungen hoppelten der Königin fröhlich hinterher, obwohl sie wohl kaum eigene Beute erlegen konnten.
Schmetterlingsjunges hüpfte zu ihrem Vater und sprang ihm auf den Rücken. „Nimmst du uns heute mit in den Wald, Schneebart?“, fragte sie.
Schneebart verrenkte den Kopf und sah seine Tochter aus großen Augen an. „Aber Kleine“, miaute er und schnurrte, „ihr seid doch noch viel zu jung dafür.“
„Ich bin nicht zu jung!“, rief Libellenjunges und sprang den weißen Kater von den Pfoten. Schneebart fiel überrascht um und stieß dabei beinahe Blattpfote von den Pfoten. Sie quiekte erschrocken auf und sprang zurück.
Mondlichtschweif, die vor ihr saß, wandte sich überrascht zu ihr um, dann begann sie fröhlich zu lachen.
Beschämt rappelte Blattpfote sich wieder auf und reihte sich neben Ampferpfote ein. Sie hob den Kopf, um über Mondlichtschweif und Birkenherz, die nebeneinander vor ihr saßen, auf den Großen Baumstumpf blicken zu können.
Rindenstern saß in hoheitsvoller Haltung auf dem alten Baum, unter ihm saßen Federpfote und Haselpfote, ihre Augen strahlten vor Glück. Die Blicke von Haselpfote und Blattpfote trafen sich und Blattpfote nickte dem braunen Kater zu.
Endlich hatte sich der ganze Clan versammelt und Rindenstern begann zu sprechen: „Katzen des SchneeClans, es ist das Ziel einer jeden Katze, einmal vor seinem Clan zu stehen und zum Krieger ernannt zu werden.“ Er warf Sternlichtglanz einen Blick zu. „Natürlich abgesehen von den Heilern, die ihren ganz eigenen Weg gehen.“
Sternlichtglanz nickte zufrieden. Seit der Geburt von Schattenmonds Jungen hatte Blattpfote die beiden kaum zusammen gesehen.
Rindenstern fuhr fort: „jede Katze hat seinen eigenen Namen. Jede Tat, die die Katze tut, wird mit diesem Namen verbunden. Sowohl die guten, als auch die schlechten.“
Er warf einen warnenden Blick in die Runde.
„Diese beiden jungen Katzen“, er warf den Schülern, die unter ihm saßen, einen wohlwollenden Blick zu, „haben sich nun auch ihren vollständigen Namen verdient. Tretet vor, ihr beiden!“
Rindenstern setzte vom Baumstumpf hinab, bis er vor den beiden Schülern stand. Haselpfote trat festen Schrittes vor, Federpfote folgte ihm zögernd.
Rindenstern ließ seinen Blick über die versammelten Katzen schweifen, bis er an Schneebart hängen blieb. „Schneebart!“, rief er.
Schneebart sprang auf die Pfoten.
„Bist du der Überzeugung, dass dein Schüler bereit ist, zum Krieger ernannt zu werden?“
„Ja, das bin ich“, erwiderte Schneebart ohne zu zögern.
Rindenstern wandte sich wieder Haselpfote zu. „Haselpfote, du hast im heutigen Kampf bewiesen, dass du ein guter Kämpfer und ein würdiger Krieger bist. Schwörst du, deinen Clan zu schützen, selbst wenn es dein Leben kostet?“
Haselpfote nickte. „Ich schwöre es, Rindenstern.“
Rindenstern schnurrte erfreut. „Dann gebe ich dir mit der Kraft des SternenClans deinen Kriegernamen. Haselpfote, von diesem Tag an wird dein Name Haselschweif sein. Der SternenClan ehrt dein Geschick und die Loyalität, die du dem SchneeClans entgegenbringst und wir he heißen dich als vollwertiges Mitglied des SchneeClans willkommen!“
Haselschweif trat mit stolz erhobenem Kopf vor und Rindenstern legte dem frisch ernannten Krieger die Nase auf den Kopf. Dann trat Haselschweif wieder zurück und Rindenstern wandte sich Federpfote zu.
„Mondlichtschweif!“, rief er. Die graue Kätzin sprang auf die Pfoten und versperrte so Blattpfote die Sicht. Sie lehnte sich zur Seite, um das Geschehen auf der Lichtung besser beobachten zu können.
Rindenstern fuhr fort: „du bist nicht Federpfotes erste Mentorin, Mondlichtschweif, sowohl Tigerstreif als auch Nachtschweif haben sie zuvor trainiert. Trotzdem hast du dich als eine würdige Mentorin und Federpfote als eine würdige Kriegerin erwiesen.“ Rindenstern schnurrte. „Bist du der Ansicht, dass Federpfote bereit ist, ihren Kriegernamen zu erhalten?“
Mondlichtschweif nickte glücklich, ihr Schwanz peitschte aufgeregt hin und her und traf Blattpfote in die Seite. „Ja, da bin ich.“
Rindenstern wandte sich nun wieder der jungen Schülerin vor sich zu. „Federpfote, auch du hast am heutigen Tage dein Geschick im Kampf und deine Loyalität zu deinem Clan bewiesen. Schwörst du, deinen Clan zu schützen, selbst wenn es dein Leben kostet?“
Federpfote nickte stürmisch und erwiderte mit aufgeregter Stimme. „Ja, ich schwöre es, Rindenstern. Bei meinem Leben.“
Rindenstern schurrte. „Dann gebe ich dir mit der Kraft unserer Ahnen im SternenClan deinen Kriegernamen. Federpfote, von diesem Tage wirst du Federflug heißen. Der SternenClan ehrt deinen Mut und deine Entschlossenheit und wir heißen dich als vollwertiges Mitglied des SchneeClans willkommen!“
Federflug trat zitternd auf ihren Anführer zu und dieser legte ihr die Nase auf den Kopf, während der Clan laut die Namen der neu ernannten Krieger jubelte. „Haselschweif! Federflug! Haselschweif! Federflug!“
Blattpfote stimmte mit ein und ein Schnurren stieg in ihrer Kehle auf.
Vielleicht werde ich ja auch einmal dort oben stehen und Schülern ihre Kriegernamen geben…
Das Schnurren blieb ihr im Halse stecken, als die Gedanken an ihre Mutter sie überwältigten.
Sie ist bestimmt stolz auf Federpfote, versuchte sie sich zu beruhigen, bestimmt sieht sie gerade vom SternenClan auf uns herab. Bestimmt!
Langsam löste sich die Versammlung auf und es wurde dunkler, die Nacht zog auf. Blattpfote stand auf und streckte sich. Es war ein anstrengender Tag gewesen.
Blattpfote ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen und entdeckte Echopfote, die gähnend zum Schülerbau tappte. Plötzlich trat Sternlichtglanz ihr in den Weg und wechselte ein paar Worte mit ihr. Echopfote ließ die Schultern hängen, kehrte um und trottete mit grimmigem Gesichtsausruck zum Heilerbau.
Verwirrt sah Blattpfote zu, wie Sternlichtglanz nun auf sie zukam. In den Augen der Heilerin glitzerte Sorge.
„Blattpfote“, miaute sie mit ernster Stimme, „du weißt, ich muss heute zum Halbmond zur Heilerversammlung im Mondtal. Aber … Echopfote und Grauschweif müssen in meinem Bau bleiben und Farnschweif … nun ja, ich glaube, sie hat Weißen Husten.“
Blattpfote warf einen Blick über die Schulter. Die hübsche Schildpattkätzin beglückwünschte gerade Federflug und Haselschweif, die bereits ihren Platz für die Nachtwache eingenommen hatten, und tappte dann über die Lichtung zu der Höhle, in der der Heilerbau war. Sie hustete kurz, dann verschwand sie im Bau.
„Echopfote hat in den letzten Tagen auch öfter gehustet“, miaute Blattpfote gedankenversunken.
„Was?“ Sternlichtglanz sah sie verwirrt an. „Das werde ich mir nach der Versammlung auch ansehen müssen. Ich möchte nicht, dass hier der Grüne Husten ausbricht.“
Sie seufzte. „Blattpfote … ich weiß, du bist eine Schülerin, aber … du bist sehr begabt im Heilen. Könntest du für diese Nacht auf die Verwundeten Acht geben?“
Blattpfote schnurrte beruhigend. „Klar, kann ich machen. Muss ich … sollte ich noch irgendetwas wissen?“
Sternlichtglanz stieß erleichtert die Luft aus und winkte Blattpfote mit einem Schwanzschnippen in ihren Bau. Blattpfote folgte der goldenen Kätzin in die dämmrige Dunkelheit der Höhle.
Sternlichtglanz schob ihr ein paar Mohnsamen vor die Pfoten. „Die hier“, miaute sie, „musst du ihnen geben, wenn sie Schmerzen haben oder unruhig sind oder … so etwas in der Art.“
Sie tappte wieder zu ihrem Kräuterlager und kam mit einigen grünen Stängeln im Maul zurück, die einen angenehmen Duft ausströmten. „Das hier“, erklärte sie, „gibst du Farnschweif bitte, wenn sie hustet.“
Blattpfote nickte. „Das also gegen Husten. Und die Mohnsamen gegen … gegen…“ „Zur Beruhigung“, erwiderte Sternlichtglanz.
„Das gegen Husten, das zur Beruhigung.“ Blattpfote rang sich ein Schnurren ab. „Gut. Ich glaub, das kann ich mir merken.“
Sternlichtglanz nickte erleichtert. „Ich danke dir, Blattpfote. Ich sollte mich jetzt auf den Weg machen.“ Sie sprang in Richtung des Ausgangs. „Danke, noch einmal!“, rief sie, ehe sie den Bau verließ.
Seufzend trottete Blattpfote in den hinteren Teil der Höhle, wo die Verletzten und Kranken schliefen. Farnschweif und Grauschweif schliefen bereits, aber Echopfote beobachtete sie mit wachsam funkelnden Augen, die in der Dunkelheit einen seltsamen Glanz hatten.
„Na?“, miaute sie mit rauer Stimme, „bist du jetzt auch unter die Heiler gegangen?“
„Nein!“, fauchte Blattpfote, „ich helfe nur!“
„War ja nicht böse gemeint“, grummelte Echopfote, hob ihren buschigen Schwanz und rückte ein Stück zu Seite, „komm, hier ist noch Platz!“
Vorsichtig hob Blattpfote die Stängel und das Blatt mit den Mohnsamen auf und tappte hinüber zu ihrer Schwester. Sie legte die Kräuter auf dem Boden ab und rollte sich neben ihrer Schwester im Moosnest zusammen.
Blattpfote legte die Nase auf ihren zusammengerollten Schweif und lauschte den Atemzügen ihrer Schwester, die immer langsamer wurden, bis Echopfote schließlich einschlief. Blattpfote starrte mit offenen Augen in die Finsternis. Sie musste wach bleiben, um über die Verletzten und Kranken wachen zu können - so schwer es ihr auf fiel.
Blattpfote blinzelte. Die Gedanken kreisten in ihrem Kopf und hielten sie wach.
Sternlichtglanz hat gesagt, ich bin sehr begabt im Heilen - heißt das, dass ich eine gute Heilerin wäre? Vielleicht bin ich als Heilerin ja nützlicher für meinen Clan … nein, ich bin und bleibe eine Kriegerin!
Blattpfote seufzte innerlich.
Ach SternenClan! Warum ist nur alles immer so kompliziert? Nachtschweif, wenn … wenn du mich jetzt hörst, bitte … bitte hilft mir!

11. Kapitel

ECHOPFOTE WUSSTE, wo sie war, noch ehe sie die Augen aufschlug. Der modrige Geruch durchtränkte die Luft - es war unmöglich, ihn zu ignorieren.
Echopfote richtete sich langsam auf und sah sich um. Sie stand inmitten von hohen, blattlosen Bäumen, die weit über ihrem Kopf in tiefer Finsternis verschwanden. Die dicht verzweigten Äste bildeten ein Dach über Echopfote. Sie stand auf einem baumlosen Platz, der etwa fünf Fuchslängen lang war. Um sie herum war nichts, nur in der Mitte des Platzes erhob sich ein riesiger, glatter Felsen.
Echopfote ließ ihren Blick durch den Wald schweifen. Freude stieg in ihr auf.
Sicher will Nachtschweif mich sprechen…
„Nachtschweif?“, rief sie, als sie ihre Mutter zwischen den Bäumen nicht finden konnte, „bist du da?“
„Nein, nicht sie.“
Echopfote fuhr zusammen, als sie die unbekannte Stimme hörte. Langsam drehte sie sich um und entdeckte einen geschmeidigen, braun gescheckten Kater, der mit einigen eleganten Schritten aus dem Wald tauchte.
Echopfote verengte die Augen und fuhr die Krallen aus. „Wer bist du?“, fragte sie mit feindseliger Stimme.
Der Kater schnippte mit dem Schwanz. „Mein Name ist unwichtig“, erwiderte der mit einem Schulterzucken, „viel wichtiger ist: wer bist du?“
Misstrauisch beäugte Echopfote den Kater. Sollte sie ihm wirklich sagen, wie ihr Name war?
„Nein“, beschloss sie, „ich sage gar nichts, ehe ich nicht weiß, wer du bist, und was du von mir willst.“
Der Kater zuckte erneut mit den Schultern. „Wie du willst“, meinte er und wandte sich um, um zu gehen. „Du musst wissen, ich werde dir die Antworten auf beide Fragen geben, sobald du mir deinen Namen genannt hast.“
Der Satz hing einige Augenblicke lang in der Luft.
„Echopfote“, miaute Echopfote schließlich mit kalter Stimme.
„Ah, Echopfote.“ Der Kater drehte sich mit einer geschmeidigen Bewegung um und Echopfote konnte unter seinem glänzenden Fell seine kräftigen Muskeln erkennen.
Sie hob den Kopf. „Und? Wer bist du nun? Und was willst du von mir? Warum bist du im Wald der Finsternis und wo ist…“

„Fragen über Fragen, Echopfote“, miaute der Kater mit scheinbar gelangweilter Stimme. Wut stieg in Echopfote auf. Für wen hielt dieser Fremde sich eigentlich?
Plötzlich fuhr dieser jedoch mit einer fließenden Bewegung herum, stürzte sich auf Echopfote, die völlig überrascht war, und nagelte sie am Boden fest, so dass alle Luft aus ihren Lungen wich.
Japsend schnappte Echopfote nach Atem.
„Du fragst zu viel, kleine Schülerin“, flüsterte er.
„Ich bin nicht klein!“, fauchte Echopfote mit krächzender Stimme. „Ich bin nächsten Mond schon bereit für meine Kriegerzeremonie!“
„Ach ja?“ Spott lag in der Stimme des Katers. „Dann beweis es mir!“
Mit aller Kraft stemmte Echopfote sich gegen den Kater, der sie scheinbar mühelos am Boden festhielt - jedoch ohne Erfolg.
Wenn ich mich nicht blamieren will, muss ich es anders versuchen!, schoss es Echopfote durch den Kopf.
Echopfote hob den Kopf und schnappte nach dem linken Vorderbein des Katers, änderte dann aber die Richtung und grub ihre scharfen Zähne tief ins rechte Bein des Braunen.
Der Kater zuckte zusammen und lockerte den Blick einen Herzschlag lang. Sofort zog Echopfote ihr Vorderbein unter dem Kater weg und stieß ihm damit die Vorderbeine fort. Der Kater taumelte und Echopfote gelang es, sich zu befreien.
Der Braune stand auf und hob den Kopf. „Schon nicht schlecht, für den Anfang. Aber du hast du lange nachgedacht. Du bist du langsam und reagierst nicht schnell genug.“
Misstrauisch starrte Echopfote den Kater an. Was, im Namen des SternenClans, wollte er von ihr? Warum hatten sie sich überhaupt getroffen? Echopfote hatte erwartet, Nachtschweif wiederzusehen.
„Warum?“, fragte sie mit rauer Stimme und kniff die Augen zusammen.
„Ich habe den Kampf mit dem SturmClan gesehen“, erwiderte der Kater schlicht. „Und ich bin der Meinung, dass dein Kampfstil noch sehr - nun ja - verbesserungsfähig ist.“
Echopfotes Fell prickelte vor Scham. „Ja“, gab sie kleinlaut zu.
Der Kater hob den Kopf. „Du bist im Eis eingebrochen“, stellte er fest. „Und du wärst ertrunken, hätte man dich nicht gerettet.“
Bei der Erinnerung an Sturmpfote begann Echopfotes Herz schneller zu schlagen.
„Ja.“ Echopfote blickte auf ihre Pfoten und wäre am liebsten im Boden versunken.
Ihr Gegenüber räusperte sich. „Komm mit“, forderte er sie mit scharfer Stimme auf. „Es gibt viel, was du lernen musst.“
Überrascht sah Echopfote auf. „Was ist lernen muss? Du willst mich … unterrichten?“
Er sah sie spöttisch an. „Nimmst du das Angebot etwa nicht an?“ Er zuckte höhnisch mit den Ohren. „Nötig hast du es.“
Ein Grollen stieg in Echopfotes Kehle auf. Unwillkürlich stellte sich ihr Nackenfell auf. „Wie kommst du darauf, dass ich es annehmen könnte?“ Sie versuchte, ebenso herablassend zu klingen wie der Braune. Mit wenig Erfolg.
Der Kater verdrehte die moosgrünen Augen und wandte sich ab. „Sieh es als eine Ehre, Echopfote“, erwiderte er. „Nicht viele Katzen haben das Potenzial, ein wahrer Krieger zu werden, und ich habe dich ausgewählt, um dir dabei zu helfen, die beste Kriegerin deines Clans zu werden.“
Nun war Echopfotes Neugier doch geweckt. „Die beste Kriegerin?“, hakte sie nach. „Sogar besser als … du denkst also wirklich, ich habe das Potenzial dazu?“
Der Kater nickte ernst.
„Aber - du bist im Wald der Finsternis!“, empörte sich Echopfote. „Woher soll ich wissen, dass ich dir trauen kann?“
Der Kater trat etwas näher an Echopfote heran und sagte mit gesenkter Stimme: „Du musst wissen, Echopfote, jede Katze macht in ihrem Leben Fehler - und manche von ihnen sind so verheerend, dass sie dafür in den finsteren Wald kommen. Aber … manche von uns erhalten die Möglichkeit, ihre Fehler wieder gut zu machen.“
Die Erkenntnis durchzuckte Echopfote wie ein Blitz. Nachtschweif! Vielleicht kann ich ihr helfen, dass sie doch noch in den SternenClan kommt!
Echopfote nickte. „Ich verstehe“, miaute sie. Die Worte ihrer Mutter kamen ihr wieder in den Sinn. Echopfote, du darfst nicht in der Finsternis untergehen. Du musst immer für deinen Clan da sein! War es das, was sie meinte? Würde Echopfote ihrem Clan endlich helfen können wenn sie sich von diesem Kater unterrichten ließ und die beste Kriegerin wurde?
Der Kater schnurrte, aber das Schnurren erreichte seine kalten, blattgrünen Augen nicht. „Dann komm“, miaute er. „Es gibt viel zu tun.“
Er wandte sich um und wollte gerade zwischen den kahlen Baumstämmen verschwinden, als Echopfote rief: „Schickt Nachtschweif dich?“ Sie konnte die Verzweiflung in ihrer eigenen Stimme selbst deutlich hören und wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Wenn ich Gefühle so leicht an mich heranlasse, werde ich nie die beste Kriegerin werden.
Der Braune erstarrte. „Ja“, antwortete er dann ohne sich zu ihr umzudrehen. „Ja, Nachtschweif schickt mich um dich auszubilden.“
Ein erleichtertes Schnurren entkam Echopfotes Kehle. Wenn Nachtschweif wollte, dass dieser Fremde sie ausbildete, dann kam sie diesem Wunsch gerne nach.
Echopfote folgte dem Braunen durch den Wald, die Geräusche ihrer Pfoten auf dem harten Erdboden hallten an den Bäumen wieder. Sie waren schon lange gegangen und Echopfote wollte gerade fragen, wie weit es noch sei, als die Stille des Waldes von noch einem anderen Geräusch durchbrochen wurde. Es klang wie das Rauschen von Wasser - und es wurde lauter. Plötzlich öffnete der Wald sich vor ihnen und machte einem gewaltigen, schwarzen Fluss mit rauschendem, schnell fließendem Wasser Platz.
Geschockt blieb Echopfote stehen. Noch nie zuvor hatte sie einen so breiten Fluss gesehen. Das undurchdringliche, schwarze Wasser, dann nur an wenigen Stellen von spitzen Felsen durchbrochen wurde, schien unendlich weit zu sein; Echopfote konnte das andere Ufer nicht erkennen.
Den Kater schien das Schauspiel völlig kalt zu lassen. Er stupste Echopfote unsanft mit der Nase in die Flanke. „Du zuerst.“
„Was?“ Erschrocken starrte Echopfote den Braunen an. „Das ist nicht dein Ernst, oder?“
Der Braune starrte kalt zurück. „Doch, das ist mein Ernst. Jetzt geh schon!“
Alles in Echopfote sträubte sich dagegen, in das düstere Wasser zu gehen, aber trotzdem holte sie tief Luft und tappte zielstrebig in den Strom hinein. Das eiskalte Wasser leckte an ihren Pfoten und sickerte in ihr Fell und sie musste sich zwingen, weiter zu gehen.
Bald reichte das Wasser Echopfote bis zum Bauch und sie zitterte vor Kälte.
Wie weit soll ich denn noch gehen?
Sie schrak zusammen, als sie einen nassen Pelz an ihrer Flanke spürte und ihr wurde klar, dass der Kater ihr in den Fluss gefolgt war.
„Jetzt stoß dich ab und bewege deine Beine - so, als würdest du rennen“, wies er sie an.
„Was?“ Entsetzt starrte Echopfote ihn an. „Wer bin ich - eine BlattClan-Katze? Ich kann nicht schwimmen!“
„Ja, das habe ich auch schon bemerkt“, entgegnete der Kater trocken, sein nasses Fell schien dunkel, beinahe schwarz zu sein, „gerade deswegen sollst du es ja lernen!“
Und ehe Echopfote wusste, was mit ihr geschah, hatte er sie schon in den Strom geschoben.
Sofort wurde Echopfote von der Strömung erfasst und von den Pfoten gerissen. Panisch begann sie, mit den Pfoten zu strampeln und spürte wieder wie die Angst in ihr aufwallte, die auch von ihr Besitz ergriffen hatte, als sie in den Grenzbach gefallen war.
Großer SternenClan, ich werden ertrinken! Nein, nein … ich werde nicht ertrinken! Das ist nur ein Traum, nur ein Traum…
Echopfote spürte den schlammigen Grund unter ihren Pfoten und stieß sich mit aller Kraft ab. Ihr Kopf durchstieß die Wasseroberfläche, sie blinzelte sich das kalte Wasser aus den Augen. Nahe dem Ufer entdeckte sie den Kater, der sie herausfordernd ansah. „Nun mach schon, Echopfote! Willst du da Wurzeln schlagen? Vielleicht habe ich ja doch nicht die Richtige…“
Das gab Echopfote den Rest. Wütend begann sie, mit den Pfoten das Wasser zu durchpflügen, so, wie der Kater es ihr beschrieben hatte. Aber es war hoffnungslos, gegen den Strom, der an ihrem Fell zerrte, kam sie nicht an - aber immerhin konnte sie sich so an der Wasseroberfläche halten.
Wasser sickerte in Echopfotes Nase, sie hustete und nur durch den einen Moment, in dem sie die Konzentration verlor, gewann der Fluss wieder die Überhand. Echopfote wurde von den Wellen unter Wasser gedrückt, Wasser strömte in ihren Mund. Hustend und keuchend kämpfte sie sich wieder an die Wasseroberfläche.
„Halt die Nase hoch!“, befahl der Kater vom Ufer aus, „du musst oben bleiben!“ Leichter gesagt als getan!
Trotzdem versuchte Echopfote so gut es ging die Nase in die Luft zu strecken und trotzdem weiter schwimmen zu können. Tatsächlich ging es so etwas besser.
Echopfote hob den Kopf stolz noch etwas höher und blinzelte in die Richtung des Katers. Dieser warf ihr einen unzufriedenen Blick zu, ließ sich elegant ins Wasser gleiten und schwamm scheinbar mühelos an ihre Seite. Erstaunt sah Echopfote zu.
Wie macht er das nur? Er scheint nicht die geringsten Schwierigkeiten zu haben!
Der Kater schwamm mit kräftigen Zügen auf einen der Felsen im Wasser zu und erklomm ihn mit einigen Sätzen. Dann winkte er Echopfote mit dem Schwanz zu, ihm zu folgen.
Verstört schwamm Echopfote ihm hinterher und versuchte, nicht in den Wellen unterzugehen. Das aufgetürmte Wasser raubte ihr die Sicht und Echopfote schloss die Augen, während die Strömung an ihren Pfoten zerrte.
Weiter, weiter … einfach immer weiter…
Echopfote stieß an etwas Hartes und klammerte sich mit aller Kraft mit den Pfoten daran fest. Sie riss die Augen auf und fast sofort ließ eine Welle ihr die Welt vor Augen verschwimmen. Verbissen krallte Echopfote sich an den Fels und zog sich langsam, Stück für Stück, den Fels hinauf.
Als ihre Pfoten an etwas Weiches, Warmes stießen, öffnete sie die Augen einen Spalt und blinzelte sich das Wasser hinaus. Vor ihr saß der braune Kater, der sie abwartend anstarrte.
Mit einem Ruck zog Echopfote sich auf den Fels und ließ sich keuchend neben ihm nieder. „Und?“, fragte sie mit glänzenden Augen, „wie war ich?“
Der Kater erwiderte ihren Blick missbilligend. „Deine Bewegungen müssen fließend sein“, antwortete er schließlich, „kämpfe nicht gegen den Strom an - schwimm mit ihm.“
Verwundert sah Echopfote ihn an. Wie kann man denn mit dem Strom schwimmen, wenn man gegen die Strömung schwimmt?
„Noch einmal“, forderte der Kater.
Seufzend ließ Echopfote sich zurück ins Wasser gleiten. Sofort begann die Strömung an ihrem Fell zu zerren und Echopfote musste sich dazu zwingen, die einfach gewähren zu lassen.
Kämpf nicht dagegen an … du darfst nicht dagegen ankämpfen…
Die Wellen schwappten über Echopfotes Nase, sie bekam keine Luft mehr und reckte den Kopf in die Höhe.
Ich schaffe das nicht … ich kann das einfach nicht schaffen … oh, SternenClan, wie soll das nur gehen?
Echopfote holte tief Luft, dann begann sie, mit der Kraft, die ihr vom anstrengenden Schwimmen von geblieben war, mit den Pfoten zu schlagen. Sie spürte, wie das Wasser in ihre Seite schlug und versuchte sich so zu drehen, dass sie mit dem Strom schwamm.
Nun schob das Wasser Echopfote von hinten an und sie versuchte, all ihre Kraft in gleichmäßige, kräftige Pfotenschläge zu stecken, und sich möglichst im Rhythmus der Wellen zu bewegen. Und plötzlich schien ihr das Schwimmen ganz leicht zu fallen, sie glitt durchs Wasser, wie der Kater zuvor.
Ich schwimme! Großer SternenClan, ich schwimme!
Stolz hob Echopfote den Kopf und überblickte die weite Wasserfläche vor ihr. Einige Fuchslängen von ihr machte der Fluss eine Biegung und verschwand im Wald. An der Biegung stachen unzählige, silbrige Felsen aus dem dunklen Wasser. Echopfote hielt auf einen flacheren von ihnen zu und klammerte sich an dem nassen Stein fest. Verbissen kämpfte sie sich hinauf.
Oben angekommen richtete sie sich gerade auf und ließ ihren Blick über den rauschenden Fluss gleiten. Nicht weit von ihr schwamm der Kater mit eleganten Bewegungen durch den Strom und hielt geradewegs auf sie zu; wenige Herzschlage später hatte er sich auch schon neben sie auf den Stein gezogen.
„Gut“, sagte er schlicht.
Freude stieg in Echopfote auf. Er hatte sie gelobt. „Gut?“, wiederholte sie und schüttelte sich das Wasser aus dem nassen Pelz.
Der Kater nickte. „Jetzt zurück“, wies er sie an.
Echopfotes Mut sank. „Was?“, hörte sie sich selbst fragen, „aber … aber … das ist unmöglich! Der Fluss fließt viel zu schnell!“
„Nichts ist unmöglich“, erwiderte der Kater, „solange du es noch nicht probiert hast!“ Mit diesen Worten ließ er sich ins kalte Wasser gleiten und schwamm mit kräftigen Zügen gegen die Strömung zurück.
Entsetzt sah Echopfote ihm hinterher. Das schaffe ich nie! Trotzdem ließ sie sich etwas ungelenk ins Wasser gleiten.
Sofort wurde Echopfote von der Strömung erfasst und wie ein welkes Blatt mitgerissen. Voller Verzweiflung paddelte sie mit den Pfoten, versuchte, nicht unter zu gehen.
Die Worte des Katers hallten in Echopfotes Gedanken nach. Deine Bewegungen müssen fließend sein. Kämpfe nicht gegen den Strom an - schwimm mit ihm.
Sie holte tief Luft und ließ sich einen Moment lang einfach treiben, während alles in ihr danach schrie, sich zu bewegen, nicht aufzugeben.
Kämpfe nicht dagegen an! Kämpfe nicht gegen den Strom an!
Echopfote schlug langsam mit den Pfoten und versuchte, ihre Bewegungen den Bewegungen der Wellen anzupassen.
Bewege deine Beine so, als würdest du rennen…
Echopfote hob den Kopf und entdeckte den Kater, der am Ufer auf sie wartete. Seine dunklen Augen blitzten bedrohlich im dämmrigen Licht und einen Moment lang überschattete Angst Echopfotes Gedanken.
Er will dir helfen, wies sie sich zurecht, er will nur, dass du die beste Kriegerin deines Clans wirst! Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben…
Eine Welle erfasste Echopfote und warf sie zurück, während ihre Pfoten immer schwerer wurden.
Nein! Ich darf jetzt nicht aufgeben! Wie soll ich sonst die beste Kriegerin werden?
Verbissen kämpfte Echopfote sich weiter - und plötzlich ging alles ganz schnell. Sie wurde erneut von einer heftigen Welle zurück geschleudert und verlor für einen Augenblick die Konzentration, Wasser verschleierte ihre Sicht, blind versuchte Echopfote, die richtige Richtung zu finden. Und mit einem mal schien das Schwimmen ihr ganz leicht fallen und sie glitt durch das eisige Wasser, wie es nur eine BlattClan-Katze können dürfte.
Echopfote hob ruckartig den Kopf, während Glück sie durchströmte. Ich schwimme! Ich schwimme gegen den Strom an! Es geht tatsächlich…
Ein Schnurren stieg in Echopfote auf. Sie beschleunigte ihre Bewegungen und steuerte auf den Kater an, der vom Ufer aus zu ihr hinüberblickte. Zufriedenheit lag in seinen grünen Augen. Echopfote atmete stolz auf.
Ja! Jetzt kann er stolz auf mich sein - mein ganzer Clan kann das!
Echopfotes Pfoten stießen auf Kies und ihre silbernen Krallen gruben sich tief in die winzigen Steinchen. Sie stemmte sich aus dem Wasser und augenblicklich ergriff die Schwerkraft wieder von ihr Besitz.
Mit tropfendem Fell trottete Echopfote auf den Kater zu. „Das war … toll!“, keuchte sie begeistert.
Der Kater schnurrte. „Gut gemacht“, miaute er mit warmer Stimme, „weiter so, junge Echopfote.“
Erneut stieg Wut in Echopfote auf, als sie hörte, wie er sie jung nannte, doch sie verkniff sich eine bissige Bemerkung.
Der Kater wandte sich um und ließ sich mit einer eleganten Bewegung im dunklen Sand nieder. Echopfote ließ sich atemlos neben ihn fallen. „Was machen wir jetzt?“, wollte sie aufgeregt wissen.
„Warten“, erwiderte der Braune schlicht.
„Warten?“ Enttäuschung stieg in Echopfote auf. „Warum?“
Der Kater zuckte mit den Ohren. „Ein guter Krieger muss auch Geduld haben. Er darf nichts überstürzen, um einen Kampf für sich zu entscheiden.“
Echopfote hob den Kopf etwas. „Echt? Ich kann warten“, miaute sie, obwohl sie wusste, dass das nicht stimmte. Gerade deshalb hatte Blattpfote schon immer besser jagen können als sie.
„Dann beweis es mir“, forderte der Kater.
Echopfote hob stur den Kopf und legte sich den buschigen Schwanz um die Pfoten. Sie ließ ihren Blick durch den Wald schweifen. Die kahlen, dornenspitzen Äste reichten hoch in die Luft hinauf, Echopfote sah nichts als Finsternis. Auch auf dem Boden wuchs nichts, dort war nur harte, blanke Erde. Außer dem Rauschen des Flusses war kein Geräusch zu hören.
Ein Rascheln rechts von ihr ließ Echopfote zusammen zucken. „Was … was war das?“, fragte sie beunruhigt.
Der Kater zuckte mit den Schultern. „Nichts, was uns gefährlich werden könnte“, miaute er, „niemand weiß genau, wer sonst noch hier im Wald der Finsternis umgeht.“
Echopfote erschauderte. „Wie heißt du nun eigentlich?“, fragte sie um ihre Angst zu überspielen.
Erneut zuckte der Braune mit den Schultern. „Das ist nicht von Belang.“
Fauchend sprang Echopfote auf die Pfoten. „Du hast es mir versprochen!“
„Und?“
„Versprechen muss man halten!“
„Wer sagt das?“ Der Kater funkelte Echopfote herausfordernd an.
Diese wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als das unheimliche Rascheln erneut ertönte. Echopfote fuhr die Krallen aus und sah sich ängstlich um.
„Was ist das?“, wiederholte sie und duckte sich unwillkürlich.
Auch das lange, dunkle Fell des Katers sträubte sich. Er sah sich um und Echopfote konnte sein Unbehagen deutlich spüren.
Erneut raschelte es bedrohlich.
„Renn!“, flüsterte der Kater.
Stur hob Echopfote den Kopf. „Nicht, ehe du mir deinen Namen genannt hast!“
„Jetzt lauf endlich, Echopfote!“, miaute der Kater drängend, echte Angst lag in seinen smaragdgrünen Augen.
Echopfote seufzte. „Ich warte?“
Und wieder raschelte es.
„Lauf endlich, Echopfote! Das ist ein Gegner, gegen den keiner von uns etwas ausrichten kann! Nicht du, nicht ich und nicht wir beide gemeinsam!“ Der Kater stieß Echopfote unsanft in die Seite.
Panik überkam Echopfote, sie wirbelte herum und rannte, rannte, so schnell ihre Pfoten sie trugen. Der düstere Wald sauste an ihr vorbei, das Rauschen des Flusses toste in ihren Ohren. Und plötzlich schallte noch etwas anderes durch den Wald.
„Wie sehen uns! Wenn du mich suchst, geh zum einsamen Stein! Hörst du? Geh zum einsamen Stein!“ Der Ruf des Katers übertönte sogar das Rauschen in Echopfotes Kopf. „Und … Laubstern. Mein Name war Laubstern.“
Echopfote erstarrte augenblicklich.
Laubstern! Kann er … er muss es sein! Das muss Laubstern sein! Aber - warum ist er hier?
Echopfote drehte sich langsam um. Der Wald schien vor ihr zurückzuweichen, so als hätte er selbst Angst vor dem Grauen in ihm. Ein eisiger Windstoß wehte Echopfote entgegen und brachte den Geruch von Panik und grenzenlosem Hass mit sich. Echopfotes Fell sträubte sich.
Renn! Das ist kein Ort für dich!
Und Echopfote wirbelte herum und rannte.

12. Kapitel

KÄLTE DRANG IN Echopfotes Fell. Sie riss die Augen auf und sah sich überrascht um. Sie war wieder im Wald der Finsternis.
Seit Laubstern sie vor sieben Sonnenaufgängen das erste Mal besucht hatte, hatte Echopfote oft über die Worte des ehemaligen Anführers nachgedacht. Aber sie hatte sich einfach keinen Reim auf das, was er gesagt hatte, machen können - und jede Nacht friedlich geschlafen.
Echopfote stand auf und schüttelte sich den Dreck, der sich von Boden an ihr festgesetzt hatte, aus dem Pelz. »Laubstern?«, rief sie, »bist du da?«
Nur Stille antwortete ihr.
Echopfote trat ein paar Schritte vor. »Laubstern! Wo bist du?« Echopfote legte den Kopf schräg und spitzte die Ohren. Keine Antwort.
Echopfote schüttelte den Kopf, dann wurde es ihr schlagartig klar. Der Kater würde nicht zu ihr kommen - sie musste zu ihm kommen.
Wenn du mich suchst, geh zum einsamen Stein! Hörst du? Geh zum einsamen Stein!
»Der einsame Stein«, murmelte Echopfote, während sie lostrottete, »beim SternenClan, was ist der einsame Stein?«
Ihre Schritte hallten laut durch den Wald und durchbrachen die tiefe Stille. Echopfote sträubte sich das Fell, als sie an das unheimliche Rascheln dachte.
Das ist ein Gegner, gegen den keiner von uns etwas ausrichten kann! Nicht du, nicht ich und nicht wir beide gemeinsam!
Laubsterns Worte kreisten in ihrem Kopf.
Was da wohl ist … egal, diesmal werde ich bereit sein!
Echopfote beschleunigte ihre Schritte. Ich muss den einsamen Stein finden - denn dann werde ich auch Laubstern finden.
Plötzlich wich der Wald zurück und Echopfote stolperte überrascht auf eine weitläufige Lichtung. Sie grub ihre Krallen in den harten Boden um ihren Fall zu bremsen und sah sich um. Die Lichtung war vollständig kahl, nur in ihrer Mitte ragte eine gewaltige Felsnadel in den schwarzen Himmel.
Echopfotes Herzschlag beschleunigte sich. Hier habe ich Laubstern das erste Mal getroffen! Das muss der einsame Stein sein!
»Laubstern?«, rief Echopfote mit lauter Stimme, »ich weiß, dass du hier bist!«
Aus den langen Schatten am Rand der Lichtung löste sich ein schlanker, dunkler Schemen und trat ins Licht. Es war Laubstern, der gescheckte Kater trat mit geschmeidigen Schritten ein paar Katzenlängen auf Echopfote zu.
„Echopfote“, miaute er mit sanfter Stimme, „ich wusste, du würdest kommen.“
„Natürlich“, schnurrte Echopfote und Vorfreude auf das Kampftraining stieg in ihr auf, „du hast mir schließlich gesagt, ich solle herkommen.“ Freudig trat sie auf ihren Mentor zu. „Was machen wir heute?“, wollte sie wissen, „üben wir wieder…“
Laubsterns Schwanz schoss in die Höhe und der Kater funkelte Echopfote an. Verwirrt blieb die hellgraue Schülerin stehen.
Trotz seinen warnend blitzenden Augen war Laubstern Stimme ruhig und bestimmt. „Hatte ich dir nicht gesagt, du solltest dich in Geduld üben?“, miaute er missbilligend, „bevor wir beginnen, muss ich dir noch jemanden vorstellen.“ Er schnippte mit dem Schwanz.
Echopfote verengte die Augen um besser sehen zu können, als sich zwei weitere Gestalten aus der Finsternis lösten. Es waren zwei Katzen, ihre Augen leuchtenden in der Dunkelheit.
Der kräftige, langhaarige Kater, der neben Laubstern trat, hatte leuchtend rotes Fell, das von helleren, fast goldenen Streifen durchzogen wurde. Seine Augen leuchteten in einem hellen grasgrün. Echopfotes Fell kribbelte vor Unbehagen - der Kater erinnerte sie an Flammenfuß.
Die zierliche Kätzin, die ihm zögernd folgte, hatte glattes, makellos weißes Fell, das in der Dunkelheit leuchtete wie Schnee in der Nacht. Sie hatte helle, goldene Augen, in denen ein Ausdruck lag, den Echopfote nicht einordnen konnte. Angst? Oder etwa … Trauer?
Laubstern ergriff das Wort und durchbrach so die betretene Stille auf der Lichtung: „das sind Eissturm und Flammenherz. Auch sie waren einst Teil des SchneeClans.“
Der rote Kater - Flammenherz, wurde Echopfote klar - verengte die Augen und knurrte: „das ist also deine Schülerin, Laubstern? Nehm es mir nicht böse, aber … Laubstern! Wie soll ein kleines, schmächtiges Junges uns denn bitte helfen?“
„Ich bin nicht klein und schmächtig!“, fauchte Echopfote zornig, aber ihre Stimme klang dünn und ängstlich. Verärgert rümpfte sie die Nase.
Laubstern zuckte nur teilnahmslos mit der Schwanzspitze. „Flammenherz“, miaute er mit leiser Stimme, „sieh dir Eissturm an. Sie ist auch klein und zierlich - und trotzdem war sie dazu in der Lage, eine Katze zu töten.“
Echopfotes Fell sträubte sich unwillkürlich. Mörder! Das sind Mörder!
Echopfote zwang ihr Fell dazu, sich wieder anzulegen. Na und? Nur, weil sie Mörder sind, muss ich das ja nicht auch werden!
Eissturm senkte den Blick auf ihre Pfoten und Echopfote wusste nicht, ob vor Verlegenheit oder vor Scham.
Die weiße Kätzin erinnerte Echopfote ein wenig an Federflug - unscheinbar und ständig in Verlegenheit, aber trotzdem eine gute Kämpferin. Schließlich hatte sie es geschafft, Sturmpfote schwer zu verwunden…
Echopfote zwang ich, nicht an den grauen Kater mit den großen, blauen Augen zu denken, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu dem Kater ab.
Das sind dumme Gedanken! Wahrscheinlich bin ich für ihn nur eine lästige Erinnerung - oder gar nichts. Echopfote wusste nicht, was schlimmer war.
„Das heißt nicht, dass deine feine Schülerin genauso ist!“, fauchte Flammenherz Laubstern an.
Nein! Ich bin keine Mörderin!, dachte Echopfote verbissen.
Laubstern zuckte mit der Schwanzspitze. „Sie hat das Potenzial zu einer großartigen Kriegerin, Flammenherz“, erwiderte er mit ruhiger Stimme.
„Ach ja?“, miaute dieser spöttisch.
Laubstern senkte die Stimme und Echopfote musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen. „Sie ist Nachtschweifs Tochter“, murmelte er, „du weißt, was ich meine.“
Verwirrung stieg in Echopfote auf. Aber ich nicht!
Flammenherz schien überrascht zu sein. „Ja.“ Er wandte sich Echopfote zu und musterte sie von oben bis unten. „Besonders ähnlich sieht sie ihr aber nicht“, schlussfolgerte er.
Echopfotes Nackenfell sträubte sich erneut. Alle sagten immer, sie sah ihrer Mutter sehr ähnlich und sie hätten dieselben Augen - dass Flammenherz etwas anderes sagte, verwirrte sie.
„Und?“, entgegnet Laubstern, „spielt das eine Rolle?“
„Nicht unbedingt“, knurrte Flammenherz.
„Also.“ Laubstern wandte sich wieder seiner Schülerin zu. „Heute werden wir nicht schwimmen gehen.“
Echopfote atmete innerlich auf. Als sie aufgewacht war, war ihr Pelz zwar trocken gewesen, aber fast der ganze Clan hatte sie auf den modrigen Geruch, der an ihrem Fell gehaftet hatte, angesprochen.
Laubstern fuhr fort. „Heute habe ich etwas anderes geplant. Klettere mal auf den Felsen dort.“ Er wies mit der Nase auf den einsamen Stein.
Echopfote drehte sich langsam um. Über ihr ragte der Fels viele Schwanzlängen in den dunklen Himmel hinein, die silbrig schimmernden Wände waren glatt wie Eis. „Was? Ich soll da hoch klettern? Wie denn das?“
Laubsterns Miene blieb ausdruckslos. „Tu es“, zischte er, „du weißt genau, dass du es kannst.“
Echopfotes Fell sträubte sich.
Nein, um ehrlich zu sein weiß ich nur, dass ich das ganz sicher nicht kann!
Trotzdem trat sie zu dem Felsen und blickte hinauf. Sie spürte den brennenden Blick der drei Krieger auf ihrem Fell und ermahnte sich, Ruhe zu bewahren. Das ist ganz einfach, ganz einfach …
Echopfote holte tief Luft, stieß sich mit den Pfoten ab und segelte durch die Luft auf den Fels zu. Sie kniff die Augen zusammen, kurz, bevor sie gegen den harten Stein prallte. Die Wände waren kalt wie Eis und genauso glatt.
Panik überkam Echopfote. Ich rutsche ab!
Sie versuchte, ihre langen Krallen in den silbernen Felsen zu graben, rutschte aber immer weiter ab. Wütend suchte sie mit ihren Hinterpfoten nach Halt.
Was soll das Ganze? Ich bin eine SchneeClan-Schülerin! Wozu muss ich das je können?
Die Erinnerung an den Kampf auf dem Eis durchzuckte sie wie ein Blitz und ihr wurde klar, warum Laubstern ihr das beibringen wollte. Auf dem Eis hatte sie fast sofort den Halt verloren und hatte deshalb kaum eine Chance gehabt. Echopfotes Fell prickelte vor Scham, als sie sich an das Ereignis erinnerte.
Ohne Grauschweif hätte ich den Kampf verloren. Was bin ich bloß für eine nutzlose Schülerin! Aber … Laubstern sagt, ich kann eine gute Kriegerin werden … aber wie, wenn ich noch nicht einmal einen einfachen Kampf gewinnen kann?
Mit neuem Mut stemmte Echopfote ihre Hinterpfoten gegen den Stein und stieß sich mit ganzer Kraft ab. Sie erreichte den oberen Rand des Felsens knapp mit den Vorderpfoten und hievte sich mit letzter Kraft hinauf.
Stolz erfüllte sie, als sie sich aufsetzte und ihren Blick zu den drei Kriegern mehrere Katzenlängen unter ihr schweifen ließ. Flammenherz und Laubstern standen direkt am Fuß des Felsens, während Eissturm am Rand der Lichtung stand und aufmerksam den Wald musterte. Ihr Ausdruck hatte etwas Besorgtes und zum ersten Mal fiel Echopfote auf, dass ihr Fell nicht rein weiß war, sondern von vielen, kaum sichtbaren silbernen Streifen durchzogen wurde.
Laubstern trat gerade näher zum Felsen, als Eissturm zusammenzuckte und auf den früheren Anführer zu eilte. Sie machte neben ihm Halt und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was Echopfote nicht verstehen konnte. Laubsterns Augen weiteten sich und sein langes Fell sträubte sich.
»Echopfote!«, rief er ihr zu, »komm runter!«
Echopfote starrte ihn einen Moment lang an. Ich soll da runter springen? Das kann nicht sein Ernst sein! Das ist viel zu hoch!
Einen Moment lang rang Echopfote mit dem Gedanken, zu springen, dann kniete sie sich an den Rand und schlitterte auf dem Bauch den Stein hinab. Kurz, bevor sie den Boden erreicht, überschlug sie sich und landete hart auf dem Rücken. Keuchend rappelte sie sich auf. Sie schüttelte sich das schmutzige Fell und wartete auf Laubsterns Missbilligung. Vergeblich.
»Echopfote, trainiere bitte mit Flammenherz weiter. Eissturm und ich müssen noch etwas … erledigen.« Seine dunklen, smaragdgrünen Augen funkelten Echopfote an. Sie erschauderte.
»Klar. Gut«, miaute sie schlicht, obwohl sich alles in ihr gegen das Training mit dem muskulösen Kater sträubte. Sie misstraute ihm.
Laubstern nickte Eissturm zu und die beiden wirbelten herum, ehe sie im dichten Wald verschwanden. Echopfote sah ihnen einen Moment lang nach, bis ein Räuspern ihre Gedanken unterbrach. Langsam drehte sie sich um und starrte genau in Flammenherz funkelnde Augen.
„Greif mich an“, knurrte der Kater.
Ohne zu zögern stürzte Echopfote sich auf den flammenfarbenen Kater und hatte dabei sein flauschiges Bauchfell im Visier. Bevor sie den Kater jedoch erreicht hatte, spürte sie einen stechenden Schmerz im Nacken und wurde vor den Pfoten gerissen. Erschrocken hieb Echopfote um sich, bis ihr klar wurde, dass es sinnlos war. Sie überlegte fieberhaft, wie sie es schaffen konnte, den Kater zu besiegen.
Du denkst zu lange nach - das hat Laubstern gesagt …
Echopfote knurrte und hieb mit den Hinterpfoten in Richtung des roten Katers. Zu ihrer Überraschung erwischte sie ihn an der Brust und Flammenherz ließ sie erschrocken fallen.
Sofort rappelte Echopfote sich wieder auf und stürzte sich auf den Kater, das Blut rauschte in ihren Ohren.
Wie kommt er dazu, mich klein und schmächtig zu nennen! Ich werde ihm zeigen, wer hier schmächtig ist!
Echopfote fauchte, sprang auf Flammenherz‘ Rücken und grub ihre Krallen hinein. Flammenherz schüttelte sich mit Leichtigkeit ab, aber das hatte Echopfote erwartet. Sie duckte sich und glitt in den Schatten den einsamen Steins. Vorsichtig kroch sie um den Fels herum, so dass sie Flammenherz sehen konnte.
Der flammenfarbene Kater stand benommen auf und schüttelte sich das zerzauste Fell. Einige Tropfen Blut spritzten heraus.
Echopfote zuckte zusammen. War … war ich das etwa? Das sollte ein Trainingskampf sein!
Flammenherz bleckte die Zähne und sträubte das Fell. „Komm raus, Echopfote! Ich weiß, dass du da bist!“
Plötzlich packte Echopfote Angst vor dem Kater. Sie erinnerte sich daran, was Laubstern und er über Eissturm gesagt hatten. Er würde ich ohne mit der Wimper zu zucken umbringen …
Echopfotes helles Fell sträubte sich verräterisch und sie kroch noch tiefer in den Schatten. Großer SternenClan, worauf habe ich mich hier bloß eingelassen?

„Echopfote? Echopfote!“
Echopfote zuckte zusammen, als sie die Stimme ihrer Schwester hörte. Sie schrak auf und blickte in Blattpfotes strahlend grüne Augen.
„Blattpfote!“, keuchte sie.
Blattpfote sah sie schockiert an. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.
Echopfote nickte langsam, während ein stechender Schmerz durch die Wunde in ihrem Nacken schoss. „Ja“, seufzte sie, stand auch und streckte sich. „Danke, dass du mich geweckt hast.“
Blattpfote zuckte mit den Schultern. „Grauschweif hat dich für die Morgenpatrouille eingeteilt.“
Echopfote nickte erneut. „Gut. Nochmal danke!“ Sie machte sich auf den Weg zum Eingang des Baus, aber Blattpfote lief ihr hinterher.
„Warte!“, rief sie, „was war denn? Hattest du einen Albtraum?“
Könnte man so nennen.
Blattpfote strich an ihr vorbei und berührte sie sanft mit der Schwanzspitze. „Du kannst mir alles erzählen. Das weißt du.“
Echopfote nickte gedankenverloren. Was wäre, wenn ich ihr von Laubstern erzählen würde? Und von Nachtschweif? Sie konnte mir helfen! Einen Moment lang kämpfte Echopfote mit dem Gedanken, dann verwarf sie ihn wieder. Nein! Sie würde es nicht verstehen und … ich will sie nicht verlieren!
„Ich muss los.“ Echopfote berührte ihre Schwester voll Zuneigung mit der Nase, dann schlüpfte sie ins Freie. Einige Herzschläge wurde sie vom hellen Sonnenlicht geblendet, dann sah sie sich im Felsenkessel um.
Obwohl es noch früh war und die Sonne kaum den Rand der Felswände überwunden hatte, herrschte im Lager schon reger Betrieb. Libellenjunges und Schmetterlingsjunges jagten einander über die Lichtung, Honigherz und Feuerauge saßen nebeneinander in der Sonne und gaben sich die Zungen, Sternlichtglanz unterhielt sich mit Schneebart, während sie eine Kräutermischung auf den Wunden des wuscheligen, getupften Katers verteilte. Es war am letzten Tag erneut zu einem Kampf gekommen, bei dem er verletzt worden war.
„Echopfote!“ Grauschweif trat auf seine Schülerin zu. „Komm! Ich führe die Patrouille zur BlattClan-Grenze an.“
Echopfote nickte und sprang ihrem Kater hinterher, der zum Lagerausgang eilte, wo sich bereits Birkenherz, Mondfeuer und Goldfell versammelt hatten.
Verwirrt blickte Echopfote Birkenherz an. „Wo ist Blütenpfote?“, fragte sie. Normalerweise kamen Schüler mit ihren Mentoren auf Patrouille.
Der gestreifte Kater zuckte bloß mit der Schwanzspitze. „Sie ist mit Farnschweif, Halbohr und Tigerpfote auf Jagdpatrouille“, erwiderte er, „wir waren bereits gestern mit auf der Morgenpatrouille.“
Echopfote nickte und gesellte sich zu ihrer Freundin Goldfell. „Meinst du, es kommt zum Kampf?“, flüsterte die orangefarbene Kriegerin ruhig.
Echopfote zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht“, miaute sie vorsichtig, „warum sollte es?“
„Der BlattClan war schon immer aggressiv uns gegenüber“, antwortete Goldfell, „außerdem warten sie immer noch auf eine Möglichkeit, sich an dem Kampf im Blattfall zu rächen.“
Echopfote zuckte zusammen, als sie sich an den schrecklichen Kampf erinnerte. »Aber … woher willst du das so genau wissen?«
»Halbohr hat mir erzählt, dass Bachpfote da etwas angedeutet hat«, erwiderte Goldfell.
Die Patrouille setzte sich in Bewegung und Goldfell und Echopfote folgten ihren Clangefährten langsam aus dem Lager. Im Wald war es noch kälter als im Lager und glitzernde Eiszapfen hingen von den kahlen Ästen hinab. In den letzten Tagen hatte es noch mehr geschneit und der Schnee reichte Echopfote nun beinahe bis zum Bauch. Die fünf Katzen stapften hintereinander durch den verschneiten Wald und steuerten die BlattClan-Grenze an. Allmählich fiel Echopfote immer mehr zurück und musste sich anstrengen, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Warum muss ich auch noch so klein sein? Ich bin schon fast zwölf Monde alt!
Der nasse Schnee blieb an Echopfotes Bauchfell haften und sie musste sich immer wieder schütteln, damit ihr Fell nicht durchweicht wurde. Sie atmete erleichtert auf, als sie endlich das Rauschen des großen Flusses vernahm. Wenige Herzschläge später tauchte auch der Fluss zwischen den Bäumen auf.
Der Fluss war zwar nicht so breit und reißend wie der im finsteren Wald, aber dennoch erfasste Echopfote jedes Mal eine Woge von Ehrfurcht, wenn sie die schäumenden Wassermassen erblickte. Der Fluss strömte mit unglaublicher Geschwindigkeit durch den Wald und wurde von Felsklippen begrenzt, die von Moosen und Flechten überwuchert waren. Auf den hoch aufgetürmten Wellen tanzten Schaumkronen auf und ab, das Wasser selbst war klar und man konnte, wenn man auf den Klippen stand, jeden Kiesel einzeln sehen. Jetzt schien das Wasser grau zu sein, da sich der wolkenverhangene Himmel darin spiegelte.
Die Grenze verlief direkt am Ufer, dort, wo das kalte Wasser einen schmalen Sandstreifen umspülte und ein spitzer Fels aus dem Wasser ragte. Der BlattClan-Geruch stieg Echopfote entgegen wie Regen. Sie rümpfte die Nase.
„Ich frage mich, wie der BlattClan seinen eigenen Geruch erträgt“, murmelte sie an Goldfell gewandt.
Diese schüttelte bloß den Kopf. „Gar nicht“, erwiderte sie, „deshalb wollen sie auch immer unser Territorium stehlen!“
„Gut möglich“, sagte Echopfote verbissen und schüttelte sich einen Schneeklumpen vom Kopf, „aber, Goldfell, vielleicht haben sie inzwischen selbst gemerkt, wie widerlich Fisch ist, und wollen deshalb auch Mäuse und Eichhörnchen umsteigen.“
Die beiden kicherten.
Die Patrouille versammelte sich an der Kante der Klippe, ungefähr fünf Schwanzlängen über dem Sandstrand unten.
Grauschweif schnippte mit seinem buschigen Schweif und scharrte die Patrouille um sich. Dann wandte er sich an Goldfell. „Goldfell, du bist die geschmeidigste und schlankeste von uns. Klettere du nach unten und markiere die Grenze. Mondfeuer, du hilfst ihr.“
Der graue Kater nickte.
Grauschweif fuhr fort: „Echopfote, du gehst im Wald jagen. Ich möchte, dass wir den leeren Frischbeutehaufen etwas auffüllen. Birkenherz, du wirst mit ihr gehen.“
Birkenherz nickte und schnippte mit dem Schwanz in Richtung des Dickichts. „Komm. Gehen wir.“
Echopfote folgte dem schlanken Kater in dem Wald. Die beiden ließen den Fluss schon bald hinter sich, nur das leise Rauschen des Wassers war noch zu hören.
Echopfote schob sich hinter Birkenherz auf eine Lichtung. Der gestreifte Kater war stehen geblieben und sah sie an. „Was schlägst du vor?“, miaute er.
Echopfotes Fell prickelte vor Aufregung. Obwohl sie nur eine Schülerin war und Birkenherz ein viel älterer und erfahrenerer Krieger war erteilte er ihr das Kommando! „Ich … ähm … ich würde … vielleicht zum zerspaltenen Baum?“
Birkenherz nickte. „Dann los.“
Die beiden setzten sich in Bewegung. Der zerspaltene Baum war ganz in der Nähe, nur ein Stück flussaufwärts. Vor unzähligen Monden, als die ersten Krieger der Clans am See lebten, wurde der Baum von einem Blitz in gespalten und wurde nun von den Clans für Grenzmarkierungen genutzt.
Echopfote und Birkenherz erreichten den Fluss und wandten sich flussaufwärts. Einige Fuchslängen vor ihnen machte der Fluss eine Biegung und verschwand zwischen den Bäumen. Die beiden folgten dem rauschenden Wasser und erklommen eine leichte Erhebung, bevor sie den verkohlten Baum erreichten.
Birkenherz wandte sich zu Echopfote um, seine Schnurrhaare zuckten. „Teilen wir uns auf?“
Echopfote nickte und schnupperte. Ganz in der Nähe musste eine Maus sein, ihr Geruch hing in der kalten Luft.
„Gut. Wer geht wohin?“, miaute Birkenherz.
Echopfote ließ sich ins Jagdkauern fallen und kroch auf den toten Baum zu. Sie konnte die Maus fast schon schmecken.
„Echopfote!“
Echopfote zuckte zusammen und spürte das Trommeln von winzigen Pfoten, als die Maus sich aufrichtete. Schuldbewusst richtete sie sich auf. Beim Jagen hatte sie alles um sich herum vergessen. „Was hast du gesagt?“
„Ich habe gefragt, wo ich jagen soll.“ Birkenherz schien verärgert.
Echopfote legte die Ohren an und deutete zögernd auf ein Brombeergestrüpp. „Vielleicht versteckt sich dort etwas Beute?“
Birkenherz schüttelte den Kopf. „Vielleicht schon, aber dort kann niemand jagen, ohne sie den Pelz abzureißen!“
Echopfote duckte sich noch tiefer. „Entscheide du“, murmelte sie.
Birkenherz überlegte einen Moment, dann kehrte er um und verschwand hinter dem Baum. Echopfote ließ den Kopf hängen. Ich werde niemals eine Patrouille vernünftig anführen können! Sie nahm sich vor, in nächster Zeit mehr aufzupassen, was Grauschweif in so einem Fall tat.
Hoffnungsvoll prüfte Echopfote die Luft, aber anscheinend hatten sie fast alle Beutetiere in der Gegend verscheucht. Nur tiefer im Wald verbarg sich ein Eichhörnchen, das Echopfote nur schwer wittern konnte. Echopfote fiel ins Jagdkauern und kroch geduckt voran. Der Schnee ließ ihre Schritte verstummen, sie kam so jedoch nur schwer voran.
Echopfote tauchte in den dichten Wald ein und verfolgte die schwache Duftspur. Schließlich entdeckte sie das Eichhörnchen auf einem Ast, etwa drei Katzenlängen über dem Boden, wie es an einer Nuss knabberte.
Echopfote duckte sich tiefer, visierte ihre Beute an und machte sich für den Sprung bereit. Sie wollte gerade abspringen, als ihr klar wurde, dass sie es niemals schaffen würde, so hoch zu springen.
Echopfote wollte gerade aufgeben, als sie einen hohen Schneehaufen entdeckte, der unter einer weit ausladenden Eiche stand. Von dort aus würde sie leicht bis zu dem Ast springen können, auf dem das Eichhörnchen hockte.
Vorsichtig huschte Echopfote nah am Boden um den Baum herum und erklomm langsam den Schneehügel, was sich als schwieriger herausstellte als erwartet. Immer wieder rutschte Echopfote ab und riss einen Schwall Schnee mit sich.
Das Eichhörnchen knabberte noch immer unbehelligt an der Nuss, als Echopfote sich auf den Schneehügel kauerte und sich zum Sprung anspannte. Ich schaffe das, ich schaffe das … ganz sicher …
Kraftvoll stieß Echopfote sich vom Boden ab, Schnee wirbelte um sie herum auf. Sie sauste durch die Luft und prallte mit voller Wucht gegen den Ast. Sie schnappte nach dem Eichhörnchen und schloss die Kiefer um den zierlichen Körper, dann gab der schmale Ast unter ihrem Gewicht nach. Echopfote samt Schnee und Eichhörnchen stürzten zu Boden.
Benommen blieb Echopfote im Schnee liegen, während das Eichhörnchen verzweifelt versuchte, sich zu befreien, und winzige Schneeflocken auf sie herab rieselten. Die eisige Kälte sickerte in ihren Pelz wie Wasser, aber ihr ganzer Körper schien zu Schmerzen. Sie war mit einem Bein an dem Ast hängen geblieben und auf dem Rücken gelandet.
Innerlich schalt Echopfote sich für ihre Dummheit. Was für ein Mäusehirn bin ich eigentlich? Auf einen Baum springen - ich bin doch keine SturmClan-Katze! Trotzdem - ich hätte sofort sehen müssen, dass der Ast einbricht …
Stöhnend rappelte Echopfote sich auf und ließ das Eichhörnchen laufen. Erschöpft sah sie zu, wie es auf dem nächsten Baum verschwand. Dann versuchte sie, einen Schritt zu tun, doch ein stechender Schmerz durchzuckte ihr rechtes Hinterbein. Keuchend vor Schmerz krümmte sie sich zusammen.
Großer SternenClan! Ich bin so ein Mäusehirn …
In diesem Moment hallte ein gellender Schrei durch den Wald. „Mondfeuer! Grauschweif! Hilfe!“
Die Erkenntnis durchzuckte Echopfote wie ein Blitz. Der BlattClan! Er greift an!

13. Kapitel

MIT DRÖHNENDEN OHREN rannte Echopfote durch den Wald. Bei jedem Schritt durchzuckte ein brennender Schmerz ihren Körper, aber das war ihr egal.
Goldfell! Das war Goldfell! Ich muss ihnen helfen, sie müssen angegriffen worden sein … oh nein, vielleicht komme ich schon zu spät …
Echopfote hastete weiter, während der weiße Schnee, der unter ihren Pfoten aufwirbelte, ihr die Sicht verschleierte. Sie schloss die Augen und ließ sich allein von ihrer Nase und ihren Erinnerungen leiten.
Endlich wurde das vertraute Rauschen des Flusses lauter und Echopfote brach aus dem Wald hinaus auf eine Lichtung. Sie grub ihre Krallen in den Boden und sah sich geschockt auf dem Platz um.
Der Kampf war bereits in vollem Gange. Etwa zehn BlattClan-Katzen hatten die klar unterlegene SchneeClan-Patrouille angegriffen und sie immer näher an die Schlucht getrieben. Der Boden war bereits vom Blut rot befleckt.
Echopfote entdeckte Grauschweif, der gleichzeitig mit drei BlattClan-Kriegern kämpfte um die bewusstlose Goldfell zu schützen, die hinter ihm lag. Echopfote sprang entsetzt los und bahnte sich mit Zähnen und Krallen einen Weg durch das Getümmel.
»Echopfote! Echopfote, pass auf!«
Echopfote wirbelte herum, als sie Mondfeuers Stimme hörte, im nächsten Moment wurde sie von einer Pfote direkt ins Gesicht getroffen. Sie taumelte benommen rückwärts, während ihr Gegner einen weiteren Treffer landete. Echopfote erkannte Tupfenpelz; sie war der hübschen Kätzin einmal auf einer Großen Versammlung begegnet. Jetzt war ihr Gesicht vor Angst verzerrt und in ihren goldenen Augen loderte ein Feuer. Echopfote entdeckte eine Wunde an ihrer Flanke und eine über ihrem Auge.
Echopfote duckte sich unter dem nächsten Schlag der hellen Kätzin und landete einen Treffer an ihrer Brust. Tupfenpelz wirbelte herum und versetzte ich einen Schlag mit den Hinterpfoten, der Echopfote weiter an den Rand der Klippe warf.
Sofort rappelte Echopfote sich auf und duckte sich knurrend. Sie hatte Tupfenpelz immer als freundliche und zuvorkommende Kätzin gesehen, aber dieser Kampf löste eine unbändige Wut in ihr aus. Sie visierte die feindliche Kriegerin an, die einige Schritte entfernt hockte, rief sich noch einmal die Lektionen mit Laubstern, Flammenherz und Grauschweif, ihrem wirklichen Mentor, in Erinnerung und sprang.
Echopfote warf Tupfenpelz von den Pfoten und landete auf ihrem weichen Bauch. Sofort sprang sie zu Boden und ehe die Kriegerin sich aufrichten konnte glitt sie um diese herum und versetzte ihr einen Schlag auf den Kopf. Tupfenpelz sprang auf und fuhr mit ihren scharfen Krallen blitzschnell durch Echopfotes Ohr.
Schmerz durchzuckte Echopfote und Blut rann über ihr Gesicht. Sie trat ein paar Schritte rückwärts und wich Tupfenpelz‘ Schlag aus, während ihr linkes Ohr zu pochen begann. Keuchend schloss sie für einen Moment die Augen.
Du musst schneller sein.
Echopfote zuckte zusammen, als sie Laubsterns Stimme in ihrem Kopf hörte. Ihr Fell sträubte sich. Konnte Laubstern ihr etwa auch bei Tageslicht erscheinen?
Sei schneller als sie, dann kannst du sie besiegen. Tupfenpelz ist zwar flink und wendig, aber nicht kräftig. Wenn du es schaffst sie umzustoßen …
Echopfote öffnete die Augen wieder und musste prompt Tupfenpelz‘ weißer Vorderpfote ausweichen, dir knapp an ihrer Nase vorbeisauste. Echopfote duckte sich und glitt, lautlos und schnell wie eine Schlange, an Tupfenpelz vorbei. Tupfenpelz wirbelte herum und fuhr mit ihren Krallen über Echopfotes Flanke.
Echopfote biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Sie duckte sich, tauchte unter Tupfenpelz Bauch ab und riss diese von den Pfoten. Ehe Tupfenpelz sie unter sich begraben konnte, sprang Echopfote zur Seite und setzte dann auf den Bauch der feindlichen Kriegerin, um sie am Boden festzunageln.
Tupfenpelz wehrte sich heftig und Echopfote musste alle Kraft aufwenden, um sie nicht loszulassen. Tupfenpelz erstarrte einen Moment lang und stieß dann einen lauten, kläglichen Schrei aus. Dann biss sie Echopfote so heftig ins Bein, dass diese laut aufschrie und ihren Griff lockerte. Diese Gelegenheit nutzte Tupfenpelz, um zu entkommen.
Echopfote biss die Zähne zusammen und versuchte, den Schmerz der ihre Verletzungen durchzuckte, zu vergessen. Sie schloss einen Augenblick lang die Augen und versuchte, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen.
Auf einmal wurde Echopfote von hinten umgestoßen. Sie konnte sich gerade noch abfangen und wirbelte zu ihrem Angreifer herum. Sie erkannte den jungen, rotbraunen Kater sofort.
»Hirschpfote!« Echopfote duckte sich fauchend.
Ihr Gegenüber fletschte die Zähne und stieß sie von den Pfoten. Echopfote grub ihre Krallen in sein dickes Fell und ineinander verkeilt rollten die beiden Katzen auf die Schlucht zu. Im letzten Moment stieß Echopfote den Kater von sich und taumelte von der Schlucht weg.
Hirschpfote kam sofort wieder auf die Pfoten und schnitt Echopfote mit einem geschmeidigen Schritt den Weg zurück zu ihrem Clan ab. Dann hielt er verblüfft inne. »Du?«
»Ja, ich!« Mit einem zornigen Knurren stürzte Echopfote sich auf den Kater und zog ihre Krallen über seine Flanke. Sie spürte, wie Hirschpfote vor Zorn bebte und konnte seinem Hieb gerade so ausweichen. Sie duckte sich und versuchte einen Treffer auf seinen weichen Bauch zu landen, doch Hirschpfote wich ihr geschickt aus. Echopfote fuhr herum, war jedoch zu langsam um Hirschpfotes nächstem Angriff auszuweichen. Seine scharfen Krallen trafen sie an der linken Schulter.
Echopfote riss sich von dem roten Kater los und wankte rückwärts. Einige Herzschläge lang wurde ihr schwarz vor Augen. Sie schüttelte den Kopf, als ihre Sicht wieder klarer wurde.
Eine plötzliche Wut packte Echopfote. Was denken sich diese Fischgesichter eigentlich dabei, einfach unsere Patrouille anzugreifen? Haben sie nicht schon genug Territorium, genug Beute? Die einzigen, die Grund haben sich zu beschweren, sind wir!
Hass überschwemmte Echopfote wie eine riesige Welle, ihr Sichtfeld ging in einem roten Schleier unter. Denen werde ich zeigen, was es heißt, ein Krieger zu sein!
Echopfote schoss vor und grub ihre Krallen in die Flanke ihres Gegners. Blitzschnell glitt sie um Hirschpfote herum, um dessen Hieb auszuweichen, und stieß ihn von den Pfoten. Ehe sie ihn jedoch am Boden festnageln konnte, sprang er wieder auf die Pfoten und warf sie um.
Echopfote schrie vor Wut auf und kratzte über Hirschpfotes linke Vorderpfote, auf der ein weißer Tupfen im dunklen Fell prangte. Hirschpfote lockerte seinen Griff und zuckte zusammen.
Echopfote befreite sich und sprang auf die Pfoten. Sie stieß Hirschpfote von sich und wich ein paar Schritte zurück, nur um sich mit zornig gefletschten Zähnen ins hohe Gras zu kauern. Im Kampf waren sie tief in den Wald zurückgewichen und um sie herum erhoben sich die dunklen Stämme der Bäume in den Himmel.
Langsam lichtete sich der blutrote Nebel um Echopfote herum und sie bekam wieder einen klaren Kopf. Sie zuckte schuldbewusst zusammen, als sie Hirschpfote auf sich zu humpeln sah. Was habe ich bloß angerichtet?
Hirschpfotes grüne Augen blitzten zornig, als er Echopfote anfunkelte. Diese richtete sich wieder auf und ließ sich gerade auf dem Boden nieder.
Echopfote blickte Hirschpfote so herabblassend sie konnte an. »Warum habt ihr uns angegriffen?«
Hirschpfotes Blick verfinsterte sich. »Wir sollen euch angegriffen haben? Du träumst wohl!«
»Ich … ich träume nicht!« Echopfote versuchte, ihre Wut zu zügeln. »Warum sollten wir euch angreifen? Welchen Grund sollten wir haben?«
Nun setzte auch Hirschpfote sich auf und leckte sich beleidigt über die verletzte Pfote. Dann stand er erstaunlich geschmeidig auf und ging mit erhobenem Kopf an Echopfote vorbei. »Unsere Gründe wirst du gleich erfahren!« Mit diesen Worten sprang er an Echopfote vorbei.
Verwirrt folgte Echopfote ihm zurück zu der Stelle, an der die Schlacht stattgefunden hatte. Der sandige Boden war vom Blut der Katzen befleckt und der Geruch beider Clans hatte sich vermischt. Nun saßen die Katzen in zwei klar getrennten Gruppen zusammen und funkelten einander wütend an.
Echopfote tappte durch den aufgewirbelten Sand zu Birkenherz, der mit gesträubtem Fell neben Grauschweif saß. »Was ist los?«, fragte sie.
Birkenherz‘ Miene verfinsterte sich noch mehr. »Ich denke«, fauchte er, »das werden wir gleich erfahren.«
Echopfote wandte den Blick von dem älteren Krieger ab und ließ ihn über die BlattClan-Katzen schweifen. Sie waren weit in der Überzahl; Echopfote zählte etwa doppelt so viele BlattClan-Krieger wie SchneeClan-Katzen. Sie erkannte Eschenstern, Tannennadel, Flusslauf und Nachtherz unter den BlattClan-Katzen, außerdem war da noch eine hübsche, grau getigerte Kätzin mit dunkelblauen Augen, deren Namen sie vergessen hatte.
Echopfote beugte sich erneut zu Birkenherz. »Die silberne Kätzin dort«, sie deutete auf die Kätzin, »wer ist das?«
»Das ist Regenlied. Sie ist die Zweite Anführerin.«
Überrascht blickte Echopfote den Kater an. »Ist Blattwind …«
»Nein, nein. Er ist zurückgetreten und nun ein Ältester.« Birkenherz sah Echopfote neugierig an. »Wusstest du das noch nicht?«
Echopfote schüttelte den Kopf. »Ich war lange nicht mehr auf einer Großen Versammlung.«
Birkenherz nickte. »Ich schätze, Rindenstern nimmt dich heute Abend mit. Du bist die älteste Schülerin.«
Freude pulsierte durch Echopfotes Körper. Ich gehe mit zur Großen Versammlung!
Nun trat Grauschweif aus seiner Gruppe hervor und ein paar Schritte auf die feindliche Patrouille zu. »Warum habt ihr uns angegriffen?«, fauchte er feindselig.
Eschenstern neigte hochmütig den Kopf zur Seite. »Nun, Grauschweif, wenn du mich fragst hatten wir genug Gründe, um euch anzugreifen!« Der braun gemusterte Kater schnippte mit dem langen Schwanz und eine schöne, hellgrau-weiße Kätzin trat aus der Menge.
Echopfote hörte, wie Birkenherz neben ihr zischend die Luft einsog und sah ihn fragend an. »Was ist los?«, wollte sie wissen.
»Das ist Dunstfleck«, antwortete Birkenherz ohne den Blick von der Kätzin zu wenden, »sie ist die Heilerin.«
Jetzt verstand Echopfote, warum die anderen so entsetzt waren. Was hat die Heilerin denn bei einer Schlacht zu suchen? Sie soll Katzen heilen, nicht verletzen!
Dunstfleck ließ sich auf dem aufgewühlten Sandboden nieder, während federleichte Schneeflocken begannen, auf die versammelten Katzen nieder zu schweben. Echopfote musste sich zur Seite lehnen, um an dem aufgetürmten Schnee wenige Pfotenschritte von ihr entfernt vorbei schauen zu können.
Dunstfleck legte den Schwanz um die Pfoten und wartete, bis sich der Tumult um sie herum gelegt hatte. Dann begann sie zu sprechen.
»Ich hatte einen Traum.« Ich klare Stimme hallte laut über die Lichtung. »Ich wanderte durch den Wald. Es war Blattgrüne, der ganze Wald blühte in ganzer Pracht. Die grünen Blätter an den Bäumen schienen zu strahlen und auf dem Boden wuchs Gras statt dem welken Laub, dass dort sonst liegt.«
Sie machte eine Pause und ließ ihren stechenden Blick über die Katzen schweifen. Ihre Augen waren von einem matten hellblau. Zu hell, dachte Echopfote.
»Doch dann«, fuhr Dunstfleck fort, »begannen Schneeflocken vom Himmel zu rieseln. Sie setzten sich auf die strahlenden Blätter, die nur wenige Herzschläge später zu welken begannen.« Ihre Miene verfinsterte sich, sie funkelte die SchneeClan-Katzen an. »Diesen Traum sandte mir der SternenClan, dessen bin ich mir sicher. Wir müssen den SchneeClan vernichten - sonst werden wir selbst vernichtet.«

14. Kapitel

WUT FLAMMTE IN ECHOPFOTE auf. Sie sprang auf die Pfoten. „Was?“, hörte sie sich selbst rufen, „das kann nicht euer Ernst sein!“
Birkenherz neben ihr war ebenfalls aufgesprungen und brüllte die BlattClan-Katzen wütend an. Echopfote versuchte, ihren Zorn niederzuzwingen und wandte ihren Blick von den BlattClan-Katzen ab.
Mondfeuer hockte neben Goldfell, die schwer atmend im Schnee lag, und warf dem anderen Clan finstere Blicke zu. Als Goldfell sich regte beugte er sich zu ihr hinab und murmelte ihr etwas ins Ohr. Als die goldene Kriegerin aufstehen wollte, drückte er sie sanft zurück auf den Boden.
Missbilligung stieg in Echopfote auf. Die beiden benehmen sich, als wären sie Gefährten. Aber Mondfeuer hat schon eine Gefährtin.
Eine Bewegung am Rand ihres Blickfelds erregte Echopfotes Aufmerksamkeit. Grauschweif stürmte mit wirbelnden Pfoten auf die erschrockenen BlattClan-Katzen zu. Seine blauen Augen blitzten. Oh nein! Er hat sich nicht mehr unter Kontrolle!
Echopfote vergaß ihre Wunden und rannte ihrem Mentor so schnell sie konnte hinterher. Sie holte ihn etwa in der Mitte der Lichtung ein, stieß sich kraftvoll mit den Pfoten ab und drückte Grauschweif zu Boden. Echopfote ächzte, als sie und der graue Kater auf den harten Boden prallten.
„Was soll das, Echopfote?“, fauchte Grauschweif leise, „lass mich los!“
„Du darfst sie nicht angreifen!“, zischte Echopfote wütend, „wer sind wir? Der BlattClan?“
Endlich schien Grauschweif sich wieder zu fassen. Echopfote ließ ihn los und er stand auf. Der Kater schüttelte sich den Staub aus dem langen Fell, dann wandte er sich um und sammelte seinen Clan mit einem Schwanzschnippen um sich. „SchneeClan! Wir gehen!“
Während Echopfote ihrer Patrouille in den Wald folgte, spürte sie die brennenden Blicke der BlattClan-Katzen in ihrem Rücken. Ihr Nackenfell sträubte sich unwillkürlich.
Sie warf einen Blick zu den Angreifern und begegnete Hirschpfotes Blick. Der junge Kater saß neben seinem Vater Eschenstern und in seinen moosgrünen Augen loderte die Wut wie ein Feuer. Schnell wandte Echopfote den Blick ab und entdeckte Dunstfleck am Rand der Gruppe. In ihren hellen Augen, die sie auf Echopfote gerichtet hatte, stand keine Wut, sondern etwas anderes.
Sie hat Angst! Aber vor was? Etwa vor mir? Nein, ausgeschlossen! Warum sollte die Heilerin des BlattClans Angst vor mir haben?

Die Nachricht von der Drohung des BlattClans verbreitete sich blitzschnell im Lager. Kaum hatte Echopfote sich in ihr Nest fallen lassen, tauchte Federflug in ihrem Bau auf.
„Echopfote! Ist alles in Ordnung mit dir?“
Echopfote brachte nur ein müdes Nicken zustande.
Federflug ließ sich neben ihr im Moos nieder. „Hat der BlattClan wirklich gesagt, dass er uns vernichten will?“
„In etwa.“ Echopfote gähnte.
„Aber … das geht doch nicht! Sie können uns doch nicht einfach … es lebten doch immer drei Clans am See!“ Federflug schien fassungslos.
„Rein theoretisch könnte sie das schon“, stellte Tigerpfote klar, der hinter Federflug in den Bau huschte. „He! Das ist mein Nest, das du da gerade zerfetzt!“
Federflug blickte auf ihre Pfoten. Sie hatte tatsächlich mit ausgefahrenen Krallen das Nest des jungen Katers bearbeitet. „Tut mir leid“, miaute sie betroffen.
Tigerpfote murmelte irgendetwas und setzte sich neben Federflug in sein Nest. „Jetzt erzähl uns vom Kampf, Echopfote!“
Echopfote seufzte. „Frag doch deinen Vater.“
„Der wird gerade von Sternlichtglanz versorgt.“
„Lasst Echopfote in Ruhe! Sie muss sich ausruhen!“
Dankbar blickte Echopfote zu Ampferpfote auf, der den Bau betreten hatte und sich nun neben ihr in seinem Nest zusammenrollte. Enttäuscht murrend verließen Federflug und Tigerpfote den Schülerbau.
Ampferpfote sah Echopfote besorgt an. „Wie geht es dir? Bist du verletzt?“
Echopfote schloss erschöpft die Augen und schüttelte leicht den Kopf. „Nein. Alles ist in Ordnung.“ Dann sank sie in die Dunkelheit des Schlafs.
Es schien kaum ein Herzschlag vergangen zu sein, als eine Pfote Echopfote in die Seite stieß und sie aus dem Schlaf riss. Echopfote blinzelte und erkannte ihre Schwester, die neben ihr im Moos hockte.
Echopfote richtete sich gähnend auf. „Ist alles in Ordnung?“
Blattpfotes Augen schienen im dämmrigen Licht zu leuchten. „Sternlichtglanz möchte sich dein Bein noch einmal ansehen“, miaute sie.
Echopfote versuchte, sich die Müdigkeit aus den Augen zu blinzeln. Verärgerung stieg in ihr auf. „Mit meinem Bein ist alles in Ordnung!“, fauchte sie ärgerlich.
Besorgnis trat in Blattpfotes grüne Augen. „Geht es dir wirklich gut? Du humpelst ziemlich stark!“
„Mir geht es gut!“ Blattpfote zuckte zusammen und Echopfote bereute ihre Worte auf der Stelle wieder. „Tut mir leid. Ich bin nur in letzter Zeit so … gereizt.“
Blattpfote nickte. Dann stieß sie ihre Schwester aufmunternd in die Seite. „Komm schon! Mit deinem Bein wird schon alles in Ordnung sein.“
Mit steifen Gliedern folgte Echopfote der hellen Tigerkätzin aus dem Bau und trabte über die Lichtung. Bei jedem Schritt durchzuckte ein stechender Schmerz ihr verwundetes Hinterbein, er war aber schon sehr viel ertragbarer als direkt nach dem Kampf.
Echopfote schob sich an den hinab hängenden Brombeeranken vorbei in den Heilerbau, in den nur spärliches Licht sickerte. „Sternlichtglanz? Bist du da?“
Etwas regte sich im hinteren Teil der Höhle und die junge Heilerin trat auch Echopfote zu. Im Maul trug sie einige Stängel und Blätter. „Echopfote!“, nuschelte sich und legte die Kräuter auf den Boden, „schön, dass du gekommen bist.“
Hatte ich eine Wahl? Echopfote rümpfte die Nase.
Sternlichtglanz wies auf einen aufgetürmten Haufen Moos. „Setz dich. Geht es deinem Bein besser?“
Echopfote nickte und ließ sich auf dem Moos nieder. „Viel besser. Es schmerzt gar nicht mehr.“
Sternlichtglanz‘ blaue Augen blitzten. „Lüg mich nicht an! Ich weiß gut genug, welche Verletzungen schmerzen und welche nicht.“ Sie seufzte.
Der Brombeervorhang hinter Echopfote raschelte und Rindensterns Geruch sickerte in den dunklen Bau. Sternlichtglanz sah überrascht auf. „Rindenstern! Was machst du denn hier?“
Rindenstern neigte den Kopf und ging nicht weiter auf die unhöfliche Begrüßung ein. Stattdessen wandte er sich Echopfote zu. „Echopfote, ich möchte, dass du uns als Schülerin auf die Große Versammlung begleitest.“
Aufregung stieg in Echopfote auf. Birkenherz hatte also Recht! Ich gehe wirklich mit auf die Große Versammlung …
„Ausgeschlossen!“, wandte Sternlichtglanz ein, „sie ist verletzt, Rindenstern!“
„Es geht mir gut!“, ereiferte sich Echopfote.
Rindenstern warf Sternlichtglanz einen vielsagenden Blick zu und bedeutete Echopfote mit einem Schwanzschnippen, ihm aus dem Bau zu folgen.
Echopfote ignorierte den Schmerz in ihrem Bein, als sie ihrem Anführer über die Lichtung folgte und sich neben Haselschweif in der Patrouille für die Große Versammlung einreihte. An der Spitze stand Grauschweif neben Rindenstern, hinter ihm saßen Mondfeuer, Schneebart, Lichtschweif und Federflug auf dem Boden, der mit einer feinen Schneeschicht bedeckt war. Nun trat auch Sternlichtglanz aus ihrem Bau und gesellte sich mit finsterer Miene zu Grauschweif.
Die Patrouille setzte sich in Bewegung. Echopfotes Fell sträubte sich vor Aufregung, als sie Haselschweif durch den Lagereingang folgte. Der hellbraue Krieger schien ähnlich unruhig zu sein.
Als sie das Lager verlassen hatten trat Echopfote wieder an Haselschweifs Seite. „Aufgeregt?“
Haselschweif warf ihr einen Blick zu und nickte. „Meine erste Große Versammlung als Krieger.“ Er schnurrte.
Schweigend trabten sie nebeneinander durch den Wald. Einige Schneeflocken rieselten vom schwarzen Himmel. Bald würde es mehr schneien und der Schnee höher liegen. Die weiße Decke, die über dem Boden lag, dämpfte ihre Schritte, so dass die Patrouille kaum ein Geräusch machte.
Schließlich brach Haselschweif ihr Schweigen. „Es ist seltsam, wie still alles ist“, bemerkte er, „in der Blattgrüne ist alles so voll und man hört überall das Rascheln von Blättern oder Tieren …“
Echopfote nickte. „Stimmt. Aber irgendwie ist es auch schön so.“ Echopfote schloss für einige Herzschläge die Augen und genoss, wie der sanfte Wind durch ihr Fell fuhr. Haselschweif schnippte mit dem Schwanz. „Da hast du schon Recht. Es ist so … friedlich.“
Wieder schwiegen sie.
„Du … Echopfote?“, miaute Haselschweif langsam.
Echopfote blickte ihn an. Erst jetzt fiel ihr auf, wie schöne Augen er hatte. Sie waren von einem hellen Blattgrün mit unzähligen smaragdgrünen Sprenkeln. „Was ist?“, wollte Echopfote wissen.
„Es … es tut mir leid.“
„Was?“
„Bei der Schlacht gegen den SturmClan.“ Haselschweif wandte den Blick an und schien zu seufzen. „Wenn ich nicht gewesen wäre hättest du die Grenze nie übertreten und es wäre nie zu diesem Kampf gekommen.“
Und ich hätte Sturmpfote nie getroffen. Echopfotes Herz begann beim Gedanken an den SturmClan-Schüler schneller zu schlagen. Vielleicht treffe ich ihn ja heute auf der Versammlung!
„Das ist doch nicht schlimm!“, widersprach Echopfote dem jungen Kater, „wahrscheinlich wäre es so oder so irgendwann zum Kampf gekommen.“
Haselschweif blickte sie lange an. „Wenn du meinst.“
Die Patrouille erklomm einen ansteigenden Hang und Rindenstern, Grauschweif und Sternlichtglanz blieben an der Spitze stehen. Echopfote und Haselschweif wechselten einen Blick und trabten dann den Hang hinauf zum Rest der Patrouille.
Unter ihnen neigte sich die Ebene zum See hinab zu einem Tal. In der Mitte des Tals stand eine gewaltige Weide, deren lange, kahle Äste im Wind hin und her wogten und manchmal den Boden streiften.
In der Senke hatten sich Katzen versammelt und ihr fremdartiger Geruch stieg Echopfote in die Nase. BlattClan. Echopfote unterdrückte ein Knurren und ließ den Blick über die Versammlung schweifen. Und SturmClan. Ob Sturmpfote dabei ist?
Rindenstern schnippte mit den Ohren und stolzierte mit erhobenem Schwanz den Hügel hinab. Langsam setzte die Patrouille sich wieder in Bewegung und Echopfote folgte ihrem Anführer. Sie fand kaum halt auf dem harten Schnee und grub die Krallen tief in das Eis auf der weißen Decke, die die Hügellandschaft überzog.
Als die Katzen an der alten Weide angelangt waren, scharrte Rindenstern sie mit einem Schwanzschnippen um sich. „Verteilt euch“, miaute er. „Wenn der Mond seinen höchsten Stand erreicht hat beginnt die Versammlung.“
Echopfote entfernte sich langsam von ihren Clangefährten und trat unter die kahlen Äste der knorrigen Weide blickte hinauf zur Krone. Wie hoch der Baum ist … Echopfote schloss die Augen und atmete tief den Geruch des Holzes ein. Plötzlich umwallte sie ein bekannter Duft.
„Ist alles in Ordnung?“
Echopfote öffnete die Augen wieder. „Ja, alles in Ordnung, Federflug.“
Die weiße Kätzin kniff die Augen zusammen, sagte aber nicht. Sie wandte sich ab und huschte über die Lichtung zu ihrem Bruder, der in ein Gespräch mit einem SturmClan-Krieger vertieft war. Echopfote kannte den Kater nicht, er war braun und weiß getupft und lachte offenkundig.
Echopfote drehte sich seufzend weg und ließ ihren Blick über die Versammelten schweifen. Erst dann wurde ihr bewusst, nach wem sie eigentlich Ausschau hielt. Warum geht mir diese blöde Kater nur nicht aus dem Kopf?
Echopfote hob den Kopf und verließ den Schatten des Baums. Sie trabte ziellos durch die Senke und setzte sich schließlich zu einer golden-cremefarben getigerten Kätzin und einem grauen BlattClan-Kater, die sich über Erlebnisse in den vorherigen Blattwechseln austauschten. Sie hörte halbherzig zu und erstarrte, als sie den grau-gescheckten Kater neben ein paar BlattClan-Katern sitzen sah.
Sturmpfote sah beinahe genauso aus, wie bei ihrer letzten Begegnung. Nun war allerdings sein linkes Hinterbein nicht von Blut verklebt, dort prangte bloß eine lange, deutliche Narbe. Großer SternenClan! War das etwa Federflug?
„Hallo Echopfote!“
Echopfote fuhr herum, als sie die fröhliche Stimme hörte. Sie hatte den jungen BlattClan-Kater, der vor ihr stand, gar nicht bemerkt. „Hallo Marderpfote“, begrüßte sie den Schüler. Der dunkelbraune Kater war immer noch ein gutes Stück kleiner als sie selbst. Allerdings war er muskulöser als bei ihrer letzten Begegnung.
Marderpfote stieß ein belustigtes Prusten aus. „Warum stehst du auf der Großen Versammlung alleine herum?“, wollte er wissen. Er schnippte mit dem langen Schwanz in Richtung einer kleinen Gruppe von BlattClan-Katzen, die sich nahe der Wieder versammelt hatte. „Komm mit!“
Echopfote ließ ihren Blick unschlüssig über die BlattClan-Katzen schweifen. Sollte sie wirklich zu den Katzen gehen, die ihnen erst vor kurzer Zeit so gedroht hatten. Außerdem kannte Echopfote keine der Katzen, zu denen Marderpfote sie einlud … oder war das dort etwa Hirschpfote?
„Ist das dort Hirschpfote?“, fragte Echopfote geschockt, „ihr dürft nur einen Schüler zu der Versammlung mitnehmen!“
Marderpfote schnurrte. „Du weißt es noch nicht? Ach, natürlich weißt du es noch nicht!“ Marderpfotes helle Augen blitzten und Echopfote glaubte, eine Spur Eifersucht in ihnen zu sehen. „Hirschsprung wurde zum Krieger ernannt!“
Hirschsprung. Netter Name.
Echopfote schluckte ihren Spott hinunter und miaute: „Das ist ja … unglaublich toll.“
„Ja. Das ist es wohl.“ Marderpfote wirkte plötzlich traurig. „Ich möchte auch endlich Krieger sein!“
Echopfote nickte leicht. Wer will das nicht?
Marderpfotes Blick wurde sanfter und erneut trat ein fröhlicher Ausdruck in seine blauen Augen. „Und? Kommst du nun?“
„Ich ähm …“ Ich habe nicht die geringste Lust, mit Marderpfote und seinen BlattClan-Freunden herum zu sitzen!
„Ach, hier bist du!“
Echopfote fuhr erschrocken herum, als sie die Stimme hörte - sie hatte den Kater nicht kommen hören. Ihr Herz begann noch schneller zu klopfen als ihr klar wurde, wer sie angesprochen hatte.
Sturmpfote neigte leicht den Kopf. „Verzeih, Marderpfote, aber … ich fürchte, du und Echopfote müsst euch ein anderes Mal weiter unterhalten.“ Er wandte sich wieder Echopfote zu. „Kommst du?“
Erleichtert, Marderpfotes Einladung entfliehen zu können, und strahlend vor Glück folgte Echopfote dem grauen Kater. Sie konnte Marderpfotes flammenden Blick in ihrem Rücken spüren, ignorierte ihn aber so gut es ging. Soll er doch denken was er will!
Sturmpfote und Echopfote entfernten sich etwas von den anderen Katzen und schlenderten am Ufer des Endlosen Sees entlang. Hier war es ruhiger und nur das leise Rauschen der Wellen durchbrach die Stille. Echopfote genoss das Gefühl neben dem Kater zu gehen und einfach nur zu schweigen. Noch nie hatte sie sich mit jemandem so ganz ohne Worte verstanden - mit niemandem außer mit Blattpfote. Echopfote warf Sturmpfote einen verstohlenen Blick zu. Der Kater hatte seinen Blick auf das Wasser zu ihrer Rechten geheftet, in seinen großen Augen spiegelte sich der runde Mond.
Schließlich brach Echopfote ihr Schweigen: „Danke.“
Sturmpfote blickte sie unergründlich an. „Wofür?“
Verlegen blickte Echopfote auf ihre Pfoten. „Nun ja … um ehrlich zu sein hatte ich nicht wirklich viel Lust, mich zu Marderpfote und seinen Clangefährten zu setzten!“
Sturmpfote schnurrte belustigt. „Gern geschehen.“
Echopfote setzte sich auf den Boden am Ufer, wo der Schnee vom Wasser fortgewaschen war und Echopfote die rundgeschliffenen Kiesel unter ihren Pfoten spürte. Sie hörte, wie Sturmpfote sich neben ihr niederließ und ließ ihren Blick auf den See hinaus schweifen. Das Wasser erstreckte sich bis zum Horizont, kein Ende war in Sicht.
Sturmpfote, der ihrem Blick gefolgt war, miaute: „Was sich wohl dort hinten befindet?“
Echopfote schüttelte den Kopf. „Das weiß niemand.“
„Es gibt Gerüchte.“ Sturmpfotes Fell zitterte im Wind. „Es heißt, von dort kamen einst die Clangründer, um hier ein neues Leben zu beginnen.“
Echopfotes Fell sträubte sich. Die Clangründer … dort, hinter dem See, haben die Clans ihren Anfang genommen!
Einige Augenblicke lang starrten sie beide bloß schweigend auf den See hinaus. Dann richtete Sturmpfote sich mühsam auf, das verletzte Bein abgewinkelt.
Erschrocken sprang Echopfote auf die Pfoten und glitt beinahe auf den feuchten Kieseln aus. „Dein Bein! War das etwa Federflug?“
Sturmpfote zuckte mit den Ohren. „Deine SchneeClan-Freundin ist nun Kriegerin?“
Echopfotes Fell sträubte sich, als sie Sturmpfotes unergründlichem Blick begegnete. „Ja!“, fauchte sie. „Meine SchneeClan-Freundin hat sich ihren Kriegernamen verdient!“
„Schon gut, schon gut“, grummelte Sturmpfote. „War doch nicht böse gemeint!“
Langsam beruhigte Echopfote sich wieder, aber in ihrem Inneren rumorte es. Warum habe ich nur so überreagiert? „Tut mir leid“, murmelte sie so leise, dass sie sich sicher war, dass der Schüler sie nicht hören konnte.
Plötzlich hallte ein lauter Ruf durch die Senke. „Findet euch unter den Ästen der Alten Weide ein! Die Versammlung beginnt!“
Sturmpfote und Echopfote wechselten einen Blick.
„Ich denke, wir …“ Sturmpfote brach ab.
Echopfote nickte. „Gehen wir.“
Seite an Seite eilten die beiden zurück zu der hoch aufragenden Weide, unter deren Ästen sich die Stellvertreter und Heiler versammelt hatten. Ein Schwall von Feindseligkeit übermannte Echopfote, als sie die grau-weiße Kätzin neben Regenlied erkannte. Dunstfleck. Echopfote trabte zu der Gruppe zu ihrer Linken, wo sich ihre Clangefährten versammelt hatten, und stellte sich neben Federflug.
„Federflug, sieh!“, flüsterte Echopfote ihrer Freundin ins Ohr. „Dort ist …“
„Scht!“, zischte Federflug zurück. „Die Versammlung beginnt!“
Echopfote klappte das Maul wieder zu. Gespannt starrte sie auf den gewaltigen, umgekippten Baumstamm, auf dem die drei Clananführer standen. Rindenstern und Eschenstern standen mit möglichst großem Abstand voneinander und funkelten einander böse an. Brandstern, dessen flammenfarbenes Fell zu leuchten schien, wirkte weitaus entspannter und ließ seinen unergründlichen Blick über die Versammlung gleiten. Langsam verstummten die versammelten Katzen.
Brandstern schnippte mit seinem langen Schwanz. „Die Beute im SturmClan läuft trotz des vielen Schnees gut“, begann er. „Die Bäume haben den meisten Schnee von unserem Lager und unserem Territorium ferngehalten. Trotzdem ist es gefährlich für uns, zu jagen - einige Äste sind unter der Last des Schnees schon gebrochen und auch das Eis an der SchneeClan-Grenze hat Risse bekommen.“
Wohl wahr, dachte Echopfote. Ihr Fell sträubte sich beim Gedanken daran, wie der harte, kalte Boden unter ihr nachgegeben hatte, wie sie mit wirbelnden Pfoten versucht hatte, sich aus dem Wasser zu ziehen, keinen Halt gefunden hatte …
„Außerdem haben wir zwei neue Schüler ernannt“, verkündete Brandstern stolz. „Schneepfote und Rennpfote sind vor wenigen Tagen in den Schülerbau gezogen!“
Unter den Clans erhob sich Gemurmel, einzelne Rufe hoben sich von dem Gesprochenen ab. „Schneepfote! Rennpfote!“
Echopfote stimmte mit ein und erntete einen verwunderten Blick von Federflug. „Was ist?“, fragte sie trotzig und Federflug wandte schnell den Blick ab. Echopfote unterdrückte ein Knurren. Darf ich noch nicht einmal neu ernannte Schüler begrüßen?
Brandstern brachte die Menge mit einem Schwanzschnippen zum Schweigen und fuhr fort: „Es läuft also alles gut im SturmClan - abgesehen von einigen Eindringlingen, die ihre Pfoten nicht auf ihrer Seite der Grenze behalten können!“ Sein flammender Blick durchbohrte die Gruppe von SchneeClan-Katzen. Echopfotes Fell prickelte vor Unbehagen. Er meint mich!, wurde ihr bewusst.
Brandstern trat einen Schritt zurück und überließ Rindenstern seinen Platz in der Mitte des Stammes, den der Dunkelrote sofort einnahm. „Auch ihm SchneeClan gibt es neue Schüler“, begann er auf der Stelle. „Tigerpfote, Blütenpfote und Birkenpfote wurden im letzten Mond ernannt!“
Diesmal kamen die Jubelrufe vom SchneeClan. Echopfote rief laut die Namen ihrer Clangefährten und stellte mit Missfallen fest, dass kaum eine Katze aus einem der anderen Clans mit einstimmte. Was ist denn bloß los?
Rindenstern räusperte sich und fuhr fort. „Außerdem wurden Schattenmonds Junge unmittelbar nach unserem letzten Treffen zur Welt gekommen!“
Unmittelbar nach der letzten Versammlung? Pah! Ich habe da aber etwas anderes mitbekommen!
„Und erst vor wenigen Tagen wurden Haselschweif und Federflug zu Kriegern ernannt.“ Rindensterns grüne Augen blitzten.
Echopfote merkte, wie Federflug sich neben ihr verspannte. Das war der Augenblick, auf den jeder neu ernannte Krieger wartete - wie er den anderen Clans vorgestellt wurde. Echopfote wollte nicht, dass Federflug diesen Moment in schlechter Erinnerung behielt und sprang auf die Pfoten. „Haselschweif! Federflug!“, rief sie so laut sie konnte. „Haselschweif! Federflug!“ Mit Genugtuung stellte sie fest, dass der Rest der Katzen einstimmte.
Sie setzte sich wieder und bemerkte, wie Federflug sie anstrahlte. Die junge Kriegerin schnurrte. „Ich danke dir“, wisperte sie.
Rindenstern wartete, bis die Rufe verklungen waren, dann wandte er sich fauchend Eschenstern zu. „Allerdings geschahen in diesem Mond nicht nur gute Dinge.“ Er spuckte die Worte förmlich aus. „Vor allem ein gewisser Traum, den einige leichtgläubige und naive Katzen als eine Prophezeiung des SternenClans interpretieren!“
Die BlattClan-Katzen sprangen zornig auf die Pfoten und protestierten laut. „Wir sind nicht leichtgläubig!“, hörte Echopfote eine bekannte Stimme rufen. Sie zuckte zusammen. Hirschsprung. Ich hoffe, bei seiner Erwähnung jubelt niemand.
Eschenstern brachte seine Clangefährten mit einem lauten Jaulen zum Verstummen. Der rotbraune Kater knurrte vernehmlich. „Anstatt uns zu beschuldigen, falsche Zeichen zu deuten, solltet ihr etwas aufmerksamer sein, Rindenstern. Keine meiner Katzen kann etwas dafür, wenn eure Heilerin zu fischhirnig ist um ein deutliches Zeichen zu deuten.“
Rindenstern grub die Krallen in das Holz und fauchte zwischen drohend gebleckten Zähnen; Echopfote konnte leicht erkennen, dass der Kater sich nur schwer davon abhalten konnte, seine Krallen in Eschensterns dicken Pelz zu graben. „Beschuldige nicht Sternlichtglanz! Im Gegensatz zu Dunstfleck beschränkt unsere Heilerin auf Zeichen des SternenClans - nicht auf mäusehirnige Träume, von denen jedes Junge merkt, dass sie nicht mehr als ein Traum sind!“
Eschenstern schnaubte abfällig. „Nun, glaubt doch was ihr wollt! Wir haben eine Prophezeiung vom SternenClan erhalten und wir werden ihr folgen! Und davon kann uns niemand abhalten - nicht ein jämmerlicher Clan, nicht ein zorniger Anführer und auch nicht ein Zweiter Anführer, der keine Kontrolle über das hat, was er tut und sagt.“ Sein spöttischer Blick blieb an Grauschweif hängen.
Die Spottrufe des BlattClans hallten durch die Senke. Echopfote wollte auf die Pfoten springen, wurde aber von Federflug zurückgehalten. Das ist nicht dein Kampf. Echopfote warf ihrem Mentor einen flüchtigen Blick zu. Der graue Kater sah sich mit blitzenden Augen um, blieb aber ruhig.
Eschenstern brachte die johlende Menge mit einem Schnippen seines Schwanzes zum Schweigen. „Nun denn“, sprach er, „auch wir haben trotz der Kälte und des Schnees keine allzu großen Verluste erlitten. Auch Spiegelschatten hat ihre Jungen bekommen - Taujunges und Sumpfjunges. Und außerdem habe ich im letzten Mond Bachpelz und Hirschsprung zu Kriegern ernennen dürfen!“
„Bachpelz! Hirschsprung!“, kam es vom BlattClan.
Mit Genugtuung stellte Echopfote fest, dass kein einziger SchneeClan-Krieger und nur wenige SturmClan-Katzen einstimmten - viel weniger als bei Federflug und Haselschweif. Federflug stand jedoch auf und rief zögerlich Bachpelz‘ Namen. Echopfotes Fell kribbelte. Federflug hat sich tatsächlich mit dieser hohlköpfigen Fellkugel angefreundet!
Mit halb zusammen gekniffenen Augen sprang Rindenstern von dem Baumstamm und stolzierte mit hoch erhobenem Schwanz zu seinen Clangefährten. „SchneeClan, wir gehen!“, rief er ohne Eschenstern auch nur eines Blickes zu würdigen.
Während Echopfote ihrem Anführer aus der Senke folgte rasten ihre Gedanken. Oh SternenClan, bitte lass nicht zu, dass der BlattClan uns vertreibt - das ist unsere Heimat!
Neben ihr raschelte etwas. Echopfote fuhr zusammen.
„Scht!“, zischte etwas aus einem Brombeergestrüpp. „Echopfote!“ Leuchtend blaue Augen funkelten Echopfote zwischen den Ranken hervor an.
Echopfote warf einen Blick zu ihren Clangefährten, die hinter Rindenstern den Hang hinauf trabten. Dann schob sie sich in den Dornenbusch. „Sturmpfote!“, fauchte sie überrascht. „Was soll das?“
„Sei leise! Bitte.“ Sturmpfote sah sich gehetzt um, dann trafen sich ihre Blicke wieder. Echopfotes Herz begann schneller zu schlagen.
„Was willst du von mir?“, fragte sie aufgeregt.
Sturmpfote schien zu zögern. „Ich will dich wieder sehen“, platzte er dann heraus.
Grenzenlose Freude stieg in Echopfote auf, vermischt mit Schrecken. Er will mich wiedersehen! Mich! Ungläubig starrte Echopfote den Kater an. Aber … ist das nicht verboten? „Wann?“, fragte sie atemlos.
Sturmpfotes Augen leuchteten überrascht auf - anscheinend hatte er nicht erwartet, dass Echopfote zustimmte. „In der nächsten Nacht“, flüsterte er. „Zu Mondhoch - dort, wo wir uns das erste Mal gesehen haben.“
Ein Schnurren stieg in Echopfotes Kehle auf. „Ja“, hauchte sie.
„Echopfote! Echopfote, wo bist du?“
Echopfote zuckte zusammen, als sie ihren Namen hörte. Sie warf Sturmpfote einen entschuldigenden Blick zu. „Ich muss los. Bis morgen.“
„Bis morgen“, entgegnete Sturmpfote.
Echopfote warf ihm einen letzten Blick zu, dann huschte sie ins Freie. Oben am Hang wartete Grauschweif auf sie. Schnell sprintete Echopfote zu ihm.
„Echopfote“, miaute Grauschweif verärgert, „warum hat das so lange gedauert? Wo warst du überhaupt?“
Echopfotes Fell prickelte vor Unbehagen. „Ach, nirgendwo“, murmelte sie betreten und betete zum SternenClan, dass Grauschweif ihr Gespräch mit Sturmpfote nicht belauscht hatte.
Grauschweif zuckte nur mit der Schwanzspitze. „Komm“, miaute er dann, „lass uns nach Hause gehen.“

15. Kapitel

BIRKENPFOTE? Beim SternenClan, Birkenpfote, wo bist du?“
Blattpfote blinzelte, als Flammenfuß an ihr vorbeitrabte und ihr auf den Schwanz trat. „Autsch!“
Der rote Kater zuckte zusammen und starrte auf Blattpfote hinab. „Oh. Tut mir leid, Blattpfote.“
Blattpfote grummelte etwas Unverständliches und schloss die Augen wieder. Kann man sich hier noch nicht einmal ungestört sonnen?
„Ähm … hast du vielleicht Birkenpfote irgendwo gesehen?“, ertönte Flammenfuß‘ Stimme. „Eigentlich wollten wir heute Kampftricks üben, aber ich finde ihn einfach nicht.“
Seufzend öffnete Blattpfote die Augen wieder. „Um ehrlich zu sein habe ich ihn heute noch überhaupt nicht gesehen“, erklärte Blattpfote und gähnte. „Schau doch einfach nach, ob er noch schläft.“
Flammenfuß nickte geistesabwesend und trottete mit wütender Miene an ihr vorbei zum Schülerbau und steckte den Kopf in den Schatten der Farnwedel. „Birkenpfote? Bist du da?“
„Was soll der Lärm?“, ertönte eine aufgebrachte Stimme aus dem Bau.
Flammenfuß wich mit erschrockenem Gesichtsausdruck zurück. „Echopfote! Tut mir leid, ich … Ist Birkenpfote da?“
Ein Knurren ertönte. „Sollte er das? Birkenpfote und seine Geschwister sind schon lange weg - das weiß ich ganz genau, weil Birkenpfote heute noch vor Sonnenaufgang über mich gestolpert ist!“
Flammenfuß verzog verärgert das Gesicht. „Er ist weg? Aber wir haben doch …“ Vor sich hin grummelnd stapfte der Krieger an Blattpfote vorbei zum Lagerausgang.
Blattpfote streckte sich seufzend und reckte ihr Gesicht in die Sonne. Schon immer war Blattpfote die gemütlichere und sanftere der beiden Schwestern gewesen - ganz im Gegensatz zu Echopfote, die zu jeder Zeit unruhig war und immer Kraft in den Pfoten zu haben schien. Und meistens ziemlich gereizt war.
Blattpfote schien keinen Herzschlag lang die Augen geschlossen zu haben, als neben ihr erneut das durchdringende Tappen von Pfoten ertönte. Sie gab es endgültig auf sich zu sonnen und rappelte sich ärgerlich auf.
Ampferpfote trabte an ihr vorbei und wollte gerade den Schülerbau betreten, aber Blattpfote trat dazwischen. „Geh dort besser nicht hinein“, miaute sie eindringlich.
Der rote Kater sah sie verwirrt an. „Warum nicht?“
Blattpfote warf einen Blick über die Schulter. „Echopfote ist im Bau“, sagte sie schulterzuckend. „Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht wirklich gute Laune hat.“
„Ganz sicher?“
Blattpfote nickte mit Nachdruck. Jeder im Clan weiß, dass sie nicht gerne geweckt wird …
Ampferpfote zuckte nur mit dem Schultern. „In Ordnung.“ Er wandte sich um und ging in Richtung des Lagerausgangs davon.
„Warte!“, rief Blattpfote hektisch und lief ihm hinterher.
Ampferpfote blieb verwundert stehen und sah sie abwartend an.
Jetzt oder nie! Blattpfote nahm ihren ganzen Mut zusammen und fragte: „Wollen wir uns vielleicht etwas zu essen teilen? Ich war heute Morgen schon mit der Jagdpatrouille draußen und … nun ja …“ Blattpfote lächelte verlegen und würde am liebsten im Boden versinken.
Sie atmete erleichtert auf als sie sah, dass Ampferpfote ihr Lächeln erwiderte. „Gerne“, miaute der Kater und tappte in Richtung des Frischbeutehaufens.
Blattpfote sprühte vor Freude. Sie brauchte einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, dann rannte sie dem rotbraunen Kater hinterher. Sie wählte eine knochige Maus aus, die aussah, als wäre an ihr wenigstens noch ein wenig Fleisch, und schob sie zu Ampferpfote. „Wollen wir uns die teilen?“
Ampferpfote nickte. „Gut.“
Schweigend saßen die beiden nebeneinander und verzehrten die Beute. Blattpfote genoss es, einfach neben Ampferpfote zu sitzen zu nichts zu sagen. Sie ließ ihren Blick übers Lager schweifen.
Feuerauge und Honigherz lagen nebeneinander vor ihrem Bau und sonnten sich. Schattenmond und Schneebart kauerten eng aneinander geschmiegt vor der Kinderstube und sahen ihren Jungen zu, die spielerisch miteinander rangen. Mondfeuer führte Goldfell, Haselschweif und Grauschweif aus dem Lager, Echopfote rannte mit einem verschlafenen Gähne hinter der Patrouille her.
Blattpfote unterdrückte ein belustigtes Schnurren.
„He! Kann ich mich zu euch setzten?“ Ohne auf eine Antwort zu warten ließ Federflug sich neben Blattpfote auf den Boden fallen und zerrte eine magere Amsel aus dem Frischbeutehaufen. Blattpfote seufzte innerlich auf. Hin war das wortlose Verständnis zwischen ihr und Ampferpfote, hin das Schweigen …
Federflug schien sich daran nicht im Geringsten zu stören. Sie schlug ihre Fänge in das Fleisch des Vogels und verzog das Gesicht. „Das schmeckt wie Krähenfraß“, nuschelte sie mit vollem Maul. „Aber ich hab so einen Hunger, ich würde sogar einen Fisch essen! Na gut, einen Fisch vielleicht nicht, aber …“ Sie schluckte. „Ach übrigens, Grauschweif hat euch und eure Mentoren für die Patrouille an der BlattClan-Grenze eingeteilt - und mich.“
In Blattpfote stieg ein Knurren auf. „Schon wieder eine Patrouille? Aber ich war doch heute Morgen erst auf Jagdpatrouille!“ Verärgert begann sie, sich zu putzen.
Federflug zuckte mit den Schultern und verspeiste den letzten Rest der Amsel. „Anscheinend“, miaute sie, „hat Grauschweif das vergessen. Oder nicht.“ Sie kicherte und stand auf. „Kommt, lasst uns ein paar BlattClan-Krieger vertreiben!“
Klang verlockend. Blattpfote hatte sich seit gefühlten Monden nicht mehr wirklich verausgabt. Sie streckte ihre steifen Glieder und schloss für einen Moment die Augen.
Ein Aufschrei ließ die drei jungen Katzen herumfahren. Blütenpfote brach aus dem Lagereingang und preschte auf die Lichtung, wo die getupfte Kätzin keuchend stehen blieb. Die Schülerin zitterte am ganzen Körper und aus einer Wunde an ihrer Schulter drang leuchtend rotes Blut. Ihre waldgrünen Augen hatte sie ängstlich aufgerissen. „Rindenstern!“, schrie sie keuchend. „Rindenstern!“
Farnschweif eilte mit einem erschrockenen Schrei auf ihre Tochter zu. „Blütenpfote! Großer SternenClan, Blütenpfote!“
Rindenstern kroch blinzelnd aus seinem Bau hinter dem Großen Baumstumpf und hastete zu der Schülerin. „Blütenpfote“, miaute er mit beruhigender Stimme und sah der roten Kätzin eindringlich in die Augen. „Was ist geschehen?“
„Birkenpfote … schwer verletzt … Tigerpfote ist … Gefahr! Sie sind … in … Gefahr!“ Blütenpfote keuchte und schwankte.
Farnschweif trat schnell an ihre Seite und stützte die Schülerin. Sie leckte ihrer Tochter beruhigend übers Ohr.
Rindenstern sah alarmiert auf. „Wo?“, fauchte er. „Wo sind sie?“
Blütenpfote stützte sich auf ihre Mutter. „Bei … bei den Nadelfelsen.“ Dann verdrehte sie die Augen und brach zusammen.
Einige Herzschläge lang herrschte eine bedrückende, ungläubige Stille, dann brach Tumult aus. Alle SchneeClan-Katzen schienen wild durcheinander zureden, Panik verbreitete sich.
Blattpfotes Fell sträubte sich unwillkürlich und Angst stieg in ihr auf. Die Nadelfelsen - der verbotene Ort! Es hieß dort würden die Geister der Katzen umgehen, die nicht in den SternenClan aufgenommen wurden, das reine böse. Deshalb war es streng verboten, diesen Ort zu besuchen - aber anscheinend hatten die Geschwister diese Regel gebrochen.
„Ruhe! Seid leise!“
Auf der Stelle kehrte Stille auf der Lichtung ein.
Blattpfote blickte erschrocken zu ihren Anführer hinauf. Rindenstern hatte den Großen Baumstumpf erklommen und starrte mit peitschendem Schwanz auf seinen Clan hinab.
„Wir müssen Ruhe bewahren!“, rief der braune Kater. „Lichtschweif, hol Sternlichtglanz. Sie ist an der Himmelsleiter Kräuter sammeln.“
„Aber … Rindenstern …“, widersprach Lichtschweif.
Rindenstern brachte die helle Kätzin mit einem Schwanzschnippen zum Schweigen. „Du bist die schnellste von uns, Lichtschweif“, miaute er mit ruhiger Stimme. „Beeil dich!“
Lichtschweif nickte und verließ das Lager.
Rindensterns Blick wanderte weiter zu Eulenfeder. „Eulenfeder, führe du deine Patrouille zu den Nadelfelsen. Ihr müsst Tigerpfote und Birkenpfote retten.“
Eulenfeder fauchte verärgert. „In meiner Patrouille sind auch zwei Schüler, Rindenstern!“
Rindenstern zuckte nur mit den Ohren. „Blattpfote und Ampferpfote können auch auf sich selbst aufpassen“, meinte er unwirsch.
Eulenfeder wandte sich mürrisch ab. Sie sammelte ihre Patrouille um sich und führte die vier Katzen schnellen Schrittes aus dem Lager.
Blattpfote lief ihrer Mentorin mit vor Aufregung und Angst gesträubtem Fell. Die Nadelfelsen - wir gehen tatsächlich zu den Nadelfelsen! „Was meint ihr, was Blütenpfote so schockiert hat?“, fragte sie mit bebender Stimme.
Federflug schüttelte nur den Kopf. „Wahrscheinlich werden wir das jetzt erfahren.“
„Vergesst nicht, wir sollen nur Tigerpfote und Birkenpfote retten“, erinnerte Ampferpfote sie.
Federflug verdrehte die Augen. „Ja klar.“
„Still jetzt, da hinten!“, zischte Eulenfeder und die jungen Katzen verstummten.
Den Rest des Weges liefen die fünf schweigend hintereinander her. Es herrschte eine unheimliche Stille, nur hin und wieder raschelte das Laub unter ihren Pfoten oder fuhr ein Windstoß durch die Zweige. Blattpfote erschauderte. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht …
Eulenfeder führte die Patrouille zuerst aus dem Lager hinaus in Richtung des Sees, dann wandte sie sich von diesem ab und die fünf Katzen trabten in Richtung der BlattClan-Grenze. Mit jedem Schritt schienen die Bäume um sie herum höher zu werden und der Wald lichtete sich immer mehr.
Plötzlich hallte ein lauter Schrei durch den Wald, der die kahlen Äste zum Beben bringen zu schien. Er kam aus der Richtung des Flusses.
Blattpfote und Ampferpfote wechselten einen alarmierten Blick. „Das war Birkenpfote!“
Die Patrouille preschte vorwärts, der Schnee wirbelte unter ihren Pfoten in den Himmel. Alles um Blattpfote herum verschwamm in Weiß und sie verließ sich ganz auf ihre Nase und ihre Clan-Gefährten.
Plötzlich lichtete sich der Wald vor ihnen und Eulenfeder stoppte so abrupt, das Blattpfote beinahe in ihre Mentorin hinein gerannt wäre. Schnee spritzte ihr ins Gesicht, als Ampferpfote seine Krallen in den gefrorenen Boden grub. Ängstlich und neugierig zugleich trat Blattpfote an die Seite der älteren Krieger, die vor ihnen standen.
Vor ihnen erstreckte sich eine weitläufige Lichtung, die vollkommen frei von Schnee war. Die Ebene bildete einen perfekten Kreis, es schien, als wären die Bäume an eine Grenze zurückgewichen. Überall auf der Lichtung ragten spitze Felsen aus dem Untergrund, manche klein wie ein Zweibeiner, andere groß wie ein Baum. Der Kleinste reichte Blattpfote kaum bis zu den Ohrenspitzen. Sie ragten wie blanke, graue Zähne aus der Erde und waren scheinbar willkürlich über die gesamte Lichtung verteilt.
Zwischen den Steinen stand eine Gestalt und sah sich gehetzt um. Hinter ihr lag mit verdrehten Gliedern eine weitere Gestalt.
Federflug schrie auf. „Dort, seht nur! Da ist Tigerpfote!“ Die weiße Kätzin wollte loslaufen, aber Eulenfeder hielt sie mit einem wütenden Grunzen zurück.
„Halt dich zurück, Federflug!“, fauchte sie. „Wir wissen nicht, wer sonst noch alles zusieht!“
Federflug schien widerspreche zu wollen, überlegte es sich dann aber doch anders und klappte das Maul zu.
„Und was sollen wir jetzt tun?“, hörte Blattpfote sich selbst fragen.
Eulenfeder wirbelte mit blitzenden Augen zu ihr herum. „Ihr werdet erst einmal gar nichts tun!“
Rankenschweif legte der Kriegerin beruhigend seinen Schwanz über die Schultern. „Beruhige dich, Eulenfeder“, miaute er eindringlich.
„Pah!“, fauchte Eulenfeder. „Was denkt Rindenstern sich eigentlich, Schüler mit auf solch eine Mission zu schicken?“
Rankenschweif stieß ein leises Zischen aus. „Vergiss nicht, die beiden Kater dort draußen sind auch nicht mehr als Schüler - und sie brauchen unsere Hilfe.“
Eulenfeder seufzte. „Nun gut.“ Sie wandte sich wieder zu den jüngeren Mitgliedern ihrer Patrouille zu. „Ampferpfote, Echopfote, auf mein Zeichen lauft ihr so schnell wie nur möglich hinter mir her zu Birkenpfote und Tigerpfote. Ihr“, sie wandte sich zu Federflug und Rankenschweif um, „gebt uns Rückendeckung und haltet mögliche Angriffe von den Seiten auf. Haltet eure Augen und Ohren offen.“ Sie schwenkte ihren schmalen Kopf von einer Seite zur anderen. „Auf mein Zeichen!“
Mit angehaltenem Atem duckte sich Blattpfote und schlich hinter ihrer Mentorin durch das hohe, vom Frost verdorrte Gras. Sie spürte Ampferpfotes warmen Atem an ihrem gesenkten Schwanz. Dass der junge Kater hinter ihr lief, verlieh ihr ein Gefühl von Sicherheit.
Eulenfeders Schwanz schoss in die Höhe, die weiße Schwanzspitze streifte beinahe Blattpfotes Nase. „Jetzt!“
Blattpfote rannte los, so schnell ihre Pfoten sie trugen. Das harte Gras streifte ihre Beine und hinterließ oberflächliche Kratzer, die zu brennen begannen als ständen sie in Flammen.
Blattpfote hörte das Keuchen ihrer Clangefährten zu allen Seiten. Links zog Federflug an ihr vorbei, die Ohren wachsam gespitzt. Blattpfote versuchte, mit Federflug mitzuhalten, aber die Beine der Weißen waren viel länger und kraftvoller als ihre eigenen. Blattpfote wandte sich ab und konzentrierte sich ganz aufs Laufen.
Halte Augen und Ohren offen.
Blattpfote ließ ihren Blick für einen Moment über die Lichtung schweifen. Kein Feind zu sehen. Doch, dort, hinter dem großen Stein … ein dunkler Schatten …
Blattpfote keuchte panisch und holte mit brennenden Beinen zu Eulenfeder auf. „Eulenfeder, sieh nur“, rief sie. „Dort!“
Eulenfeder grub ihre Krallen in die Erde und blieb stehen. Blattpfote stolperte überrascht ein paar Schritte weiter, ehe auch sie stoppte.
„Wo?“, fauchte Eulenfeder und Blattpfote meinte, einen Hauch Angst in ihrer Stimme zu hören.
Blattpfote wies auf den hohen Stein auf der anderen Seite der Lichtung. „Hinter dem Felsen da … Da war ein Schatten.“
Eulenfeders Fell sträubte sich. Sie kniff ihre eisblauen Augen zusammen und versuchte, etwas zu erkennen.
„Eulenfeder, schnell!“ Federflug hatte Tigerpfote erreicht und beugte sich über die zusammengesackte Gestalt hinter ihm. Erst jetzt erkannte Blattpfote Birkenpfote. „Komm!“, rief Federflug.
Eulenfeder und ihre Schülerin wechselten einen alarmierten Blick und eilten zu Federflug und Rankenschweif, der neben dieser stand und seinen wachsamen Blick über die Lichtung schweifen ließ.
Eulenfeder wandte sich an Tigerpfote, der zitternd neben seinem Bruder kauerte. „Tigerpfote! Was ist geschehen?“
Tigerpfote schüttelte nur den Kopf. „Da … da ist irgendetwas - etwas Gefährliches. Es hat uns angegriffen! Birkenpfote ist … er atmet kaum noch! Er wird doch nicht sterben oder?“ Tigerpfote sah flehend zu Eulenfeder auf. „Und was ist mit Blütenpfote? Ist sie im Lager …“
„Ja“, unterbrach Eulenfeder den verängstigten Schüler, „Blütenpfote ist im Lager, Sternlichtglanz ist auf dem Weg dorthin.“
Tigerpfote atmete erleichtert aus.
Eulenfeder untersuchte sein Fell. „Bist du verletzt?“
Widerwillig wich Tigerpfote einen Schritt zurück. „Schau erst nach Birkenpfote!“
Blattpfote trabte zu Ampferpfote und Federflug, die sich über den Verletzten beugten. Ampferpfote lehnte sich vor das starre Gesicht des Katers. „Er atmet nicht mehr.“
„Oh nein!“, hauchte Blattpfote und Angst stieg in ihr auf. Sie hatte den gestreiften Kater gern - sollte er nun tatsächlich tot sein?
„Nein!“, schrie Tigerpfote und wollte zu seinem Bruder springen, aber Eulenfeder hielt ihn zurück.
„Bleibe ruhig, Tigerpfote“, miaute sie sanft. „Du stehst unter Schock. Sternlichtglanz wird es schon schaffen, deinen Bruder zu heilen.“
Tigerpfote ließ den Kopf hängen. „Und was, wenn nicht? Wir sind doch gerade erst Schüler geworden - er kann doch noch nicht zum SternenClan gehen!“
Eulenfeder strich dem Kater beruhigend mit der Schwanzspitze über den Rücken und wandte sich an Rankenschweif, der noch immer Wache hielt. „Wir müssen hier weg.“
„Ganz deiner Meinung“, knurrte der schwarze Kater.
Blattpfote beugte sich zu Birkenpfotes Körper hinab und stupste ihn sanft mit der Nase an. „Birkenpfote?“, flüsterte sie ängstlich. „Birkenpfote, wach auf.“
Einige schreckliche Herzschläge lang war alles um Blattpfote herum still, nur Rankenschweif und Eulenfeder unterhielten sich leise. Dann begann Birkenpfote sich leicht zu regen, stöhnte leise und erstarrte wieder.
„Birkenpfote!“ Blattpfote spürte wage, wie Tigerpfote an ihre Seite sprang.
„Er lebt“, miaute sie knapp und stieß erleichtert den Atem aus, den sie unbewusst angehalten hatte. Sie hob den Kopf und spürte Federflugs und Rankenschweifs misstrauische Blicke. Verlegen senkte sie den Blick. „Worauf warten wir noch?“, murmelte sie. „Wir müssen sie zurück ins Lager bringen.“
Einen Moment lang herrschte Stille, dann nickte Eulenfeder. „Gut. Blattpfote, Ampferpfote - schafft ihr es zu zweit, Birkenpfote zu tragen?“
Blattpfote und Ampferpfote wechselten einen Blick. „Ich denke, das sollten wir schaffen“, miaute Ampferpfote dann.
Eulenfeder nickte knapp und wandte sich an Federflug. „Federflug, du stützt Tigerpfote. Ich gehe vor, Rankenschweif bildet dich Nachhut.“ Sie blickte einmal in die Runde. „In Ordnung?“ „In Ordnung“, murmelten die anderen.
Eulenfeders Miene wurde entschlossener. „Dann los. Wir müssen uns beeilen!“
Rankenschweif half den beiden Schülern, den bewusstlosen Birkenpfote sanft auf ihren Rücken zu hieven, dann setzte die Patrouille sich langsam in Bewegung. Federflug ging direkt neben dem taumelnden Tigerpfote, um ihn zu stützen, Eulenfeder führte die sechs Katzen schnellen Schrittes zurück in den Wald.
Gerade, als sie wieder in den schützenden Schatten der Äste treten wollten, wandte sich Blattpfote noch ein letztes Mal um und ließ ihren Blick über die Nadelfelsen schweifen. Irgendetwas ist dort … etwas Gefährliches … Blattpfotes Nackenfell sträubte sich bei diesen Gedanken.
Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung am Rande ihres Blickfelds. Panik überkam sie. Hinter dem Felsen direkt neben ihr regte sich etwas. Eine dunkle Gestalt schob sich langsam aus dem Schatten des Steines. Strahlend giftgrüne Augen funkelten sie an, ein Stück flammenfarbenes Fell blitzte auf. Und plötzlich hörte Blattpfote eine eisige, schneidende Stimme in ihrem Kopf.
Diesmal lasse ich euch gehen, aber lass dir gesagt haben - das war nicht das Ende. Ich kehre zurück und dann werde ich euch meine Rache spüren lassen …
Blattpfote keuchte.
„Blattpfote?“ Rankenschweif trat in ihr Blickfeld, seine giftgrünen Augen leuchteten besorgt. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
Blattpfote schüttelte den Kopf um ihre Gedanken zu ordnen und blinzelte verwirrt. Die Gestalt war so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war. „Ja“, miaute sie dann. „Alles in Ordnung.“
Rankenschweif blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an, dann nahm er wieder seinen Posten am Schluss der Patrouille ein.
Schweigend trabten die Katzen weiter. Blattpfotes Rücken begann schon bald unter Birkenpfotes Gewicht zu schmerzen. Der helle Tigerkater war schwerer, als sie gedacht hatte. Sie war froh, dass Ampferpfote ihr half.
Dieser blickte Blattpfote unentwegt an. „Wie hast du das gemacht?“, raunte er und neigte sich leicht zu ihr.
Blattpfote war verwirrt. „Was?“
„Na das eben … mit Birkenpfote.“
Blattpfotes Fell prickelte vor Verlegenheit. „Nun ja, ich … ich weiß es gar nicht so genau. Eigentlich habe ich so gut wie gar nichts gemacht.“
„Für mich sah es so aus, als wäre er tot“, flüsterte er. „Und dann lebte er plötzlich wieder. Das kann doch nicht einfach Nichts gewesen sein, Blattpfote.“
Blattpfote blickte den Kater ratlos an. „War es aber“, miaute sie. „Am besten frage ich Sternlichtglanz einmal danach.“
„Ja“, erwiderte Ampferpfote. „Das ist wohl die beste Idee.“
Schweigend gingen sie weiter.
Blattpfotes Gedanken rasten. Was, wenn ich doch etwas getan habe? Wenn ich Birkenpfote doch geheilt habe? Ist es vielleicht meine Bestimmung, keine Kriegerin sondern Heilerin zu werden?
Blattpfotes Blick fiel auf Ampferpfote, der mit geschmeidigen, lautlosen Schritten neben ihr herging.
Wenn ich etwas Besonderes bin, vielleicht beachtet mit Ampferpfote dann? Vielleicht hört er dann auf, ständig nur Echopfote zu sehen.
Blattpfote kniff für einen Moment die Augen zusammen.
Aber wenn ich eine Heilerin bin können wir keine Gefährten werden. Ach, SternenClan! Warum ist das alles nur so kompliziert? Nachtschweif, wenn du mich jetzt sehen kannst, hilf mir!
Aber Blattpfote erhielt keine Antwort.

Flammenfuß war der erste, der die Patrouille entdeckte. Der rote Tigerkater hatte mit Halbohr vor dem Lager Wache gehalten und kam nun auf die sieben Katzen zugelaufen. Halbohr folgte ihm langsamer.
„Birkenpfote!“ Flammenfuß beugte sich mit vor Entsetzten geweiteten Augen über seinen Schüler.
Dieser öffnete flackernd die blauen Augen. „Flammenfuß“, murmelte er mit matter Stimme. „Es … es tut mir Leid.“
Flammenfuß schüttelte den Kopf, öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber trotzdem blieb er still.
Eulenfeder schnippte mit dem Schwanz. „Kommt“, miaute sie. „Wir müssen uns beeilen!“
Blattpfote schnaubte. Beeilen - du musst auch keinen verletzten Schüler tragen! Trotzdem folgte sie ihrer Mentorin so schnell sie konnte in den Felsenkessel.
Sternlichtglanz wartete bereits vor ihrem Bau auf sie. Die junge Heilerin schien unruhig zu sein; ihr langes Fell war gesträubt, ihr Blick gestresst, ihre Schwanzspitze zuckte hin und her. Als sie die Patrouille entdeckte, schien sie etwas zu murmeln, schnippte mit ihrem Schwanz und verschwand in ihrem Bau.
Eulenfeder wandte sich zu ihrer Patrouille um. „Bringt sie zu Sternlichtglanz“, wies sie die jüngeren Katzen an. „Rankenschweif und ich erstatten in der Zeit Rindenstern Bericht.“ Ohne auf eine Antwort zu warten tappten der Schwarze und sie davon.
Mit letzter Kraft schleppten Ampferpfote und Blattpfote Birkenpfotes leblosen Körper in den Heilerbau, wo die junge Heilerin bereits auf sie wartete.
„Schnell“, miaute Sternlichtglanz, „bringt ihm ins Krankenlager!“
Das Krankenlager lag hinter dem Heilerbau in einem vom Rest abgetrennten, winzigen Felsenkessel, er ungefähr vier Katzenlängen lang und breit war. Der Boden war hier mit weichen Moosen und Gräsern bewachsen und überall sprossen nun vertrocknete Farne aus dem Boden. Am oberen Rand des Felsenkessels wuchsen Brombeerranken und hohe Bäume, deren Äste eine schützende Überdachung bildeten, die selbst in der Blattleere vor Schnee Schutz bot.
Am Rand der Nester im Farn kauerten Farnschweif und Mondfeuer. Die beiden hatten sich eng aneinander geschmiegt und beobachteten voll Sorge ihre schlafende Tochter, die in dem Nest lag. Blütenpfotes Flanke hob und senkte sich regelmäßig, aber die Schülerin zuckte hin und wieder.
Blattpfote spürte Sternlichtglanz Atem an ihrem Ohr, als diese flüsterte: „Ich habe ihr Mohnsamen zur Beruhigung gegeben. Würdet ihr zwei Birkenpfote neben sie legen?“
Blattpfote nickte leicht und die beiden Schüler legten den Verwundeten so sanft wie ihnen möglich war ins Moos.
Farnschweif sprang erschrocken auf die Pfoten. „Tigerpfote!“, rief sie erleichtert und panisch zugleich. „Birkenpfote!“ Die Schildpattkätzin leckte Tigerpfote, der sich erschöpft ins Moos sinken ließ, besorgt übers Ohr und eilte dann an die Seite ihres anderen Sohnes.
Mondfeuer sah Sternlichtglanz bestürzt an. „Was ist geschehen?“
Sternlichtglanz zuckte mit der Schwanzspitze. „Tigerpfote und Blütenpfote stehen unter Schock“, erklärte sie sachlich und ruhig. „Ihre Wunden sind zwar tief, aber sie werden heilen.“
Mondfeuer blickte sie mit glühenden Augen an. „Und was ist mit Birkenpfote?“, fragte er langsam. Sternlichtglanz erstarrte. „Ich habe mir seine Verwundung noch nicht angesehen“, miaute sie nach einigem Zögern. „Wie auch, wenn ihr alle um ihn herumschwirrt wie Fliegen um Fuchskot!“ Sie scheuchte den Mondfeuer, Federflug, Blattpfote und Ampferpfote mit einem Schwanzwedeln zurück.
Farnschweif, die sich über den noch immer bewusstlosen Birkenpfote gebeugt hatte, blickte nun mit vor Furcht geweiteten, grünen Augen zu der Heilerin auf. „Er wird doch nicht sterben, oder?“, wisperte sie.
Sternlichtglanz schwieg.
Blattpfote hörte, wie Mondfeuer knurrte. „Er muss überleben!“, rief er verzweifelt. „Du musst ihn heilen! Du bist doch unsere Heilerin!“
Sternlichtglanz rümpfte die Nase, blieb aber sonst ruhig. „Hier“, sagte sie mit besänftigender, aber dennoch kühler Stimme und reichte dem Silbernen ein Blatt voll kleiner, schwarzer Pünktchen. Mohnsamen, schoss es Blattpfote durch den Kopf. „Gib die Tigerpfote“, fuhr Sternlichtglanz fort. „Und nimm am besten selbst auch ein paar.“
Mondfeuer grummelte missmutig etwas. „Ich bin doch kein Junges mehr“, hörte Blattpfote ihn murmeln, als er an ihr vorbeitrottete.
„Nun zu euch.“ Sternlichtglanz drehte sich zu Blattpfote, Ampferpfote und Federflug um und fletschte die Zähne. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Blattpfote Angst vor ihr. „Verschwindet. Keinen von euch geht es etwas an, was jetzt passiert.“
„Was passiert denn jetzt?“, wollte Federflug wissen.
Blattpfote hätte ihren Kopf am liebsten gegen sie Wand des Felsenkessels geschlagen. Hat sie denn gerade nicht zugehört?
Sternlichtglanz knurrte bedrohlich. „Es passiert, dass ich euch gleich aus meinem Bau werfe, wenn ihr jetzt nicht sofort geht!“, donnerte sie.
Eingeschüchtert liefen die drei aus dem Felsenkessel.
Vor dem Eingang zum Heilerbau warteten bereits Goldfell und Mondlichtschweif, die mit ganzer Kraft versuchten, Flammenfuß vom Heilerbau fernzuhalten.
Goldfell knurrte frustriert. „Fragt nicht“, fauchte sie. „Dieser Kater ist sturer als ein Stein. Ihn zurückzuhalten habe ich erst hingekriegt, als Mondlichtschweif mir geholfen hat.“
Mondlichtschweif warf der roten Kätzin einen langen Blick zu. „Versteh doch, Goldfell“, miaute sie, „er will nur Birkenpfote sehen. Was würdest du wohl tun, wenn dein Schüler schwer verletzt wäre?“
Goldfell sagte daraufhin nichts.
„Blattpfote! Ist alles in Ordnung mit dir?“
Blattpfote wirbelte herum, als jemand sie an der Schulter berührte. Hinter ihr stand ihre Schwester Echopfote und blickte sie aus besorgten, blauen Augen an.
„Ich habe von Birkenpfote gehört“, flüsterte sie mit nervös zuckenden Ohren. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
Wärme durchflutete Blattpfote und ein Schnurren stieg in ihr auf. „Ja. Alles ist gut.“
Echopfote schnurrte erleichtert. „Na dann …“ Die Silberne wandte den Kopf ab und hustete rasselnd.
Nun war es Blattpfote, die besorgt war. „Du solltest mit deinem Husten zu Sternlichtglanz gehen“, empfahl sie Echopfote. „Farnschweif hat auch schon Grünen Husten!“
Echopfote wich missmutig ihrem Blick aus. „Es ist nichts“, miaute sie wage.
Blattpfote kniff misstrauisch die Augen zusammen. Warum verhält sie sich in letzter Zeit nur so komisch? Sie ist doch sonst nicht so …
In diesem Moment raschelte es und Sternlichtglanz trat zwischen den Efeuranken hindurch, die den Eingang zu ihrem Bau schützten. Auf der Stelle wurde es still auf der Lichtung und alle anwesenden Katzen hingen gebannt an ihren Lippen. Sogar Libellenjunges und Schmetterlingsjunges verhielten sich ausnahmsweise ruhig.
Rindenstern, der sich am Großen Baumstumpf vorbei ins Lager schob, winkte seine Heilerin mit einem Schwanzschnippen zu sich.
Sternlichtglanz ignorierte den Kater geflissentlich und begann zu sprechen. „Wie ihr sicherlich schon wisst, kam es zu einigen … Vorfällen an den Nadelfelsen.“ Sie ließ ihren Blick über die versammelten SchneeClan-Katzen schweifen, die schweigend lauschten. Sie holte tief Luft. „Tigerpfote und Blütenpfote stehen unter Schock. Sie werden aber bald wieder geheilt sein.“
Blattpfote kam es so vor, als hätte jede Katze instinktiv die Luft angehalten und würde sie jetzt ausstoßen. Erleichterung überschwemmte sie wie eine warme Welle.
Flammenfuß sprang mit gefletschten Zähnen auf. „Und was ist mit Birkenpfote? Was ist mit ihm?“
Tumult brach unter den Katzen aus. Blattpfote starrte Sternlichtglanz geschockt an und merkte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie merkte an Sternlichtglanz‘ Ausdruck ganz genau, dass ganz und gar nicht alles in Ordnung war. Der Geruch von Angst und Tod hing in der Luft.
Sternlichtglanz schloss die Augen und wartete, bis sich die Katzen um sie herum wieder beruhigt hatten. Dann öffnete sie ihre Augen wieder und holte tief Luft. „Birkenpfote wird überleben“, sagte sie stockend und mit bebender Stimme. „Aber er … Seine Wunden sind tief, sehr tief. Er wird nie wieder richtig laufen, geschweige denn Krieger werden können.“
Für einige Augenblicke herrschte tiefe Stille, dann wurde sie von einem verzweifelten Schrei zerrissen. Blattpfote fuhr zu der Katze herum, die geschrien hatte, und entdeckte Mondlichtschweif, die ihrem Bruder hinterherrannte.
„Flammenfuß!“, rief sie. „Flammenfuß, warte!“
Aber der Rote hörte nicht auf sie und schlüpfte durch den Felsspalt ins Freie.
Mondlichtschweif wollte ihm gerade folgen, als Schneebart sich ihr in den Weg stellte. Mondlichtschweif fauchte den älteren Kater zornig an. „Geh mir aus dem Weg, Schneebart!“
Schneebart schüttelte bloß den Kopf. „Beruhige dich, Mondlichtschweif. Er wird zurückkommen. Er braucht nur ein wenig Zeit, um damit fertig zu werden.“
Mondlichtschweif bleckte die Zähne. „Woher willst du das schon wissen?“
„Er wird zurückkommen, vertrau mir. Ich kenne meinen früheren Schüler.“
Mondlichtschweif seufzte und ließ niedergeschlagen den Kopf hängen. „Ich dachte auch, ich würde meinen Bruder kennen“, hörte Blattpfote sie murmeln, ehe die Gescheckte im Kriegerbau verschwand.
Da es schon dunkel wurde, verschwand auch der Rest des Clans nach und nach in den Bauen.
Blattpfote saß wie betäubt in der Mitte des Lagers und sah ihnen zu. Stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie die Chance, für ihren Clan zu kämpfen, auf ewig verlieren würde. Ihr Fell sträubte sich.
Blattpfote fasste sich wieder und stand mühsam auf. Die Kälte war in ihr Fell gesickert wie Wasser und lähmte ihre Glieder. Blattpfote streckte sich gähnend und entdeckte ihre Schwester, die gedankenverloren in der Mitte der Lichtung saß. Alleine.
„Echopfote?“
Die Silberne zuckte bei Blattpfotes Worten zusammen und blickte blinzelnd zu ihr auf. „Ist alles in Ordnung?“, erkundigte sie sich.
Blattpfote kniff die Augen zusammen. Ich merke doch, dass etwas mit ihr nicht stimmt … „Komm“, miaute sie. „Lass uns schlafen gehen.“
Echopfote nickte und Seite an Seite tappten die beiden Wurfgefährtinnen in ihren Bau. Blattpfote rollte sich neben ihrer Schwester in ihrem weichen Moosnest zusammen und sah sich im Bau um. Außer ihnen lag nur Ampferpfote mit geschlossenen Augen in seinem Nest in der hintersten Ecke. Wie leer es hier ist ohne Tigerpfote, Blütenpfote und Birkenpfote … Birkenpfote wird wahrscheinlich nie mehr hier neben uns schlafen. Blattpfote verscheuchte die bitteren Gedanken wie eine lästige Fliege und schloss ebenfalls die Augen. Sie versuchte, sich einzig und allein auf ihren Atem und Echopfotes warme Flanke an ihrer Seite zu konzentrieren, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Sie kniff die Augen fest zusammen. Was ist nur dort an den Nadelfelsen geschehen? Und was war das für eine Gestalt, was für eine Stimme in meinem Kopf? Ach SternenClan …

16. Kapitel

SCHNEE STOB UNTER Echopfotes Pfoten auf, als sie durch den nächtlichen Wald stürmte. Die Dunkelheit lag über ihren Augen wie ein schwarzer Nebelschleier. Der beinahe volle Mond war hinter einer dunklen Wolke verschwunden und es war so finster, dass die Schülerin sich an Geräuschen und Gerüchen orientieren musste. Der Schrei einer Eule zu ihrer Linken. Das Plätschern eines Wasserrinnsals kurz vor ihr … Der Wald schien nachts nur so vor Leben zu sprühen.
Echopfotes Gedanken kribbelten vor Aufregung, wenn sie an das dachte, was sie vorhatte. Ich tue etwas ganz und gar Verbotenes! Aber es fühlte sich nicht schlecht an, gegen das Gesetz der Krieger zu verstoßen. Ganz im Gegenteil - Echopfote fühlte sich, als wurde sie jeden Moment vor Glück platzen. Sturmpfote. Ihr Fell sträubte sich, wenn sie nur an seinen Namen dachte.
Es war nicht weit bis zum Grenzbach. Dennoch wurde Echopfote mit jedem Schritt wachsamer. Eigentlich sollte die Mondhochpatrouille ihr Ziel schon vor einiger Zeit passiert haben. Aber es konnte immer sein, dass etwas Unvorhergesehenes geschah.
Echopfote hielt inne und spitzte die Ohren. Sie spürte das Trippeln winziger Pfoten auf dem Boden, als eine Wühlmaus ihren Pfad überquerte. Echopfote wandte sich um. Der Schnee um sie herum schien im schwachen Licht zu leuchten und selbst jetzt konnte Echopfote die Pfotenspuren deutlich erkennen.
Sie schnippte mit den Ohren.
Das wird nicht weiter schlimm sein. Bis zum Morgen wird bestimmt noch mehr Schnee fallen und meine Spuren verdecken. Dann wird niemand erfahren, dass ich hier war …
Zaghaft keimte das schlechte Gewissen in Echopfote auf, aber sie vertrieb es mit einem Kopfschütteln. Ich mag ja gegen das Gesetz der Krieger verstoßen. Aber ich schade damit doch keinen! Nur weil ich mich mit Sturmpfote treffe …
Echopfote schloss die Augen. Der Duft von Schnee lag in der kalten Luft, von Laub und Baumharz … Die Luft schmeckte nach Wildheit und Freiheit, nach dem Gefühl, selbstständig und erwachsen zu sein.
Echopfote hatte sich nie zuvor so stark gefühlt.
Sie ging weiter, diesmal langsamer, geduckter. Nun konnte sie ein leises Plätschern hören, gedämpft, als käme es von tief unter ihr. Echopfote schlich vorwärts bis an den Rand einer weitläufigen Lichtung. Vorsichtig spähte sie zwischen den Bäumen hindurch.
Vor ihr erstreckte sich eine weite Schneefläche hinter der das Gelände wieder anstieg. Der Wald dahinter war lichter und jünger als auf dem SchneeClan-Territorium. In der Mitte wurde die Ebene von einem nicht allzu breiten Bach gespalten; Echopfote konnte das Wasser gegen das Eis schlagen hören, dass den Bach bedeckte.
Echopfote schauderte. Genau hier hatte vor weniger als einem Mond der Kampf stattgefunden!
Echopfote öffnete das Maul und atmete tief ein. Erst als sie sich sicher war, dass die Patrouille schon seit langem vorbei war, kroch sie auf die Lichtung hinaus.
Es sah alles fast genau so aus, wie vor einem halben Mond. Eine nahezu unheimliche Ähnlichkeit. Nur hatte die Sonne an diesem Tag ihr helles Licht auf die Ebene geworfen und der Schnee reichte Echopfote damals noch nicht bis zum Bauchfell.
Lautlos huschte die Schülerin zum Bach und beugte sich zu der Eisfläche hinab. Sie konnte das Wasser darunter nun noch deutlicher hören. Zu ihrer Linken strömte der Bach den Hang hinab, den sie und Haselschweif hinunter geschlittert waren. Rechts, nicht weit von Echopfote, sprudelte der Bach einen felsigen Abhang herab. Selbst dort war er zugefroren.
Echopfote folgte dem Wasserlauf bis zu der Klippe und spähte hinab. Von Sturmpfote war, zu Echopfotes Enttäuschung, nichts zu sehen. Noch nicht, Echopfote.
Sie kletterte die Felsen vorsichtig hinab und tauchte unten auf ihrer Seite der Grenze wieder in den tiefen Schatten der Bäume ein. Sollte Sturmpfote sich ihr doch erkenntlich geben, wenn er seine Einladung ernst meinte. Echopfote betete zum SternenClan, dass er sie ernst meinte. Aber habe ich überhaupt das Recht dazu, meine Ahnen deswegen anzuflehen?
Sturmpfote ließ lange auf sich warten. Der Mond wanderte weit über den Himmel und Echopfote wollte gerade umkehren, als sie endlich das Rascheln hörte.
„Echopfote? Bist du da?“
Echopfote wäre am liebsten vor Erleichterung auf die Pfoten gesprungen, zwang sich aber, sich zu beherrschen. Nachdem Sturmpfote erst so spät gekommen war, wollte sie ihm nicht so offen zeigen, wie erfreut sie über sein Erscheinen war.
Vorsichtig trat sie ins Mondlicht zu dem grau-weißen Kater. „Du kommst spät“, stellte sie fest.
Sturmpfote sah sie betreten an. „Tut mir leid. Ich wurde aufgehalten.“
Angst packte Echopfote mit eisigen Klauen. „Ist dir jemand gefolgt?“, fragte sie atemlos.
Sturmpfote schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht.“
Erleichterung breitete sich in Echopfote aus. Ein Schnurren stieg in ihrer Kehle auf. „Schön, dass du da bist!“
Auch Sturmpfote schnurrte. „Ich hatte schon Angst, du würdest meine Einladung nicht ernst nehmen.“ Echopfote hatte nie an ihm gezweifelt.
„Wie … ähm … wie geht es dir?“, stotterte sie.
Ein belustigtes Funkeln trat in Sturmpfotes blaue Augen und ließ sie noch mehr glänzen, als sie es im fahlen Mondlicht ohnehin schon taten. Es war ein fröhliches, glückliches Glitzern, die Lust darauf, etwas Einzigartiges zu tun. Etwas, was sonst niemand tat. Dasselbe Gefühl, welches auch Echopfote spürte.
„Soll ich dir etwas zeigen?“, fragte Sturmpfote. „Ein Geheimnis, nur zwischen uns beiden?“
Klang verlockend. „Welches?“
Sturmpfote grinste. „Komm mit!“ Und mit diesen Worten eilte er davon. Echopfote folgte ihm schnell Dafür, dass er verletzt war, war Sturmpfote erstaunlich flink. Die steile Felswand kletterte er innerhalb weniger Augenblicke hinauf, während sein langer Schwanz hin und her schwang und seine schlanken Krallen in winzige Risse im Stein griffen. Echopfote folgte ihm weniger geschickt und glitt mehrere Male ab.
Sturmpfote, der sich an der oberen Felskante niedergelassen hatte, prustete belustigt los.
„Du hast gut lachen“, murrte Echopfote.
Sturmpfote schnurrte und half ihr hinauf. „Deine Fähigkeiten im Klettern sind … gewöhnungsbedürftig.“ Er lachte.
„Dann will ich dich beim Mäusejagen sehen!“, neckte Echopfote den Gescheckten. „Mit deinem Getrampel würdest du alle Beutetiere verscheuchen!“
„Gerade deshalb jagt der SturmClan auch lieber in den Bäumen!“
„Und der SchneeClan am Boden“, seufzte Echopfote.
Sturmpfote stupste sie sanft mit der Nase an. „Komm! Gehen wir weiter.“ Er tappte hinüber zum Bach und trat auf das Eis.
Skeptisch blickte Echopfote ihn an.
„Nun komm schon!“, rief der junge Kater.
Echopfote holte tief Luft und folgte ihm. Er hatte Recht - sie mussten auf der Grenze bleiben, damit sie nicht ins Territorium des anderen Clans eindrangen. Echopfote trat an den Eisrand, während ihr Herz zu rasen begann. Erinnerungen kamen in ihr auf, Bilder füllten ihren Kopf: Eis, dass unter ihren Pfoten zerbrach, ihre wirbelnden Pfoten, eisiges Wasser, das ihr die Luft nahm …
Echopfote riss die Augen auf, verdrängte die Bilder und trat auf den vereisten Bach hinaus. Sie hörte das Eis unter sich knacken, fühlte, wie das Wasser gegen die Eisdecke wogte.
„Echopfote?“ Sturmpfote trat an ihre Seite. „Ist alles in Ordnung?“
Echopfote nickte und schluckte schwer. „Alles in Ordnung“, krächzte sie, aber sie sah an Sturmpfotes Gesichtsausdruck, dass er ihr nicht glaubte.
„Ist es das Eis?“, fragte er.
Echopfote nickte. „Ja. Seit ich beim Kampf gegen den … gegen deinen Clan im Bach eingebrochen bin.“
Sturmpfote nickte verständnisvoll. Aber er verstand nicht. Er konnte nicht verstehen.
„Mein … mein Bruder ist so gestorben“, gab Sturmpfote zu.
„Heiliger SternenClan! Das muss unglaublich schlimm für dich gewesen sein!“ Echopfote blickte ihn mitfühlend an. „Wie ist das passiert?“
Sturmpfote wich ihrem Blick aus. „Ich will nicht darüber sprechen.“ Und schon war er wieder da - der Abstand zwischen ihnen beiden, wie er bei Katzen unterschiedlicher Clans sein sollte. Sein musste.
Einige Momente schwiegen sie beide, dann brach Sturmpfote die Stille. „Komm. Gehen wir weiter.“ Als er schnurrte war in seinen Augen wieder die gewohnte Wärme zu finden. Erleichtert atmete Echopfote auf.
Es war schwieriger auf dem glatten Eis zu laufen und die beiden Schüler glitten ständig aus. Echopfote grub ihre Krallen tief in den harten Untergrund und versuchte zu Sturmpfote aufzuschließen, der sie immer weiter flussaufwärts führte, während die gewaltigen Bergmassive des Schattengebirges immer näher und näher zu rücken schienen. Es wurde mit jedem Pfotenschritt karger und felsiger und schon bald mussten sie über steile Felsen klettern, die aus dem vereisten Wasser ragten. Schon bald hatten sie die Clangrenzen
überschritten und verließen den breiten Bach. „Sturmpfote, warte!“, rief Echopfote, während sie sich die von der Kälte steifen Pfoten ausschüttelte. Ihre Beine zitterten von dem langen Laufen übers Eis und Echopfote musste husten. Sie schloss die Augen.
„Echopfote?“ Sturmpfote stand neben ihr. „Du hast Husten. Wir sollten umkehren.“
„Nein!“, fauchte Echopfote.
„Aber …“
„Ich bin gesund!“ Ein verbissenes Knurren stieg in Echopfote auf und sie konnte es kaum unterdrücken.
Sturmpfote zuckte zurück und blickte die Schülerin überrascht an. Offensichtlich hatte er keine solche Reaktion von ihr erwartet. „Gut“, miaute er.
Echopfote fühlte sich schrecklich, als sie ihm in die Augen blickte. Überraschung, Schreck, Verletzung … all das stand in Sturmpfotes Blick. Und Angst, leise Angst. Das war es, was Echopfote am meisten erschreckte. Am liebsten hätte sie sich bei ihm für ihre patzige Antwort entschuldigt, aber die Worte wollten einfach nicht aus ihrer Kehle kommen. Was ist nur mit mir los?
Den Rest des Weges gingen die beiden Katzen Seite an Seite. Die Nacht wurde immer kälter und es begann zu schneien. Es war der Höhepunkt der Blattleere und kein Clan konnte es sich leisten, dass sich Krankheiten unter ihnen ausbreiteten.
Echopfote schlug mit der Pfote nach einer durch die Luft segelnden Schneeflocke und verlor das Gleichgewicht. Sie kippte von den Pfoten und stolperte gegen Sturmpfote. Der Graue fing sie mit einem belustigten Schnauben auf.
„Tut mir leid“, prustete Echopfote.
Sturmpfote schnurrte darauf nur belustigt. „Sieh nur!“ Er wies auf einen klaffenden Spalt in der Felswand zu ihrer Linken. Er schien geradewegs in die Finsternis zu führen.
„Und das ist unser Weg?“, fragte Echopfote skeptisch.
Sturmpfote grinste. „Nach dir.“
Echopfote seufzte theatralisch, während ihr Fell sich vor Aufregung sträubte. Dann zwängte sie sich in den Tunneleingang. Es war so dunkel, dass Echopfote sich von ihren Schnurrhaaren, die die unebenen Steinwände streiften, leiten lassen musste. Sie spürte Sturmpfotes Atem an ihrem Schweif, als er ihr folgte.
Der Tunnel wand sich um Ecken wie eine Schlange und schon bald hatte Echopfote hoffnungslos die Orientierung verloren. Sie folgte blind ihrem Vertrauen auf Sturmpfote und darauf, dass der Tunnel bald ein Ende haben würde.
Eine gefühlte Ewigkeit tappte Echopfote vor Sturmpfote durch den Tunnel, und sie wollte ihn gerade beten, wieder umzukehren, als sie vor sich endlich Licht entdeckte. Echopfote beschleunigte ihre Schritte, bog um eine Ecke - und blieb geblendet stehen. Sie verengte die Augen und blinzelte überrascht ins helle Licht.
Vor ihr lag eine weite Höhle mit glatten, grauen Steinwänden. In der Mitte der Felsdecke klaffte ein weites Loch, das einen Durchmesser von ungefähr zehn Fuchslängen hatte und durch das Echopfote den dunklen Nachthimmel und den Mond sehen konnte. Der Boden war von feinem, weißem Sand bedeckt, der im bleichen Licht sanft schimmerte, und in der Mitte des Felsenkessels lag ein unbewegter, schwarzer See, dessen Ufer von schmalen dicht verzweigten Bäumen bestanden war. Echopfote erkannte Birken und eine Baumart, die sie nicht kannte. In den makellos glatten Höhlenwänden befanden sich tiefe Höhlen und Tunnel, deren Eingang teilweise erst einige Schwanzlängen über dem Boden lag. Am oberen Rand des klaffenden Loches in der Decke wuchsen riesige Bäume, deren Wurzeln wie dicke Schlangen bis auf den Boden des Felsenkessels hinab hingen und Echopfote an die alte Eiche erinnerten, deren Wurzeln über dem Eingang zum SchneeClan-Lager herabhingen.
„Und?“ Sturmpfote trat grinsend an ihre Seite. „Habe ich zu viel versprochen?“
Echopfote schüttelte sprachlos den Kopf. „Es ist wunderschön hier“, hauchte sie. Sie wandte sich zu dem Grauen um. „Wie hast du den Felsenkessel gefunden?“, wollte sie wissen.
Sturmpfotes Grinsen wurde breiter. „Das war vor drei oder vier Blattwechseln. Ich, Habichtpfote und Bussardpfote - meine Geschwister - hatten unsere erste Abnahme und sollten an der Grenze jagen. Unsere Mentoren verloren uns jedoch aus den Augen und wir haben uns weit jenseits der Grenze verirrt. Es wurde Nacht und wir haben den Weg zurück zum SturmClan gesucht - bis Bussardpfote plötzlich in das Loch gefallen ist und sich gerade noch an den Wurzeln festhalten konnte.“ Er schnurrte amüsiert. „Wir haben in einer der Höhlen übernachtet und am nächsten Morgen dann den Weg zurück gefunden.“
Echopfote riss die Augen auf. „Und ihr seid einfach weitergelaufen, nachdem ihr die Grenze übertreten habt?“
Sturmpfote zog die Schultern hoch.
Echopfote musste lachen und beugte sich leicht zu dem Kater. „War es spannend?“, flüsterte sie.
Sturmpfotes Augen begannen zu leuchten. „Und wie! Einmal wurden wir sogar fast von einem Fuchs gefressen!“
„Heiliger SternenClan!“
Sturmpfote schlug Echopfote spielerisch gegen die Schulter. „Fang mich!“ Mit diesen Worten rannte er in Richtung des Sees davon.
„He!“ Echopfote lief ihm hinterher. Der Sand wirbelte unter ihren Pfoten auf und Echopfote glitt immer wieder aus, aber dennoch holte sie schnell auf. Sie legte den Kopf zurück und schloss für einen Moment die Augen. Das ist die schönste Nacht meines Lebens!
Sturmpfote verschwand zwischen den Bäumen und setzte federleicht über einen umgekippten Baumstamm. Echopfote folgte ihm weniger geschmeidig. Sie wollte ihn gerade mit der Pfote berühren, aber ihr Schlag ging ins Leere. Sturmpfote rettete sich mit einem Satz auf eine schlanke Birke und kletterte bis an die Spitze.
„He!“ Echopfote sah zu ihm auf. „Das ist ungerecht!“
Sturmpfote schnaubte belustigt, sprang aber elegant zu ihr herab. „Was denn?“, fragte er mit Unschuldsmiene.
„Du weißt ganz genau, dass ich nicht klettern kann!“
„Dann lern es doch“, entgegnete Sturmpfote schnippisch.
Echopfote horchte auf. „Du würdest mir beibringen, wie man klettert?“, fragte sie skeptisch.
Sturmpfote sprang auf den Baumstamm zu ihrer Linken. „Klar! Wenn du mir im Gegenzug zeigst, wie man im Unterholz jagt!“
Echopfote schnurrte. „Natürlich!“
„Na dann!“ Sturmpfotes blaue Augen leuchteten, als er an Echopfote vorbei auf den nächsten Ast setzte. „Komm!“
Echopfote kam ihr so vor, als wäre sie nie zuvor glücklicher gewesen.

Echopfote hätte am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen, während sie mit wirbelnden Pfoten durch ihr Territorium rannte, konnte sich aber im letzten Moment noch beherrschen. Hinter den kahlen Baumwipfeln ging bereits die Sonne auf und sie wollte die Aufmerksamkeit der Waldbewohner nicht auf sich lenken - schon gar nicht nach dem, was sie in der letzten Nacht getan hatte.
Erneut kam ein nahezu überwältigendes Glücksgefühl in Echopfote auf. Mit Sturmpfotes Hilfe hatte sie sich zum ersten Mal getraut, so hoch auf Bäume zu klettern, wie nur SturmClan-Katzen es taten. Gemeinsam waren sie von Ast zu Ast, von Baum zu Baum gesprungen. Echopfotes Fell prickelte bei der Erinnerung vor Freude.
„Echopfote!“
Echopfote hatte das Lager kaum betreten, da stürmte auch schon Blattpfote auf sie zu. Verwirrt blieb Echopfote stehen. „Was ist denn los?“
„Was los ist?“ Blattpfote ging aufgewühlt auf und ab. „Ich habe mir Sorgen gemacht! Verdammt, ich bin aufgewacht und du warst nicht da!“
Schuldgefühle überwältigten Echopfote wie eine riesige Welle. Sie senkte den Blick auf ihre Pfoten. „Tut mir leid“, miaute sie kleinlaut. „Ich konnte nicht schlafen und bin mir ein wenig die Pfoten vertreten gegangen.“
Sofort verwandelte sich die Wut auf Blattpfotes Gesicht in Sorge. „Ist alles in Ordnung?“
„Ja, natürlich“, erwiderte Echopfote schnell und betete, dass an ihrem Fell nicht noch immer Sturmpfotes durchdringender Geruch haftete.
Blattpfotes Augen verengten sich.
Großer SternenClan, nein!, flehte Echopfote und senkte den Kopf, damit Blattpfote die Angst in ihrem Blick nicht sah.
„Du hast Husten“, stellte Blattpfote fest. „Das wird es sein.“
Echopfote nickte erleichtert. „Ja. Genau.“ Sie blickte sich um. „Sollten nicht Federflug und Mondfeuer Wache halten?“
Blattpfotes Augen blitzten. „Schnell, komm mit!“, rief sie und huschte durch die schmale Felsspalte.
Echopfote zögerte einen Moment. Sie hob den Kopf und blickte zu der gewaltigen Eiche herauf, deren Wurzeln bis kurz über Echopfotes Kopf herunter hingen. Genau wie die Wurzeln am geheimen See, wie Sturmpfote ihn genannt hatte. Sturmpfote. Echopfote vermisste ihn jetzt schon.
Im Lager hatten sich alle Katzen auf der Lichtung versammelt, obwohl es noch sehr früh war und die Sonne erst vor wenigen Augenblicken aufgegangen war. Echopfote drängte sich durch die Menge, die sich vor dem Alten Baumstumpf gebildet hatte, hindurch - und blieb abrupt stehen.
„Echopfote!“, rief Goldfell, die neben ihr stand, besorgt. „Wo warst du die ganze Nacht?“
Echopfotes Fell prickelte vor Verlegenheit. „Spazieren“, murmelte sie und spähte über Schneebart, der vor ihr stand, hinweg auf den Baumstumpf. „Was ist denn hier los?“
Doch Goldfell ging nicht auf ihre Frage ein, sondern redete munter weiter. „Aber wie kann das sein? Wir haben doch das gesamte Territorium abgesucht! Blattpfote hatte schon Angst, dass du wie Nachtschweif in die Spalte gefallen bist!“
Echopfote zuckte noch immer zurück, wenn sie ihren Namen hörte. Der Schmerz war zu frisch, die Wunden, die er hinterlassen hatte, zu tief …
„Aber ich habe ihr gesagt, dass könne nicht sein. Du bist viel zu aufmerksam, um so etwas zu tun. Und das erst kurz nach ihrem Tod! Rindenstern hat ...“
„Was ist hier los, Goldfell?“, fuhr Echopfote ihre Freundin an. Sie hatte in diesem Moment nicht die geringste Lust, sich anzuhören, was sie oder ihre Mutter getan hatte.
Birkenherz, der neben Schneebart saß, fuhr zu ihr herum und fauchte: „Sei still, dann erfährst du es gleich!“
Als der kräftige Tigerkater sich wieder umdrehte sah Echopfote, wie Goldfell die Augen verdrehte.
Echopfote reckte den Hals um zu sehen, was vorne vor sich ging. Sie spürte, wie Blattpfote sich neben ihr niederließ und an Birkenherz vorbeispähte.
Neben dem Alten Baumstumpf standen Sternlichtglanz und Birkenpfote, über ihnen thronte Rindenstern und bat mit erhobenem Schweif um Ruhe. Nach und nach verstummten die Katzen auf der Lichtung.
Echopfote spitzte die Ohren.
Sternlichtglanz trat einen Schritt vor und legte ihren langen Schweif um Birkenpfotes Schultern. Der getigerte Schüler wirkte müde und abgekämpft, doch seine hellen, blauen Augen glänzten.
„Ich habe euch heute aus einem bestimmten Grund zusammengerufen“, begann Sternlichtglanz. „Ich … ich hatte euch bereits gestern mitgeteilt, dass Birkenpfote wegen seiner Verletzung nie ein richtiger Krieger sein kann. Dennoch will er dem Clan helfen. Deshalb hat er mich gebeten … mein Schüler zu werden.“
Einen Augenblick herrschte tiefe Stille im Felsenkessel, dann schienen alle auf einmal zu sprechen beginnen. Goldfell redete ununterbrochen auf Lichtschweif ein, Echopfote und Blattpfote wechselten einen verwunderten Blick, zwischen Rankenschweif, Mondfeuer und ein paar anderen Katzen weiter hinten brach ein Streit aus.
„Seid leise!“, fauchte plötzlich eine zornige Stimme. Echopfote fuhr herum und entdeckte Flammenfuß, der aufgesprungen war und die Gruppe von streitenden Katzen anfunkelte. „Wenn er es so will, dann soll es so sein!“
„Wobei natürlich die Frage aufkommt, ob er es überhaupt wirklich will“, hörte Echopfote Goldfell neben sich murmeln.
Rindenstern nickte anerkennend und erhob sich. „Ich, Rindenstern, der Anführer dieses Clans, habe euch heute hier zusammengerufen, um diesen jungen Schüler zum Heilerschüler zu ernennen. Er hat hart gearbeitet, um ein Krieger zu werden, doch der SternenClan hat seine Pfoten auf einen anderen Weg geführt.“ Er sprang vom Baumstumpf hinab und blieb vor Sternlichtglanz stehen. Er sah die junge Heilerin warm an, dann miaute er: „Sternlichtglanz, Birkenpfote wird dein erster Schüler sein. Ich bin davon überzeugt, dass du ihm die Fertigkeiten im Umgang mit Kräutern und in der Verständigung mit dem SternenClan beibringen wirst, die dich damals Aschenfeuer gelehrt hat.“
Sternlichtglanz erwiderte seinen Blick kühl und wandte sich dann zu ihrem neuen Schüler um. Birkenpfote strahlte und plötzlich sah Echopfote in ihm nicht mehr den jungen, unerfahrenen Kater, an dem der ganze Clan gezweifelt hatte, sondern einen weisen, starken Heiler, der für alles eine Lösung hatte. Ja!, dachte sie. Das ist das richtige für ihn!
Birkenpfote stellte sich auf die Zehenspitzen, um Sternlichtglanz‘ Nase mit seiner eigenen zu berühren.
Die Katzen um Echopfote herum schwiegen beharrlich. Doch dann hörte sie, wie Flammenfuß laut den Namen seines früheren Schülers rief. Echopfote stimmte mit ein und schließlich rief der gesamte Clan Birkenpfotes Namen. Der Heilerschüler strahlte vor Stolz.
Rindenstern wandte sich zu seinem Stellvertreter. „Grauschweif, teile du die Patrouillen ein!“ Mit diesen Worten verschwand der Kater in seinem Bau.
Echopfote gähnte und tappte in Richtung ihres Baus.
„He!“, rief Blattpfote und rannte ihr hinterher. „Du kannst nicht einfach gehen! Grauschweif hat uns beide gerade für die Jagdpatrouille eingeteilt!“
„Sag ihm, eine andere Katze soll für mich einspringen“, krächzte Echopfote und schluckte, damit das unangenehme Kratzen in ihrem Hals verschwand. „Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen.“ Sie krümmte sich und hustete.
„Echopfote?“ Blattpfote eilte an ihre Seite. „Geh zu Sternlichtglanz! Farnschweif hat auch schon Grünen Husten.“
„In Ordnung“, keuchte Echopfote und ließ sich von ihrer Schwester quer über die Lichtung in den Heilerbau führen.
Sternlichtglanz und Birkenpfote waren gerade dabei, ein Nest für Birkenpfote einzurichten, als die beiden Schülerinnen hereintraten. Sternlichtglanz hob alarmiert die Ohren, als Blattpfote ihr schilderte, was geschehen war.
„Birkenpfote“, wies die Heilerin ihren Schüler an, „bring Echopfote ins Krankenlager und gib ihr Mohnsamen und Katzenminze. Wir können es uns nicht leisten, dass der Grüne Husten ausbricht.“
Birkenpfote nickte und humpelte auf drei Pfoten durch den Bau zu der Felsspalte, die zum Krankenlager führte.
Farnschweif, die zwischen den Farnwedeln lag, hob den Kopf. Ihre goldgrünen Augen begannen zu leuchten, als sie ihren Sohn entdeckte. „Birkenpfote!“, schnurrte sie und hustete rasselnd.
Birkenpfote sah seine Mutter besorgt an, dann winkte er Echopfote zu einem Nest weiter hinten im Felsenkessel. „Leg dich am besten hierhin“, miaute er. „Und iss die Mohnsamen, damit du schlafen kannst.“
Echopfote nickte. „Danke“, flüsterte sie und leckte die Mohnsamen auf. Dann rollte sie sich zusammen und vergrub die Nase in ihrem Schweif. Die Ereignisse der letzten Nacht drifteten in weite Ferne und bevor sie einschlief konnte Echopfote noch einen klaren Gedanken fassen: Ich werde Sturmpfote wiedersehen. Morgen, vielleicht auch übermorgen. Und es ist mir egal, dass das gegen das Gesetz verstößt - mir war nie zuvor ein Kater so wichtig wie er. Es ist egal …

17. Kapitel

ECHOPFOTE KROCH GÄHNEND aus ihrem Bau und streckte sich. Es war ein sonniger Tag und keine Wolke hing am strahlend blauen Himmel; dennoch hing der Geruch von Neuschnee in der kühlen Luft.
Echopfote kniff die Augen zusammen und unterdrückte ein weiteres Gähnen. Fast ein halber Mond war seit ihrem ersten Treffen mit Sturmpfote vergangen und seitdem hatten sie sich fast jede Nacht am Grenzbach getroffen und waren gemeinsam hinauf in die Berge zum Geheimen See gegangen. Echopfote wurde von Tag zu Tag geschickter im Klettern, aber auch Sturmpfote lernte schnell; er bewegte sich nun schon fast so leise auf dem Waldboden wie eine SchneeClan-Katze.
Auch Laubstern hatte Echopfote immer öfter Besuche abgestattet. Er war nicht glücklich über ihre Treffen mit Sturmpfote, das wusste Echopfote, aber der verstorbene Anführer konzentrierte sich mehr auf ihr Training als auf ihre Freundschaft mit dem SturmClan-Kater.
„Echopfote? Blattpfote?“
Echopfote fuhr zusammen, als sie ihren Namen hörte. Sie blinzelte und entdeckte zu ihrer Überraschung Rindenstern, der vor dem Großen Baumstumpf stand und sie mit seinem Schwanz zu sich winkte.
„Was ist los?“, gähnte Blattpfote, die neben ihr aus dem Farndickicht kroch.
„Ich glaube Rindenstern will uns sprechen“, miaute Echopfote vorsichtig.
„Na dann.“ Blattpfote schüttelte verschlafen den Kopf und trabte mit ihrer Schwester auf den Anführer zu. Rindenstern nickte den beiden Schülerinnen zu und winkte sie in seinen Bau.
Blattpfote tappte ohne zu zögern in die Höhle im Fels, in der der Bau des Anführers untergebracht war, aber Echopfote blieb zweifeln vor dem Eingang stehen. Sie war noch nie in den Bau des Anführers eingeladen worden. Den Bruchteil eines Augenblicks später fasste sie sich ein Herz und trat in die Höhle.
Es war erstaunlich gemütlich in der dunklen Felshöhle. Sowohl die Wände als auch der Boden waren von Moos überwuchert und das Nest in der hintersten Ecke des Baus bestand aus Farnen. Rindensterns Gefährtin schlief schon lange nicht mehr mit ihm in einem Bau.
Es dauerte eine Weile, bis Echopfotes Augen sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten. Sie erkannte die Schemen von vier Katzen in der Dunkelheit. Blattpfotes weiße Pfoten und Maul glommen in der Düsternis, ebenso Schwanzspitze und Pfoten ihrer Mentorin. Grauschweif hingegen schien mit den Schatten zu verschmelzen.
Es raschelte, als Rindenstern aufstand und zu den beiden Schülerinnen hinüber tappte. Seine Augen verengten sich, als er ins Licht trat. Er schnippte mit dem Schwanz in Richtung ihrer Mentoren und bedeutete ihnen so, ebenfalls vorzutreten.
Grauschweif sprach als Erster: „Echopfote, Blattpfote. Eulenfeder und ich haben gemeinsam mit Rindenstern beschlossen, euch heute einer weiteren Beurteilung zu unterziehen.“
Echopfote und Blattpfote wechselten einen gleichermaßen freudigen und verwirrten Blick. Eine Beurteilung? Aber wir haben doch bereits zwei gehabt! Jeder Schüler musste vor seiner Ernennung drei Abnahmen bestanden haben. Nach der dritten wurde er dann meistens zum Krieger ernannt.
„Aber … wir sind doch noch keine zwölf Monde alt!“, wandte Echopfote vorsichtig ein.
Eulenfeder zuckte mit der Schwanzspitze. „Wir wollen nur testen, wie gut ihr beide darin seid, mit anderen gemeinsam zu jagen“, erklärte sie. „Ihr seid die ältesten Schüler.“
Nun meldete sich Rindenstern zu Wort. „Ich bin der Meinung, es ist sehr wichtig mit anderen zusammen auf die Jagd zu gehen“, erläuterte er. „Dazu gehört nicht nur die Jagd an sich, sondern auch, seinen Partner einzuschätzen und den richtigen Platz zu wählen.“
Echopfote prickelte das Fell, als sie sich daran erinnerte, wie Grauschweif sie mit Birkenherz auf die Jagd geschickt hatte. Sie hatte auf Anhieb den falschen Ort ausgesucht.
Rindenstern fuhr fort: „Auch wenn ihr vielleicht noch keine zwölf Monde alt sein mögt, würde ich dennoch gerne eure Fähigkeiten einschätzen.“ Er tappte in Richtung des Ausgangs, sein Schwanz peitschte hin und her. Echopfote duckte sich unwillkürlich, als Moosstücke auf sie herabrieselten, dann folgte sie ihrem Anführer nach draußen.
Inzwischen waren auch die restlichen Katzen des Clans erwacht. Echopfote ließ ihren Blick über ihre Clangefährten schweifen. Sie waren geschwächt, dass konnte niemand leugnen. Unter den SchneeClan-Katzen hatte der Grüne Husten gewütet. Echopfotes Krankheit hatte sich zwar nur als Weißer Husten herausgestellt, aber Farnschweif hatte ihre Tochter und ihren Gefährten angesteckt und inzwischen befand der halbe Clan sich im Krankenlager und Sternlichtglanz und Birkenpfote hatten alle Pfoten voll zu tun. Aber der junge Heilerschüler lernte schnell und schien ein besonderes Talent zu haben.
Rindenstern wechselte ein paar Worte mit Flammenfuß. Dieser nickte und tappte davon. Wenige Augenblicke später kam er mit Goldfell und Lichtschweif zurück. Ohne eine weitere Erklärung führten Rindenstern, Grauschweif und Eulenfeder die kleine Gruppe aus dem Lager.
Draußen angekommen wandte der braune Kater sich zu den Katzen, die ihm folgte ihm, und ließ seinen wachsamen Blick über die Anwesenden schweifen. „Goldfell, du jagst mit Blattpfote“, miaute er schließlich. „Geht in Richtung der oberen Grenze - und lass Blattpfote den Ort aussuchen.“ Goldfell nickte mit leuchtenden Augen und Rindenstern blinzelte zufrieden. „Eulenfeder und Flammenfuß werden euch beobachten.“
Das Leuchten in Goldfells Augen wurde zu Unzufriedenheit und Wut, aber sie widersprach nicht. Nun wandte Rindenstern sich an Lichtschweif. „Du begleitest Echopfote“, sprach er. „Am besten jagt ihr in der Nähe der BlattClan-Grenze. Grauschweif und ich werden euch beurteilen.“
Echopfotes Fell prickelte vor Nervosität. Ihr Anführer selbst würde ihre Jagdkünste beurteilen! Und dabei konnte sie sicher besser schwimmen als jagen.
Lichtschweif warf Echopfote einen ermutigenden Blick zu, jedoch stand in ihren Augen auch eine unausgesprochene Warnung. Streng dich bloß an!, schienen sie zu sagen.
Die Patrouille löste sich auf und Echopfote führte Lichtschweif in Richtung der BlattClan-Grenze in den Wald hinein. Hin und wieder hörte sie ein Rascheln von hinten oder zu den Seiten, aber wenn sie sich umwandte war da nichts. Das sind nur Rindenstern und Grauschweif, nichts weiter, mahnte Echopfote sich stumm.
Plötzlich blieb Lichtschweif stehen und hob ruckartig den Schwanz. Ihre Nase zuckte. „Da ist etwas“, flüsterte sie.
„Was?“
„Ein Eichhörnchen. Keine fünf Katzenlängen entfernt.“ Fast augenblicklich fiel sie ins Jagdkauern.
„Halt!“, jaulte Echopfote mit gesenkter Stimme und huschte zu Lichtschweif. „Warte.“ Sie schloss die Augen halb und öffnete das Maul, um die Luft zu prüfen. Tatsächlich - das Eichhörnchen war ganz nah, in einem vertrockneten Brombeerstrauch.
„Lichtschweif“, miaute Echopfote mit ruhiger Stimme und berührte die weiße Kätzin leicht mit der Schwanzspitze. Lichtschweifs Fell schimmerte in der Sonne golden. „Du näherst dich dem Gebüsch von dieser Seite. Treib das Eichhörnchen zu mir - ich stehe dort, neben dem Felsen.“
Lichtschweif nickte und schlich sich geduckt an den Strauch heran. Echopfote umrundete das Gestrüpp ohne auch nur einen winzigen Laut von sich zu geben und kauerte sich in den Schnee neben dem Felsen. Sie konnte Lichtschweif in dem Weiß kaum ausmachen, als sie der jungen Kriegerin zunickte.
Lichtschweif nickte und schob sich an den kahlen Strauch heran. Die Weiße duckte sich unter einem tief hängenden Ast und langte mit einer Pfote unter den Busch.
Ein hohes Quieken ertönte und neben Echopfote raschelte etwas. Sie suchte den Wald mit den Augen ab und das Eichhörnchen rannte an ihr vorbei. Verdammt!, schalt Echopfote sich innerlich. Ich habe mich ablenken lassen! Sie nahm die Verfolgung auf. Echopfote hatte das magere Eichhörnchen schon fast erreicht, als dieses vor ihr einen Baum hinaufschoss. Echopfote kletterte hinterher und tötete das Eichhörnchen mit einem Biss.
Triumphgefühl stieg in Echopfote auf. Sie hatte mit Lichtschweifs Hilfe Beute erlegt - und dabei auch noch das angewendet, was Sturmpfote ihr über das Klettern beigebracht hatte!
Vorsichtig nahm Echopfote die Beute ins Maul und sprang elegant zu Boden. Erst jetzt wurde ihr klar, wie weit sie auf ihrer Jagd in Richtung des BlattClans gelangt war. Vor ihr erstreckte sich eine weite, grasbewachsene Lichtung, auf der kein Schnee lag, obwohl sich über Echopfotes Kopf nur der graue Himmel befand. Über die Ebene verteilt stachen riesige, graue Felsen aus der Erde, die nur das spitze Ende gemein hatten. Die Nadelfelsen!, wurde es Echopfote schlagartig bewusst.
Eine sanfte Brise zerzauste Echopfotes Fell, doch sie störte sich nicht daran. Ihre Augen hingen wie gebannt an einem gewaltigen Felsen in der Mitte der Lichtung. Von ihm schien eine unendliche Finsternis auszugehen, tiefer noch als die dunkelste Nacht.
Echopfotes Fell sträubte sich.
Und plötzlich waren da Stimmen im Wind, kratzende, wispernde Stimmen. Echopfote spitzte die Ohren.
Komm … zu mir … Komm …
„Echopfote!“
Echopfote fuhr mit gesträubtem Pelz und ausgefahrenen Krallen zurück, das Eichhörnchen fiel ihr aus dem Maul. Als ihr klar wurde, dass es nur Lichtschweif war, die von hinten angetrabt kam, senkte sie schuldbewusst den Blick.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte Lichtschweif vorsichtig. „Hast du das Eichhörnchen?“
„Ja, alles klar“, erwiderte diese. „Ich habe …“ Die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. Wörter füllten ihren Kopf, eine eisige, schneidende Stimme. Komm … zu … mir!
„Echopfote“, miaute Lichtschweif langsam. „Wir dürfen nicht hier sein.“
Echopfote schüttelte nur den Kopf, um die alles übertönenden Stimmen zu vertreiben. Der Schatten hinter dem Felsen schien zu wachsen, die Finsternis alles andere zu verschlucken …
Komm zu mir …
Echopfote erschauderte. „Schnell, lass uns von hier verschwinden!“

18. Kapitel

BLATTPFOTE HATTE zwischen ein paar vertrockneten Farnwedeln ein knochiges Kaninchen ausgemacht, das auf einem Lauf hinkte, und gab Goldfell mit dem Schwanz ein Zeichen. Die rötliche Kätzin verstand sofort und ließ sich ins Jagdkauern fallen. Blattpfote tat es ihr nach.
Ich hoffe, diesmal geht alles gut, dachte sie. Die Spitzmaus, die die beiden kurz zuvor gejagt hatten, war sogar Blattpfotes flinken Pfoten entkommen und sonst hatten sie keine weitere Beute entdeckt. Blattpfote konnte nur hoffen, dass Eulenfeder und Flammenfuß nicht allzu streng sein würden. Was allerdings eine ziemlich schwache Hoffnung war.
Blattpfote kroch geduckt auf das Farngestrüpp zu, während Goldfell sich auf der anderen Seite der dichten Halme postierte. Oh bitte, SternenClan!, betete sie, doch ehe sie auch nur mit den Schnurrhaaren zucken konnte hatte Goldfell sich auch schon auf das Tier gestürzt, das nun überrascht quiekend auf Blattpfote zustürmte.
Blattpfote nahm die Verfolgung auf und erlegte das Kaninchen nur wenige Katzenlängen weiter. Endlich!, dachte sie, als sie ihre Zähne in den Nacken ihrer Beute grub. Sie wollte ihren Fang gerade zurück zu Goldfell bringen, als plötzlich der Boden unter ihr nachgab. Mit einem überraschten Aufschrei schlitterte Blattpfote bergab. Sie hustete, überall um sie herum war Sand.
Der Aufprall kam genauso plötzlich wie das wegrutschen der Erde und nahm Blattpfote die Luft. Keuchend blinzelte sie sich den Staub aus den Augen und schüttelte sich angewidert den schmutzigen Pelz. Sie würde sicherlich noch nach ihrer Kriegerzeremonie Sand in ihrem Fell finden.
Das Kaninchen, das sie beim Fall vor Schreck losgelassen hatte, fand Blattpfote nur wenige Mauselängen entfernt. Es sah durchaus mitgenommen aus, war aber noch essbar und der Clan brauchte Frischbeute. Es war eine harte Blattleere und Blattpfote brannte die Haut vor Kälte.
Sie wollte sich gerade mit ihrer Beute auf den Rückweg machen, als ihr ein bekannter Geruch in die Nase stieg. Maus! Sogar mehrere.
Blattpfote verscharrte das Kaninchen mühevoll zwischen zwei Baumwurzeln, dann ging sie geduckt und mit gespitzten Ohren auf die Suche. Ihr Weg führte sie quer durchs Unterholz, bis der Wald auf einmal von einer breiten Schneise durchschnitten wurde.
Der Freiweg lag einige Schwanzlängen unterhalb der Anhöhe, auf der Blattpfote sich befand, und war von Sand und Schnee bedeckt. Den Namen hatten die Clankatzen ihm gegeben, weil dies der Weg war, auf dem die SchneeClan-Katzen es den Mitgliedern anderer Clans erlaubten, ihr Territorium zu betreten, um zum Mondtal oder zum Gebiet des anderen Clans zu gelangen. Eigentlich wurde er nur von Anführern und Heilern benutzt und selbst das sehr selten. Hier wurde vom SchneeClan auch nur selten patrouilliert, da der Weg so gut wie immer leer war.
Nun war er aber ganz und gar nicht leer. Nur wenige Katzenlängen entfernt wirbelten dutzende Pfoten von SturmClan-Katzen den Schnee auf.
Mit einem Satz sprang Blattpfote zur Seite und tauchte unter einigen vergilbten Farnwedeln unter, so dass keine der SturmClan-Katzen sie sehen konnte. Die feindlichen Krieger beachteten sie jedoch kaum.
An der Spitze liefen ein flammenfarben getigerter Kater mit weißem Bauch, in dem Blattpfote den Anführer Brandstern erkannte, und ein riesiger, schneeweißer Kater, offensichtlich Brandsterns Stellvertreter Schneefall. Die beiden rannten geduckt den Weg entlang und blickten sich immer wieder verstohlen um. Was sie wohl vorhaben?, fragte Blattpfote sich verwirrt. Es sah nicht so aus, als wollte Brandstern zum Mondtal reisen - vor allem nicht mit seinem gesamten Clan zusammen.
Blattpfote zuckte zusammen, als ein junger SturmClan-Kater in ihre Richtung blickte. Die Farnwedel fuhren durch ihr Fell, doch das war Blattpfote egal. Bitte entdeck mich nicht!, flehte sie innerlich.
Der grau gefleckte Krieger verengte die Augen und verlangsamte kurz sein Tempo, dann wandte er den Blick ab und holte zum Rest seines Clans auf.
Erleichtert stieß Blattpfote die Luft aus. SternenClan sei Dank, er hat mich nicht gesehen! Trotzdem blieb der stechende Blick des Katers ihr im Gedächtnis, als sie sich hastig umsah und dann mit fliegenden Pfoten über den Freiweg zu dem Mäuseloch auf der anderen Seite huschte.
Blattpfote schnupperte und spitzte die Ohren. Sie hörte das Trappeln winziger Pfoten unter der Erde und duckte sich ins Jagdkauern. Was Eulenfeder wohl sagen wird, wenn ich nicht nur ein Kaninchen sondern auch ein paar Mäuse mit ins Lager bringe!
Blattpfote stieß blitzschnell vor und ließ ihre Pfote in das Loch im Erdboden gleiten. Sie spürte, wie die Erde unter ihren Pfoten sanft erbebte, als die Mäuse vor ihren scharfen Krallen flohen. Blattpfote wühlte weiter in das Loch hinein, doch so sehr sie sich anstrengte - ihre Pfoten waren einfach zu groß.
Enttäuscht trat Blattpfote ein paar Schritte zurück. Wenn Goldfell nur da wäre! Die junge Kriegerin hatte kleinere Pfoten als sie und keine Maus der Welt war vor ihr sicher.
Blattpfote wollte sich gerade auf die Suche nach ihrer Gefährtin begeben, als ihr ein neuer Geruch in die Nase stieg.
„Hallo Blattpfote!“ Birkenpfote kam mit fröhlichem Gesichtsausdruck auf sie zu gehumpelt, wobei er seine rechte Vorderpfote kaum aufsetzte. Im Maul trug er ein Bündel Kräuter. Blattpfote erkannte den durchdringenden Duft von Bachminze.
„Hallo Birkenpfote“, begrüßte sie den jungen Heilerschüler. „Was treibt dich her?“
Der Tigerkater schnurrte. „Sternlichtglanz hat mich zum Kräutersammeln in diese Gegend geschickt. Honigherz hat Bauchschmerzen, sagt sie.“ Er sah sich um. „Ich war bisher nur einmal mit Flammenfuß hier“, erklärte er dann. „Das ist der Freiweg, oder?“
Blattpfote nickte und wollte gerade etwas von dem rätselhaften Ereignis, das sie beobachtet hatte, erzählen. Doch dann überlegte sie es sich anders. Die Katzen haben nichts Verbotenes getan, oder? Es geht mich nichts an, was sie vorhatten. Eigentlich sollte ich gar nichts gesehen haben ...
„Kannst du mir vielleicht helfen?“, bat sie hoffnungsvoll. „Ich habe ein Mäuseloch gefunden, aber meine Pfoten passen nicht hinein.“
Ein Licht glomm in Birkenpfotes Augen auf. Doch dann schüttelte der Kater den Kopf und sah Blattpfote bedauernd an. „Tut mir leid“, miaute er. „Aber ich bin jetzt ein Heilerschüler. Jagen ist nicht meine Aufgabe.“
Blattpfote nickte enttäuscht. „Ja. Gut.“
Birkenpfote senkte entschuldigend den Blick. „Tut mir leid“, nuschelte er durch die Kräuter hindurch. „Ich muss weiter. Wenn ich mich nicht beeile, ist die Bachminze bald erfroren, hat Sternlichtglanz gesagt.“
Blattpfote musste ein belustigtes Schnurren unterdrücken. Birkenpfote war wirklich ein sehr bemühter Schüler.
„Viel Glück!“, wünschte Blattpfote dem jungen Kater, als dieser wieder zwischen den Bäumen verschwand, und zuckte zum Abschied mit der Schwanzspitze.
Blattpfote wartete, bis der Heilerschüler sich entfernt hatte, dann begab sie sich auf die Suche nach ihrer Gefährtin. Sie hatte sich auf der Jagd ein ganzes Stück von Goldfell entfernt und fürchtete, dass die junge Kriegerin bei Rindenstern melden könnte, dass sie fort wäre.
Blattpfote hatte kaum einen Schritt getan, als Goldfell auch schon auf sie zustürmte. „Blattpfote!“, keuchte sie. „Da bist du ja! Ich hab dich überall gesucht.“
„Tut mir leid“, miaute Blattpfote ehrlich. „Ich bin dem Kaninchen hinterhergerannt und plötzlich einen Hang hinunter gestürzt …“
Goldfell schnippte mit dem Schwanz. „Ach was! Das ist doch nicht schlimm.“ Ihre Augen begannen zu glänzen. „Hast du es?“
Blattpfote wies auf den Baum, unter dem sie ihre Beute verscharrt hat. „Dort, zwischen den Wurzeln.“ Doch als die Rote davonhuschen wollte, hielt Blattpfote sie auf. „Warte Goldfell.“ Goldfell zuckte mit dem linken Ohr. „Was?“
Blattpfote zögerte einen Moment. Was, wenn sie die SturmClan-Katzen riecht? „Kannst du mir helfen?“, brach es aus ihr heraus. „Ich habe dort hinten ein Mäuseloch entdeckt, aber … meine Pfoten sind zu groß.“ Sie hob eine ihrer weißen Pfoten.
Nachdenklich betrachtete Goldfell ihre Pfoten. Dann sah sie auf. „Ich denke, das müsste gehen“, miaute sie. „Wo ist das Loch?“
Blattpfote zuckte mit den Schnurrhaaren und führte die ältere Kätzin wortlos über den Freiweg. Auf halber Strecke blieb Goldfell jedoch stehen und schnupperte verwundert. „Hier riecht es nach SturmClan“, stellte sie fest.
Blattpfote blieb stehen und kniff für einen Moment die Augen zusammen. Oh nein! Aber was sollte eigentlich daran so schlimm sein, dass der SturmClan hier gewesen war? Trotzdem - ich habe bei der Sache so ein ungutes Gefühl …
Blattpfote schnupperte ebenfalls. Die Luft war durchtränkt von dem Geruch der feindlichen Krieger. „Du hast recht“, miaute Blattpfote scheinheilig du wandte sich zu der Roten um. Bitte merk nicht, dass ich lüge!, flehte sie und fuhr fort: „Was sie wohl hier wollten?“
Goldfell sah sich mit gespitzten Ohren um. Dann zuckte sie die Schultern. „Und wenn schon, es geht uns nichts an. Schließlich haben sie nichts Verbotenes getan.“ Ihre Augen verengten sich. „Hast du eben nichts von ihnen bemerkt?“, fragte sie misstrauisch.
„Nein“, log Blattpfote mit klopfendem Herzen.
Goldfell zuckte mit dem Schwanz, dann blickte sie an Blattpfote vorbei und trabte auf der anderen Seite des Freiwegs in den Wald hinein. Offensichtlich hatte auch sie nun die Mäuselöcher entdeckt. Blattpfote folgte ihr und reihte sich neben ihr ein.
Goldfell zuckte mit den Ohren. „Hattest du nicht von einem Mauseloch geredet?“, murrte sie.
Goldfell hatte Recht: Im Boden klaffte nicht nur ein Loch - es waren viele. Sehr viele.
Blattpfote und Goldfell wechselten einen Blick. „Wie gedachtest du … etwas zu erbeuten?“, fragte Goldfell skeptisch. „Es gibt sie viele Löcher, aus denen die Mäuse hinaus könnten - und wir können nicht überall gleichzeitig sein!“
Blattpfote zuckte ratlos mit den Ohren. „Ich weiß nicht … Warte, ich habe eine Idee!“ Sie trabte an den Mäuselöchern vorbei in den Schatten der Bäume. Schon bald hatte sie gefunden, was sie suchte: Ein Stein, etwa so groß wie eines ihrer Ohren, lag zwischen zwei Wurzeln. Entschlossen klemmte sie sich den Stein unter ihr Kinn und stolperte zurück zu Goldfell.
Die junge Kriegerin sah Blattpfote verwirrt zu. „Ähm … Blattpfote?“
Keuchend ließ Blattpfote den Stein fallen. „Komm“, sagte sie zu Goldfell. „Hilf mir, mehr zu holen!“
Goldfell zögerte einige Augenblicke lang, dann folgte sie der Schülerin.
Es dauerte nicht lange und sie hatten eine beachtliche Menge an Steinen gesammelt. Diese verteilte Blattpfote gewissenhaft über die Mäuselöcher, wobei sie zwei freiließ.
Nun schien auch Goldfell zu verstehen. „Keine schlechte Idee“, stellte sie fest. „Aber funktioniert das auch?“
„Natürlich funktioniert das!“, erwiderte Blattpfote viel optimistischer als sie sich fühlte und nahm ihren Platz vor einem der freien Löcher ein.
Goldfell zuckte mit den Schultern und ließ sich vor dem anderen Loch nieder. Dann ließ sie blitzschnell ihre Pfote hinein gleiten.
Blattpfote hörte unter sich Kratzen und erschrockenes Quieken, dann huschte eine hellbraune Maus aus dem Loch vor ihr und direkt auf sie zu. Blattpfote tötete das Tier mit einem zielsicheren Schlag in den Nacken.
Goldfells Augen leuchteten auf und ihr schlanker Schweif peitschte aufgeregt auf und ab, als sie rief: „Es funktioniert!“
Blattpfote hörte das Scharren von winzigen Pfoten in der Erde unter ihr und spähte in das Mauseloch. Ja, noch funktioniert es.
Goldfell langte erneut in den Bau hinein und eine verängstigte Maus raste Blattpfotes Auge entgegen. Mit einem erschrockenen Aufschrei und gesträubtem Fell sprang diese zurück und erschlug die Maus ungelenk.
Peinlich berührt blickte Blattpfote sich um, konnte ihre Mentorin und Flammenfuß aber nirgends entdecken. Hoffentlich haben sie das wirklich nicht gesehen!
Goldfell nickte ihr kurz zu, dann kauerte sie sich ein weiteres Mal vor das Loch im Boden. Doch als sie diesmal die Pfote hineingleiten ließ, strömten keine Mäuse aus dem zweiten Loch.
„Fuchsdung!“, fluchte Goldfell. „Von wegen, das funktioniert.“
„Goldfell, würdest du aus dem Lager laufen, wenn zuvor so zwei deiner Clangefährten getötet worden wären?“
„Das kommt ganz auf die Umstände an“, grummelte Goldfell und drehte sich zu Blattpfote. Und erstarrte. „Blattpfote, pass auf!“, schrie sie.
Blattpfote fuhr herum und schaffte es gerade noch, einer gewaltigen, schwarzen Pfote auszuweichen, die auf sie niedersauste. Mit ausgefahrenen Krallen sprang sie an Goldfells Seite. Blattpfotes Fell sträubte sich vor Furcht, als sie den riesigen Dachs sah, der mit blitzenden Augen auf sie zustürmte. Sie war schon immer eine miserable Kämpferin gewesen. Wenn doch nur Echopfote hier wäre!
Goldfell übernahm das Kommando und stieß Goldfell harsch zur Seite. „Dort hin!“, wies sie die Tigerkätzin an und wies nach links.
Blattpfote nickte und wich zur Seite aus.
Goldfell glitt nach rechts und sprang den Dachs so heftig an, dass er für einen Moment das Gleichgewicht verlor. Goldfell schlug ihre Krallen in die pelzige Flanke und wich sofort wieder zurück.
Nun griff auch Blattpfote von der anderen Seite an. Goldfell folgte und krallte sich an ein Hinterbein des Dachses. Die beiden SchneeClan-Kätzinnen schlugen, kratzten, bissen, doch sie hatten keine Chance.
Blattpfote wurde mit einem so kräftigen Hieb auf den Boden geschleudert, dass ihr die Luft wegblieb. Trotzdem zwang sie sich dazu, wieder aufzustehen und weiterzukämpfen.
Doch dazu kam es nicht, denn der Dachs wirbelte zu Goldfell herum und stieß seine langen Krallen in Goldfells Schulter. Die Rotgoldene schrie vor Schmerz auf und brach in dem bauchhohen Schnee zusammen. Blattpfote wollte ihrer Clangefährtin zur Hilfe eilen, doch es war bereits zu spät. Der Dachs hob die Pfote, um Goldfell zu erschlagen.
Blattpfote schrie auf und stolperte durch den Schnee auf Goldfell zu. Doch ehe sie die Kätzin erreicht hatte, lies der Dachs seine gewaltige Tatze auf Goldfell niedersausen, die hilflos im blutbefleckten Schnee lag.
In diesem Moment sauste ein roter Blitz auf den Dachs zu und stieß ihn kräftig von den Pfoten. Mit Erleichterung erkannte Blattpfote Flammenfuß, der mit zornig blitzenden Augen den Dachs attackierte.
„Blattpfote.“ Jemand packte von hinten Blattpfotes Nackenfell und zerrte sie in den Wald hinein. Blattpfote wehrte sich verbittert, wollte die Kämpfenden nicht alleine lassen, gab es jedoch bald schon auf. Ihr ganzer Körper brannte vor Kälte, Schmerz und Anstrengung.
Die andere Katze ließ sie neben einem rasch fließenden Bach, der selbst jetzt nicht zugefroren war, in den gefrorenen Sand gleiten. „Rühr dich nicht“, befahl sich und nun erkannte Blattpfote ihre Mentorin Eulenfeder.
„Eulenfeder“, keuchte Blattpfote, aber diese zuckte nur herrisch mit den schwarzen Ohren.
„Bleib liegen und halt still“, miaute sie und Blattpfote tat wie ihr geheißen. Sie spürte, wie Eulenfeder ihr Fell abtastete und dann eiskaltes Wasser auf ihre unzähligen Kratzer träufelte. Sie erschauderte.
Es raschelte und Blattpfote drehte den Kopf, um sehen zu können, woher das Geräusch kam. Flammenfuß brach durch das Gebüsch auf die Lichtung, die halb bewusstlose Goldfell am Nackenfell hinter sich herziehend. Diese wehrte sich wütend und funkelte Flammenfuß aus halb geschlossenen Augen an.
„Ich kann auch alleine laufen!“
„Wer’s glaubt“, schnaubte Flammenfuß spöttisch und ließ Goldfell neben Blattpfote unsanft auf den Boden fallen.
Eulenfeder sah den Krieger vorwurfsvoll an. „Flammenfuß!“
„Was?“, fragte Flammenfuß aggressiv und wandte sich ab, um etwas zu trinken.
Eulenfeder schüttelte nur den Kopf und leckte Blattpfote über einen brennenden Kratzer im Ohr. „Ich bin mir nicht sicher, ob das wieder heilt“, miaute sie kritisch und beäugte die Wunde.
„Lass mich mal sehen“, sagte Goldfell, rappelte sich hastig auf und tappte zu Blattpfote hinüber. Zischend sog sie die Luft ein. „Oh weh.“
Die beiden Kätzinnen starrten Blattpfote mitleidig an.
Nun konnte Blattpfote die Spannung in der Luft nicht mehr aushalten. Sie sprang auf, rannte zu einer Stelle, an der das Wasser des Baches in ein Becken floss, und erblickte ihr verzerrtes Spiegelbild, dass von der Eisfläche reflektiert wurde.
Ihr Fell war übersäht mit kleinen Kratzern, aber die interessierten Blattpfote nicht. Sie würden verheilen. Aber in ihrem linken Ohr klaffte ein tiefer, blutverkrusteter Spalt, der sich fast bis an ihren Kopf zog. Vorsichtig berührte Blattpfote die zerrissene Haut mit der Pfote. Ein brennender Schmerz schoss hindurch.
„Nimm es nicht so schwer“, schnurrte Goldfell, die an ihre Seite getreten war. „Narben zeugen von Mut.“ Die Augen der Kriegerin blitzten aufmunternd, aber dahinter verbarg sich tiefes Mitleid.
Blattpfote wandte sich ab. Es ist nicht schlimm. Goldfell hat Recht - Narben zeugen von Mut und Kraft. Dennoch schmerzte ihr Ohr so stark, dass es jeden anderen Schmerz ausblendete.
Blattpfote drehte sich zu ihrer Mentorin um und entlockte ihrer Kehle ein fröhliches Schnurren. „Stell dir vor, Eulenfeder, wir haben zwei Mäuse und ein Kaninchen gefangen!“
Sofort leuchteten Goldfells Augen auf. „Ja, stimmt!“, rief sie. „Sieh nur, wir zeigen sie dir!“
„Kein Bedarf“, bemerkte Flammenfuß trocken und ließ die beiden Mäuse vor die Pfoten der roten Kriegerin fallen.
Goldfells lodernder Blick durchbohrte Flammenfuß. „Flammenfuß, sei …“
„Lass uns zurückgehen“, unterbrach Eulenfeder die jüngere. „Blattpfote, hol du das Kaninchen. Wir treffen uns am Freiweg!“
Blattpfote nickte und verschwand zwischen den Bäumen, auf der Spur ihrer Beute. Sie hörte nur noch, wie Flammenfuß und Goldfell lautstark zu diskutieren begannen, ehe sie die Lichtung verließ.

19. Kapitel

ETWAS KALTES, NASSES landete auf Echopfotes Nase. Mit einem Aufschrei sprang sie auf und bohrte ihre Krallen in ihr Moosnest, bis ihr klar wurde, dass nur etwas Schnee auf ihrer Nase gelandet war.
Echopfote schüttelte den Kopf und blinzelte. Gleißendes Licht fiel durch die kahlen Farnwedel in den Schülerbau und Echopfote konnte deutlich erkennen, dass Tigerpfote, der sich zwischen den verdorrten Stielen nahe dem Eingang zusammengerollt hatte, noch immer friedlich schlief.
Sie spürte einen warmen Pelz an ihrer Flanke und drehte sich um, mit der Erwartung, Blattpfote zu sehen, bis ihr klar wurde, dass diese seit drei Tagen im Heilerbau schlief. Die Verletzungen, die sie von dem Dachsangriff trug, waren zu schwer gewesen, um von den Heilern ignoriert zu werden. Stattdessen lag nun Ampferpfote neben ihr; der rote Kater musste sich im Schlaf an sie geschmiegt haben.
Echopfote streckte sich und gähnte herzhaft, dann schob sie sich vorsichtig, um die anderen nicht zu wecken, auf die Lichtung hinaus.
Obwohl es noch recht früh war stand die Sonne bereits hoch über dem Felsenkessel. Einige der Clankatzen waren bereits wach und holten sich von Grauschweif, der mit gegen die Kälte gesträubtem Fell vor dem Großen Baumstumpf kauerte, ihre Befehle ab. Eine Patrouille, bestehend aus Birkenherz, Mondlichtschweif, Flammenfuß, Federflug und Haselschweif, verließ gerade das Lager und Feuerauge sonnte sich neben Rindenstern auf den Sonnensteinen, während Schneebart und Schattenmond sich neben ihnen die Zungen gaben.
Eilig huschte Echopfote quer über den Platz zum Heilerbau und zwängte sich in die Höhle.
„Oh, Echopfote!“, wurde sie von ihrer Schwester begrüßt, die einen Stiel Katzenminze durch den Bau transportierte.
Echopfote schnurrte heftig. „Wie geht es dir?“, platzte sie heraus.
„Gut!“, miaute Blattpfote optimistisch. „Sternlichtglanz meint, ich werde heute wieder meine Ausbildung fortsetzen können!“ Ihre Augen glühten vor Freude.
Echopfote schnippte mit dem Schwanz in Richtung des Ausgangs. „Dann komm!“
Blattpfote wollte der Silbernen gerade folgen, als es hinter ihnen raschelte und Sternlichtglanz zwischen die Schwestern und den Ausgang trat. „Nicht so schnell“, knurrte die Goldene. Dann wandte sie sich an Blattpfote: „Blattpfote, ich muss deine und Goldfells Verletzungen noch einmal untersuchen. Außerdem möchte ich, dass du Rankenschweif und Halbohr Katzenminze gibst. Sie husten und ich habe Angst, Farnschweif, Mondfeuer und Blütenpfote könnten sie angesteckt haben.“
„Aber kann das nicht Birkenpfote machen?“ Flehend sah Blattpfote zu der Heilerin auf.
Diese schüttelte unnachgiebig den Kopf. „Birkenpfote ist Kräuter sammeln und ich muss die übrigen Kräuter sortieren. Dabei kannst du mir gleich auch helfen.“ Mit diesen Worten verschwand sie tiefer im Bau.
Blattpfote ließ die Schnurrhaare hängen. „Tut mir leid, Echopfote.“
„Nicht schlimm“, miaute Echopfote leichthin, auch wenn Enttäuschung sich um ihr Herz legte wie Klauen. „Sternlichtglanz hält viel von dir, weißt du.“
„Ja, ich weiß. Ich glaube, etwas zu viel.“
„Ach was!“ Echopfote stupste ihre Schwester spielerisch in die Seite.
„Autsch!“ Blattpfote zuckte zusammen. „Da hab ich eine Prellung.“ Dann gab sie ein beruhigendes Schnurren von sich und folgte Sternlichtglanz.
Niedergeschlagen machte Echopfote sich wieder auf den Weg über die Lichtung. Früher hatte ihre Schwester immer Zeit für sie gehabt - aber nun? Sternlichtglanz sieht Blattpfote schon als halbe Heilerkatze an! Es hat sich so viel verändert …
„Echopfote!“ Grauschweif sprang auf sie zu. „Komm. Wir müssen reden.“
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch folgte Echopfote ihrem Mentor aus dem Lager hinaus. Was er wohl von mir will? Habe ich irgendetwas falsch gemacht?
Die Blattleere hatte ihren Höhepunkt erreicht und ständig blieb Schnee in Echopfotes Pelz haften. Der klumpige Schnee reichte nun bis zu ihren Schultern und selbst der größere Grauschweif hatte Probleme, sich fortzubewegen.
Schließlich erreichten Mentor und Schülerin die Sandlichtung, die die SchneeClan-Katzen jede Blattleere von Schnee freihielten. Grauschweif tappte über den gefrorenen Sand und ließ sich in der Mitte der Lichtung nieder, während Echopfote sich das Eis aus dem Fell schüttelte. Meine Pfoten fühlen sich an wie Steine! Kalt, schwer und gefühllos. Wann hat diese Blattleere nur endlich ein Ende?
Grauschweif räusperte sich und Echopfote blickte auf. Der graue Kater hatte seine wuscheligen Ohren gespitzt und blickte sie aus aufmerksamen, blauen Augen an.
Echopfote hielt inne und richtete sich auf. „Was ist? Worüber willst du mit mir sprechen?“ Was habe ich jetzt schon wieder angerichtet?, fügte sie in Gedanken hinzu.
Grauschweif holte tief Luft. „Rindenstern hat mir von dem Vorfall im Mondtal erzählt.“
Echopfote erstarrte, Rindensterns Worte schossen ihr durch den Kopf. Das bleibt aber unter uns, Echopfote. Das hatte er gesagt - und nun sollte er Grauschweif davon erzählt haben?
„Was … Warum … Woher …“
„Es ist wichtig, Echopfote. Ich bin dein Mentor.“ Er zögerte einen Moment. „Und? Was hältst du davon?“
Völlig perplex starrte Echopfote ihn an. Ja, was hältst du davon, Echopfote? „Es … es … war schön …“, stotterte sie.
Grauschweif legte die Ohren an und verengte wütend die Augen. „Was soll das, Echopfote? Du fandst es schön? Antworte mir doch einmal richtig! Was hältst du von der Prophezeiung?“
Völlig verwirrt zuckte Echopfote mit den Ohren. „Welche Prophezeiung?“
Nun schien Grauschweif ebenfalls überrascht. „Du hast die Prophezeiung nicht empfangen? Aber Rindenstern sagte, Nachtflügel hätte sie dir überbracht!“
Verzweifelt blickte Echopfote ihn an. „Wer ist Nachtflügel?“
„Du hast nicht mit ihr gesprochen?“
„Nein! Ich habe mit Nachtschweif gesprochen!“
Ratlos blickten Mentor und Schülerin sich an.
„Aber“, brach Grauschweif schließlich ihr Schweigen, „Rindenstern sagte, du hättest ihm gesagt, dass du mit Nachtflügel gesprochen hast!“
Echopfote wollte gerade zu einer Antwort ansetzten, da wurde es ihr schlagartig bewusst. Erinnerungen strömten durch ihren Kopf wie klares Wasser.
Und? Hat Nacht …, tönte Rindensterns Stimme durch ihren Kopf.
Was sollte das?, hörte sie ihr eigenes aufgebrachtes Miauen. Warum wollte sie mit mir sprechen? Warum ist sie dort? Antworten habe ich so oder so keine bekommen!
„Das dachte er“, antwortete Echopfote mit rauer Stimme. „Aber als er mich gefragt hat, habe ich ihn unterbrochen, weil ich dachte, er meinte Nachtschweif.“ Sie blickte auf. „Was ist das für eine Prophezeiung, Grauschweif? Und was hat sie mit mir zu tun?“
Grauschweif schüttelte den Kopf. „Das kann nur Nachtflügel dir sagen. Ich habe es selbst nur von Rindenstern gehört.“
Frustriert zuckte Echopfote mit den Ohren. „Ich muss es aber wissen!“, fuhr Echopfote auf. „Wenn diese Prophezeiung etwas mit mir zu tun hat …“
„Sei leise, Echopfote!“, fauchte Grauschweif. „Du wirst davon erfahren, wenn Nachtflügel es für richtig hält!“
„Pffft!“, machte Echopfote. „Und wann soll das sein?“
„Hast du mir nicht zugehört?“
Doch, das hatte sie. Aber warum kann er es mir nicht einfach sagen? Das wäre so viel leichter, als Ewigkeiten zu warten …
„Und was machen wir jetzt?“, wollte Echopfote mit hängenden Schultern wissen.
Grauschweif schnippte mit seinem Schwanz. „Trainieren natürlich. Seig mir mal dein Jagdkauern!“
Gehorsam fiel Echopfote in die Jagdhaltung hinab und blickte erwartend zu ihrem Mentor auf.
Dieser schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Halt deinen Schwanz unten. Im Gestrüpp verscheuchst du damit noch alle Beute. Du musst dich tiefer ducken und die Pfoten weiter vorschieben.“
Ungeduldig seufzte Echopfote. „Das haben wir doch schon unzählige Male gemacht - und ich kann es immer noch nicht! Wieso müssen wir das immer noch machen? Ich bin eine miserable Jägerin und das weißt du!“
Grauschweif peitschte mit dem Schwanz. „Ein guter Krieger sollte alles wenigstens teilweise beherrschten.“
„Ein guter Krieger sollte wissen, was er kann und was nicht!“
„Bist du ein Krieger?“ Grauschweifs blaue Augen funkelten herausfordernd.
„Nein“, antwortete Echopfote zähneknirschend.
„Und warum denkst du dann, du kannst entscheiden, was es heißt ein Krieger zu sein?“
Echopfote senkte den Blick und antwortete nicht.
Sie hörte Grauschweif seufzen. „Echopfote, vergiss nicht, dass ich dein Mentor bin, nicht du.“
Aber nicht nur du! Ich habe von Laubstern so viel gelernt - so viel mehr, als ich hier jemals lernen könnte …
Grauschweifs Stimme wurde sanfter. „Ich verstehe, dass du aufgebracht bist. Mir würde es genauso gehen.“
„Ach ja?“ Echopfote sah auf. „Ich habe gerade erfahren, dass ich offensichtlich in einer Prophezeiung vorkomme! Aber wie diese Prophezeiung lautet, nein, das will mir keiner erzählen!“ Wut wallte in Echopfote auf und ein Knurren kam aus ihrer Kehle. Ihre Sicht verschwamm, nur Grauschweifs Anblick drang zu ihr durch.
„Echopfote, fahr die Krallen wieder ein!“
Grauschweifs wütender Ausruf drang zu Echopfote durch. Langsam wurde ihre Sicht wieder klar. Verwirrt blickte sie zu Boden. Tatsächlich hatte sie ihre Krallen tief in den Sand gegraben. Langsam fuhr sie sie wieder ein und blickte zu Grauschweif auf. Was passiert nur mit mir?, dachte sie entsetzt.
„Echopfote, ich möchte, dass du bis zum nächsten Vollmond die Nester der Ältesten säuberst“, fuhr Grauschweif fort.
Echopfote blinzelte entsetzt. „Ich … ich …“, stammelte sie.
„Vielleicht werden ein paar der Schüler dir helfen“, unterbrach ihr Mentor sie unwirsch. „Ich denke, es wird dir gut tun etwas über deine Bestimmung nachzudenken.“
Echopfote schwieg. Ihr Kopf war wie leergefegt.
„Hier seid ihr!“ Eulenfeder sprang links von ihr aus dem hohen Schnee und schüttelte sich die weißen Flocken aus dem Pelz. „Wusste ich’s doch!“
Blattpfote folgte ihrer Mentorin etwas unbeholfen und hüpfte dann fröhlich zu ihrer Schwester. „Schau mal!“, rief sie und zuckte mit dem linken Ohr. „Das schmerzt gar nicht mehr.“
Echopfote schnurrte aufmunternd, auch wenn sie wusste, dass Blattpfote immer einen Riss im Ohr tragen würde.
Blattpfote drehte sich aufgeregt zu ihrer Mentorin um. „Was machen wir heute?“ Sie schien unendlich glücklich darüber, wieder trainieren zu können.
„Ich dachte, wir könnten Kampftraining machen?“ Fragend blickte die Graubraune ihren Gefährten an.
Dieser nickte. „Ich denke, wir sollten überprüfen, wie weit ihr schon seid“, beschloss er. „Blattpfote, greif Echopfote an! Du verteidigst, Echopfote - mit eingezogenen Krallen.“ Warnend musterte er seine Schülerin.
„Ja klar.“ Echopfote fiel in die Abwerposition.
Blattpfote duckte sich, wackelte mit dem Hinterteil und sprang dann ohne Vorwarnung auf ihre Schwester. Diese hatte den Angriff erwartet und wich geschickt aus, wobei sie die Goldene mit einem leichten Stoß in die Seite aus dem Gleichgewicht brachte. Diese gab jedoch nicht so leicht auf, änderte die Richtung und prallte mit voller Wucht gegen Echopfote, welche von ihrer Schwester umgeworfen wurde.
Im Kampf wanden sich die beiden Kätzinnen auf dem weichen Boden, mal gewann die eine Oberhand, mal die andere. Echopfote merkte schon nach wenigen Augenblicken, dass sie klar überlegen war, und versteifte sich. Es ist ungerecht, wenn ich mein Wissen aus dem Wald der Finsternis gegen meine Clangefährten einsetze. Sie sind doch nicht meine Feinde!
Echopfote unterdrückte ein frustriertes Knurren und begann, absichtlich Fehler zu begehen. Blattpfote nutzte sofort ihre Chancen und drückte Echopfote zu Boden. Echopfotes Körper erschlaffte.
Mach es ihr nicht zu leicht, ertönte plötzlich Laubsterns Stimme in ihrem Kopf. Warum zeigst du nicht das, was du wirklich kannst?
Echopfote wand sich unter Blattpfotes Griff hervor und drehte den Kopf zu Grauschweif. Die leise, unterdrückte Enttäuschung in seinen Augen krallte sich in ihr Herz wie Dornen. Und plötzlich schob sich ein anderes Bild in ihre Gedanken, das einer nachtschwarzen Kätzin mit silbern gesprenkeltem Schweif. In ihren blauen Augen stand eine verzweifelte Bitte, aber Echopfote wusste nicht, ob ihre Mutter sie darum bat aufzugeben oder weiterzukämpfen. Wie gut habe ich meine Mutter eigentlich gekannt?
Unglaubliche Wut explodierte in Echopfote. Mit einem einzigen Schlag fegte Echopfote Blattpfote von sich und sprang keuchend und mit gesträubtem Fell auf die Pfoten.
„Au!“ Empört leckte Blattpfote sich das Brustfell. „Das tat …“ Schlagartig verstummte sie. Ihre grünen Augen wurden von Sorge überschattet - Sorge und leise Angst. „E-Echopfote?“, fragte sie zaghaft. „Ist alles in Ordnung?“
Grauschweif räusperte sich hinter Echopfote. „Gehen wir besser.“
Echopfote regte sich nicht. Unendliche Leere breitete sich in ihr aus, die nur ein einziger Gedanke füllte. Was passiert nur mit mir?

20. Kapitel

VÖLLIGE DUNKELHEIT umfing Echopfote. Verwirrt blinzelte sie und erkannte schließlich blasse Schemen. Bäume! Langsam tappte Echopfote auf den hohen, blattlosen Stamm zu und blickte blinzelnd in den Himmel. Tiefe Finsternis erstreckte sich dort, in der alles verschwand.
Sie war wieder im Wald der Finsternis.
Echopfote blickte sich um. „Laubstern?“, rief sie zaghaft. „Flammenherz? Eissturm?“ Sie schüttelte sich bei der Vorstellung, die drei finsteren Krieger zu treffen, und in ihr stieg der tiefe Wunsch auf, sie würden heute nicht erscheinen. Schlagartig wurde ihr bewusst, wen sie wirklich sehen wollte. „Nachtschweif? Nachtschweif!“
Keine Antwort.
Vielleicht kann ich sie herbeiwünschen. Ich bin ja auch nicht freiwillig das erste Mal bei Laubstern gelandet … Echopfote kniff fest die Augen zusammen und stellte sich den Anblick ihrer Mutter vor: das samtige, glänzende, tiefschwarze Fell, die silbernen Tupfen an Schweif und Brust, die im Licht schimmerten …
„Ah, hier bist du!“
Langsam drehte Echopfote sich um und entdeckte zu ihrem Entsetzen Laubstern, der mit glühenden Augen zwischen den Bäumen hervortrat. Es hat nicht geklappt!
„Ich habe auf dich gewartet“, fügte Laubstern hinzu.
Komm schon, Echopfote. Mach das Beste daraus!
„Wie jede Nacht?“, schoss Echopfote zurück.
„Ja, wie jede Nacht“, erwiderte Laubstern seelenruhig. „Allerdings kommst du nicht allzu häufig. Du solltest dich entscheiden, was dir wichtiger ist. Dein Training oder dieser Kater.“
Echopfote stellte sich vor, wie es wäre, Sturmpfote nicht mehr zu treffen. Es brach ihr fast das Herz. Er ist so ein toller, süßer Kater. Ich liebe ihn so sehr …
Echopfote zuckte mit den Ohren. „Warum bist du im Wald der Finsternis, Laubstern?“, fragte sie anstatt auf die unausgesprochene Frage zu antworten.
Laubstern blinzelte langsam. „Deine Geheimnisse bleiben deine Geheimnisse, meine Geheimnisse die meinen.“
„Es wäre nur schön, wenn meine Geheimnisse auch geheim blieben!“, fauchte Echopfote zornig. „Du weißt doch alles über mich! Immer scheinst du da zu sein! Was ist an so einer einfachen Antwort so schwierig?“
„Manche Antworten sind mehr wert als die Loyalität eines ganzen Clans“, antwortete Laubstern mit blitzenden Augen. „Es geht dich nichts an!
„Und warum trainierst du ausgerechnet mich?“, rief Echopfote. „Ich bin nicht dumm, Laubstern. Ihr hättet auch jede andere Katze trainieren können! Warum also ich?“
Laubstern gab ein spöttisches Prusten von sich und funkelte Echopfote aus den Schatten an. „Du bist etwas Besonderes, Echopfote. Du hast Begabungen.“
„Aber was für Begabungen?“ Echopfote rannte auf den Kater zu, aber dieser schien sich mit jedem ihrer Schritte weiter zu entfernen.
Laubstern lachte gehässig. „Finde es heraus“, miaute er und verschwand in der Dunkelheit.
„Warte!“, rief Echopfote und lief in die Richtung, in der sie den verstorbenen Anführer zuletzt gesehen hatte. Aber da war nur Leere.
Frustriert bohrte Echopfote ihre Krallen in den Waldboden. Wieder eine unbeantwortete Frage, wieder etwas Rätselhaftes, das Echopfote betraf. „Könnt ihr mir nicht endlich sagen, was hier los ist?“, jaulte sie in die Stille. „Ich habe das Recht darauf, zu erfahren, worum es hier geht!“
Mit hängenden Schultern trottete Echopfote durch den Wald der Finsternis. Die Bäume kamen ihr mit einem Mal unendlich hoch und bedrohlich vor. Warum hilft mir denn keiner? Ich komme damit nicht klar!
Mit einem Mal hörte Echopfote das leise Rauschen, das durch den kahlen Wald tönte und mit jedem Schritt lauter wurde. Sie beschleunigte ihr Tempo, der Geruch von schmutzigem Wasser schlug auf ihre Sinne. Schließlich brach sie aus den Bäumen heraus und vor ihr öffnete sich eine weite Lichtung, die sich bis in die Dunkelheit hinein erstreckte. Schwarzes Wasser strömte rasend schnell an ihr vorbei. Sie hatte den finsteren Strom erreicht.
Echopfote erstarrte beim Anblick des rasch dahinfließenden Wassers. Ihr zerzaustes Fell sträubte sich. Hier hat mein erstes Training mit Laubstern stattgefunden. Hier brachte er mir bei, zu schwimmen!
Langsam tappte die Schülerin über den schwarzen Sandstrand ans Ufer. Sie tauchte vorsichtig eine Pfote hinein und erschauderte, als die Kälte auf ihre Haut traf.
„Echopfote.“
Echopfote fuhr herum. Hinter ihr stand eine Kätzin mit nachtschwarzem Fell. Nachtschweif? Nein. Ihr Fell war über und über mit silbrigen Tupfen bedeckt.
Die Schwarze neigte den Kopf. „Sei gegrüßt.“
„Wer bist du?“, fragte Echopfote misstrauisch.
Die Schwarze blinzelte langsam, ihr Blick schien sich in Echopfotes zu bohren. Unwillkürlich sträubte sich ihr Fell.
„Warum wandelst du im Schatten, Echopfote?“ Die Stimme der Schwarzen klang beinahe vorwurfsvoll. „Der finstere Wald ist kein Ort für dich. Hier wandeln jene Seelen, die selbst nach dem Tod keinen Frieden fanden.“
Echopfote kniff die Augen zusammen. Die Fremde hatte ihr immer noch nicht ihren Namen genannt.
Diese neigte sanft den Kopf und blickte die Schülerin aus unergründlichen, blauen Augen an. „Man nennt mich Nachtflügel. Ich war die erste Heilerin des SchneeClans.“
Unschlüssig starrte Echopfote die Kätzin an. Grauschweif hat von ihr gesprochen … als er mir von der Prophezeiung erzählte - die Prophezeiung!
Nachtflügel schnippte mit dem langen Schwanz. „Komm“, miaute sie sanft. „Dies ist kein Ort für dich.“ Sie wandte sich geschmeidig um und trabte ein paar Schritte am Ufer entlang.
Hin und her gerissen blieb Echopfote stehen. Will ich die Prophezeiung eigentlich kennen?
Nachtflügel war stehen geblieben und blickte zu der SchneeClan-Schülerin zurück. „Folge mir“, schnurrte sie warm.
Echopfote löste sich langsam aus ihrer Erstarrung und tappte zu der Schwarzen. Diese nickte und lief voran.
Über schwarze Strände und Felsen, Stromschnellen hinab, umgekippte Baumstämme hinauf … Immer weiter flussaufwärts führte Nachtflügel sie, immer am Ufer des schwarzen Stroms entlang. Schließlich stoppten die beiden Kätzinnen an einer Stelle, an der das Wasser zwar etwas flacher, aber umso schneller war.
Nachtflügel neigte sich zu Echopfote. „Weißt du, warum wir diesen Fluss den Schattenstrom nennen?“, wisperte sie.
Echopfote schüttelte den Kopf. Bisher hatte sie noch nicht einmal den Namen gewusst.
Nachtflügel fuhr fort: „Jene Katzen, die bewiesen haben, dass sie im Herzen gut sind, dürfen den Wald der Finsternis verlassen. Eine geliebte Katze aus dem SternenClan kommt zu ihr und führt sie über diese Furt in den SternenClan. Durch das Schattenwasser wird alle Schuld, die an ihren Pfoten klebt, hinfort gespült. Doch nur jene, die reinen Herzens sind, können den Strom überqueren. Die, die ihre Taten nicht wiedergutgemacht haben, werden fortgespült.“ Nachtflügel trat in den Strom, bis das Wasser ihre Beine umströmte.
Echopfote zögerte, Grauen packte sie. Sturmpfote blitzte in ihren Gedanken auf, ihr Training im Wald der Finsternis … Bin ich reinen Herzens?
Nachtflügel schnurrte, als ob sie Echopfotes Gedanken erraten hätte. „Sorge dich nicht, Echopfote“, miaute sie beruhigend. „Deine Schuld wiegt nicht schwer genug, um in die Finsternis gespült zu werde. Der SternenClan vergibt.“
Echopfote holte tief Luft und folgte Nachtflügel ins Wasser. Der Fluss zerrte an ihren Pfoten und ihr Fell sträubte sich vor Kälte. Aber es war auch seltsam erleichternd, durch das Schattenwasser zu waten; es war, als würde jeder Druck von Echopfotes Schultern fallen. Nur ich selbst kann über mein Schicksal entscheiden. Das Gesetz der Krieger kann nicht alles sein …
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen, während Echopfote hinter Nachtflügel durch die endlosen Wassermassen watete. Doch mit jedem Schritt schien es um sie herum heller zu werden, schien die Finsternis in weitere Ferne zu rücken. Schließlich entdeckte Echopfote erste Sterne, die immer zahlreicher wurden. Ein voller Mond stand hoch am Himmel und ergoss sein silbernes Licht über den Fluss. Endlich tauchte das grüne, mit Schilf und Bäumen bestandene Ufer auf und Nachtflügel führte Echopfote auf einen weiten, weißen Sandstrand.
„Herzlich willkommen im SternenClan“, miaute sie feierlich. „An dem Ort, an dem Sonne und Mond ewig sind.“
Staunend blickte Echopfote sich um. Überall - auf den Felsen, die ins Wasser ragten, im Schilfdickicht, hoch oben zwischen den Ästen der Bäume, sogar in den unzähligen Bächen und Tümpeln - waren Katzen. Ihre Clangerüche waren längst verblasst und hatten einem anderen, Sanfteren Platz gemacht. SternenClan. Ich bin im SternenClan!
Nachtflügel schnippte mit der Schwanzspitze. „Folge mir. Ich muss dir etwas zeigen.“
Gespannt folgte Echopfote der Schwarzen durch den nächtlichen Wald. Werde ich jetzt endlich die Prophezeiung erfahren? Um sie herum wurde es immer leerer, bis sie beide allein waren.
Die Kätzinnen traten auf eine kleine Lichtung hinaus. Die dunklen Bäume bildeten ein fast perfektes Rund um sie beide herum und als Nachtflügel Echopfote in die Mitte der Lichtung führte, blieb glitzernder Tau an ihren Pfoten haften.
In der Mitte der Lichtung befand sich ein tiefer Teich mit kristallklarem Wasser, in dem sich der Mond spiegelte. Die schillernde Wasseroberfläche schien Echopfote seltsam anzuziehen; wie benommen tappte die Schülerin an das steinige Ufer und beugte sich hinab, bis ihre Nase fast das Wasser berührte.
Nachtflügel hauchte sanft auf die Oberfläche. „Sieh hinein“, wisperte sie.
Echopfote blinzelte verwundert, als das Wasser vor ihren Augen begann, sich zu verändern. Bilder formten sich - Bäume, Himmel, Katzen.
Zwei Kätzinnen trabten Seite an Seite durch einen Wald. Eine von ihnen hatte hübsches, grauweißes Fell, die andere war schildpattfarben. Sie unterhielten sich. Dann verschwamm das Bild und machte einem anderen Platz.
Katzen kämpften fauchend am Ufer eines Flusses. Zu ihrem Schrecken erkannte Echopfote einige ihrer Clangefährten: Grauschweif, Mondfeuer, Goldfell … Echopfote keuchte überrascht auf, als sie sich selbst in einer kleinen, silbernen Kätzin erkannte.
Wieder veränderte sich das Bild. Katzen, unzählige Katzen, rannten über einen breiten Sandweg. Noch eine Veränderung. Nun kämpften die Katzen gegen andere. Echopfote zuckte zusammen, als sie Sturmpfote unter den Kämpfenden erkannte. Dann verschwamm die Szene.
Die Oberfläche wurde dunkel und Echopfote dachte schon, es würde keine Veränderung mehr kommen, als plötzlich der volle Mond hinter einer schwarzen Wolke erschien und sein kräftiges Licht über ein Tal ergoss. Und Echopfote erblickte Katzen, zahllose Katzen. Katzen, die auf silbernen Felsen lagen. Katzen, die sich durch das Gestrüpp schoben, Katzen, die ihre blitzenden Krallen an Bäumen schärften. Und in den schimmernden Augen jeder Katze loderte der pure Hass. Dann wurde Wasser wieder zu Wasser und Teich zu Teich.
Mit einem Aufschrei wich Echopfote zurück an Nachtflügels Seite. Ängstlich blickte sie zu der SternenClan-Kätzin auf. „Was … was war das?“
Nachtflügel seufzte. „Es gibt eine Prophezeiung. Schon seit langem wissen wir von ihr, doch niemand kam je hinter ihre Bedeutung. Und jetzt scheint sie einzutreten.“ Die Kätzin schloss die Augen. „Wenn das Echo des Hasses durch den Wald hallt und die Blätter im Sturm erbeben, dann werden die Zwei kommen, und die Sterne werden sich unter ihren Pfoten verneigen. Golden die Sonne, silbern der Mond.“
Geschockt starrte Echopfote die Schwarze an. Aber … was soll das bedeuten?
Nachtflügel öffnete die Augen wieder und blickte Echopfote aus großen, sorgenvollen Augen an.
„Aber“, miaute Echopfote, „warum zeigst du das mir? Warum erzählst du ausgerechnet mir von der Prophezeiung?“
Nachtflügel seufzte erneut. „Du bist nicht so wie die Anderen, Echopfote. Vielleicht hast du es bereits bemerkt. Du bist etwas Besonderes.“
Laubsterns Stimme hallte in Echopfotes Gedanken nach. Du bist etwas Besonderes, Echopfote. Du hast Begabungen.
Verwirrt schüttelte Echopfote den Kopf. „Aber warum? Warum ausgerechnet ich?“ Warum kann mein Leben nicht einfach ganz normal sein? Warum kann ich nicht einfach wieder einen Vater und eine Mutter haben?
Aber Nachtflügel zuckte nur traurig mit den Ohren. „Gib Acht, Echopfote“, miaute sie mit einem bedrohlichen Unterton in der Stimme. Echopfote wich zurück. „Selbst, wenn es um dich noch so schwarz sein mag, musst du immer zuerst bei dir selbst suchen. Ihr habt einen Verräter im Clan, finster und listig wie eine Schlange.“
Der Wald um Echopfote herum begann langsam zu verblassen. Ein Rauschen füllte ihre Ohren und wurde mit jedem Augenblick lauter.
„Was?“, rief Echopfote gegen das Geräusch an. „Aber wer? Und was soll das Alles bedeuten?“
Aber Nachtflügel verschwand bereits in der Dunkelheit. Echopfote rief verzweifelt ihren Namen, aber nur vier Worte drangen zu ihr durch: „Nimm dich in Acht!“
Dann wurde Alles schwarz.

21. Kapitel

KEUCHEND FUHR ECHOPFOTE hoch. Sie brauchte einen Moment, bis ihr klar wurde, dass sie in ihrem Nest im Schülerbau lag. Sie blinzelte und spähte zwischen den Farnwedeln hervor. Draußen wurde es schon langsam hell.
„Echopfote?“ Blattpfote neben ihr hatte sich aufgerichtet und sah sie aus schimmernden Augen an. „Ist alles in Ordnung?“
Echopfote zögerte. Kann es ihr erzählen? Kann ich ihr von der Prophezeiung erzählen? „Du … Blattpfote?“ Ja. Sie ist meine Schwester - ich kann ihr Alles erzählen.
Blattpfote zuckte mit den Ohren. „Ja?“
„Ich … ich glaube, ich habe vom SternenClan geträumt.“
Der Satz hing einige Augenblicke lang in der Luft. Dann zuckte Blattpfote mit den Schultern. „Ach was! Mach dir da keine Sorgen. Ich dachte auch schon einmal, ich hätte vom SternenClan geträumt. Bis mir dann klar wurde, das es wohl selbst im SternenClan kaum blaue Katzen geben kann!“ Sie legte den Kopf zur Seite und dachte einen Moment nach. Dann schob sie sich aus dem Bau.
Echopfote seufzte schwer, während Enttäuschung sich in ihr ausbreitete. Nicht einmal meine eigene Schwester glaubt mir! Aber vielleicht war es ja wirklich nur ein Traum … Nein, das kann kein Traum gewesen sein! Grauschweif hat gesagt, es würde eine Prophezeiung geben!
Kurz entschlossen stand Echopfote auf, schüttelte sich einige Moosfetzen aus dem Pelz und schob sich dann vorsichtig an Ampferpfote vorbei durch die Farnwedel. Als Echopfote auf die weite Lichtung trat, blinzelte sie verwundert ins Licht. Die Sonne hatte den Rand des Felsenkessels bereits überschritten und kletterte immer weiter den strahlend blauen Himmel hinauf. Die Tage werden wieder länger. Wärme breitete sich in Echopfote aus. Endlich.
Echopfote blickte sich im Lager um. Viele der Clankatzen waren bereits wach und Grauschweif stand unter dem Großen Baumstumpf und teilte Patrouillen ein. Echopfote gesellte sich zu den Katzen, die sich um ihn herum versammelt hatten, und lauschte den Worten ihres Mentors.
„Mondlichtschweif, du führst die Jagdpatrouille an. Nimm Halbohr und Tigerpfote mit.“
Die Gescheckte nickte und eilte zum Kriegerbau, um Halbohr zu holen. Echopfote blickte sich um. Der Grüne Husten hatte sie geschwächt - nun war auch Rankenschweif erkrankt und Federflug und Feuerauge husteten.
Grauschweif wandte sich um und entdeckte Echopfote. „Echopfote, wechsele bitte das Nestmaterial der Ältesten aus.“
Echopfote seufzte und wandte sich um. Grauschweif hatte seine Drohung wahr gemacht und nun musste Echopfote seit Tagen nur Nestmaterial auswechseln oder die Ältesten nach Zecken absuchen.
Anstatt zum Ältestenbau zu laufen, trabte die Schülerin jedoch an dem Baumstumpf vorbei zu den Brombeerranken, hinter denen sich Rindensterns Bau befand. „Rindenstern?“, flüsterte sie.
Etwas raschelte innerhalb der Höhle. „Echopfote, bist du das?“, antwortete die Stimme des Anführers.
Echopfote senkte den Kopf. „Darf ich eintreten?“
„Selbstverständlich.“
Echopfote holte tief Luft und schob sich dann durch die schützenden Ranken in den Bau. Es dauerte eine Weile, bis ihre Augen sich an das dämmrige Licht gewöhnt hatten und sie ihren Anführer erkennen konnte. Rindenstern weiß bestimmt, was die Prophezeiung bedeutet … Hoffe ich.
Der braune Kater wartete, bis Echopfote sich gesetzt hatte, und zuckte dann mit den Ohren. „Es geht um die Prophezeiung, oder?“
Echopfote nickte nur.
„Also hat Nachtflügel dir nun von ihr erzählt.“ Rindenstern pflückte ein Stück Moos aus seinem Pelz. Innerhalb der Höhle war die Luft tatsächlich wärmer als draußen. „Was willst du wissen?“
Echopfote wollte gerade ihre Frage stellen, als ihr Nachtflügels Worte wieder ins Gedächtnis kamen. Ihr habt einen Verräter im Clan, finster und listig wie eine Schlange. Echopfote erschauderte. Kann ich Rindenstern trauen? Aber andererseits … ich kenne Rindenstern schon viel länger als Nachtflügel … ja, ich kann ihm vertrauen.
„Ich verstehe die Prophezeiung nicht“, seufzte Echopfote frustriert. „Alles ist so … verwirrend. Und was soll ich überhaupt damit zu tun haben?“ Sie zögerte. „Kannst du mir helfen?“
Rindenstern stellte die Ohren auf. „Du willst meine Deutung der Prophezeiung wissen?“
Echopfote nickte.
„Nun denn“, miaute Rindenstern. „Was verstehst du denn nicht?“
Alles. „Ähm …“
Rindenstern überlegte kurz. „Wie lautete die Prophezeiung noch gleich?“
Echopfote stieß hörbar die Luft aus. Wenn ich das wüsste. „Ich glaube … Wenn das Echo des Hasses durch den Wald hallt … und der Sturm erbebt … nein, die Blätter erbeben im Sturm …“ Frustriert hörte Echopfote auf. „Ich weiß nicht“, gab sie zu.
Aber Rindenstern hatte die Augen halb geschlossen und dachte offensichtlich angestrengt nach. „Genau.“ Er öffnete die Augen wieder. „Wenn das Echo des Hasses durch den Wald hallt und die Blätter im Sturm erbeben, dann werden die Zwei kommen, und die Sterne werden sich unter ihren Pfoten verneigen. Golden die Sonne, silbern der Mond.“ Er legte den Kopf schräg. „So war es.“
Echopfote nickte bloß. Wie kann er sich bloß so genau an die Prophezeiung erinnern?
„Nun denn“, miaute Rindenstern erneut. „Ich denke, dass in nächster Zeit mehrere Geschehnisse passieren werden, nach denen zwei Katzen auftauchen werden, die offensichtlich Macht über den SternenClan haben werden. Und diese Katzen sind die Sonne und der Mond aus der Prophezeiung. Stimmst du mir zu?“
Echopfote nickte. Das klingt logisch. „Ja, Rindenstern. Aber …“
„Gut. Außerdem denke ich, dass mit den Blättern der BlattClan gemeint sein könnte. Dafür, dass er diese Prophezeiung“, Rindenstern schnaubte abfällig bei dem Wort, „erhalten hat, wird der SchneeClan es ihm heimzahlen. Und der BlattClan wird ganz sicher unter unserem Ansturm erbeben.“ Er grummelte selbstzufrieden.
„Ja, bestimmt“, miaute Echopfote zögernd. „Aber … was soll ich mit der Prophezeiung zu tun haben?“
Rindenstern blinzelte. „Das weiß nur der SternenClan“, erklärte er mit glühenden Augen.
Nein, noch nicht einmal der, dachte Echopfote verbittert. Zumindest hatte Nachtflügel mir nichts erklärt … „Hast du denn eine Vermutung?“, hob sie an.
Rindenstern dachte einen Augenblick nach. „Das Echo“, meinte er dann. „Dein Name lautet Echopfote.“
„Aber es gibt auch die Blätter“, miaute Echopfote hoffnungsvoll. „Was ist mit Blattpfote?“ Bitte lass Blattpfote auch ein Teil der Prophezeiung sein, flehte sie. Bitte!
Aber Rindenstern neigte sich nur zu Echopfote. „Es gibt auch einen BlattClan. Ist ein ganzer Clan nicht viel wahrscheinlicher als eine einzelne Schülerin?“
Ich bin auch nur eine Schülerin! „Aber …“
„Sieh es ein, Echopfote. Gibt es einen EchoClan? Nein.“ Er schnippte mit dem Schwanz. „Geh jetzt und erledige deine Aufgaben. Ich kann dir nun nicht mehr helfen. Was zu sagen war habe ich gesagt.“
Enttäuscht verließ Echopfote den Bau und überquerte die Lichtung. Was zu sagen war habe ich gesagt … Pah! Gar nichts habe ich erfahren!
Auf dem Weg zum Ältestenbau traf Echopfote Schattenmond, der Schmetterlingsjunges und Libellenjunges hinterherhüpften. Die Königin sah erschöpft aus und gab hin und wieder ein rasselndes Husten von sich.
Besorgt blickte Echopfote die Schwarze an. „Ist Alles in Ordnung?“
Schattenmond scheuchte Schattenmond mit dem Schwanz vor sich in den Ältestenbau. „Sternlichtglanz sagt, ich könnte Grünen Husten haben“, krächzte sie. „Ich habe Angst um Schmetterlingsjunges und Libellenjunges. Was, wenn sie sich auch angesteckt haben? Wenn ihnen etwas passiert?“ Sorge stand in ihrem fiebrigen Blick. „Deshalb hat Honigherz angeboten, auf die beiden aufzupassen.“
Echopfote nickte. „Ruh dich besser aus“, riet sie. „Honigherz wird es schon schaffen, die beiden zu beschäftigen.“
Schattenmond schnurrte. „Ja. Sicher.“ Dann hustete sie keuchend und wandte sich um.
Echopfote sah zu, wie sie über die Lichtung huschte und schließlich in Sternlichtglanz‘ Bau verschwand. Dann glitt sie in den Ältestenbau.
Honigherz, die nun, da Feuerauge im Krankenlager lag, die einzige Älteste im Ältestenbau war, hatte sich in dem Moos auf dem Boden ausgebreitet und wurde von den beiden Jungen umringt. Schmetterlingsjunges hüpfte begeistert auf und ab, als ihre Schwester versuchte, über Honigherz‘ Rücken zu klettern.
„Aber, aber“, miaute die Goldene und schob Libellenjunges sanft von ihrem Rücken. „Nicht so wild.“ Sie wandte sich zu Echopfote. „Echopfote“, schnurrte sie warm. „Bist du wegen den Nestern hier?“
Echopfote nickte und ihre Laune hob sich augenblicklich. Honigherz war die Mutter von Nachtschweif und hatte Echopfote und ihre Schwester stets liebevoll behandelt.
Schmetterlingsjunges wollte auf Honigherz‘ Kopf springen, stolperte jedoch und landete mit der Nase voran im schmutzigen Moos. Schnell rappelte sie sich auf und blickte auf großen, blauen Augen zu der Ältesten auf. „Erzähl uns eine Geschichte!“, bat sie.
„Au ja!“ Libellenjunges begab sich mit leuchtenden Augen zu der Gesprenkelten. „Erzähl uns, wie du damals als Kriegerin die Spiele gewonnen hast!“
Honigherz schnurrte belustigt. „Die Geschichte habe ich euch doch schon unzählige Male erzählt. Was haltet ihr von etwas Neuem?“
Libellenjunges zuckte mit den Ohren und legte den Kopf schief. „Was denn?“, wollte sie wissen.
Echopfote glitt hinter die drei Kätzinnen und begann, das verdreckte Moos zu sammeln. Der Ältestenbau war über und über mit Moos gepolstert, um es den Ältesten gemütlich zu machen, und das Säubern war immer eine langwierige Aufgabe. Vor allem alleine.
„Wie wäre es, wenn ich euch von Blütenstern erzähle?“
Echopfote erstarrte in der Bewegung und spitzte die Ohren. „Die Geschichte kenne ich ja noch gar nicht“, meinte sie und wandte sich zu der Goldenen um.
Diese nickte. „Ich erzähle sie nicht gerne. Es ist keine schöne Geschichte und sie nimmt kein gutes Ende. Zumindest für Blütenstern.“
„Ist die Geschichte gruselig?“ Schmetterlingsjunges versteckte sich ängstlich in Honigherz‘ langem Brustfell.
„Oh ja!“, jubelte Libellenjunges. „Bitte erzähl sie!“
„Keine Sorge“, miaute Honigherz und leckte Schmetterlingsjunges besänftigend über den Kopf. „Wenn du Angst hast, schmieg dich einfach ganz fest an mich. Dann passe ich auf dich auf.“ Honigherz winkte Libellenjunges mit dem Schwanz zu sich. „Komm du auch.“
Die Silberne huschte mit glänzenden Augen zu der Ältesten und blickte erwartungsvoll zu ihr auf. Auch Echopfote ließ von ihrer Arbeit ab und setzte sich auf das eben angehäufte Moos, um der Geschichte zu lauschen.
Honigherz begann: „Es ist schon etliche Blattwechsel her, da lebte im SchneeClan eine Kätzin namens Blütenblatt. Blütenblatt war in ihrem Clan sehr angesehen: Sie war wunderschön und stark und geschickt und unter den Katern unglaublich beliebt - vor allem, da sie keinen Gefährten hatte. Und - ja, sie war etwas eingebildet und machthungrig.“
„Etwas?“, bohrte Libellenjunges nach.
„Nun gut, sehr“, berichtete Honigherz sich selbst.
„Und deshalb war sie beliebt?“, fragte Schmetterlingsjunges mit großen Augen.
„Nein, natürlich nicht“, erwiderte Honigherz sanft. „Alle sahen nur ihr Äußeres, und das zeigte ihnen eine loyale, schöne Kätzin, die ihr Leben für den Clan geben würde und noch auf der Suche nach einem Gefährten war.“
Echopfote merkte, dass sie vor Aufregung das Moospolster mit den Pfoten bearbeitete. Sie hatte sich schon immer gefragt, warum Blütenstern wohl in den Wald der Finsternis gekommen war. Aber noch mehr frage ich mich, warum Laubstern im Wald der Finsternis ist …
„Nun“, fuhr Honigherz fort, „jeder im Clan wusste, dass Blütenblatt Zweite Anführerin werden würde, sobald ihr Anführer Regenstern gestorben war. Und Regenstern war schon sehr alt und lebte sein letztes Leben. Blütenblatt wollte unbedingt Anführerin werden, aber Schneepelz, der damalige Zweite Anführer des SchneeClans, war jung und würde sobald er als Anführer seine neun Leben empfangen hatte noch lange, lange Anführer sein. Und Blütenblatt wusste das.“
Honigherz machte eine Pause und blickte den Jungkatzen in die Augen.
„Blütenblatt war klar, dass sie keine Chance hatte, noch Anführerin zu werden“, fuhr sie dann fort. „Es sei denn, Schneepelz würde sterben oder nicht mehr in der Lage sein, den Clan zu leiten. Also beschloss Blütenblatt, Schneepelz Tod … hm … herbeizuführen.“
„Und wie?“, fragte Libellenjunges mit vor Aufregung gesträubtem Fell. Echopfote ging es genauso. Nun erzähl endlich!
„Schneepelz hatte - wie alle Kater - ein Auge aus Blütenblatt geworfen“, berichtete Honigherz. „Und als die Kätzin sich mit einem Mal mehr für ihn zu interessieren schien, waren ihm ihre finsteren Absichten natürlich nicht bewusst. Ganz im Gegenteil - er dachte, sie hätte sich in ihn verliebt und plötzlich waren alle anderen Kater eifersüchtig auf ihn. Aber Schneepelz war das egal.“
Echopfote sah, wie Schmetterlingsjunges das Gesicht in Honigherz‘ Bein vergrub. „Hat sie ihn getötet?“, flüsterte sie.
Honigherz nickte leicht. „Blütenblatt sagte Schneepelz eines Tages, dass sie einen Spaziergang mit ihm machen wollte. Natürlich sagte er zu. Sie verbrachten die Nacht gemeinsam außerhalb des Lagers. Doch als Schneepelz einschlief …“
Honigherz unterbrach sich selbst, als Schmetterlingsjunges anfing, leise zu wimmern. „Soll ich die Geschichte wirklich weitererzählen?“
„Ja!“, bat Libellenjunges und missachtete ihre Schwester.
„Bitte“, füge Echopfote hinzu.
„Ist das für dich in Ordnung, Kleines?“ Honigherz beugte sich zu Schmetterlingsjunges hinab.
„Ja, in Ordnung“, miaute diese leise.
Honigherz nickte. „Nun, Schneepelz schlief ein, doch Blütenblatt hatte nur auf diese Gelegenheit gewartet. Sie stahl sich davon und holte Fuchsdung aus einem leeren Bau. Diesen verteilte sie um Schneepelz herum, welcher von dem Gestank schließlich aufwachte.“ Honigherz senkte bedrohlich die Stimme. „Und ehe er wusste wie ihm geschah, hatte Blütenblatt ihm auch schon die Kehle durchgebissen.“
Stille herrschte im Bau, alle drei Kätzinnen starrten die Älteste entsetzt an.
Diese fuhr fort: „Blütenblatt berichtete dem SchneeClan, ein Fuchs hätte Schneepelz überfallen. Niemand zweifelte an ihrem Wort und Blütenblatt tat schockiert und traurig. Und nach dem Tod seines treuen Zweiten Anführers wählte Regenstern Blütenblatt zu seiner Stellvertreterin.“
„Und so wurde sie Anführerin?“, wisperte Schmetterlingsjunges ängstlich. „Eine verräterische Mörderin?
Honigherz seufzte. „Das ist noch nicht Alles. Es war noch nicht eine lange Zeit nach Schneepelz‘ Tod vergangen, da wurde Blütenblatt bewusst, dass sie Junge von ihm erwartete. Blütenblatt wusste, dass Regenstern sie womöglich durch eine andere Katze ersetzen würde, wenn sie Junge bekam, und hatte Angst ihren Posten als Stellvertreterin zu verlieren.“
Sie blinzelte. „Zu Blütenblatts Glück lag der SchneeClan zu dieser Zeit - wie eigentlich zu jeder anderen Zeit auch - im Streit mit dem BlattClan und bald kam es zum Kampf und während der Schlacht schlich Blütenblatt sich zu Regenstern und tötete ihn hinterrücks mit einem Biss in den Nacken.“
Schmetterlingsjunges zuckte zusammen und sogar Libellenjunges duckte sich mit gesträubtem Fell. Auch Echopfotes Nackenhaare stellten sich auf. Warum tut eine Katze so etwas?
„Blütenstern wurde somit die Anführerin“, fuhr Honigherz fort. „Und als sie vom Mondtal zurückkehrte, verkündete sie ihrem Clan …“
„Moment“, unterbrach Echopfote die Älteste.
Honigherz verstummte und blickte Echopfote neugierig an. „Eine Frage?“
Echopfote nickte und miaute schnell: „Blütenstern … warum gab der SternenClan ihr neun Leben? Sie hatte schließlich zuvor zwei Katzen getötet!“
Honigherz legte den Kopf schräg. „Es heißt, sie erhielt ihre neun Leben nicht.“
Echopfote blickte die Goldene aus großen Augen an. „Aber warum wurde sie dann Anführerin? Sie hätte verbannt werden sollen! So will es das Gesetz.“
„Ja, soll will es das Gesetz“, seufzte Honigherz. „Aber Blütenstern belog ihren Clan und erzählte nichts davon, dass sie nur ein Leben hatte. Der Clan glaubte ihr - und kurz darauf berichtete sie, dass sie Junge von Schneepelz erwartete und zog in die Kinderstube.“
„Und was geschah mit dem Clan?“, piepste Libellenjunges. Sogar in der Stimme der mutigen, kleinen Kätzin schwang leise Angst mit. Echopfote mochte die Silberne. Vielleicht, wenn sie bald zur Kriegerin ernannt wurde, konnte sie Rindenstern fragen, ob sie ihre Mentorin werden durfte …
„Blütenstern ernannte einen neuen Zweiten Anführer, die Führung übernahm sie aber selbst in ihrer Zeit als Königin selbst“, erläuterte Honigherz. „Sie hatte Angst, jemand könnte ihren Posten als Anführerin stehlen, und das machte sie immer verrückter. In jedem Wort, das jemand gegen sie sagte, sah sie eine Drohung und erklärte schließlich den anderen beiden Clans den Krieg.“
Eine kurze Pause trat ein. Echopfote merkte, dass sie vor Spannung den Atem anhielt, und holte tief Luft. Nun erzähl endlich weiter!
Endlich setzte Honigherz ihre Erzählung fort. „Dem SternenClan wurde bewusst, dass er den SchneeClan vor Blütenstern warnen musste, und so sandte er Moospelz, dem derzeitigen Heiler des Clans, eine Warnung. Moospelz erfuhr Alles - Blütensterns Taten, ihre Gedanken und auch, dass sie keine neun Leben erhalten hatte. Er wollte seinen Clan warnen, allerdings hatte Blütenstern, die aufgrund einer Verletzung in der Nacht im Heilerbau geschlafen hatte, gehört, wie Moospelz im Schlaf gesprochen hatte. Sie drohte ihm, ihn zu töten, sollte er ihr Geheimnis einer anderen Katze erzählen, und Moospelz verlor kein Wort über seinen Traum.“
„Aber warum?“, platzte es aus der bisher ungewöhnlich stillen Schmetterlingsjunges heraus. „Er hätte seinen Clan warnen müssen! Die Treue zum Clan ist doch das Wichtigste, nicht?“ Fragend blickte sie Honigherz an.
„Manche Katzen sind ihrem Clan treuer ergeben als Andere“, sagte Honigherz weise. „Außerdem besagt das Gesetz ebenfalls, dass das Wort des Anführers Gesetz ist. Er glaubte, das Richtige zu tun. Kannst du ihn deshalb kritisieren?“
Schmetterlingsjunges schwieg, ein nachdenklicher Ausdruck war in ihre blauen Augen getreten.
„Wollt ihr hören, wie Blütensterns Geschichte ihr Ende nahm?“, wollte Honigherz wissen.
Schnell nickten die Anderen.
„Nun gut.“ Honigherz schloss halb die Augen. „Nun, Blütenstern griff in ihrem Wahn grundlos den SturmClan an und es kam zu einem grausigen Kampf. Und als Blütenstern sich etwas vom Ort des Geschehens entfernte, um eine Pause zu machen, folgte Moospelz ihm. Ihm war klar geworden, dass er etwas unternehmen musste um Blütenstern zu stoppen, und so griff er sie an, als sie ungeschützt und schwach war, und beendete ihr Leben und ihre Zeit als Anführerin.“
Echopfote legte den Kopf schräg. „Was geschah mit ihm? Blütenstern wurde doch sicher gefunden, oder?“
Honigherz nickte. „Moospelz wurde verbannt, da er seine Anführerin getötet hatte. Doch einige der Katzen fragten sich im Nachhinein doch, wie Blütenstern alle neun Leben durch einen einzigen Schlag verlieren konnte …“
Schmetterlingsjunges wand sich unter Honigherz‘ Pfoten hervor. „Das ist keine schöne Geschichte“, maunzte sie. „Ich werde den Rest meines Lebens Albträume haben. Wo ist Schattenmond? Ich will zu ihr!“
„Ja genau!“, pflichtete Libellenjunges ihrer Wurfgefährtin bei. „Bring uns bitte zu ihr, Honigherz.“
Honigherz seufzte. „Das geht leider nicht. Eure Mutter muss für einige Zeit zu Sternlichtglanz und kann nicht auf euch aufpassen. Für die Zeit könnt ihr hier bei mir bleiben.“
Zwei ängstliche Augenpaare blickten zu der Goldenen auf. „Wird ihr etwas passieren?“, wisperte Schmetterlingsjunges.
„Ganz bestimmt nicht“, schnurrte die Älteste, aber Echopfote wusste, dass sie log. Der Grüne Husten endete oft tödlich - vor allem für eine geschwächte Königin.
„Aber wenn ihr bei ihr bleibt, dann könnte euch etwas passieren“, fuhr Honigherz mit ernster Stimme fort. „Seid unbesorgt. Ihr könnt sicher bald wieder zu ihr.“
Während Schmetterlingsjunges und Libellenjunges sich ein weiches Moosnest neben Honigherz kuschelten, rupfte Echopfote weiter lustlos das schmutzige Nestmaterial aus dem Boden. Doch eine Frage geisterte in ihrem Kopf herum und wollte sie einfach nicht loslassen. Schließlich fragte sie: „Honigherz, weißt du etwas über Laubstern?“
Verwundert blickte Honigherz auf. „Aber Echopfote - die Geschichte habe ich dir doch schon unzählige Male erzählt!“
„Ja, natürlich.“ Echopfote senkte den Kopf. „Aber noch etwas Anderes. Könnte es vielleicht sein, dass er in seinem Leben vielleicht etwas … etwas Unrechtes getan hat?“
„Nein, nicht das ich wüsste.“ Honigherz zuckte mit den Ohren. „Wie kommst du denn darauf, Echopfote?“
„Ach, nur so.“ Zwei andere Namen kamen Echopfote in den Sinn. „Was ist mit Eissturm? Und Flammenherz?“
„Nie gehört.“ Honigherz betrachtete die Silberne eingehend. „Du siehst müde aus, Echopfote - vielleicht solltest du dich etwas schlafen legen. Ich werde Grauschweif Bescheid sagen, wenn er fragt.“
Echopfote nickte nur. Erst jetzt merkte sie, wie erschöpft sie von ihrem nächtlichen Ausflug war. „In Ordnung. Ich komme dann nachher noch einmal.“
Honigherz schnippte nur mit dem Schwanz.
Müde trottete Echopfote aus dem Bau und quer über die Lichtung. Irgendetwas hatte Honigherz‘ Geschichte in ihr ausgelöst, eine tiefe Leere in ihrem Herz. Irgendwie kam ihr die Geschichte bekannt vor, obwohl sie sich sicher war, sie noch nie gehört zu haben.
Echopfote warf einen kurzen Blick in den inzwischen verlassenen Schülerbau, dann schlüpfte sie hinein und rollte sich in ihrem Moosnest zwischen zwei Farnwedeln zusammen. Doch als sie die Augen schloss, packte sie kalte Angst. Was, wenn ich wieder im finsteren Wald lande? Wenn ich wieder mit Laubstern trainieren muss?
Echopfote schüttelte den Kopf um die finsteren Gedanken zu vertreiben. Nein - ich muss wieder zurück zu ihm. Nur so werde ich die Antworten erhalten, die ich brauche.

22. Kapitel

ZUFRIEDEN FOLGTE BLATTPFOTE ihrer Patrouille zurück ins Lager. Sie hatten, trotz der beißenden Kälte, viel gefangen und das Kaninchen, das Blattpfote gemeinsam mit Haselschweif erlegt hatte, würde Schattenmond und ihre Jungen garantiert sättigen. Nur ein senkte Blattpfotes gute Laune - der rot getupfte Schüler, der sich sobald sie den Felsenkessel erreichten suchend umblickte.
Eifersucht fuhr durch Blattpfote wie ein Dorn. Warum kann Ampferpfote nicht mich lieben? Warum immer Echopfote? Sie schnaubte. Nicht nur das - jetzt denkt sie sich auch noch einen Besuch beim SternenClan aus. Pah!
Blattpfote kniff für einen kurzen Moment die Augen zusammen um den Rest der Welt auszublenden, zu vergessen, wen Ampferpfote liebte. Aber als sie sie wieder öffnete war Alles wieder da - die beißende Kälte, der Geruch von Krankheit in der Luft und Ampferpfotes Blick auf ihrer Schwester.
„Blattpfote?“ Eulenfeder kam mit blitzenden Augen auf ihre Schülerin zu.
„Was ist?“, grummelte Blattpfote.
„Warum so trübsinnig?“ Eulenfeder schurrte aufmunternd. „Kopf hoch! Freu dich!“
„Gibt es irgendetwas, worüber ich mich freuen sollte?“
„Du hast gerade das größte Kaninchen gefangen, das ich je in der Blattleere gesehen habe - du kannst es übrigens gleich zu Honigherz und den Jungen bringen. Außerdem gehst du heute Abend mit auf die Große Versammlung!“
Nun blickte Blattpfote doch auf. „Was? Ehrlich?“
„Ehrlich“, bestätigte Eulenfeder.
Ein Schnurren stieg in Blattpfotes Kehle auf. Sie war seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr auf einer Großen Versammlung gewesen und hatte alle Ereignisse nur durch die Erzählungen ihrer Clangefährten mitbekommen. Doch diese Nacht …
Blattpfote hob hastig ihre Beute auf. „Ich bringe es nur kurz zu Honigherz!“, rief sie fröhlich und huschte, so schnell es mit dem schweren Kaninchen zwischen den Fängen möglich war, über die Lichtung zu dem Dornbusch, in dem der Ältestenbau untergebracht war.
Honigherz spielte gerade mit Schmetterlingsjunges und Libellenjunges, als Blattpfote eintrat. Als sie die goldene Tigerkätzin bemerkte, blickte sie auf und schnurrte. „Blattpfote!“ Vorsichtig schob die sanftmütige Älteste die Jungen von ihrem Rücken und richtete sich auf. „Was führt dich her?“
„Dies“, schnurrte Blattpfote gedämpft und ließ das Kaninchen vor Honigherz‘ Pfoten fallen.
Schmetterlingsjunges‘ Augen glühten freudig auf, als sie hinter Honigherz‘ Körper hervorkroch. Selbst die beiden jungen, die für gewöhnlich am meisten Frischbeute bekamen, sahen sehr mager aus. „Hast du das ganz alleine gefangen?“, fragte Schmetterlingsjunges staunend.
Blattpfote schnurrte lauter. „Nein, nicht ganz. Haselschweif hat es direkt in meine Pfoten gescheucht.“
Während Schmetterlingsjunges sich dankbar auf die noch warme Beute stürzte, kletterte Libellenjunges geschickt über den Rücken der honiggoldenen Ältesten und hob hochmütig das Kinn. „Eines Tages werde ich so etwas mühelos allein erlegen können!“, verkündete sie.
„Ja, natürlich.“ Honigherz stieß sie sanft in die Seite. „Aber nun iss erst einmal, damit du dafür stark genug wirst.“
Leise zog Blattpfote sich zurück und ließ die drei Kätzinnen mit der Beute alleine. Rückwärts kroch sie aus dem Bau und tappte quer über die Lichtung zum Frischbeutehaufen. Kritisch ließ sie ihren Blick über die Beute schweifen.
„He“, miaute plötzlich jemand hinter ihr. „Wollen wir uns die teilen?“
Blattpfote drehte sich um und entdeckte verwundert ihre Schwester, die sie mit blitzenden Augen und einer Spitzmaus zwischen den Fängen anblickte.
Das, was Blattpfote am Morgen zu Echopfote gesagt hatte, fiel ihr wieder ein. Erneut stieg Ärger in ihr auf, aber sie schluckte ihn herunter, als sie Echopfotes abweisenden Blick bemerkte. Ihre Schwester hatte ihre ganz eigene Art und Weise, mit dem Gefühl, verletzt geworden zu sein, umzugehen.
„Gerne“, miaute sie und schnippte mit dem Schwanz in Richtung des Schülerbaus. „Dort vorne?“
Echopfote nickte bloß und die beiden Wurfgefährtinnen trotteten Seite an Seite und ohne ein Wort zu wechseln auf den Sandflecken vor dem Farngestrüpp zu, vor dem sich die Schüler für gewöhnlich sonnten. Echopfote überließ Blattpfote den ersten Bissen und schweigend verspeisten die beiden ihre Beute.
Schließlich hielt Blattpfote die Stille nicht mehr aus. „Stell dir vor“, platzte es aus ihr heraus. „Ich gehe heute Abend mit auf die Große Versammlung!“
Echopfote, die begonnen hatte sich das helle Brustfell zu putzen, blickte auf. „Tatsächlich?“, nuschelte sie.
Blattpfote nickte stürmisch. „Oh ja! Eulenfeder hat es mir eben erzählt.“ Ein Schnurren stieg in ihrer Kehle auf. „Ich bin so aufgeregt! Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal dort gewesen bin …“
„Schön.“ Echopfotes Blick wurde glasig.
Blattpfote starrte die Silberne einen Moment lang an und legte den Kopf schief. All die Wut, all die Eifersucht - all das rückte in weite Ferne und Sorge machte sich in Blattpfote breit. Etwas war vorgefallen.
Besorgt schob Blattpfote sich näher an ihre Schwester. „Ist alles in Ordnung?“
„Ja, ja.“ Echopfote hob abwehrend den Schwanz. „Ich bin nur etwas müde - ich habe bis vorhin noch etwas geschlafen.“
„Jede keinen Unsinn!“, fauchte Blattpfote. „Ich weiß, dass du mir etwas verbirgst!“
„Ach ja?“ Echopfote war aufgesprungen, in ihren Augen loderte Zorn. „Du bemerkst meine Probleme doch noch nicht einmal, wenn ich dir von ihnen erzähle!“
Erneut flammte die Wut in Blattpfote auf. Sie war es so leid - leid, immer im Schatten ihrer Schwester zu stehen, leid, nicht von Ampferpfote gesehen zu werden, leid, zwischen dem Rang der Kriegerin und dem der Heilerin zu stehen …
„Denkst du wirklich, du wärst die einzige Katze in diesem Clan, die Probleme hat?“, schnappte Blattpfote und merkte, wie ihr Nackenfell sich sträubte. „Stell dir vor - ich habe auch welche!“
„Das habe ich nie behauptet!“, verteidigte Echopfote sich wütend. „Hör mir doch zu, Blattpfote! Früher haben wir uns immer alles erzählt. Aber jetzt …“
„Jetzt hast du Geheimnisse vor mir!“, rief Blattpfote. „Glaubst du etwa, ich merke nicht, dass du dich immer mehr vor mir verschließt? Dass du Albträume hast? Dass du tagsüber immer erschöpft bist? Oh, glaube mir, Echopfote, ich kenne dich gut. Du bist nicht mehr dieselbe wie früher!“
Echopfote knurrte. „Nein, das bin ich nicht. Und? Enttäuscht?“
Fassungslos schüttelte Blattpfote den Kopf. „Ja! Du …“
„Lass mich in Ruhe!“, jaulte Echopfote mit schriller Stimme. „Du verstehst das nicht. Gar nichts verstehst du!“ Mit vor Tränen glänzenden Augen wirbelte sie herum und stürzte quer durch das Lager, durch den Ausgang.
Blattpfote wollte ihr nachrennen, ihren Namen schreien, aber ihr Körper gehorchte ihr einfach nicht mehr. Stattdessen stand sie einfach nur da und sah zu, wie ihre Schwester im Wald verschwand.
Schließlich wandte Blattpfote sich um und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sich eine Gruppe von Katzen um sie versammelt hatte, die sie wortlos anstarrte. Blattpfote knurrte frustriert und versuchte wütend, sich einen Weg durch die Versammelten zu bahnen.
„Blattpfote!“ Eine Katze stellte sich ihr in den Weg.
„Was soll das Eulenfeder?“, fragte Blattpfote mit matter Stimme.
„Die Große Versammlung beginnt bald“, erklärte die Braune. „Sieh - die Sonne geht schon unter.“ Sie trat näher an ihre Schülerin heran. „Wir müssen reden.“
Blattpfote nickte schwach und folgte ihrer Mentorin in Richtung des Lagerausgangs. Kurz bevor sie den Tunnel erreichten, bog Eulenfeder nach links ab und verschwand in der Felsnische, in der sich der Schmutzplatz befand.
„Was war gerade los?“, wollte Eulenfeder wissen, als sie und Blattpfote sich hinter der Ecke auf dem verschneiten Fels niederließen. Die Lichtung wurde für gewöhnlich von Schnee freigehalten, den Schmutzplatz suchten die Katzen jedoch nur auf, wenn es unbedingt sein musste. So kam es, dass der Boden von einer dünnen Schneedecke bedeckt war.
Blattpfote schnippte mit dem Schwanz. „Nichts“, murmelte sie grimmig.
„Das war nicht nichts“, miaute Eulenfeder. „Ich habe es doch gesehen. Du und Echopfote, ihr streitet euch doch sonst nie!“
„Tja, die Zeiten haben sich wohl geändert.“ Mit einem hohlen Gefühl im Bauch starrte Blattpfote einer Schneeflocke nach, die vom grauen Wolkenhimmel segelte. „Ich will nicht darüber reden, Eulenfeder.“
„Dann gräbst du es in dich hinein, immer weiter, bis du es nicht mehr aushältst!“ Eulenfeder peitschte mit dem Schwanz, ihre schmalen Augen blitzten aufgebracht. „Vertrau mir, Blattpfote, du musst mit jemandem reden! Sag mir, wenn du mir nicht genug vertraust.“
„Ich vertraue dir!“, rief Blattpfote. „Es ist nur so …“ Sie seufzte. „Ich weiß nicht, ob ich Echopfote noch vertrauen kann.“
Eulenfeder neigte sich etwas zu ihrer Schülerin vor. „Hör mir zu, Blattpfote“, miaute sie sanft. „Denk noch einmal über die Sache nach und rede dann mit ihr.“
Blattpfote schnaubte. „Mit der kann man nicht reden.“
„Doch, man kann“, schnitt Eulenfeder ihr das Wort ab. „Das weißt du. Du musst es nur versuchen …“
Doch ehe die Graubraune fortfahren konnte, wurden die Kätzinnen von einem lauten Ruf unterbrochen: „Alle Katzen, die auserwählt wurden, mit zur Großen Versammlung zu gehen, sollen sich nun unter dem Großen Baumstumpf versammeln!“
Blattpfote und Eulenfeder wechselten einen Blick. Dann schnippte Eulenfeder mit dem Schwanz gegen Blattpfotes Schulter. „Na komm“, meinte sie. „Du wirst schon sehen - das wird toll!“

23. Kapitel

ERST AUSSERHALB DES LAGERS wurde Blattpfote richtig bewusst, wohin sie gerade gingen, und zum ersten Mal seit sie den Frischbeutehaufen verlassen hatte, stieg wieder Freude in ihr auf. Ihr kurzes Fell sträubte sich auf Aufregung.
„Na? Freust du dich auch schon so?“, fragte Goldfell mit glänzenden Augen, als sie zu Blattpfote aufholte.
„Und wie!“, keuchte Blattpfote und versuchte auf ihren kürzeren Beinen mit der jungen Kriegerin Schritt zu halten.
„Oh, klar.“ Goldfells Blick richtete sich wieder nach vorne. „Du warst lange nicht mehr da, stimmst?“
Blattpfote nickte bloß. Zu sehr war sie damit beschäftigt, auf der dünnen Schneedecke nicht auszugleiten. Sie bewegten sich auf einem der am meisten benutzten Pfade durch den Wald, auf dem der Schnee für gewöhnlich nicht so hoch lag, doch neben ihr türmte sich die weiße Masse bis zu ihrer Schulterhöhe auf.
Goldfell schnippte mit dem Schwanz an Blattpfotes Schulter. „Ich hoffe, die Blattleere ist bald vorbei“, meinte sie. „Sonst erfriere ich noch!“
Blattpfote schnurrte zustimmend. Das Fell der rötlichen Kriegerin war genauso dünn wie ihr eigenes und Blattpfote wusste genau, dass Goldfell in diesem Moment genauso kalt war wie ihr selbst.
Rindenstern, der am Anfang der Patrouille lief, bremste ab, sein Schweif schoss in die Höhe. Dann bog er ab und sprang kräftig in den dicken Schnee zu seiner rechten hinein. Der Rest der SchneeClan-Katzen folgte ohne zu zögern.
„Geh du vor“, keuchte Blattpfote, als sie und Goldfell die Stelle erreichten, an der der Schnee im Wald von vielen Pfoten aufgewirbelt war.
Goldfell nickte leicht, sprang elegant auf die glatte Eisdecke, die den Schnee wenige Schritte weiter bedeckte, und schlitterte über den Schnee. Blattpfote sprang ihr hinterher und brach sofort ein. Schnee begrub sie unter sich und die eisige Kälte drang ihr bis auf die Haut.
Sie hörte Goldfells belustigtes Schnurren, dann wurde der Schnee von ihrem Kopf geschoben und klirrende Kälte streifte ihr Fell. Blattpfote erschauderte. Fröstelnd schüttelte sie sich die letzten Schneeflocken aus dem Pelz und versuchte, sich aus dem Loch, das sie im Schnee geschaffen hatte, zu stemmen. Fast sofort brach der Eisrand unter ihren Vorderpfoten weg. Goldfell lachte noch lauter.
Verzweifelt schlug Blattpfote auf den Schnee vor ihr ein. Jetzt hilf doch endlich, anstatt mich auszulachen!, flehte sie Goldfell innerlich an.
Diese hatte ihre Hilflosigkeit wohl endlich bemerkt, und blickte mit blitzenden Augen, aber immerhin ohne zu lachen, zu ihr herab. „Du musst auf dem Schnee laufen, nicht hindurch“, erklärte sie. „So!“ Und mit diesen Worten tappte sie mit leichten, vorsichtigen Pfoten auf den nächsten Baum zu.
„Ich verstehe“, miaute Blattpfote. „Aber wie soll ich so hier heraus kommen? Der Schnee bricht unter meinem Gewicht sofort zusammen!“ Trübselig suchte sie das Eis vor ihr nach der roten Kriegerin ab.
Diese antwortete nicht, noch konnte Blattpfote eine Spur von ihr sehen. Sie hörte nur ein schleifendes Geräusch im Schnee, dann tauchte Goldfell wieder vor ihr auf, einen langen Ast zwischen den Zähnen.
„So“, nuschelte sie. „Halt dich an dem hier fest, dann ziehe ich dich nach draußen.“
Blattpfote tat wie ihr geheißen und klammerte sich mit Zähnen und Krallen an dem alten Ast fest. Goldfell begann, sie Stück für Stück herauszuziehen und endlich konnte Blattpfote wieder ihre von der Kälte steifen Beine ohne Einschränkung strecken.
„Danke“, keuchte sie ehrlich und blickte sich um. „Wo sind die anderen?“
Goldfell zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung“, erwiderte sie. „Sie sind schon weitergelaufen, denke ich.“
Blattpfotes Mut sank. „Bestimmt sind sie schon da“, dachte sie düster.
„Ach was!“ Goldfell schnippte mit dem Schwanz. „Beeilen wir uns, dann holen wir sie vielleicht noch ein.“ Und mit diesen Worten sprang sie los.
Blattpfote folgte, wobei sie versuchte, ihre Pfoten so leicht wie möglich aufzusetzen und auf dem gefrorenen Schnee zu gleiten. Es ging einfacher, als sie gedacht hatte. Stolz blühte in ihr auf, als sie Goldfell einholte, welche schnippisch mit den Ohren zuckte.
Dann rannten sie los.
Schnee spritzte unter Blattpfotes hellen Pfoten auf wie Wasser und unzählige, weiße Flocken wirbelten gen Himmel. Blattpfote öffnete das Maul und genoss den Duft von Freiheit und das Gefühl des Windes in ihrem Fell. Ja, das war es, wo sie hingehörte. Der Wald, der SchneeClan, das Territorium. Angst fuhr wie ein eisiger Windstoß durch sie, als ihr klar wurde, dass sie all das vielleicht bald verlieren würde. Wenn der BlattClan uns wirklich vernichten will …
Die Sonne verschwand unter den kahlen Baumkronen und färbte den Himmel feuerrot. Langsam wurde es dunkler. Die Nacht brach herein. Bald würde der volle Mond aufgehen und die Versammlung beginnen. Ich hoffe, wir schaffen es bis dahin noch … SternenClan, bitte!
Plötzlich drangen leise Stimmen an Blattpfotes Ohren. Sie zuckte mit dem Schwanz in Goldfells Richtung. „Ich höre die Versammlung!“
Die Kriegerin nickte. „Ja, ich auch. Wir sind gleich da!“
Schon brachen sie aus dem Wald hinaus, vor ihnen senkte sich das Gelände zum See hin ab. Direkt am Ufer stand eine gewaltige, uralte Weide, auf dem schwarzen Wasser trieben Eisschollen, etwas weiter vom Ufer hatte sich eine Eisdecke gebildet. Und an den Wurzeln des Baumes hatten sich Katzen versammelt. Der Wind trug die durchdringenden Clangeruche zu den Nachzüglern hinauf. Alle Clans waren bereits anwesend.
„Hier seid ihr!“, ertönte eine erleichterte Stimme hinter ihnen. Die beiden Kätzinnen fuhren herum und Blattpfote erkannte Grauschweif, der sich aus den Schatten schob. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
Blattpfote nickte dem grauen Kater entschuldigend zu, während Goldfell den Blick der Katzenmenge unter ihnen zu wandte und fragte: „Hat die Versammlung schon begonnen?“
Zu Blattpfotes Erleichterung schüttelte Grauschweif den Kopf. „Nein. In wenigen Augenblicken müsste es soweit sein - ich denke, Rindenstern hat die anderen Anführer gebeten, auf euch zu warten.“
Blattpfotes Fell brannte vor Scham, als sie Grauschweif den Hang hinab zu den anderen Katzen führte und unzählige Blicke auf ihrem Pelz spürte. Sie versuchte, die starrenden Augen weitestgehend zu ignorieren und betrachtete stattdessen Goldfell, die mit erhobenem Haupt neben ihr ging. Ihr schien die Situation keinesfalls peinlich zu sein; ganz im Gegenteil, die grüßte sogar ein paar Katzen auf ihrem Weg und gesellte sich dann zu einer unscheinbaren, schwarzen Kätzin, von der Blattpfote wusste, dass sie aus dem SturmClan stammte.
Sie wollte Goldfell gerade folgen, als sie eine leichte Berührung an ihrer Flanke spürte und ihr klar wurde, dass Grauschweif sich zu ihr umgewandt hatte. „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie höflich.
„Natürlich“, schnurrte der Zweite Anführer. „Ich habe nur eine Frage, dann kannst du gehen.“
„Gut?“ Gespannt nickte Blattpfote, sehnte sich aber gleichzeitig zurück in die Wärme ihres Moosnests. Fort von der Kälte, fort von all den bohrenden Blicken.
„Warum seid ihr zu spät gekommen?“, wollte Grauschweif neugierig wissen. „Wurdet ihr aufgehalten?“
„Nun ja …“, murmelte Blattpfote peinlich berührt und warf Goldfell, die sich lautstark mit der SturmClan-Kätzin unterhielt, einen flüchtigen Blick zu. Die Rötliche peitschte mit dem Schwanz und lachte hell auf. Blattpfote sah, wie Flammenfuß ihr einen Blick zuwarf und dann genervt die Augen verdrehte. Sie wandte sich wieder Grauschweif zu. „Ich … nun …“
Grauschweif schnurrte belustigt. „Du bist im Schnee hängen geblieben?“ Er lachte laut auf, als Blattpfote nickte.
Die Goldene senkte den Blick.
„Lass den Kopf nicht so hängen!“ Der Ältere stieß sie freundlich mit der Nase an. „Jedem von uns ist das am Anfang passiert!“
Blattpfote blinzelte verwundert. Sie konnte sich bei bestem Willen nicht vorstellen, wie der vertrauenswürdige, starke Grauschweif verzweifelt versuchte, sich aus dem Schnee zu befreien.
„Ich muss gehen“, entschuldigte dieser sich. „Rindenstern wird beginnen wollen.“ Und mit diesen Worten tauchte er in die Menge ein.
Seufzend wandte Blattpfote sich ab und suchte die versammelten Katzen nach Goldfell und ihrer Gefährtin ab. Gerade hatte sie die beiden etwas abseits gefunden und wollte auf sie zu laufen, da sprang eine braun getupfte Gestalt an ihr vorbei und prallte mitten im Laufen mit ihr zusammen. Blattpfote wurde zurückgeworfen und landete ächzend auf dem Bauch.
Mit angelegten Ohren fuhr die Braune zu ihr herum. Blattpfote erkannte, dass es eine Kätzin war, kaum ein paar Monde älter als sie selbst. „Pass auf, wo du deine Pfoten hinsetzt!“, zischte sie.
„Entschuldigung“, nuschelte Blattpfote und wollte an der Kätzin vorbeilaufen, aber diese versperrte ihr den Weg.
Sie legte den Kopf schräg und betrachtete sie eingehend. „Bist du nicht die, die eben erst gekommen ist?“ Ihre hellen Schnurrhaare zuckten spöttisch.
Wut keimte in Blattpfote auf, floss durch ihre Adern wie Glut und benebelte ihr Denken. Trotzig hob sie den Kopf. „Musst du verwechselt haben“, knurrte sie. „Ich vermeide es, zu spät zu kommen.“ Wenn sie zu dumm ist, sich ein paar Katzen zu merken ...
Die Braune legte ein Ohr an. Blattpfote sah ihr an, dass sie ihr nicht glaubte; die ältere Kätzin wusste genau, dass es Blattpfote war, die sich verspätet hatte. „Aha.“
Blattpfote schnippte mit dem Schwanz und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als hinter ihr ein Ruf ertönte: „Bussardpfote!“
Die braune Kätzin vor ihr sah auf und ihre Miene hellte sich auf. Blattpfote folgte ihrem Blick und entdeckte Goldfell und die schwarze Kätzin; zu den beiden hatte sich noch eine dritte, dunkelbraun-weiße Kätzin gesellt, die Bussardpfote nun energisch zu sich winkte.
Bussardpfote warf Blattpfote einen letzten schnippischen Blick zu, dann trabte sie mit glänzenden Augen zu der kleinen Gruppe.
Blattpfote schnaubte aufgebracht. Was für eine eingebildete …
„Kommst du auch, Blattpfote?“ Goldfell nickte ihr aufmunternd zu.
Blattpfote zögerte. Eigentlich wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit Bussardpfote verbringen, die sie auch nun aus finsteren, seeblauen Augen anstarrte. Aber andererseits …
„He, Blattpfote?“ Durchdringender BlattClan-Geruch stach Blattpfote in die Nase, als ein kräftiger, hellbraun-weißer Kater neben sie trat.
Blattpfotes Mut sank. „H-Habichtpfote!“, stotterte sie und lachte nervös auf. „Ich habe dich noch gar nicht gesehen.“ Und hatte es auch eigentlich nicht vor!, fügte sie gedanklich hinzu. Habichtpfote hatte schon immer eine offensichtliche Abneigung gegen sie gehabt. Immer wenn die beiden aufeinander trafen starrte er sie so seltsam an …
Auch jetzt schienen seine eisblauen Augen sich in ihre zu bohren. Unwillkürlich zuckte Blattpfote zurück. „Und?“, fügte sie mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch hinzu. „Wie geht es dir so?“
Aus Habichtpfotes Augen ließ sich keine Regung herauslesen. Blattpfote hob leicht die Schultern. Sie wurde aus diesem Kater einfach nicht schlau.
„Entsprechend“, antwortete er schließlich. Es klang beinahe wie ein Seufzen.
Blattpfote legte den Kopf schräg. „Was ist denn passiert?“, fragte sie vorsichtig.
Habichtpfotes Augen wurden glasig. „Mein … Mentor ist gestorben“, antwortete er zögernd.
„Oh nein!“, rief Blattpfote und plötzlich war alle Feindseligkeit verflogen. Sie wusste, wie es war eine geliebte Person zu verlieren. „Wie ist das passiert?“
Auf einmal sah Habichtpfote verschlossen aus. „Er … er wurde getötet.“ Der Braune fletschte die Zähne und ein Schatten legte sich über seine hellen Augen.
Mit einem Mal erfasste Angst Blattpfote. Dieser Kater, der da vor ihr stand, gehörte zum BlattClan - jenem Clan, der geschworen hatte, sie zu vernichten. Wie weit konnte sie ihm trauen? Würde er sich an die Waffenruhe halten? Oder konnte er diesem Hass, der plötzlich in seinen Augen stand, nicht widerstehen …?
Habichtpfote blinzelte und die Kälte verschwand aus seinem Blick. Er schnippte mit dem Schwanz in Richtung einer kleinen Gruppe, die sich etwas abseits der Weide versammelt hatte. „Hast du vielleicht Lust, zu uns zu kommen?“, fragte er.
Blattpfote blickte an ihm vorbei zu den Katzen, auf die er gewiesen hatte. Es waren ohne Ausnahme nur BlattClan-Katzen.
„Tut mir leid.“ Blattpfote blickte zu Boden. „Aber ich habe Goldfell schon gesagt, dass ich zu ihr komme.“ Sie nickte in Richtung der goldenen Kätzin.
„Kein Problem“, sagte Habichtpfote und hakte sich bei ihr unter. „Ich komme auch mit.“
Großer SternenClan, nein! Heute schien wirklich nicht ihr Tag zu sein. Trotzdem nickte sie und die beiden Schüler gingen gemeinsam zu der kleinen Gruppe hinüber.
Bussardpfote war gerade dabei, angeregt von einem Kampf gegen einen Fuchs zu erzählen, als Blattpfote und Habichtpfote dazu kamen. Augenblicklich wurde sie leiser und beäugte die Neuankömmlinge abfällig. Auch Habichtpfote schien sich neben Blattpfote zu versteifen und starrte die SturmClan-Katzen wütend an.
Blattpfotes Fell sträubte sich. Was ist denn nur los? Was haben bloß alle? Große Versammlungen sollten Zeitpunkte des Friedens sein!
Langsam begann Bussardpfote, weiterzuerzählen, behielt Habichtpfote dabei jedoch im Auge. Blattpfote hörte nur mit halbem Ohr zu. Die Situation war ihr unwohl. Noch am Nachmittag hatte sie sich auf die Versammlung gefreut - nun wollte sie nur noch fort von hier.
Endlich schallte der Ruf der drei Anführer durch die Senke: „Findet euch unter den Ästen der Alten Weide ein! Die Versammlung beginnt!“
Erleichtert sprang Blattpfote auf die Pfoten. Dann wandte sie sich den anderen zu, die ebenfalls langsam aufstanden.
Goldfell blickte Blattpfote fragend an. Schnell strich diese sich über das Fell. „Ha, endlich geht es los - ich dachte schon, ich würde noch am Boden festfrieren!“
Goldfell kicherte und nickte. „Ich hoffe es wird bald wieder wärmer.“ Die Goldene erschauderte. „Diese Blattleere ist wirklich hart.“
Die schwarze SturmClan-Kätzin, die bereits einige Schritte in Richtung der Weide gegangen war, schnippte mit dem Schwanz in ihre Richtung. „Kommt ihr?“, fragte sie freundlich. „Die anderen sind schon vorgegangen.“
„Klar, Schattendunst.“ Goldfell schnurrte und setzte in langen Schritten auf die Gruppe zu, die sich nahe der Weide versammelt hatte.
Etwas langsamer folgte Blattpfote. Die Feindseligkeit, die in der Luft lag, konnte sie beinahe auf der Haut spüren. Schließlich ließ sie sich zwischen Goldfell und Birkenherz nieder und blickte zu den drei Anführern, die sich bereits auf dem gewaltigen, umgestürzten Baum eingefunden hatten.
Wieder spürte Blattpfote den Hass, der über der Gruppe wie eine dunkle Wolke zu schweben schien. Jetzt fiel ihr auf, dass vor allem die Katzen des BlattClans und des SturmClans einander mit Blicken durchbohrten.
Sie lehnte sich zur Seite, um mit Birkenherz sprechen zu können. „Ist das normal?“, flüsterte sie in das helle Ohr des älteren Kriegers.
Der Tigerkater blickte überrascht zu ihr. „Was meinst du?“
„Du weißt schon …“ Sie schnippte in Richtung der anderen Clans. „Diese Abneigung gegen einander.“
Birkenherz wiegte nachdenklich den Kopf. „Du warst seit langer Zeit nicht mehr dabei, nicht?“ Sein Blick verfinsterte sich. „Nein, normalerweise ist es anders. Etwas muss vorgefallen sein.“
Blattpfotes Fell sträubte sich unwillkürlich. Hatte der BlattClan etwa auch einen Krieg mit dem SturmClan begonnen? Sie seufzte innerlich auf. Warum können nicht einfach alle in Einklang miteinander leben?
Langsam kehrte Stille in der Kuhle ein. Blattpfote ließ ihren Blick über die Versammelten schweifen. Alle Augen waren gespannt auf die Anführer gerichtet.
Ein weiteres Mal beugte sie sich zu Birkenherz herüber. „Was meinst du-“
Der Krieger stieß ein harsches Zischen aus. „Die Anführer wollen beginnen.“
Blattpfote zuckte zurück und starrte betreten auf ihre Pfoten. Dann richtete auch sie ihren Blick auf die drei Kater, die hoch über ihnen thronten.
Rindenstern, der sich in der Mitte zwischen den beiden anderen Anführern niedergelassen hatte, eröffnete die Versammlung: „Wir haben uns in dieser Nacht ein weiteres Mal versammelt, um uns über die Ereignisse des vergangenen Mondes auszutauschen und unseren Frieden zu zelebrieren, um zu gewährleisten, dass dieser noch immer währt.“ Bei diesen Worten warf er Brandstern und Eschenstern, die sich mit Blicken maßen, einen warnenden Blick zu. Dann fuhr er fort: „Trotz der eisigen Kälte und des hohen Schnees läuft die Beute im SchneeClan gut. Obwohl wir vom Grünen Husten heimgesucht wurden, haben wir keine Verluste erlitten und haben nichts an unserer alten Stärke eingebüßt.“
Er schnippte mit dem langen Schwanz und warf einen Blick hinab zu Sternlichtglanz, die bei den anderen Heilerinnen einige Schwanzlängen unter ihm saß. „Außerdem haben wir einen neuen Schüler ernennen dürfen. Birkenpfote hat sich dem Pfad eines Heilers zugewandt und erlernt nun von Sternlichtglanz diese Kunst.“
Von der Verletzung des jungen Katers erwähnte er nichts. Blattpfote nickte zustimmend, während sich in der Menge um sie herum anerkennendes Gemurmel erhob. Es hätte Birkenpfote sicher nicht gefallen, vor allen anderen Clans als schwach dazustehen.
Nachdem die freundlichen Stimmen verstummt waren, trat Rindenstern einen Schritt zurück und überließ den anderen beiden seinen Platz.
Als Nächster trat Eschenstern vor. Blattpfote fiel auf, wie ähnlich der riesige rotbraune Kater und Rindenstern einander sahen. Das einzige, was die beiden Anführer unterschied, waren die weißen Sprenkel an Rindensterns Flanke.
Eschenstern fletschte die Zähne, das Gesicht vom Zorn verzerrt. Seine langen Krallen glänzten im Licht des Vollmonds, als er sie in das Holz des Baumstamms grub. Beinahe wäre Blattpfote vor seiner Miene zurückgezuckt.
Als der BlattClan-Anführer zu sprechen begann, bebte seine Stimme vor Wut. Augenblicklich schwang die eben noch so fröhliche Stimmung in der Kuhle um; nun blickten alle angespannt zu dem Braunen.
„Der BlattClan hat im letzten Mond einen seiner besten und ehrenhaftesten Krieger verloren. Rabenkralle war sowohl stark im Kampf, als auch überlegt und gemäßigt. Er war ein hervorragender Krieger und ein noch besserer Clangefährte.“
Einige Herzschläge lang war auf der Lichtung nur das Säuseln des Windes in den kahlen Bäumen zu hören. Jede einzelne Katze schien den Atem anzuhalten.
Endlich setzte Eschenstern seine Rede fort: „Doch Rabenkralle ist nicht bloß gestorben. Er wurde ermordet. Und wer trägt die Schuld an seinem Tod? Der SturmClan!“
Wenige Augenblicke herrschte absolute Stille. Dann merkte Blattpfote wie Birkenherz neben ihr das Fell sträubte. „Das gibt Ärger“, hörte sie ihn murmeln.
Unter den Anwesenden war Tumult ausgebrochen. Einige der SturmClan-Katzen waren aufgesprungen und schrien den BlattClan-Anführer nun wütend an. Die BlattClan-Katzen hingegen hatten eine Front gebildet und starrten die Gruppe der SturmClan-Katzen aus glühenden Augen an.
Oh nein! Blattpfote wurde schlagartig bewusst, was hier vor sich ging. Sie wollen einen Kampf anfangen!
Neben ihr saß regungslos Goldfell, die das Geschehen aus glasigen Augen betrachtete. Hektisch stieß Blattpfote die Goldene in die Seite. „Schnell Goldfell!“, keuchte sie. „Wir müssen etwas tun!“
Goldfell zeigte keine sichtbare Regung. „Ich kannte Rabenkralle“, sagte sie dann mit tonloser, geistesabwesender Stimme. „Er war ein guter, loyaler Kater. Eschenstern hat mit keinem Wort übertrieben.“
Ausnahmsweise einmal, fügte Blattpfote gedanklich zu ihren Worten hinzu. „Aber hier bricht jeden Moment ein Kampf aus!“, rief sie aus. „Wir müssen das um jeden Preis verhindern!“
Goldfell antwortete nicht.
Die Erkenntnis traf Blattpfote wie ein Schlag. „Du findest das in Ordnung!“
Goldfell widersprach nicht. Sie zuckte bloß leicht mit den Schultern.
Blattpfote sprang auf. „Aber-“
„Dieser Tag ist nicht besser oder schlechter als jeder andere, um einen Kampf auszutragen. Es ist besser, diese Streitigkeiten sofort auszutragen, als sie so lange in sich hinein zu fressen, bis sie in einem endlosen Krieg ausarten.“
Blattpfote verstummte. Goldfell hatte Recht. Hatte sie selbst nicht ihren Groll auf Echopfote schon viel zu lange zurückgehalten? Erst an diesem Abend war alles aus ihr herausgeplatzt.
Aber dennoch … „Aber das ist doch keine Sache, die man mit Zähnen und Klauen austragen muss! Es gibt doch sicherlich einen Grund für Rabenkralles Tod!“
Goldfell verengte die Augen. Sie schien über ihre Worte nachzudenken; dennoch hatte Blattpfote nicht das Gefühl, die Kriegerin überzeugt zu haben.
Verzweifelt blickte Blattpfote sich auf der Lichtung um. Mit Entsetzen stellte sie fest, dass sich vor dem umgestürzten Baumstamm zwei einander gegenüberstehende Fronten gebildet hatten, die einander mit ausgefahrenen Krallen anfauchten. Sowohl Eschenstern als auch Brandstern hatten sich von dem Baumstamm herunter und zu ihren Clangefährten begeben.
Beide Parteien standen sich nun gegenüber, bereit zum Angriff. Der SchneeClan hatte sich an die Ränder der Kuhle zurückgezogen, um nicht zwischen beide Fronten zu geraten, bloß Grauschweif und die Heiler waren an ihren Plätzen verweilt. Rindenstern saß noch immer wie erstarrt auf seinem alten Platz, hoch über dem Geschehen auf der Lichtung.
Blattpfote holte tief Luft. Sie musste Goldfell einfach überzeugen. „Wir sind hier auf einer Großen Versammlung. Dies sollte ein Treffen des Friedens sein! Niemals wieder sollte es unter den Ästen dieser Weide zu Blutvergießen kommen.“
Goldfell wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Blattpfote hinter dem Rücken der roten Kätzin eine Bewegung wahrnahm. Erschrocken schrie sie auf. „Goldfell, sieh!“
Die Goldene wirbelte herum.
Grauschweif war aufgestanden und in das Spalier zwischen Blatt- und SturmClan-Katzen getreten, wo er sich nun seelenruhig niederließ. Blattpfote und Goldfell wechselten einen schockierten Blick, dann eilten sie schnell näher an das Geschehen heran.
Aus den Versammelten beider Clans ertönten nun verärgerte Ausrufe. „Verschwinde, Grauschweif!“, zischte Regenlied, die Zweite Anführerin des BlattClans, die neben ihrem Anführer in der ersten Reihe stand.
Grauschweif jedoch machte nicht die geringsten Anstalten, sich zu bewegen.
Brandstern, der am Kopf seines Clans stand, fletschte die Zähne. „Ich stimme Regenlied zu“, miaute er mit rauer Stimme. „Das hier ist nicht dein Kampf.“
Zum ersten Mal reagierte Grauschweif. Er wandte den Kopf und blickte den schlanken Tigerkater aus unergründlichen, blauen Augen an „Damit magst du Recht haben.“
Blattpfote merkte, wie sich die geballte Aggression der Katzen um sie herum auf ihren Zweiten Anführer richtete. Sie schloss für einen Moment die Augen. Oh großer SternenClan, geh endlich zur Seite, Grauschweif! Wenn das so weiter geht wirst du den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben …
„Aber“, fuhr der Graue mit fester Stimme fort, „als Vertreter eines der drei SeeClans geht es mich trotzdem etwas an, ob ihr diesen Kampf jetzt und hier austragt. Denn dies ist ein heiliger Ort. Vor langer Zeit haben unsere Vorfahren den Schwur geleistet, dass hier niemals wieder ein Kampf wie der in jener Nacht, in der die Clans gegründet wurden, stattfinden darf.“ Er verstummte einige Herzschläge. Blattpfote merkte, dass jeder Muskel ihres Körpers vor Furcht zum Zerreißen gespannt war.
Grauschweif senkte die Stimme und Blattpfote musste die Ohren spitzen, um jedes Wort zu verstehen. „Wenn es einen Weg gibt, diesen Kampf zu verhindern, dann müssen wir ihn gehen.“
Rindenstern, der bis zu diesem Augenblick schweigend über dem Geschehen gethront hatte, setzte nun mit einem eleganten Sprung zu Boden und trat geschwind zu seinem Stellvertreter. „Gut gesprochen, Grauschweif“, miaute er mit einem Schwanzschnippen. „Aber an dieser Stelle werde ich übernehmen.“
Der Graue zuckte mit den Schultern, dann verließ er das Spalier und steuerte auf Flammenfuß zu, der auf der anderen Seite der Kuhle hinter der Reihe der BlattClan-Katzen stand.
Nun stellte Rindenstern sich an den Platz, auf dem vorher Grauschweif gesessen hatte, und starrte erst Eschenstern, dann Brandstern durchdringend an. Dann miaute er mit klarer Stimme: „Ich berufe hiermit eine Ratssitzung der drei SeeClans ein!“
Blattpfote spitzte die Ohren. Soweit sie wusste, hatte es eine solche Ratssitzung seit unzähligen Jahreswechseln nicht mehr gegeben. Selbst Honigherz, die ihr damals die Bedeutung dieser Worte erklärt hatte, hatte in ihrem Leben noch nie eine erlebt. In Notsituationen, die alle Clans betrafen, durfte ein Anführer eine Ratssitzung einberufen, bei der unter Waffenstille Änderungen und Abmachungen besprochen wurden; zu dieser mussten alle drei Anführer sowie die drei ältesten Heiler erscheinen - vorausgesetzt, der Vorschlag wurde von allen drei Clans angenommen.
Brandstern war der erste, der etwas sagte. Der riesige Tigerkater gab ein abfälliges Schnauben von sich. „Was ist innerhalb des letzten Mondes bloß in dich gefahren, Rindenstern?“, knurrte er. „Nicht länger ist es her, dass der BlattClan geschworen hat, euch zu vernichten. Ich an deiner Stelle würde nicht zögern, mich der Seite des SturmClans anzuschließen und den BlattClan anzugreifen - so, wie wir es vor wenigen Tagen getan haben.“
Blattpfote stutzte. Verwirrt hob sie den Kopf und blickte zu Birkenherz, der der Situation berechnend zusah. „Ich … verstehe nicht ganz“, miaute sie leise. „Warum greift der SturmClan den BlattClan an? Sie haben doch überhaupt keinen Grund dazu!“
Birkenherz legte die Ohren an. „Genau das will Rindenstern mit dieser Ratssitzung in Erfahrung bringen. Außerdem erkauft er allen Clans damit vorerst Waffenstillstand. Ich denke, er wird versuchen, das Ende der Versammlung so lange wie möglich hinauszuzögern. Es ist kein dummer Schachzug.“
„Aber warum sollten die anderen Anführer sich an den Waffenstillstand halten?“, wandte Goldfell ein. Endlich schien die Goldene wieder voll bei Sinnen zu sein. „Eigentlich gilt bei der Großen Versammlung auch Waffenruhe, und trotzdem konnte Grauschweif einen Kampf nur so knapp verhindern.“
Birkenherz nickte bedächtig. „Es ist ein hohes Risiko, du hast Recht. Aber es ist nicht leicht, eine Schlacht zu schlagen, wenn dem Clan der Heiler fehlt. Der BlattClan hat nur eine Heilerin, und selbst Eschenstern wird dieses Risiko wahrscheinlich nicht eingehen.“ Der Tigerkater wirkte besorgt. „Also bleibt nur zu hoffen, dass Brandstern sein Gewissen nicht vollkommen verloren hat und sich an das Gebot des SternenClans hält.“ Er seufzte nachdenklich. „Eigentlich habe ich ihn immer für sehr vernünftig gehalten.“
Blattpfote nickte geistesabwesend. Sie kannte den SturmClan-Anführer zwar nicht so gut wie der ältere Krieger, aber alles was sie über ihn gehört hatte war nur gut gewesen. Den BlattClan einfach so anzugreifen … das schien so gar nicht zu ihm zu passen.
„Warum greift er den BlattClan einfach so an?“, murmelte sie.
Birkenherz legte den großen Kopf schief, immer noch ohne die beiden Kätzinnen an seiner Seite anzublicken. „Im Moment fällt mir dazu nur eine mögliche Erklärung ein.“
Überrascht blickte Blattpfote auf. Auch Goldfell schien verblüfft zu sein. „Ja? Welche denn?“
„Seit Anbeginn der Zeit waren der SchneeClan und der BlattClan verfeindet. Der SturmClan bildete sich damals aus einer Gruppe von Clankatzen, die mit damit nicht einverstanden waren und den Frieden wollten.“ Birkenherz schien in seiner Rolle als Erklärer ganz aufzugehen. „Schon damals war der SturmClan eine ausgleichende Kraft zwischen den anderen beiden Clans, die dafür sorgte, dass ein unsicherer Frieden entstand - und dass er bis heute aufrechterhalten wurde. Nun, da der BlattClan sich gegen den SchneeClan stellt, sieht Brandstern es als die Aufgabe seines Clans an, einzugreifen.“
„Aber den BlattClan gleich angreifen?“ Blattpfote rümpfte die Nase. „Ich finde das doch ein bisschen harsch.“
Goldfell nickte mit Nachdruck. „Die SturmClan-Katzen haben gegen das Gesetz der Krieger verstoßen. Sie haben einen Mord begangen! Damit sind sie nicht besser als der BlattClan.“
Birkenherz‘ Augen blitzen, als er sich zu der Goldenen umwandte. „Ich ehre deinen Glauben an das Gesetz, Goldfell, aber diese Worte sind leicht gesagt, wenn man wenig von der Situation versteht.“
„Dann erklär sie uns!“, forderte Goldfell mit peitschendem Schweif.
Blattpfote zuckte zusammen. „Goldfell“, zischte sie. Sie kann einen viel erfahreneren Krieger doch nicht einfach so anfahren!
Birkenherz jedoch wirkte noch immer gelassen. Er warf einen sorgenvollen Blick hinab in die Senke, dann seufzte er kaum hörbar und senkte den Blick. „Eigentlich sollte ich euch diese Geschichte nicht erzählen - sie geht keinen von uns etwas an. Aber ihr habt ein Recht darauf, alles zu erfahren.“
Gespannt hielt Blattpfote den Atem an und wechselte einen schnellen Blick mit Goldfell. Mit gesenkter Stimme fuhr Birkenherz fort. „Es ist schon einige Blattwechsel her - kurz vor deiner Geburt, Goldfell, soweit ich mich erinnere - da kam Brandsterns Gefährtin Regenfarn tragisch ums Leben. Die genauen Umstände wurden nie geklärt, doch Brandstern ist - wie der Großteil der anderen Katzen auch - der festen Überzeugung, dass Eschenstern die Schuld an ihrem Tod trägt.“
Blattpfote merkte, wie ihr Fell sich sträubte, während dunkel die Erkenntnis zu ihr hindurchsickerte. „Das bedeutet“, hörte sie sich selbst langsam sagen, „dass all das, der ganze Krieg, nur der Racheakt einer einzelnen Katze ist?“
Neben ihr zog Goldfell zischend die Luft ein.
Birkenherz neigte den Kopf. „So kann man das nicht sagen … Das kann unmöglich der einzige Grund sein …“ Er legte die Ohren an. „Ich hätte euch diese alte Geschichte nicht erzählen sollen! Nur Unruhe und Groll sind aus ihr entstanden.“ Der Hellbraune wandte den Blick zu und beobachtete nun wieder aufmerksam das Geschehen unten in der Senke. Offenbar hatten die Anführer sich mit ihren Stellvertretern und Heilern zusammengetan und waren in leise Gespräche vertieft, von denen kein Wort nach oben drang.
Fassungslos starrte Blattpfote Birkenherz an. Konnte es sein …? Heißt er Brandsterns Verhalten etwa gut? Zumindest hat er ihn verteidigt … Aber … wie kann er das nur tun? Brandstern bringt seinen ganzen Clan - nein, alle drei Clans - in Gefahr, und das alles nur, um sich an dem Kater zu rächen, der vielleicht vor langer Zeit seine Gefährtin umgebracht hat?
Plötzlich tat sich etwas unten in der Senke. Schnell eilten Blattpfote und Goldfell an Birkenherz‘ Seite, um mehr erkennen zu können.
Die drei Anführer hatten sich von ihren Clanmitgliedern gelöst und sich in der Mitte der Versammlung eingefunden. Rindenstern hatte sich auf den Boden gesetzt und blickte die anderen beiden nun abwartend an.
Brandstern sprach als erster: „Wir nehmen den Vorschlag an. Schneefall, Regenwolke und ich werden uns bei der Ratsversammlung einfinden.“
Die dunkel gestreifte Kätzin, die hinter ihm saß, nickte zustimmend. „Ich habe keine Einwände.“
Blattpfote blinzelte verwirrt. „Warum bestätigt sie … das ist doch Regenwolke, oder … jedenfalls, warum muss sie ihr Einverständnis kundtun?“
Diesmal antwortete nicht Birkenherz, sondern Goldfell. „Weil das Wort des Heilers über dem des Anführers steht. Oder?“ Fragend blickte sie Birkenherz an.
Dieser nickte. „Sehr gut, Goldfell.“
Blattpfote hörte, wie Goldfell neben ihr stolz schnurrte.
Rindenstern hob nun zufrieden den Kopf. „Auch Grauschweif, Sternlichtglanz und ich bleiben bei unserem Entschluss.“
Auch Sternlichtglanz gab ihr Einverständnis.
Nun richteten sich alle Augen auf Eschenstern. Der große braune Kater schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Scheinbar lässig ließ er seinen grünen Blick über die Versammelten schweifen, während Blattpfote innerlich vor Aufregung beinahe starb. Nun komm schon!, flehte sie in Gedanken.
Endlich hob der Anführer den Kopf. „Der BlattClan“, miaute er, „lehnt den Antrag ab.“
„Was?“, kam es von Brandstern. Der Flammenfarbene war empört aufgesprungen. Auch die anderen Clankatzen schienen entsetzt zu sein.
Blattpfote erstarrte. Plötzlich war es ihr, als könnte sie etwas spüren, wie ein Kribbeln in der Luft, oder der Hauch eines Duftes. Ihr sträubte sich das Fell. Wahrscheinlich nur die Anspannung der anderen Katzen, dachte sie. Sie nahm entfernt wahr, wie Goldfell und Birkenherz sich hinter ihr angeregt unterhielten, doch keine Worte erreichten ihre Ohren. Es war, als befände sie sich unter der Wasseroberfläche und würde von dem Leben an Land nur schemenhafte Bewegungen wahrnehmen können.
Und dann war der Moment vorbei und alles war wieder normal. Verwirrt schüttelte Blattpfote den Kopf.
Auf einmal hörte sie, wie sich eine bekannte Stimme aus allen anderen hervorhob: „Dunstfleck!“, rief Sternlichtglanz.
Die kleine, gefleckte Kätzin zuckte beim Klang ihres Namens zusammen.
Sternlichtglanz stand auf und schien plötzlich trotz ihrer zierlichen Statur alle anderen zu überragen. „Dein Wort steht über dem deines Anführers“, miaute sie eindringlich und mit so leiser Stimme, dass Blattpfote sie kaum verstehen konnte. „Wie lautet deine Entscheidung? Wirst du für die Ratssitzung stimmen und diese damit ins Leben rufen? Oder wirst du dagegen stimmen und den Weg zum Frieden verbauen?“
Dunstfleck schien unter der Macht ihrer Entscheidung in sich zusammenzusinken. Schließlich murmelte sie kaum hörbar: „Ich schließe mich dem Wort meines Anführers an.“
In diesem Augenblick geschah es.
Finstere Wolken zogen auf und schoben sich vor den vollen Mond über ihren Köpfen und auf einen Schlag wurde es stockdunkel. Blattpfote blinzelte panisch und konnte einige Herzschläge lang nur die Finsternis sehen, die sie umhüllte. Dann drang Kampfeslärm an ihre Ohren. Das Schleifen von Krallen, Reißen von Fell. Schreie. Wütende Ausrufe. Ein gellendes Heulen.
Neben Blattpfote ertönte das hastige Tappen von Pfoten. „Lauft!“ Etwas streifte sie. Blattpfote zuckte zurück.
Einige Augenblicke lang war sie verwirrt, dann wurde ihr klar, dass das Birkenherz gewesen sein musste. Blattpfote rannte los, Panik übermannte sie. Sie konnte in dem tiefen Schwarz nichts sehen, wusste nicht, wohin sie rannte, nur dass sie weiter musste, immer weiter. Bloß fort von hier!
Ein Hecheln ertönte hinter ihr. Blattpfote schrie auf, als sie urplötzlich zu Boden gepresst wurde und dornenscharfe Krallen sich in ihr dünnes Fell bohrten. Ein Gesicht schwebte in der Dunkelheit vor sich, eisblaue Augen in hellbraunem Fell. Habichtpfote! … Oh nein, er wird mich umbringen! Verzweifelt versuchte sie, sich aus seinem Griff zu befreien, aber es hatte keinen Sinn - sie war ihm hoffnungslos ausgeliefert.
Mach dich auf dein Ende gefasst, Blattpfote! Was würden ihre letzten Gedanken sein? Blattpfote versuchte, an etwas Heldenhaftes zu denken, etwas, das den alten Geschichten, die Honigherz ihr und Echopfote als Junge immer erzählt hatte, gerecht wurde. Aber alles, an was sie denken konnte, war der hasserfüllte Glanz in den viel zu hellen, blauen Augen direkt vor ihr, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Habichtpfote fletschte die Zähne. „Was …!“ Dann trat ein Ausdruck des Erkennens in seine Augen. „Blattpfote?“ Schock spiegelte sich in seinen Blick. Hastig ließ er von ihr ab.
Wie benommen setzte sie sich auf. Was … geht hier vor sich? Lässt er mich etwa gehen? Warum …?
„Renn!“ Habichtpfote stieß sie heftig in die Seite. „Nun lauf schon!“ Erst jetzt fiel Blattpfote auf, dass an seinen Fängen Blut klebte - das Blut einer anderen Katze. Wie erstarrt starrte sie ihn an.
„Los jetzt!“, knurrte Habichtpfote. „Sonst findet dich noch jemand anderes als ich!“ Und plötzlich lag in seinen blassen Augen ein Ausdruck, den Blattpfote nicht zu deuten vermochte.
Und mit einer plötzlichen Woge von Kraft, die sie überwältigte, drehte Blattpfote sich um und rannte, immer weiter durch schier endlose Finsternis, weiter in die Richtung, in der sie die dichten Bäume ihres Territoriums wittern konnte. Sie blickte nicht zurück.
Erst als sie den vertrauten Schatten des Waldes betreten hatte, konnte sie einen klaren Gedanken fassen: Habichtpfote hatte sie verschont.
Warum? Warum hatte er sie nicht einfach angegriffen? Blattpfote war eine miserable Kämpferin, dass erkannte jeder auf den ersten Blick. Außerdem … diese Art, auf die Habichtpfote sie angesehen hatte, beinahe schmerzerfüllt …
Blattpfote war so in Gedanken vertieft, dass sie die Wurzel, die von Schnee fast vollkommen bedeckt war, erst bemerkte, als es bereits zu spät war. Sie blieb mit der Hinterpfote hängen und landete der Länge nach im Schnee. Die Eisdecke, über die sie auf dem Hinweg gemeinsam mit Goldfell gerutscht war, brach unter ihrem Gewicht zusammen und Blattpfote fiel.
Mit einem Mal ertrank die Welt in Weiß. Schnee stürzte auf sie ein, schien sich von allen Seiten auf sie zu zubewegen. Verzweifelt schlug Blattpfote mit den Beinen um sich, während mit jeder Bewegung ein stechender Schmerz durch ihre verdrehte Pfote schoss.
Es hatte keinen Zweck. Immer tiefer sank Blattpfote in den weichen, eiskalten Pulverschnee hinein, der jeden Laut, jeden Atemzug erstickte. Tiefer und tiefer und …
Plötzlich wurde sie am Nackenfell gepackt und mit einem heftigen, bestimmten Ruck wieder an die Luft gezogen. „Was machst du bloß für Dinge, Blattpfote?“
Blattpfote hustete Schnee und Wasser auf, während ihre Pfoten zitternd halt im Eis fanden. Sie erkannte den Geruch ihres Retters sofort. „Rindenstern?“, keuchte sie würgend.
„Derselbe.“ Rindenstern wandte sich von ihr ab und blickte sorgenvoll in die bedrohliche Finsternis, die sich jenseits der schroffen Baumstämme um sie herum erstreckte. Weit entfernt meinte Blattpfote, Kampfgeräusche zu vernehmen.
Rindenstern wandte sich ab, Besorgnis verdunkelte seine moosfarbenen Augen. „Wir sollten von hier verschwinden“, miaute er finster. „Dieser Wald ist nicht mehr sicher.“
Blattpfote erschauderte bei seinen Worten. Es sprach so eine Gewissheit aus ihnen, als wäre Rindenstern zu einer bedrückenden Erkenntnis gelangt.
Der Anführer schüttelte sich den weißen Pulverschnee, der seit seiner Rettungsaktion in seinem dicken Pelz haftete, aus dem Fell. „Kannst du laufen, Blattpfote?“
Mühsam richtete Blattpfote sich auf und belastete vorsichtig ihre verletzte Pfote. Sofort schoss ein brennender Schmerz hinein und Blattpfote verbiss sich einen Aufschrei. Dann schüttelte sie den Kopf. „Tut mir leid, Rindenstern.“
Der Rotbraune seufzte. „Nun gut. Dann bleibt mir wohl keine andere Wahl.“ Und mit diesen Worten kauerte er sich vor Blattpfote in den Schnee, ihr den Rücken zugewandt.
Blattpfote starrte ihn verdutzt an. „Ähm, was?“
Rindenstern lachte heiser auf. „Nun mach schon. Langsam wird es etwas kalt, hier im Schnee zu hocken.“
„Du willst mich auf deinem Rücken tragen?“
Blattpfote meinte, Rindenstern knurren zu hören. „Vielleicht überlege ich mir es doch noch anders, wenn du dich nicht beeilst.“
Es war gar nicht so leicht, auf Rindensterns Rücken zu klettern, ohne beide Hinterpfoten belasten zu können. Letztendlich krallte Blattpfote sich einfach mit Zähnen und Klauen in seinem dichten Pelz fest und versuchte, nicht wieder herunterzurutschen, als Rindenstern sich aufrichtete und langsam in Bewegung setzte. Sie merkte, wie der ältere Kater kurz zusammen zuckte, als ihre Krallen sich in seine Haut bohrten, und murmelte durch ein Büschel Fell eine Entschuldigung. Doch Rindenstern zuckte bloß mit den Schultern - was zur Folge hatte, dass Blattpfote erneut fast abglitt.
Nach einiger Zeit hatte sie einen Rhythmus gefunden und konnte endlich wieder einen klaren Gedanken fassen. Ich hoffe nur, die anderen konnten noch rechtzeitig fliehen … Moment, was macht Rindenstern eigentlich erst jetzt hier?
Was auch immer. Ihre Schwester traute dem Anführer nicht, das wusste Blattpfote - obwohl sie nie ganz verstanden hatte warum. Egal, was geschehen war, Blattpfote war sich sicher, dass Rindenstern seine Gründe hatte. Warum sollte er schon Echopfote oder Blattpfote erzählen, was er tat? Sie waren ja noch nicht einmal ausgewachsene Krieger.
„Rindenstern?“ Blattpfote schloss die Augen. „Was ist da passiert? An der Weide?“
Sie spürte, wie Rindensterns Nackenmuskeln sich anspannten. Der braune Kater seufzte schwer. „Nachdem der SternenClan seine Missbilligung über Dunstflecks Entscheidung kundgetan hat, sind die Katzen von SturmClan und BlattClan übereinander hergefallen. Zu viel Hass wurde in den letzten Jahren geschürt.“ Er verstummte für einen Moment und einige Herzschläge lang war das einzige Geräusch im nächtlichen Wald das regelmäßige Stapfen von Rindensterns Schritten im Schnee. „Ich habe versucht, sie aufzuhalten.“ Rindenstern schüttelte den Kopf. „Das hat kein gutes Ende genommen.“
Erst jetzt fiel Blattpfote auf, wie erschöpft ihr Anführer wirkte. Der Riss in seinem Ohr schien noch frisch zu sein, war jedoch so fein, dass Blattpfote ihn zuvor gar nicht bemerkt hatte.
Sie holte tief Luft. „Warum kämpfen die Clans, Rindenstern?“, fragte sie. „Es gab keine Grenzübertritte, keinen Beutediebstahl. Alle scheinen in dieser Blattleere alleine klarzukommen. Aber dennoch …“ Warum können wir nicht einfach alle gemeinsam in Frieden leben? Ich verstehe das einfach nicht. Wir machen uns das Leben selbst schwer - und für was? Unseren Stolz?
„Ich weiß, du magst das jetzt vielleicht noch nicht verstehen. Vor allem, nachdem deine Mutter auf eine solch tragische Art und Weise ums Leben gekommen ist.“ Mit einem Mal lag ein Ausdruck in seiner Stimme, der Blattpfote stutzen ließ. Er klang hart, beinahe gefühlslos - so hatte Blattpfote ihn noch nie erlebt. „Aber“, fuhr Rindenstern fort, „es ist unsere Bestimmung, einander zu bekämpfen. So war es schon seit Generationen, das war der Grund, warum die Clans entstanden sind. Das ist das Schicksal, das der SternenClan von Anfang an für uns vorgesehen hat.“
Blattpfote war es, als würde die gesamte Kälte dieser Blattleere in ihren Körper fahren und ihr Herz mit eisigen Krallen umschließen. Sie wagte kaum zu atmen, geschweige denn sich zu rühren, fast so als könnte sie kleinste Bewegung sie zerstören.
Das konnte nicht sein! Rindenstern musste sich irren. Es musste noch einen anderen Weg geben!
„Aber …“ Blattpfote erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Sie klang auf einmal so rau. „Der SternenClan hat den Himmel verdunkelt als der Kampf begann. Das muss doch bedeuten, dass er unser Handeln missbilligt.“ Es klang mehr wie eine Frage.
„Der SternenClan hat uns verlassen“, sagte Rindenstern kalt. „Wir sind nun nur noch auf uns selbst gestellt.“
„Und … was bedeutet das?“
„Das bedeutet“, antwortete Rindenstern, „es gibt Krieg.“
Blattpfote merkte, wie ihr Fell sich sträubte.

24. Kapitel

OH, ICH WÄRE SO GERNE dabei gewesen!“, schwärmte Federflug, während sie, Echopfote und Ampferpfote sich neben dem Frischbeutehaufen niederließen. „Ich hätte es diesen mäusehirnigen, vorlauten BlattClan-Kriegern gezeigt!“
„Nein, du hättest erst versucht die Krieger zu Tode zu reden, wärst dann kreischend weggerannt und wärst dann wahrscheinlich irgendwo im See gelandet, weil du den Wald nicht wieder gefunden hättest“, entgegnete Haselschweif, der sich zu ihnen gesellt hatte und nun eine magere Amsel aus dem Frischbeutehaufen pickte. Seit den Ereignissen der gestrigen Versammlung hatte Rindenstern angeordnet, die Grenzpatrouillen zu verdoppeln, weshalb neben der Amsel nur eine winzige Maus und ein halb verhungerter Spatz in der kleinen Kuhle lagen.
„Gar nicht wahr!“, protestierte Federflug auf den Kommentar ihres Bruders hin. „Ich habe einen hervorragenden Orientierungssinn!“
„Ich mag die Idee“, schnurrte Echopfote. „Ich habe mir schon oft vorgestellt, dich aus Rache für einen deiner vielen Streiche in den See zu werfen.“
„Wie wäre es, wenn wir es einfach tun?“, schlug Haselschweif vor. „Was hältst du von heute Nacht? An der alten Eiche, wo der Fluss in den See fließt?“
Tut mir leid, ich habe schon etwas anderes vor, hätte Echopfote beinahe geantwortet. Bei dem Gedanken musste sie schnurren. „Abgemacht“, erwiderte sie stattdessen. Es wäre dumm, ihre Treffen mit Sturmpfote wegen eines dummen Scherzes aufs Spiel zu setzen.
„Hallo?“, kam es empört von Federflug. „Habe ich da nicht auch ein Wörtchen mitzureden?“
Echopfote ignorierte ihren Einwurf und wandte sich zu Ampferpfote um, der wie immer bisher geschwiegen hatte. „Bist du dabei?“
Der Rote schüttelte verwirrt den Kopf. „W-was? Tut mir leid, worüber habt ihr nochmal geredet?“
Echopfote lachte laut auf. „Kommst du mit, Federflug in den Fluss werfen?“
Ampferpfote blinzelte überrascht. „Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee wäre“, miaute er nach einiger Zeit.
Aus dem Augenwinkel nahm Echopfote wahr, wie Haselpfote neben ihr die Augen verdrehte. Federflug hingegen streckte dem Hellbraunen triumphierend die Zunge heraus.
„Letztendlich wäre es so oder so wieder ich, der Federflug retten müsste“, fuhr Ampferpfote vollkommen ernst fort.
„Wie damals, als du in die Zweibeinerfalle geraten bist“, bemerkte Haselschweif schadenfroh, was von Federflug mit einem wütenden Naserümpfen quittierte. „Wenn Ampferpfote nicht gewesen wäre, dann wärst du jetzt ein Hauskätzchen!“
„Was für ein Quatsch!“, empörte Federflug sich. „Ich wäre niemals ein Hauskätzchen!“
„Hauskätzchen! Hauskätzchen!“
„Ach, sei doch einfach still!“
Birkenherz, der an der kleinen Gruppe vorbei in Richtung des Großen Baumstumpfs ging, schüttelte nur den Kopf und murmelte etwas wie „ihr benehmt euch immer noch wie Junge“. Echopfote musste grinsen.
„Außerdem“, fuhr Ampferpfote fort und unterbrach somit die Streiterei, „würde Sternlichtglanz uns umbringen, wenn sie herausfindet, dass wir jemanden in Gefahr gebracht haben.“
Echopfote zuckte mit den Schultern. „Sie müsste es ja nicht unbedingt erfahren.“
Federflug überhörte sie und strich elegant an Ampferpfotes Seite entlang. „Wenigstens einer von euch ist auf meiner Seite“, schnurrte sie anzüglich.
Haselschweifs Gesichtsausdruck jedoch hatte sich verhärtet. Er wandte sich an Echopfote. „Wo wir gerade über Sternlichtglanz sprechen, weißt du, ob Blattpfote noch bei ihr ist? Sie scheint letzte Nacht ziemlich verletzt worden zu sein.“
Sofort sank Echopfotes Laune. Seit ihrem Streit am vergangenen Abend hatten sie und ihre Schwester kein Wort mehr gewechselt - und Echopfote hatte keine Lust, diejenige zu sein, die zu Blattpfote zurückkroch und um Verzeihung bettelte. „Ja, sie ist noch da“, antwortete sie knapp. „Aber es geht ihr gut. Es war nichts Schlimmes.“
Irgendetwas passte ihr nicht daran, dass Haselschweif sich so sehr um Blattpfote sorgte. Die beiden Schwestern, Haselschweif, Federflug und Ampferpfote hatten viele Monde lang im gleichen Bau gewohnt und waren dadurch sehr gute Freunde geworden. Es wäre einfach zu seltsam, wenn zwischen Blattpfote und Haselschweif mehr als einfach nur Freundschaft bestände.
Haselschweif zuckte mit den Ohren. Er wirkte nicht besonders überzeugt. „Warst du schon bei ihr?“
„Nur kurz“, antwortete Echopfote wage. Früher am Morgen war sie von Honigherz, Schmetterlingsjunges und Libellenjunges nahezu dazu gezwungen worden, nach Schattenmonds Zustand zu schauen. Die schwarze Königin war aufgrund ihres Hustens immer noch im Krankenlager untergebracht, wo auch Blattpfote die Nacht verbracht hatte.
Haselschweif zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sollten wir sie besuchen gehen“, schlug er vor. „Es kann ziemlich langweilig sein, alleine im Heilerbau sein zu müssen.“
Wem sagst du das. Ihr Streit mit Blattpfote kam ihr wieder in den Sinn. Soll Blattpfote sich doch zu Tode langweilen! Mir ist es gleich.
Echopfote wurde klar, dass Haselschweif eine Antwort von ihr erwartete und suchte fieberhaft nach einer Ausrede, als hinter ihr plötzlich eine Stimme ertönte: „Ich fürchte, das werdet ihr nicht.“
Echopfote wirbelte herum. Direkt hinter ihr stand Grauschweif, der sich nun mit einem Schwanzschnippen auf Echopfote und Haselschweif zubewegte.
„Ach ja?“ Haselschweif legte missbilligend die Ohren an, als er seinen Vater erblickte. „Und wie kommst du darauf?“
„Weil du und Ampferpfote“, Grauschweif schnippte mit dem buschigen Schwanz in Richtung des roten Schülers, „mit Rankenschweif auf Patrouille an der SturmClan-Grenze gehen werdet.“
„Rankenschweif?“ Nachdenklich legte Ampferpfote den Kopf schief. „Aber ich dachte, er wäre noch …“
„Krank?“ Grimmig zuckte Grauschweif mit den Schultern. „Sternlichtglanz hat ihn an diesem Morgen entlassen, aber ich weiß ganz genau, dass er noch immer geschwächt ist.“ Er seufzte frustriert. „Ihr kennt ihn ja. Rankenschweif kann stur sein wie ein Junges.“
Echopfote versuchte, sich den großen, schwarzen Krieger als kleines Kätzchen vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Rankenschweif war schon immer alt gewesen - bereits als Echopfote noch ein Junges gewesen war, hatte er zu den erfahrensten Kriegern gehört.
Grauschweif seufzte und plötzlich erschien es Echopfote, als könne sie die Lasten des gesamten Clans auf seinen Schultern wiegen sehen. Vielleicht ist es doch nicht immer ein Vorteil, Macht zu haben …
„Ich möchte“, fuhr Grauschweif fort, „dass ihr auf ihn aufpasst. Ich denke, dass du bereit bist die Verantwortung für die Patrouille zu übernehmen.“ Er lehnte sich vor und stupste Haselschweifs Name liebevoll mit der seinen an. „Du bist ein großartiger Krieger geworden.“
Echopfote sah, wie Haselschweifs Augen zu leuchten begannen. Ihr fiel erst jetzt auf, dass der junge Krieger nun schon fast so groß war wie Grauschweif. Mit einem Schnurren nickte der Hellbraune und huschte quer über die Lichtung zum Kriegerbau hinüber, um Rankenschweif zu holen.
Neben Echopfote streckte sich Ampferpfote mit einem Seufzen. „Na dann“, miaute er. „Auf geht’s.“ Er blinzelte Echopfote zum Abschied freundlich zu, dann trottete er Haselschweif hinterher.
Echopfote wandte sich an ihren Mentor. „Bin ich auch für eine Patrouille eingeteilt?“ Ihre Pfoten prickelten bei dem Gedanken daran, gemeinsam mit ihren Freunden durch den Schnee zu jagen. Vielleicht könne sie ja sogar Haselschweif und Ampferpfote folgen …
„Nein“, erwiderte der Graue endgültig. „Du solltest bei deiner Schwester vorbeischauen. Haselschweif hat recht - sie wird einsam sein.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und bewegte sich in Richtung des Lagereingangs fort.
Verzweifelt blickte Echopfote ihm nach. Aber Blattpfote hat mir nicht geglaubt - sie hat mich im Stich gelassen! Und wenn ich nicht einmal ihr vertrauen kann, wem dann? Ach, SternenClan …
Und mit einem Mal wurde ihr klar, wie falsch sie damit lag.
Schnell versuchte sie, ihren Mentor einzuholen. „Grauschweif, warte!“
Überrascht blickte der langhaarige Kater sich zu ihr um.
Echopfote senkte den Blick. „Kann ich mit dir reden? Alleine?“, fügte sie mit Nachdruck hinzu.
Grauschweif zuckte verwundert mit den Ohren, dann nickte er jedoch. „Wir treffen uns am oberen Felsrand, dort wo der Wald auf Stein trifft. Ich werde nachkommen.“
Echopfote nickte nur. Sie erinnerte sich an die Stelle. Dort hatte Rindenstern sich auf der Suchpatrouille nach Nachtschweif von den anderen getrennt, um zuerst alleine über den glatten Fels zu laufen und die anderen nicht in Gefahr zu bringen. Bei dem Gedanken an jenen Morgen zog sich Echopfotes Herz schmerzhaft zusammen.
Sie schluckte. „Gut. Bis dann.“
Grauschweifs Schwanzspitze schnippte freundschaftlich gegen Echopfotes Schulter. Dann wandte der große, graue Kater sich ab und schritt mit großen Schritten auf eine kleine Gruppe von Katzen, die sich am Großen Baumstumpf versammelt hatten zu.
Echopfote blickte ihrem Mentor einige Herzschläge lang nach, dann seufzte sie. Seit Nachtschweifs Tod schien nichts mehr richtig zu laufen. Es schien Echopfote, als sei ihre Welt in endlose Stücke verbrochen, und während sie versuchte, sie wieder zusammen zu setzen, trieben die anderen die Splitter nur noch weiter von ihr fort.
Mit einem Mal wünsche sie sich so heftig, ihre Mutter wäre bei ihr, dass ihr das Atmen schwer fiel. Es war fast, als bohre sich ein Stachel in ihr Herz. Der stechende Schmerz war so überraschend stark, dass Echopfote sich zusammenkrümmte.
Sie kniff verzweifelt die Augen zusammen. Warum kann nicht alles einfach wieder normal sein? Jetzt habe ich nicht nur meine Mutter verloren, sondern auch meine Schwester.
Der Schmerz klang zu einem schwachen, aber allgegenwärtigen Pochen ab. Langsam richtete Echopfote sich auf und blinzelte ins helle Licht.
Um sie herum gingen ihre Clangefährten ihren normalen Aktivitäten nach. Eine Patrouille, bestehend aus Birkenherz, Blütenpfote, Goldfell und Mondfeuer, verließ gerade das Lager, Libellenjunges jagte die kreischende Schmetterlingsjunges laut lachend über die Lichtung und nahe des Schülerbaus beschwerte Federflug sich lauthals bei ihrem Vater darüber, dass sie trotz ihrer Stellung als Kriegerin die Nester der Ältesten ausmisten musste. Fast so, als wäre nichts geschehen. Als wäre der Kampf der letzten Nacht schon wieder vergessen.
Echopfote schüttelte sich die Trauer aus dem Pelz und huschte über die Sandlichtung zu der schmalen Felsspalte, durch die man das Lager verlassen konnte, und zwängte sich hastig hinter Mondfeuers peitschendem Schweif, der zwischen kahlen Brombeerranken verschwand, hindurch.
Als sie auf der anderen Seite heraustrat, breitete sich vor ihr eine Welt aus Weiß aus. Kurz vor Sonnenaufgang hatte er wieder geschneit und die dünnen Äste der Bäume bogen sich unter der Last bis auf den Boden. Die alte Eisdecke war von einer frischen Schicht aus Neuschnee versunken, in der die junge Blütenpfote nun fast bis zur Nasenspitze versunken war. Mürrisch kämpfte sich die kleine Kätzin wieder hinaus und schlug Birkenherz mit einem Schwanzschnippen weg, als er ihr helfen wollte.
Goldfell lachte laut auf und wandte sich zu Mondfeuer um, der nur wenige Pfotenschritte vor ihr etwas steif im Tiefschnee stand. Dabei entdeckte sie Echopfote und hüpfte geschickt zu ihr hinüber. „Hallo Echopfote!“, grüßte sie fröhlich. „Kommst du auch mit uns zur BlattClan-Grenze? Grauschweif sagte, er wolle die Patrouillen wegen gestern vergrößern.“ Angesichts des gestrigen Kampfes und der Tatsache, dass das Territorium des SchneeClans sich direkt zwischen den Fronten des SturmClans und BlattClans befand, fürchtete Rindenstern, dass sie angegriffen werden könnten. Echopfote fragte sich, wie Goldfell trotz der angespannten Lage so fröhlich sein konnte.
Sie zuckte teilnahmslos mit der Schwanzspitze. „Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich hab noch etwas zu tun.“
„Schade.“ Goldfell zuckte bloß mit den Schultern. „Was ist denn los?“ Forschend kniff sie die schönen, grünen Augen zusammen. „Alles in Ordnung mit dir? Du wirkst irgendwie … erschöpfter als sonst.“
Ehe Echopfote die Gelegenheit dazu hatte, ihr zu antworten, riss ein Ruf die beiden aus ihrem Gespräch: „Goldfell! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“
Der Rest der Patrouille war bereits weitergezogen und Birkenherz und Mondfeuer warteten nun unter den ersten Baumwipfeln auf Goldfell, während Blütenpfote sich damit abmühte, sich langsam durch den hohen Schnee auf sie zu zubewegen.
Goldfell blinzelte ihrer Freundin entschuldigend zu, dann wirbelte sie herum und jagte ihrer Patrouille leicht wie eine Feder über den Schnee hinterher.
Etwas wehmütig blickte Echopfote der Patrouille hinterher, bis alles, was von ihnen blieb, die deutlichen Spuren im frischen Schnee waren. Dann wandte sie sich endlich seufzend ab.
Während sie sich keuchend durch Eis und Schnee den Hang hinauf kämpfte, von dem aus man auf das Felsplateau klettern konnte, gingen ihr Goldfells Worte wieder und wieder durch den Kopf. Wenn selbst der oft so gedankenlosen Kriegerin auffiel, wie erschöpft sie war, musste man es Echopfote wirklich vom Gesicht ablesen können. Aber wer könnte es ihr schon verdenken? Sogar ihre eigene Schwester hatte sie verraten!
Entschlossen zog sie sich wieder auf die Pfoten, nachdem sie ein weiteres Mal abgerutscht war. Egal, was auch passiert war, Grauschweif würde ihr sicherlich helfen können. So war es immer gewesen. Egal, was Echopfote und ihre Freunde angerichtet hatten, Grauschweif hatte immer ein offenes Ohr für ihre Probleme gehabt. Fast so, wie der Vater, den sie nie gehabt hatte …
Als Echopfote die Spitze des Hügels erreichte und sich vor ihr die schroffe Felswand erhob, verließ sie der Mut. Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte die Blattleere noch nicht eingesetzt und es war ein leichtes gewesen, einen Weg über die vielen Felsvorsprünge zu finden. Nun aber lagen diese unter einer Schneedecke, die mehrere Pfotenlängen dick war.
Echopfote schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Da half alles nichts - mit so einer Felswand würde sie schon klarkommen. Nur … Irgendwo musste sie anfangen.
Echopfote trat etwas näher an den harten Stein heran und inspizierte den untersten Felsvorsprung, von dem aus sie normalerweise begann, die Felswand zu erklimmen. Der Stein war unter der dünnen Schneedecke von einer undurchdringlichen Schicht aus Glatteis überzogen. Echopfote schüttelte den Kopf. Hier würde sie sich eher den Hals brechen, als einen Weg nach oben zu finden.
Andererseits … Sie blickte sich rasch um. Einen anderen Weg nach oben gab es nicht.
Echopfote wollte gerade zum Sprung ansetzen, als eine forsche Stimme sie zusammenzucken ließ. Das wäre keine gute Idee.
Es dauerte einige Herzschläge, bis Echopfote realisiert hatte, dass es nicht Grauschweif war, der zu ihr sprach. Nein, vielmehr war dies eine Stimme, die nur sie selbst hören konnte.
„Verschwinde“, knurrte sie leise. „Ich brauche deine Hilfe nicht, Laubstern.“
Ach ja?, kam sogleich die spöttische Antwort. Sag mir das noch einmal, wenn deine Clangefährten deine Überreste vom Boden aufsammeln müssen.
Beinahe hätte Echopfote die Augen verdreht; sie konnte sich gerade noch zurückhalten. „Warum interessierst du dich überhaupt dafür, ob ich mir nun alle Knochen breche oder nicht? Du selbst bist ja noch nicht einmal mehr am Leben!“
Als sie in ihrem Kopf Laubsterns zorniges Knurren hörte, wurde Echopfote klar, dass sie zu weit gegangen war. Wenn du tot bist nützt du niemandem mehr etwas! Vergiss nie, Echopfote: Ich war einmal der Anführer dieses Clans. Meine Loyalität wird immer ausschließlich ihm gelten, egal was passiert! Mit einem spitzen Unterton fügte er hinzu: Dafür, dass du deinem Clan so sehr dienen willst, vernachlässigst du dein Training viel zu oft - egal, in welchem Wald es stattfindet. Eine Prophezeiung, egal wie wichtig sie auch sein mag, entbindet dich nicht von deinen Pflichten - und schon gar nicht deine vermeintlichen Gefühle für diesen feindlichen Kater.
Plötzliche Wut stieg in Echopfote auf. Was ich fühle ist ganz und gar meine Sache. Laubstern hat kein Recht dazu, mir zu sagen, ob meine Gefühle echt sind oder nicht! Bei dem Gedanken an Sturmpfote breitete sich Wärme in Echopfotes Bauch aus. Er wüsste jetzt ganz genau, was zu tun ist …
Echopfote schluckte den Ärger herunter und seufzte. „Na gut, ich hab es ja verstanden. Also, was soll ich deiner Meinung nach tun?“
Die Antwort kam prompt. Benutze deine Sinne. Sieh dich um. Es gibt noch einen einfacheren Aufstieg.
Echopfote tat wie ihr geheißen und ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen. Alles erschien ihr wie sonst: das leise Knacken des Waldes rechts von ihr, die toten Ranken, die sich verzweifelt an den kalten Fels klammerten, die alte Birke, die neben der Felswand aufragte, fast an ihr zu lehnen schien …
Echopfotes Blick blieb an den schneebedeckten Zweigen des Baumes hängen. Soweit sie wusste, hatte es noch niemand gewagt, über den halbtoten Baum zum Plateau hinaufzuklettern. Aber die unteren Äste sahen stabil genug aus, um ihr Gewicht zu tragen, und weiter oben konnte sie sich von der Felswand helfen lassen. Außerdem war sie inzwischen eine weitaus bessere Kletterin als der Rest ihres Clans …
Als Laubstern sich dieses Mal zu Wort meldete, klang er zufriedener. Gut.
Warmer Stolz durchflutete Echopfote. „Du meintest also diesen Weg?“
Darauf antwortete Laubstern nicht. Nur ganz leise meinte Echopfote im hintersten Winkel ihres Bewusstseins sein Knurren zu hören: Nun mach schon!
Echopfote seufzte. Manchen Katzen kann man es einfach nie recht machen. Dann tappte sie auf flinken Pfoten zum Fuß des gebrechlichen Baumes und blickte durch die kahlen Äste in die Baumkrone hinauf. Bei genauerer Betrachtung schien ihre Aufgabe doch schwerer als gedacht zu sein. Die Zweige krachten bedrohlich im Wind, als würden sie jeder Zeit herunterstürzen, und an vielen Stellen hatte sich die Rinde vom brüchigen Holz abgeschält.
Echopfote zögerte. Vielleicht sollte sie doch lieber hier unten auf Grauschweif warten - selbst wenn sie es unbeschadet hinauf schaffen sollte, könnte der ältere Krieger stürzen und sich verletzen …
Nein. Grauschweif war stark, seit Echopfote denken konnte war er unter den besten Kriegern gewesen. Sie wusste noch genau, wie stolz sie gewesen war, als ausgerechnet sie zu seiner Schülerin geworden war.
Sicherlich würde es ihn nur in seinem Stolz verletzen, wenn Echopfote ihn so unterschätzte.
Entschlossen duckte Echopfote sich tiefer in den Schnee und fixierte den untersten Ast mit ihrem Blick. Der Ast war nicht besonders dick, und sie würde hoch springen müssen, um ihn zu erreichen. Aber Sturmpfote und sie hatten viel trainiert. Ich bin bereit. Ich kann das schaffen!
Echopfote sprang. Als ihre Pfoten gegen den Ast knallten und sich ihre Krallen in die morsche Rinde gruben, sprühte ein Schauer winziger Eiskristalle ihr ins Gesicht, und beinahe hätte Echopfote losgelassen. Eine ihrer Pfoten rutschte ab, und einige lange Herzschläge lang hing sie schwankend dort, während ihr das eigene Herzrasen in den Ohren tönte. Sie spürte Laubsterns Präsenz in ihrem Hinterkopf. Nun hilf mir doch! Aber nichts geschah.
Doch plötzlich meinte Echopfote eine ganz andere Stimme in ihren Gedanken zu hören. Nicht aufgeben. Es ist ganz einfach.
Sturmpfote. Echopfote biss die Zähne zusammen und schwang sich auf den Ast hinauf. Keuchend krallte sie sich in das Holz, während warmes Triumphgefühl in ihr aufkam. „Siehst du, Laubstern? Meine Treffen mit Sturmpfote halten mich nicht davon ab, eine gute Kriegerin zu werden - ganz im Gegenteil.“
Während die Worte in der kalten Luft verhallten, horchte Echopfote in sich hinein. Doch von Laubstern kam keine Antwort. Der alte Anführer war fort; sie war allein.
Echopfote wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Nun gut - ich brauche deine Hilfe ohnehin nicht!
Von nun an war der Weg leicht. Nach wenigen geschickten Sprüngen hatte Echopfote die obere Felskante erreicht und schüttelte sich die Kälte aus dem Pelz, ehe sie sich an einer nahezu schneefreien Stelle niederließ. Hier war das Plateau noch von einigen, nun kahlen Bäumen bestanden und der Steinboden von erfrorenem Unterholz überwuchert; doch nur wenige Fuchslängen weiter riss der Wald auf und machte der großen, felsigen Fläche Platz. Dem Ort, an dem Nachtschweif umgekommen war.
Echopfote erschauderte.

Es dauere nicht lange, bis Grauschweif auftauchte. Mit einem leisen Ächzen zog der langhaarige Kater sich über die Felskante zu ihr hinauf und schüttelte sich den feinen Schnee aus dem Pelz.
Obwohl ihr Mentor sich wie gewohnt aufrecht hielt, fiel Echopfote nun noch mehr als zuvor auf, wie abgekämpft er aussah. In seinen Augen stand eine Müdigkeit, die sie noch nie zuvor in ihnen gesehen hatte, und als er sich vor ihr auf dem kalten Boden niederließ, schien es fast eine Erleichterung für ihn zu sein, sich nicht mehr auf den Beinen halten zu müssen.
Mit einem Mal begannen Zweifel an Echopfote zu nagen. Grauschweif hatte ganz offensichtlich schon ohne sie mehr als genug Probleme - und nun wollte sie ihn mit ihren Sorgen noch mehr belasten?
Doch plötzlich stand in Grauschweifs Augen wieder dieses warme Licht und er nickte ihr aufmunternd zu. „Du wolltest mich sprechen?“ Er klang noch immer etwas außer Atem vom Aufstieg.
Trotzdem blieb da dieses nagende schlechte Gewissen in Echopfote zurück. Aber wem sonst könnte ich mich anvertrauen?, dachte sie verzweifelt.
„Grauschweif?“, begann sie vorsichtig. „Ist alles in Ordnung mit dir?“
Der Graue winkte ab. „Ich bin bloß noch etwas erschöpft vom Klettern. Schließlich bin ich nicht mehr ganz so jung wie du und deine Freunde.“ Er schnurrte leicht. „Sorge dich nicht um mich.“
Echopfote versuchte, das Schnurren zu erwidern, doch es gelang ihr nicht.
Das Schnurren ihres Mentors brach ab, und nun spiegelte sich ihre eigene Besorgnis in seinen Augen. „Was ist es, was dich bedrückt, Echopfote?“ Seine blauen Augen blickten plötzlich wieder ernst. „Ich merke schon seit längerer Zeit, dass etwas dir Probleme bereitet. Es ist als würde ein Schatten über dir liegen, der dich immer weiter niederdrückt.“
Er schwieg, und Echopfote wandte den Blick ab. Die Ereignisse der letzten Monde schienen sich vor ihrem inneren Auge wieder abzuspielen - Nachtschweifs seltsame Worte, ihr Training im finsteren Wald, ihre Freundschaft mit Sturmpfote … Wie würde Grauschweif bloß reagieren, wenn er all dies herausfand? Er würde nur enttäuscht sein. Schamgefühl stieg in Echopfote auf. Ich könnte ihn niemals …
Sie wurde abrupt aus ihren Gedanken gerissen, als Grauschweif sich zu ihr neigte und leiser miaute: „Hat es etwas mit deiner Schwester zu tun? Ihr standet euch immer so nah. Wie kommt es, dass du ihr jetzt ausweichst?“
Echopfote seufzte. „Ist das so eindeutig?“ Sie hob den Blick und begegnete Grauschweifs tiefem Blick.
„Was ist vorgefallen?“, fragte der Graue.
Echopfote holte tief Luft. Dann brach mit einem Mal alles aus ihr heraus. „Ich habe Blattpfote von der Prophezeiung erzählt, aber sie glaubt mir nicht! Sie meint, ich bilde mir das bestimmt alles nur ein. Aber das ist doch nicht so! Sogar Rindenstern-“ Sie kniff die Augen zusammen. „Stattdessen behauptet sie, ich habe mich verändert und würde ihr nicht mehr vertrauen. Aber wie soll ich das auch, wenn sie mir einfach nicht zuhört? Sie ist es die mir nicht mehr vertraut!“ Echopfote ließ den Kopf hängen und plötzlich war ihr, als würden alle Emotionen, die sich in den letzten Monden in ihr aufgestaut hatten, aus ihr hinausbrechen. Verzweifelt schloss sie die Augen.
Grauschweif, der schweigend zugehört hatte, legte nachdenklich den Kopf schief. Dann miaute er: „Was genau hast du ihr denn gesagt?“
„Ich habe gesagt …“ Echopfote stockte. „Ich … ich habe ihr gesagt, dass ich glaube, ich habe vom SternenClan geträumt.“ Wenn sie es so wiederholte, klang es auch nicht allzu vertrauenswürdig.
Aber dennoch … „Und sie hat sich auch noch darüber lustig gemacht!“ Aufgewühlt peitschte Echopfote mit dem Schwanz; glitzernde Schneekristalle segelten durch die Luft und dann den steilen Hang neben ihr hinab.
Einige lange Augenblicke lang sagte Grauschweif gar nichts, sondern bedachte sie bloß mit einem nachdenklichen Blick. Unbehaglich rutschte Echopfote hin und her. Habe ich etwas Falsches gesagt? Vielleicht habe ich mich doch geirrt … Vielleicht kann ich nicht einmal …
Dann seufzte Grauschweif schwer. „Du und Blattpfote … ihr solltet miteinander reden.“ Ehe Echopfote protestieren konnte, fuhr der Ältere fort: „Auch Eulenfeder macht sich Sorgen um euch beide; ihr redet vollkommen aneinander vorbei, und das tut keinem von euch gut.“
„Aneinander vorbei?“, grummelte Echopfote. Mit Blattpfote konnte man gar nicht mehr richtig reden.
Grauschweif legte ihr sanft seine Schwanzspitze auf die Schulter. „Auch Blattpfote hat der Tod eurer Mutter stark getroffen“, miaute er leise. „Vielleicht untergründiger und auf eine andere Art und Weise als dich, aber sie leidet noch immer. Und sie sehnt sich nach einer Schwester, die ihr beisteht … genauso wie du es tust.“
Trotzig wandte Echopfote den Blick ab. „Wenn sie meine Hilfe will, dann soll sie sich nicht so anstellen und fragen.“
„Echopfote.“ Grauschweif schüttelte leicht den Kopf. „Du kennst Blattpfote so viel besser als ich, als jeder andere. Du weißt genau, was sie bewegt. Warum sie nicht mit dir redet.“
Oh ja, ich kenne alle ihre schwierigen, komplizierten, unsicheren Seiten. Doch als Echopfote Grauschweifs traurigen, bittenden Blick erwiderte, schluckte sie die Worte herunter. „Aber was kann ich dann tun?“, klagte sie. Ich brauche auch Hilfe!
„Rede einfach mit ihr. Versuch, Blattpfote zu erklären, warum du so bist wie du bist. Sie wird es verstehen. Das weißt du“, fügte er eindringlich hinzu, ehe Echopfote auch nur zum Widerspruch ansetzen konnte.
„Meinst du wirklich, das wird helfen?“ Echopfotes Fell sträubte sich unwillkürlich. Sie wollte nicht mit Blattpfote sprechen. Wollte nicht die sein, die zu ihr zurückkroch und um Verzeihung bettelte.
Grauschweif neigte schnurrend den Kopf. „Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Aber es ist die Anstrengung wert. Versuch einfach, freundlich zu sein und dich zu erklären.“ Er stupste sie zuversichtlich mit der Nase an. „Ihr wart euch immer so nah - dann könnt ihr euch auch wieder nah kommen. Wenn du das willst.“
Echopfote schloss die Augen, Bilder spielten sich vor ihrem inneren Auge ab. Sie und Blattpfote bei ihrer Schülerzeremonie. Sie und Blattpfote, als Echopfote das erste Mal in einem Kampf verletzt wurde - Blattpfote hatte die ganze Nacht lang an ihrer Seite gewacht und sich geweigert, den Heilerbau zu verlassen, obwohl Sternlichtglanz sie mehrmals gedrängt hatte.
Ob Blattpfote sie wohl jetzt genauso brauchte, wie Echopfote sie damals?
Dann sie und Blattpfote am Tag von Nachtschweifs Tod. Die Erinnerung war so real, als würde ihre Schwester neben ihr auf dem Plateau stehen. Blattpfote hatte versucht, das Gute in der Situation, die Zukunft zu sehen, aber Echopfote hatte sie einfach ignoriert.
Auch Blattpfote hat der Tod eurer Mutter stark getroffen. Vielleicht untergründiger und auf eine andere Art und Weise als dich, aber sie leidet noch immer. Und sie sehnt sich nach einer Schwester, die ihr beisteht.
Im Stich gelassen. Echopfote hatte sie im Stich gelassen. War so sehr in ihrer eigenen Trauer vertieft gewesen, dass sie nicht einen Gedanken daran verschwendet hatte, ob Blattpfote unter ihrer fröhlichen Fassade nicht auch litt.
Alles in Echopfote krampfte sich zusammen. Blattpfote war immer für sie da gewesen - und nun, da sie einmal selbst Hilfe brauchte, wandte Echopfote sich von ihr ab. Was bin ich nur für eine schreckliche Schwester?
Echopfote blickte auf ihre Pfoten, die fast im weichen Schnee versanken. „Meinst du, Blattpfote will meine Hilfe überhaupt noch? Nachdem …“ Ihre Stimme brach.
„Natürlich tut sie das!“ Grauschweif nickte nachdrücklich. „Du musst es nur versuchen.“
Echopfote richtete sich auf. Versuchen. Wenn ich es nur versuche, kann ich besser werden! Eine bessere Schwester … eine bessere Katze. „Gut. Ich tue es.“ Sie schloss die Augen und holte tief Luft. „Danke für deinen Rat, Grauschweif.“
Ihr Mentor schnurrte. „Immer.“

Als Echopfote und Grauschweif wieder ins Lager zurückkehrten, war es bereits spät und die untergehende Sonne färbte die steilen Felswände, die die Lichtung umgaben, glutrot. Echopfote schüttelte sich den Schnee aus dem langen Pelz und blickte sich um.
Die Patrouillen waren bereits zurückgekehrt, aber dennoch war der Frischbeutehaufen noch immer fast leer. Auch Echopfotes Magen grummelte, aber sie versuchte, das Nagen in ihrem Bauch zu ignorieren. Die Blattleere würde bald überwunden sein, und bis dahin musste die wenige Nahrung an die Ältesten und Jungen gehen.
Es war ungewöhnlich still. Es dauerte eine Weile, bis Echopfote klar wurde, dass es daran lag, dass Schmetterlingsjunges und Libellenjunges nirgendwo auf der Lichtung zu sehen waren. Bestimmt schliefen die beiden Kleinen schon.
Aber auch ihre Freunde konnte Echopfote nirgendwo entdecken. Sie zuckte verwirrt mit den Ohren.
Echopfote musste gähnen. Das Gespräch mit Grauschweif und all die Sorgen, die damit zusammenhingen, hatten sie müde gemacht - und es lag noch eine lange Nacht vor ihr.
Sie wollte sich gerade auf den Weg zum Schülerbau begeben, als sie hinter sich ein Räuspern hörte. „Echopfote.“ Grauschweif klang beinahe belustigt. „Du hast noch etwas zu erledigen.“
Echopfote unterdrückte ein Stöhnen. „Jetzt noch?“
„Ja, jetzt noch.“ Grauschweifs blaue Augen funkelten amüsiert. „Je früher du das hinter dich bringst, desto besser wird es dir gehen.“ Er strich an ihr vorbei und streifte ihr sacht mit der Schwanzspitze über die Ohren, ehe er quer über die Sandlichtung auf den Kriegerbau zu trottete.
Seufzend blickte Echopfote ihm nach. Dann raffte sie sich auf. Grauschweif hatte Recht - es brachte absolut nichts, diese Sache noch weiter aufzuschieben. Ihr wart euch immer so nah - dann könnt ihr euch auch wieder nah kommen. Wenn du das willst.
Ich will. Echopfote holte tief Luft.
Dann schlenderte sie langsam auf den Heilerbau zu. Es ist ganz einfach. Rede einfach mit ihr. Reiß dich nur zusammen und bleibe ruhig. Leichter gesagt als getan. Als sie den Höhleneingang erreichte, zitterten ihre Pfoten so stark, dass Echopfote kaum noch stehen konnte. Nun reiß dich endlich zusammen!
Kaum hatte Echopfote den Bau betreten, stieß sie auch schon mit Sternlichtglanz zusammen. Die Heilerin stolperte rückwärts, Kräuter verteilten sich über den Boden.
Fluchend rappelte die Goldene sich wieder auf. „Nun steh nicht nur dumm da, hilf mir!“, fuhr sie Echopfote gereizt an und begann, die verstreuten Kräuter zusammen zu schieben.
Verlegen half Echopfote ihr bei der Arbeit. „Was ist denn los?“, nuschelte sie durch ein Maul der duftenden Kräuter hindurch.
„Rankenschweif, dieser mäusehirnige Idiot!“ Erst als Echopfote die Kräuter wieder fallenließ bemerkte sie den scharfen Angstgeruch, der von der jungen Kätzin ausging. „Er war noch nicht bereit, aber nein, der Sturkopf wollte natürlich sofort wieder auf Patrouille gehen. Fuchsdung!“
Ehe Echopfote nachfragen könnte, klemmte Sternlichtglanz sich die restlichen Kräuter unter das Kinn und stürmte mit wirbelnden Pfoten aus dem Bau. „Du passt auf die Verletzen und Kranken auf!“, rief sie über die Schulter zurück.
Es dauerte einige Augenblicke bis Echopfote klar wurde, dass dieser Befehl nicht an sie gerichtet war. Trotz seines verletzen Beines hatte Birkenpfote sich vollkommen lautlos aus der Dunkelheit der Höhle geschält und zu ihr gesellt. „Suchst du nach etwas Bestimmten, Echopfote?“
Echopfote schrak zusammen. Seit der junge Tigerkater nicht mehr im Schülerbau wohnte, hatte sie ihn kaum noch zu Gesicht bekommen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie sehr er sich verändert hatte. Der junge, tapsige Kater, der nie mit seinen Geschwistern hatte mithalten können, war verschwunden; stattdessen lag in den großen, hellblauen Augen eine Weisheit, die in den Augen der wenigsten Krieger stand.
Echopfote erschauderte.
„Eigentlich“, begann sie zögerlich, „wollte ich nur meine Schwester besuchen.“
Birkenpfote nickte verständnisvoll. „Folge mir.“ Flink huschte der Tigerkater durch den Bau hindurch, das steife Bein schien ihn kaum zu behindern.
Langsam folgte Echopfote ihm; jede Faser ihres Körpers schrie sie an, zurückzuweichen, einfach schlafen zu gehen. Plötzlich glaubte sie, Laubsterns kräftige Statur in der Dunkelheit der Höhle erkennen zu können. Kannst tausend Kämpfe ausfechten, aber weigerst dich, ein einfaches Gespräch zu führen - Feigling!
Echopfote erstarrte. Du bist nicht hier. Du kannst nicht hier sein.
Aber dennoch schien das Wort von allen Wänden widerzuhallen. Feigling! Feigling! Feigling!
Nein. „Lass mich in Ruhe!“, jaulte Echopfote. „Ich bin kein Feigling!“ Unwillkürlich fuhren sich ihre Krallen aus.
„Echopfote?“ Birkenpfotes Stimme durchbrach das durch den Raum schallende Echo; augenblicklich verstummten die Stimmen. „Ist alles in Ordnung bei dir?“ Statt der Weisheit lagen nun Sorge und Misstrauen in seinen großen Augen.
Verlegen starrte Echopfote zu Boden. „Ja. Klar“, murmelte sie. Toll - jetzt habe ich auch noch Halluzinationen! Liegt bestimmt an den Kräutern …
Echopfote folgte dem Heilerschüler durch den Tunnel ins Freie und holte tief Luft. In diesem Teil des Lagers lag kaum Schnee; ein dickes Netz aus Dornenranken schützte das Krankenlager selbst im Winter vor äußeren Einflüssen. Dennoch war es kaum kälter als auf der Lichtung.
Echopfote ließ ihren Blick über den von vertrocknetem Farn überwucherten Felsenkessel schweifen. Schattenmond hatte sich nah einer der Felswände im Moos zusammen gerollt; ab und an hustete sie rasselnd, ansonsten hob und senkte sich ihre Brus gleichmäßig.
Am anderen Ende des Krankenlagers lag Blattpfote. Die zierliche Kätzin hatte die Augen geschlossen, aber Echopfote sah ihr an, dass sie noch nicht schlief. Du kennst Blattpfote so viel besser als jeder andere. Schwestern. Für immer.
Echopfote nickte Birkenpfote dankend zu, dann schob sie sich nahezu lautlos durch die Farnwedel auf die golden Getigerte zu. Einige Herzschläge lang blickte Echopfote ihre Wurfgefährtin einfach nur an. Sie sah so traurig, so erschöpft aus …
Dann schlug Blattpfote die grünen Augen auf und sofort beschleunigte sich Echopfotes Herzschlag, dröhnte ihr laut in den Ohren.
„Echopfote?“ Es war kaum mehr als ein Wispern.
Echopfote setzte sich vorsichtig neben sie. „Hallo.“
Einige Momente lang schwiegen sie beide. Dann miaute Echopfote: „Wie … geht es dir?“
„Gut“, seufzte Blattpfote. „Sternlichtglanz meint, ich werde morgen bereits wieder mein Training fortsetzen können!“
„Das freut mich.“ Ganz von selbst begann Echopfote zu schnurren. „Ich wäre auch so gerne auf der Versammlung gewesen!“
„Oh glaub mir, das wärst du nicht.“ Blattpfote senkte den Kopf. „Es war unheimlich. Vollkommen dunkel, und von allen Seiten hörte man nur Schreie.“
Das Schnurren blieb Echopfote in der Kehle stecken. „Meinst du, es sind Katzen gestorben?“, hauchte sie.
Blattpfote schüttelte ratlos den Kopf. „Ich hoffe nein. Aber … dieser Kampf … dieser Krieg ist irgendwie anders. Die Clans sind skrupelloser geworden, mitleidloser.“ Sie vergrub das Gesicht im Moos. „Ich habe Angst, Echopfote.“
Echopfote schmiegte sich an die bebende Flanke ihrer Schwester und leckte ihr beruhigend übers Ohr. „Alles wird gut werden. Schließlich passe ich auf dich auf.“
Blattpfote kicherte leise.
Und plötzlich war alles wieder wie zuvor. Wärme breitete sich in Echopfote aus, so warm, dass sie die gesamte Kälte der Blattleere hinweg zu schmelzen schien. Gemeinsam schaffen wir das!
„Trotzdem.“ Blattpfote blickte sie aus warmen Augen an. „Ich wüsste zu gern, was wirklich zwischen dem BlattClan und dem SturmClan vorgefallen ist.“
Echopfote zuckte mit den Ohren. „Ein SturmClan-Krieger hat eine BlattClan-Katze umgebracht. Ich finde, das ist schon genug der Erklärung.“
„Nein, nein.“ Blattpfote schloss angestrengt die Augen. „Da steckt mehr hinter, glaub mir.“ Sie senkte die Stimme. „Birkenherz hat mir gestern erzählt, dass Eschenstern vor langer Zeit Brandsterns Gefährtin getötet hat. Deshalb will Brandstern Rache nehmen.“ Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Aber wie kann sein Clan dahinter stehen?“ Sie seufzte. „Ich würde mich darüber so gerne einmal mit einer SturmClan-Katze unterhalten! Aber das wird jetzt wohl nicht mehr möglich sein.“ Enttäuscht senkte sie den Blick.
Es durchfuhr Echopfote wie ein Blitz. Ich könnte für sie mit einer SturmClan-Katze reden! Aber dann müsste ich Blattpfote von meinen Treffen mit Sturmpfote erzählen … was würde sie bloß davon halten? Aber andererseits … Blattpfote war ihre Schwester. Sie hatten sich noch immer alles anvertraut. War das nicht genau das, was Grauschweif ihr vorgeschlagen hatte? Sich Blattpfote anzuvertrauen?
Schnell blickte Echopfote sich um. Schattenmond schien immer noch weit entfernt von ihnen zu schlafen. Birkenpfote hingegen saß aufrecht neben dem Eingang zum Heilerbau und beobachtete die Schwestern aus aufmerksamen Augen.
Echopfote beugte sich vor, bis ihre Nase beinahe Blattpfotes Ohr berührte. „Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen?“
Blattpfote zögerte. Doch als ihre Blicke einander trafen, änderte sich der Ausdruck in Blattpfotes Augen. „Natürlich. Du kennst mich doch, Echopfote.“ Sie nickte und kniff die Augen zusammen. „Worum geht es?“
Echopfote holte tief Luft und senkte die Stimme noch weiter, ehe sie sagte: „Ich … kenne jemanden aus dem SturmClan, den ich fragen könnte.“
„Was?“ Blattpfotes Stimme hallte viel zu laut von den Felswänden wider.
„Pssst!“, zischte Echopfote. „Nicht zu laut!“
„Aber …“ Blattpfote stockte. Was?“, miaute sie leise. „Wie? Warum? Wen?“
Echopfote unterdrückte das Schnurren, das in ihr aufkam, als sie an Sturmpfote dachte. „Mein Freund. Sein Name ist Sturmpfote. Wir haben uns auf der Großen Versammlung kennengelernt und seitdem ein paar Mal getroffen …“
„Aber das ist gegen das Gesetz!“, zischte Blattpfote, Empörung sprach aus ihrer Stimme.
„Das Gesetz ist mir egal! Wir sind nur befreundet. Was kann daran schon falsch sein?“
Blattpfote seufzte schwer.
Echopfote zuckte zurück. „Was ist denn los mit dir? Ich dachte du würdest auf meiner Seite sein! Aber stattdessen fällst du mir schon wieder in den Rücken!“
„Nein! Bitte warte, Echopfote!“ Blattpfote blickte sie flehend an. „Ich will dir nicht in den Rücken fallen! Ich will dir nur helfen.“ Sie senkte den Blick. „Bitte erzähl mir mehr.“
Es war seltsam, etwas so Intimes mit jemandem zu teilen. Ihre nächtlichen Treffen waren immer nur eine Sache zwischen ihr und Sturmpfote gewesen. Der einzige, der sonst noch davon wusste, war Laubstern, aber es fühlte sich ganz anders an, mit ihm darüber zu reden. Laubstern war niemand, der Echopfote wirklich etwas bedeutete - niemand, dessen Meinung für Echopfote zählte.
Bei Blattpfote war das anders. Trotz allem war sie immer noch ihre Schwester.
Enttäuschung durchfuhr Echopfote wie ein Dorn. Warum versteht sie nicht, wie viel mir das bedeutet? Warum überstützt sie mich wieder einmal nicht? Das ist nicht, was Schwestern tun sollten!
Trotzdem holte Echopfote tief Luft und fuhr fort. Sie würde es schon noch schaffen, Blattpfote davon zu überzeugen, wie wichtig Sturmpfote ihr war.
„Wir treffen uns fast jede zweite Nacht.“ Wie aufgeregt ihre Stimme klang. „Er ist zwar noch ein Schüler, aber schon bei weitem bereit, ein Krieger zu sein - vielleicht sogar ein Mentor! Er hat mir beigebracht wie man klettert, und ich zeige ihm im Gegenzug unsere Jagdtechniken.“ Die Worte sprudelten aus ihr heraus wie Quellwasser.
Blattpfote hatte langsam die kleinen Ohren angelegt. Sie legte den Kopf schräg und bedachte Echopfote mit einem langen Blick.
Zögernd erwiderte Echopfote diesen. „Was … hältst du davon?“
Blattpfote trommelte langsam mit ihren Vorderpfoten auf ihr Moosnest. „Hm.“ Dann fuhr sie die Krallen aus und blickte ruckartig auf. „Na gut. Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“
Erleichtert atmete Echopfote auf.
„Aber du musst aufpassen!“ Blattpfote klang besorgt. „Du weißt nicht, wie sehr du einer Katze aus einem anderen Clan vertrauen kannst …“
„Natürlich kann ich ihm vertrauen!“, fauchte Echopfote. „Er ist mein Freund!“
„Dennoch.“ Blattpfote leckte ihr rasch über das Ohr. „Bitte sei vorsichtig. Für mich.“
Echopfote schnurrte leicht. „Bin ich doch immer.“
Darüber musste Blattpfote lachen.
„Wir treffen uns noch diese Nacht“, fuhr Echopfote fort. „Vielleicht kann ich ja etwas in Erfahrung bringen.“
Blattpfote blinzelte ernst. „Es wird nicht einfach sein, aus dem Lager herauszukommen. Rindenstern hat die Wachen verstärkt.“
Fuchsdung, sie hatte recht. Aber irgendwie würde sie das schon schaffen - sie hatte sich noch immer unbemerkt aus dem Lager gestohlen. „Danke.“ Echopfote schnurrte erleichtert. „Du bist die Beste. Soll ich irgendetwas Besonderes fragen?“
„Nein, alles gut.“ Blattpfote streckte sich gähnend. „Gönnen wir uns lieber etwas Schlaf. Du wirst eine lange Nacht vor dir haben.“
Echopfote nickte und leckte ihrer Schwester zum Abschied über die Wange. „Ich habe dich vermisst“, wisperte die Goldene.
Darauf sagte Echopfote nichts.
Als sie sich gerade auf den Weg zurück zum Lager machte, rief Blattpfote ihr noch hinterher: „Bitte frag Birkenpfote nach ein paar Mohnsamen für mich. Mir schwirren so viele Gedanken im Kopf herum …“
Echopfote nickte verständnisvoll. „Mach ich!“ Ihr selbst ging es nicht anders. Sie würde sicherlich nicht schlafen können.
Als Echopfote den Heilerbau verließ, hätte sie am liebsten einen Freudensprung gemacht. Endlich waren Blattpfote und sie einander wieder einen Schritt näher gekommen!
Vielleicht muss Blattpfote mich gar nicht verstehen, um auf meiner Seite zu sein.

25. Kapitel

KAUM HATTE ECHOPFOTE den Heilerbau verlassen, schallte auch schon ein lauter Ausruf über die Lichtung: „Echopfote, warte!“
Überrascht entdeckte Echopfote Grauschweif, der schnellen Schrittes auf sie zukam.
„Was ist los?“, fragte sie und unterdrückte ein Gähnen. „Keine Sorge, ich habe mich Blattpfote gesprochen.“
„Das freut mich.“ Trotz seiner Worte war sein Blick abwesend und voller Sorge.
Echopfote zuckte besorgt mit den Ohren. „Ist alles in Ordnung, Grauschweif? Ist etwas passiert?“
Die Gesichtszüge des Katers verhärteten sich. „Rankenschweif ist noch immer krank, schwer krank“, erklärte er ernst. „Sternlichtglanz sieht momentan nach ihm, aber es sieht nicht gut aus.“
Geschockt starrte Echopfote ihren Mentor an. Rankenschweif … könnte sterben? Rankenschweif war schon immer da gewesen, war so fest mit dem SchneeClan verankert wie das Lager in dem sie sich befanden. Was, wenn er plötzlich tot wäre?
Grauschweif fuhr grimmig fort: „Zu viele unserer Krieger sind geschwächt - wir haben keine Beute. Und die ständige Sorge um die neue Bedrohung aus den anderen Clans lässt keinen von uns gut schlafen.“
Echopfote erstarrte. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht, wie sehr der kommende Krieg ihre Clangefährten belastete - sie selbst hatte nur an Sturmpfote denken können.
„Ich führe gleich eine Jagdpatrouille in den Wald.“ Grauschweif blickte sich abwesend um. „Könntest du meinen Platz als Nachtwache vor dem Lagereingang übernehmen?“
Echopfotes Mut sank. Wie sollte sie sich denn mit Sturmpfote treffen, wenn sie die ganze Nacht vor dem Lager festsaß?
Echopfote suchte gerade fieberhaft nach einer Ausrede, als Grauschweif hinzufügte: „Keine Sorge, du wirst nicht allein sein. Rindenstern übernimmt den zweiten Posten.“
Und mit diesen Worten wandte Grauschweif sich ab und zerstörte all Echopfotes Hoffnungen. Verzweifelt blickte die Silberne sich im Lager um. Gäbe es vielleicht irgendwen, der sie als Lagerwache ersetzen könnte? Haselschweif und Federflug verließen gerade gemeinsam mit Schneebart und Grauschweif das Lager, der graue Kater warf seiner Schülerin einen scharfen Blick zu, ehe er durch den Farntunnel verschwand. Ansonsten war niemand außerhalb der Baue zu sehen.
Niedergeschlagen ließ Echopfote den Schwanz hängen. Nun würde sie nicht nur Sturmpfote, sondern auch Blattpfote enttäuschen. Und dich selbst. Sie hatte sich so auf dieses Treffen gefreut …
Etwas, was Grauschweif ihr einmal gesagt hatte, fiel ihr wieder ein: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Er hatte bestimmt nicht gehofft, dass sie seinen Ratschlag einmal so einsetzen würde, aber dennoch fasste Echopfote neuen Mut.
Irgendwie werde ich das schon schaffen! Ich muss ihm schließlich nur ein paar Fragen stellen …
Schnell huschte sie zum Lagerausgang und durch den Farntunnel hindurch ins Freie. Einige Herzschläge stand sie einfach nur da und sog die kühle Nachtluft ein. Es hatte noch mehr geschneit; klar konnte sie die Spuren der Jagdpatrouille erkennen. Hoffentlich fangen sie etwas!
„Da bist du ja.“
Echopfote wirbelte herum, Schnee stob auf. Auf einem Felsvorsprung über dem Lagerausgang thronte Rindenstern und blickte sie aus stechenden, grünen Augen müde an.
„Grauschweif erwähnte, dass du kommen würdest.“
Flink kraxelte Echopfote an der überwucherten Felswand zu ihm hinauf und ließ sich neben ihm auf den eiskalten Grund nieder. „Ich war schon seit langer Zeit nicht mehr als Nachtwache eingeteilt.“ Sie tat so, als würde sie gähnen. Vielleicht würde Rindenstern Mitleid haben und sie von ihrer Pflicht befreien … Aber was dann? Der einzige Weg aus dem Lager heraus war durch den Farntunnel.
„Du wirst dich daran gewöhnen“, antwortete Rindenstern mit einem teilnahmslosen Schwanzschnippen. „Wenn du erst einmal Kriegerin bist, wirst du öfter eingeteilt werden.“
Echopfotes Fell begann zu prickeln. Sie verkniff sich die Frage, wie lang es noch bis zu ihrer Zeremonie dauern würde. Es gab Wichtigeres, über das sie nachdenken musste.
Vielleicht könnte sie so tun, als hätte sie etwas gehört oder gerochen … Nein, dann würde Rindenstern selbst nachsehen.
So tun, als müsse sie den Schmutzplatz aufsuchen? Nicht genug Zeit, um sich mit Sturmpfote zu treffen.
Aber was wenn …
„Echopfote?“
Sie zuckte zusammen.
„Ich fürchte, bei unserem letzten Gespräch habe ich mich nicht ganz eindeutig ausgedrückt.“
Gespannt spitzte Echopfote die Ohren.
„Diese Prophezeiung …“ Ruckartig wandte Rindenstern sich zu ihr um und starrte ihr intensiv in die Augen. Eingeschüchtert wich Echopfote zurück. „Erzähl niemandem davon, klar. Niemandem.“
Ihr Gespräch mit ihrer Schwester schoss ihr durch den Kopf. „Nicht einmal-“
„Nein, auch nicht Blattpfote.“
Unwillkürlich sträubte sich Echopfotes Fell. „Was ist mit Grauschweif?“, flüsterte sie. „Er weiß doch von der Prophezeiung.“
„Ja, Grauschweif.“ Rindenstern schnaubte. „Selbst das ist bereits zu viel. Es war ein Fehler ihm davon zu erzählen.“
Aber warum? Echopfote erschauderte. Warum hat Rindenstern Geheimnisse vor seinen Clan - sogar vor seinem Zweiten Anführer?
„Du darfst nun gehen.“
Echopfote blickte auf. „Wie?“
Rindenstern schnurrte amüsiert. Es war so ein seltsamer Kontrast zu seinen vorherigen Verhalten … „Ich merke doch, wie unruhig du bist - fast als würdest du auf Hummeln sitzen.“ Seine Schnurrhaare zuckten. „Du willst nach Blattpfote sehen, nicht wahr?“
Erleichtert über die Ausrede nickte Echopfote. „Ja. Genau das ist es.“ Sie senkte den Blick und betete zum SternenClan, dass er die Lüge nicht bemerkte. „Tut mir leid, Rindenstern.“
Der Anführer strich ihr sacht mit der Schwanzspitze über den Rücken. Echopfote versuchte, unter der Berührung nicht zusammen zu zucken. „Du musst dich nicht entschuldigen. Familie ist wichtig.“ Ein seltsamer Ausdruck trat in seine Augen. Schnell wandte der Braune den Blick ab. „Nun geh schon! Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken.“
Hastig sprang Echopfote von dem Felsvorsprung hinab und landete weich im tiefen Schnee. Ein letztes Mal blickte sie zu ihrem Anführer hinauf. „Danke.“
Der ältere Kater winkte ab.
Betont langsam schlenderte Echopfote durch den Farntunnel ins Innere des Lagers, während ihre Gedanken rasten. Wie soll ich jetzt aus dem Lager kommen? Und selbst, wenn ich es schaffe, was wenn ich von einer Patrouille erwischt werde?
Echopfote schob die Zweifel zur Seite. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Sie wandte sich um und ließ ihren Blick über die Felswand wandern. Auch an dieser Seite des Steins rankten sich die Wurzeln des gewaltigen Baums, der seine kahle Krone über dem Lager ausbreitete, fast bis zum Erdboden hinab; es würde ein Leichtes sein, hinauf und bis zum Plateau zu klettern. Aber, abgesehen davon, dass Rindenstern direkt auf der anderen Seite Wache hielt und sie bestimmt bemerken würde, würde man Echopfote auch vom Lager aus klar und deutlich sehen können. Wenn auch nur einer ihrer Clangefährten auf die Idee kam, den Bau zu verlassen um zum Schmutzplatz zu gehen …
Der Schmutzplatz. Er lag in einer Felsnische, abgeschirmt vom Rest des Lagers. Dort würde sie nicht nur geschützt vor den Blicken anderer sein, sondern auch weit genug entfernt von Rindenstern, damit er sie nicht hören würde.
Freude schwappte durch Echopfote wie eine warme Flusswelle zur Blattgrüne. Das könnte funktionieren!
Mit wirbelnden Pfoten preschte Echopfote auf den Eingang des abgeschiedenen Felsenkessels zu - und prallte auf etwas Hartes. Benommen taumelte Echopfote zurück, während Sternlichtglanz sie aus müden Augen entfremdet anstarrte. Zum zweiten Mal an diesem Abend war sie mit der Heilerin zusammen gestoßen.
„Das muss aber dringend sein.“ Langsam zog die Gescheckte sich wieder auf die helleren Pfoten.
„Tut mir leid, Sternlichtglanz.“
Die andere verengte die Augen. „Solltest du nicht mit Rindenstern Wache halten?“
„Dauert nur ganz kurz.“
Sternlichtglanz schüttelte bloß den Kopf und trottete mit hängenden Schultern auf die Lichtung hinaus. Mit einem Mal ergriff Angst Echopfote. Die Kätzin sah erschöpft aus, aber da war noch etwas anderes …
„Sternlichtglanz? Wie … geht es Rankenschweif?“
Sternlichtglanz seufzte bloß.
Echopfote erstarrte, Kälte kroch in ihr hinauf. „Ist er etwa …“
„Nein, nein. Er lebt noch.“
Echopfote atmete auf. „Meinst du er schafft es?“
„Das weiß nur der SternenClan.“ Ohne ein weiteres Wort schleppte sich Sternlichtglanz über die Lichtung auf den Heilerbau zu.
Echopfotes Blickfeld verschwamm. Ich will nicht, dass noch jemand sterben muss! Ich will nicht noch jemanden verlieren, der mir etwas bedeutet. Sie blinzelte heftig. Nein. Das wird nicht geschehen! Rankenschweif darf einfach nicht sterben.
Als Echopfote nun den Schmutzplatz betrat, war sie allein. Unschlüssig tappte sie weiter in den kleinen Felsenkessel hinein. Im Licht des fast vollen Mondes war jeder Kratzer, jeder Riss in den Felswänden zu erkennen; aber wo sollte man hier hochklettern? An dieser Stelle der Felswand wanden sich keine Ranken oder Wurzeln nach unten; alles, woran ein Kletterer Halt finden könnte, waren einige Spalte und Felsvorsprünge.
Echopfote schloss die Augen. Es muss einen Weg geben.
Einatmen.
Ausatmen.
Entschlossen öffnete Echopfote die Augen wieder. Erst diesen Morgen war sie den Hang auf der anderen Seite dieser Felswand hinaufgeklettert. Sie konnte es schaffen.
Benutze deine Sinne.
Echopfote blinzelte. Erst jetzt entdeckte sie den niedrigen Steinhaufen in der hintersten Ecke des Schmutzplatzes; zuvor war er ihr nie aufgefallen. Aber zuvor hast du auch nie nach einem Fluchtweg aus dem Schmutzplatz gesucht, Echopfote. Sie musste schmunzeln.
Schnell trabte sie auf die brüchigen Steinplatten zu. Hoch aufgetürmt waren sie tatsächlich nicht, aber vielleicht trotzdem genug, um hilfreich zu sein. Hastig untersuchte sie die Felswand dahinter. An dieser Stelle war der Stein etwas furchiger und an mehreren Stellen abgebrochen.
Einen Versuch war es wert.
Ein letztes Mal blickte Echopfote über die Schulter zurück zu dem Überhang, der die Nische vom Rest des Lagers abschirmte. Beeil dich, Echopfote! Was, wenn noch jemand den Schmutzplatz benutzen wollte und sie erwischte?
Echopfote sprang. Kalte Luft sauste an ihr vorbei, fuhr durch ihre empfindlichen Schnurrhaare. Einige Augenblicke lang schien sie zu schweben; dann prallte sie hart gegen den Fels.
Ein Keuchen entkam ihrem Maul. Verzweifelt krallte Echopfote sich an die glatte Wand, auf der Suche nach irgendeiner Furche, an der sie Halt finden könnte … Es nützte nichts, immer weiter rutschte sie hinab.
SternenClan, steh mir bei! Endlich fuhren ihre Krallen in eine Fuge im Gestein, Echopfote unterdrückte einen Schmerzensschrei, als ein stechender Schmerz in ihre Pfote fuhr - aber ihr Fall war gestoppt.
Keuchend rang Echopfote nach Atem. Das war knapp. Hinter sich hörte sie ein Rascheln, dann schlurfende Pfotenschritte. Ihr Herz begann zu rasen. Mäusedreck! Wie viel Pech kann eine Katze in einer einzigen Nacht haben?
Beherzt stieß Echopfote sich mit den Hinterläufen ab, kletterte höher und höher. Ihre verletzte Vorderpfote pochte wütend. Echopfote biss die Zähne zusammen. Schneller!
Im letzten Moment zog sie sich über die obere Felskante und brach erschöpft zusammen. Unten im kleinen Felsenkessel hörte Echopfote Geräusche, der Duft von Flammenfuß stieg zu ihr hinauf. Inständig betete Echopfote, dass er sie nicht bemerkte.
Einige Augenblicke lang herrschte unten Stille. Dann ein Schnüffeln.
Echopfote hielt den Atem an. Was würde Flammenfuß nur sagen, wenn er sie hier entdeckte? Dieser fuchsherzige Idiot würde mich zu Frischbeute verarbeiten!
Die wenigen Herzschläge lang, die Echopfote bewegungslos ausharrte und ihrem eigenen pochenden Herzen lauschte, kamen ihr vor wie eine Ewigkeit. Dann, endlich, entfernte sich der Clankrieger wieder.
Erleichtert stieß Echopfote die angehaltene Luft aus. Jetzt wallte Glück in ihr auf. Ich habe es tatsächlich geschafft! Es gibt noch einen anderen Weg aus dem Lager! Wenn ich das erst Sturmpfote erzähle …
Als Echopfote sich aufrappelte schoss ein heftiger Schmerz durch ihre Pfote. Zischend ließ sie sich wieder sinken. Vorsichtig schnupperte sie an der verletzen Pfote. Die Wunde blutete zwar nicht, aber anscheinend hatte sie sich eine Kralle ausgerissen.
Zähneknirschend stand Echopfote auf und verbiss sich den Schmerz. Vielleicht sollte ich damit morgen zu Sternlichtglanz gehen - aber was wird sie bloß dazu sagen? Sie wird sich denken können, dass ich nicht wirklich auf den Schmutzplatz musste … Plötzlich kam ihr Blattpfote in den Sinn. Ihre Schwester hatte schon immer ein Talent für das Heilen gehabt; womöglich würde sie wissen, was zu tun war.
Echopfote musste lächeln. Früher waren sie beide fest davon überzeugt gewesen, spüren zu können wenn die andere sich etwas tat. Irgendwann war ihnen natürlich aufgefallen, dass das nicht stimmte. Aber jetzt hatten sie immerhin beide eine verletzte Pfote.

Als Echopfote an dem vereinbarten Treffpunkt ankam, wartete Sturmpfote bereits auf sie. Der dunkle Kater saß mitten auf der Eisfläche, den Blick weit in die Ferne gerichtet.
„Sturmpfote!“ Echopfote löste sich aus dem Schatten der Bäume und humpelte auf ihren Freund zu.
Sofort sprang der Graue auf die Pfoten und stürmte auf sie zu, um sie Nase an Nase zu begrüßen. „Ich habe mir schon Sorgen gemacht“, schnurrte er sanft. „Wurdest du aufgehalten?“
Kurz überlegte Echopfote, ob sie ihm von der kurzen Nachtwache und ihrer knappen Flucht über den Schmutzplatz erzählen sollte. Doch plötzlich wollte sie das gar nicht mehr; sie wollte nicht, dass er sich noch mehr Sorgen um sie machte.
Sie schnurrte zurück. „Keine Sorge“, miaute sie. „Ich habe bloß verschlafen.“
Erleichtert atmete Sturmpfote auf. „Dem SternenClan sei Dank.“ Dennoch blickte er sich hastig um. „Wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Brandstern hat die Patrouillen verdoppelt. Er fürchtet, Eschenstern könne zurückschlagen wollen.“
Echopfote nickte. „Rindenstern auch. Ich hoffe, niemand nimmt meine Fährte auf.“ Sie schwieg kurz. „Was … genau ist eigentlich letzte Nacht passiert? Warst du dabei?“
Sturmpfote schüttelte den Kopf. Echopfote bemerkte, wie sich seine kurzen Krallen in den gefrorenen Schnee bohrten. „Leider nein“, knurrte er. „Den Fischmäulern hätte ich zu gerne eine Lektion erteilt.“ Mit einem Mal wurden seine schönen, blauen Augen dunkel und in ihnen loderte ein ungewohntes Feuer auf. Ist das etwa … Hass?
Echopfote zuckte zurück. So wütend hatte sie Sturmpfote noch nie erlebt. Ob er auch so eine Abneigung gegen meinen Clan hegt?, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Nein, das kann nicht sein. Sonst würde er sich sicherlich nicht mit mir treffen.
Blattpfotes Worte schossen ihr wieder durch den Kopf. Ich wüsste zu gern, was wirklich zwischen dem BlattClan und dem SturmClan vorgefallen ist Da steckt mehr hinter, glaub mir.
„Sturmpfote?“, fragte Echopfote zögernd.
Sofort besänftigte sich die Glut in den Augen des Schülers und das alte Glänzen trat wieder hinein. Dennoch wollte das Misstrauen in Echopfote einfach nicht verschwinden.
„Warum habt ihr den BlattClan eigentlich angegriffen?“
Sturmpfotes Miene wurde ernst. „Brandstern hat eine Prophezeiung erhalten.“
Unwillkürlich versteifte sich Echopfote. Nun hatte jeder der drei Anführer eine Prophezeiung erhalten! Was sollte das nur bedeuten? Ob darin wohl auch von den Zweien aus Nachtflügels Prophezeiung die Rede war? Schließlich war die Prophezeiung des BlattClans eine ganz andere gewesen …
„Was besagt sie?“, hauchte Echopfote atemlos.
Doch Sturmpfote schüttelte den Kopf. Er senkte den Blick auf die Pfoten. „Brandstern … hat uns nicht erklärt, was in ihr vorkam.“
Er lügt. Hitze stieg in Echopfote auf. Sie legte die Ohren an. „Vertraust du mir etwa nicht?“
Sturmpfote blickte auf. „Natürlich vertraue ich dir.“
„Warum lügst du mich dann an?“, fauchte sie. „Weil ich eine SchneeClan-Katze bin? Ist es immer noch das?“
„Echopfote … So ist es nicht …“ Verlegen wandte er den Blick ab.
„Was dann?“ Enttäuschung schwappte in Echopfote auf. Warum vertraut er mir bloß nicht? Was habe ich falsch gemacht? Fühlt … er etwa nicht so für mich wie ich für ihn? Der Schmerz in ihrem Inneren war so heftig, als wäre ihr Herz gebrochen. Sie hatte sich so sehr auf dieses Wiedersehen gefreut …
Sturmpfote holte tief Luft. Dann sah er sie wieder an - sah ihr genau in die Augen. Und Echopfotes Ärger ertrank in dem blau, blau wie der See, blau wie der sternenübersäte Himmel über ihnen. Ihr Herz begann zu flattern, lächerlich schnell, wie ein gefangener Vogel in ihrer Brust. Doch da war auch ein neues Gefühl, das sich tief in ihr regte, wie ein wildes Tier, das aus dem langen Winterschlaf erwachte.
Sie wollte nicht mehr von ihm getrennt sein.
Sie wollte ihre Gefühle nicht länger geheim halten.
Vor niemandem. Auch nicht vor ihm.
Verlegen wandte Echopfote den Blick ab, ihr Fell prickelte vor Wärme. Beim SternenClan, was ist bloß mit mir los? Ich könnte Sturmpfote nie sagen, dass …
„Echopfote, bitte sie mich an.“ Sanft hob Sturmpfote ihr Kinn mit der Schwanzspitze an. Ein leichtes Kribbeln schoss durch ihren Bauch. „Ich lüge dich nicht an. Das würde ich nie tun.“
Echopfote schnaubte abfällig, doch der Laut blieb ihr in der Kehle stecken.
„Brandstern hat dem Clan nicht erklärt, worum es in der Prophezeiung ging“, miaute er mit fester Stimme. „Aber … Bussardpfote - meine Schwester - hat ein Gespräch von ihm und Regenwolke überhört.“
Echopfote wollte ihm so gerne glauben.
Sie wich zurück, zurück auf ihre Seite der Grenze. „Und?“ Ihre Stimme klang nicht so barsch, wie sie es beabsichtigt hatte. „Was hat sie überhört?“
Sturmpfote seufzte. „Echopfote, bitte glaub mir doch …“
Sie unterbrach ihn mit einem Schwanzschnippen. Der darauffolgende traurige Blick des Katers brach ihr beinahe das Herz. Was mache ich hier eigentlich?
Sturmpfote schloss die Augen. „Wir haben nicht viel von dem verstanden, was gesagt wurde. Nur irgendetwas von einem Schatten, der aus Richtung des BlattClan-Territoriums auf unseren Clan hereinbricht und den gesamten Wald verschlingt.“ Der junge Kater erschauderte. „Das ist alles was ich weiß - ich schwöre.“ Er blickte sie drängend an.
Plötzlich hatte Echopfote Mitleid mit ihm. Vielleicht sagt er doch die Wahrheit … Schließlich hatte er ihr jetzt von der Prophezeiung erzählt. Also vertraut er mir doch, oder?
Doch da war noch etwas. Alle drei Clans haben vollkommen unterschiedliche Prophezeiungen erhalten. Was hat das zu bedeuten?
„Aber ihr habt nicht alles verstanden? Das heißt, es wurde noch mehr gesagt?“
Sturmpfote winkte ab. „Nur ein paar unverständliche Satzfetzen. Irgendetwas mit Bäumen und Blättern …“
Blätter. Diese kamen bisher in allen Prophezeiungen vor! „Was ist mit Sonne und Mond?“, fragte Echopfote aufgeregt und trat einen Schritt weiter auf ihr Gegenüber zu. „Oder Gold und Silber?“
Sturmpfote schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste.“ Er zuckte mit den Ohren. „Wie kommst du darauf?“
Rindensterns Worte schossen Echopfote wieder durch den Kopf. Erzähl niemandem davon, klar? Niemandem. Nervös scharrte Echopfote im Schnee zu ihren Pfoten und suchte fieberhaft nach einer Erklärung.
Aber andererseits … Sie war so wütend gewesen, als Sturmpfote ihr nicht direkt von der Prophezeiung erzählt hatte. Hatte sie überhaupt das Recht darauf, ihn jetzt anzulügen? Das ist etwas anderes! … Nein. Ist es nicht.
„Rindenstern … Rindenstern hat auch eine Prophezeiung erhalten“, begann sie zögerlich. „Aber er hat niemandem davon erzählt und mich sogar gewarnt, es nicht weiterzusagen! Also bitte-“
Sturmpfote grinste schief. „Was denkst du von mir, Echopfote? Natürlich erzähle ich deine Geheimnisse nicht weiter.“ Sein Lächeln verschwand. „Vertraust du mir wirklich so wenig?“
Am liebsten wäre Echopfote im Boden versunken.
„He.“ Mit ein paar Schritten war Sturmpfote bei ihr und stupste sie sanft mit der Nase an. „Das war nicht böse gemeint, glaub mir. Ich will dich nicht verletzen.“
Ohne dass Echopfote dagegen etwas ausrichten konnte stieg ein glückliches Schnurren aus ihrer Kehle. Verdammt!
„Worum ging es in dieser Prophezeiung?“
„Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich sie auch nicht wirklich“, gab Echopfote ratlos zu. „Irgendetwas von einem Echo des Hasses und Blättern die im Sturm erbeben.“ Mit einem Mal sprudelten die Worte nur so aus Echopfote heraus. Es tat so gut, mit jemand anderem als Rindenstern über die Prophezeiung zu reden. Mit jemandem, der die Sätze noch nicht kannte. Jemanden, der noch keine vorgefertigte Meinung hatte. „Rindenstern denkt, mit dem Echo sei ich gemeint. Aber warum das Echo des Hasses? Was soll das bedeuten? Und was soll das mit mir zu tun haben? Hass?“ Schwer atmend blickte sie den SturmClan-Kater an. Bitte sag mir, dass alles in Ordnung ist! Dass ich in Ordnung bin!
Der Graue legte nachdenklich den Kopf schief. „Ist das der Grund, warum Rindenstern ausgerechnet dir von der Prophezeiung erzählt hat, während er sie allen anderen verschweigt?“
Echopfote nickte schnell. Sie fühlte sich jetzt schon, als hätte sie zu viel von sich preisgegeben. Das Echo des Hasses … Wie würde er wohl reagieren, wenn sie ihm von ihren Träumen erzählte?
„Das ist wirklich eine seltsame Prophezeiung“, gab Sturmpfote zu. „Nicht, dass ich besonders viel Erfahrung mit Prophezeiungen hätte. Wie war noch gleich der Teil mit den Blättern?“
„Die Blätter erbeben im Sturm.“ Plötzlich fiel Echopfote wieder ein, was Rindenstern gesagt hatte, als sie ihn nach Blattpfote gefragt hatte. „Rindenstern geht davon aus, dass mit den Blättern der BlattClan gemeint ist. Aber ich glaube nicht …“
„Die Blätter der BlattClan“, murmelte Sturmpfote geistesabwesend. „Dann wird mit dem Sturm sicherlich der SturmClan gemeint sein!“ Aufgeregt strahlte er Echopfote an. „Jetzt verstehe ich es!“
Ratlos blickte Echopfote zurück. „Wie? Ich verstehe gar nichts!“ Verzweifelt fuhr sie mit den Krallen in den Schnee.
Tröstend legte Sturmpfote ihr den Schweif um die Schultern. „Überleg mal. Die Blätter erbeben im Sturm hast du gesagt? Wenn es in dieser Prophezeiung wirklich um den SturmClan und den BlattClan geht, dann sind die Blätter erbebt, als wir den BlattClan angegriffen haben!“ Seine Augen funkelten begeistert.
„Du hast recht“, miaute Echopfote nachdenklich. „So muss es sein.“ Also hatte Rindenstern doch Recht behalten …
Und plötzlich war die ganze Prophezeiung wieder da, füllte Echopfotes Kopf wie ein nicht abreißender Gedankenstrom. „Wenn das Echo des Hasses durch den Wald hallt und die Blätter im Sturm erbeben, dann werden die Zwei kommen und die Sterne werden sich unter ihren Pfoten verneigen.
„Was?“ Sturmpfote wirkte verwirrt.
„Das ist es. Das ist die Prophezeiung. Wenn das Echo des Hasses durch den Wald hallt und die Blätter im Sturm erbeben, dann werden die Zwei kommen und die Sterne werden sich unter ihren Pfoten verneigen. Golden die Sonne, silbern der Mond.“
„Die Zwei werden kommen …“, wiederholte Sturmpfote, mehr zu sich selbst als zu Echopfote. „Zwei was? Zwei Katzen?“
„Würde ich vermuten.“ Echopfote war gar nicht erst auf die Idee gekommen, es könne sich dabei um etwas anderes als Katzen handeln.
Erregt begann Sturmpfote, auf und ab zu gehen. „Die Zwei werden also dann kommen, wenn das Echo des Hasses durch den Wald schallt und die Blätter im Sturm erbeben. Letzteres ist bereits eingetreten … aber was ist mit dem Echo gemeint?“
Echopfote zuckte bloß hilflos mit den Schultern. Sturmpfote schien förmlich in der Deutung der Prophezeiung aufzugehen … sie selbst war fast noch verwirrter als zuvor.
„Selbst wenn du das Echo wärst, wie solltest du ‚durch den Wald hallen‘? Da muss noch etwas anderes sein! Es ist auch seltsam, dass nur der SchneeClan diese Prophezeiung erhalten hat, obwohl sie ja für alle Clans wichtig zu sein scheint - oder verschweigen die anderen Anführer sie uns auch einfach?“
„Woher kannst du das so gut?“, fragte Echopfote schwach.
Aus seinen Gedanken gerissen schaute Sturmpfote auf. „Was?“
„Das Deuten von Prophezeiungen.“ Sie schnurrte matt. „Bist du ein Heiler oder so etwas?“
Sturmpfotes Miene verhärtete sich. Echopfote fiel wieder ein, was er ihr bei ihrer ersten Begegnung erzählt hatte. Ich habe nichts gegen Heiler. Unsere ist nur besonders unfähig.
Sie wollte sich bereits entschuldigen, als Sturmpfote langsam begann, zu sprechen: „Meine … Mutter hat mir früher einiges gezeigt.“
Echopfote spitzte die Ohren. Sturmpfote hatte noch nie von seinen Eltern erzählt. Sie öffnete den Mund, um weiter nachzufragen, doch dann sah sie den unendlichen Schmerz auf seinem Gesicht. Lautlos schloss sie das Maul wieder.
Vielleicht war sie nicht die einzige, die ihre Familie verloren hatte.
Verzweifelt versuchte Echopfote, die Stimmung wieder aufzuheitern. „Du bist jedenfalls sehr gut darin.“
Sturmpfotes Schnurrhaare zuckten. „Danke für das Kompliment.“
Er sah so verloren aus, mit hängenden Schultern inmitten dieser leeren, kalten Welt aus Schnee und Eis. Alles, was Echopfote tun wollte, war, sich an ihn zu schmiegen und ihm all die Traurigkeit, all die hilflose Wut vom Gesicht zu wischen. Wen interessierte es, dass sie aus unterschiedlichen Clans kamen? Das hier war echt - nie hatte sich etwas besser angefühlt, als gemeinsam mit Sturmpfote durch die Ebenen zu sausen, gemeinsam an ihrem geheimen Treffpunkt das Klettern und Jagen zu üben.
Gemeinsam.
Warum durften sie nicht einfach gemeinsam sein?
Echopfote trabte zu dem einsamen Schüler hinüber und leckte ihm aufmunternd übers Ohr.
Der Graue schnurrte. „Es wird spät“, wisperte er. Seine Stimme versank beinahe in den leisen Geräuschen der Nacht, dem Murmeln des Baches tief unter ihren Pfoten.
Echopfote nickte stumm. Er hatte Recht - die helle Mondscheibe über ihnen war schon weit über den Sternenhimmel gewandert. Sie musste an Rindenstern denken, der alleine vor dem Lagereingang Wache hielt. Was würde Grauschweif wohl von ihr denken, wenn er erfuhr, dass sie ihren Posten einfach verlassen hatte?
Sie löste sich von ihrem Freund. „Ich … muss gehen.“ Sie lächelte traurig, als sie sein enttäuschtes Gesicht sah. „Wenn jemand herausfindet, dass ich fort bin, werde ich das Lager nie mehr verlassen dürfen. Vor allem zu diesen Zeiten.“
Sturmpfote stand auf. „Du hast Recht. Niemand … darf von uns erfahren.“ Der Schmerz in seinen Augen, war genauso echt wie der, der ihr in die Brust fuhr, als der gefleckte Kater langsam den Hang auf der SturmClan-Seite des Grenzbaches hinauftrottete. Plötzlich fiel es ihr schwer, zu atmen. Es gab noch so viel, was sie ihm sagen musste.
Oben angekommen wandte Sturmpfote sich ein letztes Mal um. „Wir werden uns bald wiedersehen.“ Wieder glomm dieses warme Licht in seinen Augen, das Echopfote so liebte. Nur einen Herzschlag lang vergaß sie alles um sich herum: die eisige Kälte, den Schnee, der von den kahlen Bäumen auf sie hinabtröpfelte, die Grenze zwischen ihnen, die Patrouille, die sie jeden Moment entdecken könnte … Ein einziger Herzschlag.
„Bis dahin müssen wir weiter nachdenken. Irgendwie muss es einen Weg geben, wie wir hinter die Bedeutung der Prophezeiung kommen - sonst hätte der SternenClan sie uns nicht geschickt.“
Echopfote nickte. „Wir sehen uns“, hauchte sie, vor ihrem Maul bildete sich eine Wolke aus Frost.
Sturmpfote wollte gerade zwischen den dürren Baumstämmen des SturmClan-Territoriums verschwinden als Echopfote sich selbst rufen hörte: „Sturmpfote, ich …“
Überrascht blickte der Kater sich um. „Echopfote?“
„A-ach nichts.“ Echopfotes Fell sträubte sich vor Verlegenheit. Beinahe hätte sie all ihre Mauern fallen gelassen, das Unaussprechliche ausgesprochen.
Für einen Moment huschte ein Hauch von Enttäuschung über Sturmpfotes Gesicht. Und dann war der Moment vorbei und Sturmpfote fort.
Und sie wieder ganz allein.

26. Kapitel

DANN VERSUCHE JETZT BITTE, dein Gewicht auf die Pfote zu verlagern.“
Blattpfote rechnete mit einem stechenden Schmerz, als sie den verletzten Fuß belastete; doch stattdessen spürte sie nur ein schwaches Pochen. Auch das Gelenk konnte sie wieder vollkommen frei bewegen.
„Erstaunlich“, murmelte Sternlichtglanz neben ihr. „Du hast außergewöhnliche Selbstheilungskräfte. Ich hätte damit gerechnet, dich erst in einem halben Mond wieder zurück zum Training schicken zu können.“
Ein halber Mond. „Mir geht es gut“, beteuerte sie. „Ich spüre kaum noch etwas. Siehst du?“ Sie scharrte mit der Pfote, die sie bei der Großen Versammlung umgeknickt hatte, im gefrorenen Boden. „Vollkommen gesund.“
Sternlichtglanz grummelte etwas Unverständliches. Unsicher blickte Blattpfote die junge Heilerin an. Sie musste sie einfach gehen lassen! Schon dadurch, dass sie den gesamten gestrigen Tag im Krankenlager verbracht hatte, hatte sie viel zu viel von ihrem Training verpasst. Wenn das so weiterging würde Blattpfote niemals Kriegerin werden dürfen.
„Na gut, na gut“, lenkte Sternlichtglanz ein. „Du bist entlassen. Aber ich habe Eulenfeder bereits gesagt, dass sie dich nicht zu sehr beanspruchen soll - mit Verletzungen ist nicht zu spaßen.“
„Keine Sorge, ich passe schon auf.“ Blattpfote schnurrte erleichtert. „Kann ich dir sonst noch bei etwas helfen?“
Sternlichtglanz seufzte schwer. „Ich fürchte, du hilfst mir am meisten wenn du nicht im Weg stehst. Ich muss mich um Rankenschweif kümmern und es ist für den ganzen Clan besser, wenn du dich von ihm fernhältst. Es ist leicht, sich mit Grünem Husten anzustecken.“
Blattpfote nickte betroffen. Seit dem letzten Abend hatte sich Rankenschweifs Zustand zwar verbessert, aber es war immer noch ungewiss, wie lange er noch durchhalten würde. Selbst, wenn Rankenschweif es nie zugegeben hätte - der schwarze Kater war nicht mehr der Jüngste und hatte den Höhepunkt seiner Kräfte bereits überschritten.
„Und nun, husch, husch.“ Mit einem bestimmten Schwanzschnippen scheuchte Sternlichtglanz die Schülerin aus dem Krankenlager. „Geh schon, deine Mentorin wartet auf dich.“
Glücklich verabschiedete Blattpfote sich von der Älteren und huschte flink durch den Heilerbau hindurch zur Lichtung zurück. Es war knapp vor Sonnenhoch und die Schülerin musste blinzeln, als sie die dämmrige Höhle verließ. Selbst der kleinere Felsenkessel, in dem das Krankenlager sich befand, war ein wenig abgeschirmt vom Sonnenlicht gewesen; doch hier füllten die Sonnenstrahlen das gesamte Lager aus.
Für einige Herzschläge schloss Blattpfote die Augen und genoss die Wärme auf ihrem Gesicht. Es war der erste schöne Tag seit vielen und sie konnte beinahe spüren, wie das Sonnenlicht ihr die Eiseskälte aus dem dünnen Pelz zog. Die Blattleere war fast überstanden.
Als Blattpfote die Augen wieder öffnete, entdeckte sie die Jagdpatrouille, bestehend aus Eulenfeder, Halbohr und Tigerpfote, die in diesem Moment aus dem Farntunnel trat. Freudig sprang sie zu ihrer Mentorin hin, die eine magere Drossel auf den ansonsten fast leeren Frischbeutehaufen fallen ließ.
Augenblicklich schwand ihre gute Laune. „Habt ihr sonst nichts gefangen?“
„Wie schon?“, knurrte Tigerpfote, der diesmal keine Beute trug. „Halbohr hat alle Beute im gesamten Territorium verscheucht! Bei dem Krach würde ja sogar eine dumme Maus fliehen.“
„Hör auf, dich so respektlos deiner Mentorin gegenüber zu verhalten!“, fauchte Eulenfeder den jungen Kater an. „Und jetzt geh und reinige die Nester in der Kinderstube.“
„Du hast mir gar nichts zu sagen!“, empörte sich Tigerpfote.
Halbohr gab ihrem Schüler einen Klaps auf den Hinterkopf. „Nun geh schon!“, zischte sie. „Und bei dieser Aufgabe bleibt es, bist du lernst, dich zu benehmen!“
Missmutig vor sich hin grummelnd machte der Tigerkater sich auf den Weg, um Moos zu sammeln.
Eulenfeder leckte Halbohr fürsorglich über die Stirn. Blattpfote erinnerte sich daran, dass die vernarbte Kriegerin das einzige Junge aus ihrem ersten Wurf war. „Jeder hat mal einen schlechten Tag“, hörte sie ihre Mentorin murmeln. „Ruh dich ein wenig aus und komm wieder zu Kräften.“
Halbohr schüttelte ihre Mutter hartnäckig ab. „Mir geht es gut“, fuhr sie die Ältere an. „Ich brauche keine Sonderbehandlung - ich gehe auf die Jagd.“ Und mit diesen Worten stürmte sie in langen Sätzen aus dem Lager hinaus.
Kopfschüttelnd wandte Eulenfeder sich zu Blattpfote um. „Die Ärmste ist total durch den Wind seit es Rankenschweif wieder schlechter geht“, bemerkte sie mit einem leichten Zwinkern. „Aber es freut mich zu sehen, dass es dir wieder besser geht.“
„Mich auch!“ Blattpfote machte einen Satz in Richtung des Lagerausgangs. „Was machen wir heute? Kampfübungen? Patrouille?“
Mit einem amüsierten Schnurren schüttelte Eulenfeder den Kopf. „Sternlichtglanz hat mir erzählt, dass du dein Gelenk noch schonen musst. Du wirst dich heute um die Ältesten kümmern.“
Enttäuscht ließ Blattpfote den Schweif sinken. „Aber ich bin so weit“, jammerte sie. „Ich kann meine Pfote einwandfrei bewegen! Es tut gar nicht mehr weh.“
„Trotzdem“, miaute Eulenfeder streng. „Der Clan kann es sich nicht leisten, dass du deine Gesundheit so leichtfertig aufs Spiel setzt. Sternlichtglanz war sich sehr sicher, dass du es nicht übertreiben sollst.“
„Na gut.“ Blattpfote ließ die Schultern hängen. Warum müssen mich nur immer alle so bemuttern? Ich bin nicht weniger bereit, eine Kriegerin zu werden, als Echopfote! „Wo soll ich anfangen?“
„Honigherz sagt, dass eine Zecke Feuerauge Probleme bereitet; um die kannst du dich kümmern“, wies Eulenfeder sie zufrieden an. „Danach kannst du den beiden Frischbeute bringen.“
„Verstanden. „Blattpfote warf einen Blick zum Frischbeutehaufen. Hoffentlich würde noch genug da sein, um die beiden Ältesten einigermaßen zu sättigen …
Mit einem Schwanzschnippen entließ Eulenfeder ihre Schülerin und machte sich auf den Weg zu den Sonnensteinen an der Steilwand am anderen Ende des Lagers, auf denen Schneebart ausgestreckt lag und seinen hellen Pelz von Sonnenlicht wärmen ließ.
Blattpfote seufzte schwer. Lieber hätte sie gegen eine BlattClan-Patrouille gekämpft als Feuerauge nach Zecken untersucht. Die ehemalige Kriegerin bestand stets darauf, alle Arbeit selbst machen zu müssen und es dauerte jedes Mal Ewigkeiten, bis sie die Schüler überhaupt an sich heranließ. Vielleicht sollte ich Sternlichtglanz nach ein paar Mohnsamen für sie fragen, überlegte Blattpfote. Anderseits - die Heilerin hatte ohne sie schon genug zu tun.
Während sich Blattpfote auf den Weg in Richtung des Ältestenbaus machte bemerkte sie Echopfote, die sich gähnend aus dem Farngestrüpp schob, in dem die Schüler untergebracht waren. Sofort kamen ihr die Erinnerungen an den letzten Abend wieder in den Sinn. Ob sie etwas über den SturmClan herausgefunden hat? Blattpfote war sich noch immer nicht ganz sicher was sie davon halten sollte, dass ihre Schwester sich mit einem SturmClan-Kater traf. Aber solange zwischen den beiden Wurfgefährtinnen wieder Frieden war, war ihr das gleich.
Als Echopfote sie bemerkte, hellte sich ihr Gesicht auf und sie bewegte sich auf ihre Schwester zu. Blattpfote fiel auf, dass sie humpelte. Sofort wurde sie von Sorge ergriffen. Was ist letzte Nacht geschehen?
„Ich stehe unter Lagerarrest“, beschwerte sich Echopfote lautstark. „Und dafür kann ich noch nicht einmal etwas! Rindenstern hat mich geradezu dazu gezwungen, meinen Posten zu verlassen, aber Grauschweif, diese dumme Fellkugel, will davon natürlich nichts hören.“
Peinlich berührt blickte Blattpfote sich um. Nur wenige Mitglieder des Clans trauten sich, den Zweiten Anführer als „dumme Fellkugel“ zu beleidigen - schon gar nicht die jüngeren Katzen. Bis auf Echopfote.
„Was ist letzte Nacht passiert?“, flüsterte Blattpfote. „Warum humpelst du?“
Echopfote verzog das Gesicht. „Ich hab mir eine Kralle ausgerissen.“ Vorsichtig schob sie die verletzte Pfote nach vorne. Sorgfältig inspizierte Blattpfote die Verwundung. Echopfote hatte Recht - die Wunde sah allerdings nicht allzu schlimm aus.
„Du solltest damit zu Sternlichtglanz gehen.“
„Das kann ich nicht“, maulte Echopfote. „Sie wird Verdacht schöpfen - letzte Nacht bin ich mehr oder weniger in sie hineingerannt.“
„Du Mäusehirn.“ Blattpfote schüttelte den Kopf. „Ich hab doch gesagt, du sollst vorsichtig sein.“
„Ich war vorsichtig!“, empörte sich Echopfote viel zu laut. „Was kann ich denn dafür, wenn mir jede einzelne Katze dieses Clans unbedingt einen Stein in den Weg legen will?“ Kläglich zuckte sie mit den Ohren. „Ich dachte, du könntest mir vielleicht helfen. Du hast doch so ein großes Talent für das Heilen!“
Blattpfote holte tief Luft. „Aber ich bin keine Heilerschülerin.“ Sie schnippte ihrer Schwester mit dem Schwanz gegen die Nasenspitze. „Was ist mit Birkenpfote?“
„Sammelt mit Farnschweif Kräuter.“
Resigniert seufzte sie. Warum wollen mich alle bloß zu etwas machen, was ich nicht bin? Sternlichtglanz hat schon einen Schüler. „Na gut“, gab sie schließlich nach. „Aber nur dieses eine Mal!“
„Danke.“ Echopfote atmete sichtbar auf.
Hastig sah sich Blattpfote im Lager um. Wo würde eine spontane Behandlung am wenigsten Aufsehen erregen? „Geh am besten in den Ältestenbau - sag, du wärst wegen Feuerauges Zecke da.“
Echopfote legte angeekelt die Ohren an.
Entschuldigend zuckte Blattpfote mit den Schultern. „Ich muss mich sowieso noch um sie kümmern - so fällt hoffentlich niemandem auf, dass du verletzt bist.“
Echopfote nickte widerwillig. „Bis gleich.“
Nachdenklich sah Blattpfote ihrer Schwester dabei zu, wie sie quer über die Lichtung wanderte und dann in dem dornigen Gestrüpp verschwand, in dessen Mitte die Nester der Ältesten lagen. Jetzt, wo sie wusste was passiert war, viel ihr noch stärker auf, dass Echopfote ihre rechte Vorderpfote kaum belastete. Diese dumme Fellkugel.
Als Blattpfote in den Heilerbau zurückkehrte war Sternlichtglanz gerade dabei, ihre Kräutersammlung hektisch mit den Pfoten zu durchwühlen. Die Heilerin fluchte laut. „Ich hoffe, Birkenpfote findet mehr Katzenminze“, miaute sie besorgt. „Mein Vorrat ist so gut wie aufgebraucht.“ Erst jetzt wandte sie sich zu ihrer Besucherin um. „Wie kann ich dir helfen, Blattpfote?“
Angestrengt senkte Blattpfote den Blick auf die Kräuter zu Sternlichtglanz Pfoten. Es war ihr noch nie leicht gefallen, zu lügen, aber dieses Mal wollten die Worte kaum ihren Mund verlassen. Es fühlte sich wie ein Verrat an der freundlichen Kätzin an. Sternlichtglanz hatte sie immer besonders behandelt; ihr Vater war ein Wurfgefährte von Blattpfotes Mutter gewesen.
„Feuerauge hat eine Zecke“, miaute sie in möglichst sachlichem Ton. „Ich brauche Mäusegalle, um sie zu entfernen.“
Mit einem ausladenden Schwanzschnippen wies Sternlichtglanz zu den Nischen in der Höhlenwand, in denen sie ihre Heilmittel aufbewahrte. „Nimm dir, was du brauchst. Ich bin im Krankenlager falls du Hilfe brauchst.“ Mit diesen Worten verschwand die Heilerin zwischen den Felsen.
Schnuppernd bahnte Blattpfote sich ihren Weg durch den Kräutervorrat. Bald hatte sie gefunden, wonach sie suchte, und zog ein paar längst nicht mehr grüne Halme aus einer Wandvertiefung. Das musste reichen.
Schlechten Gewissens verließ Blattpfote den Heilerbau. Was, wenn Sternlichtglanz die Kräuter später noch dringend brauchen würde? Aber Echopfote braucht sie auch. Es ist das Richtige. Obwohl es sich sehr falsch anfühlte.
Möglichst unauffällig huschte Blattpfote über die Lichtung zum Ältestenbau hinüber und zwängte sich zwischen den kahlen Ästen hindurch ins Innere. Echopfote wartete bereits mit ungeduldig hin und her wedelndem Schwanz auf sie, während Honigherz ihre Enkelin mit einem amüsierten Kopfschütteln bedachte.
„Na endlich“, grummelte Feuerauge aus einer Ecke des Baus, als Blattpfote die Heilkräuter vor Echopfote niederlegte und begann, sie zu zerkauen. „Echopfote macht mich noch verrückt mit dem ganzen Schweifgewedele.“
Der silbernen Schülerin entfuhr ein Zischen, als Blattpfote die Paste auf ihre Pfote auftrug.
„Nicht bewegen“, mahnte Blattpfote. „In einem halben Mond sollte deine Kralle wieder nachgewachsen sein. Bis dahin schone die Pfote erst einmal. Und pass auf, dass sich die Wunde nicht entzündet.“
„Nicht, dass ich großartig etwas zu tun hätte“, grummelte Echopfote.
„Oh, mir fallen da aber einige Aufgaben ein, die du innerhalb der Lagergrenzen für uns erledigen kannst, Schätzchen“, schnurrte Honigherz. „Sie will mir einfach nicht erzählen, wie sie sich diese Verletzung zugezogen hat“, meinte sie an Blattpfote gewandt. „Ich wette ihr zwei habt wieder einmal etwas …“
„Honigherz“, stöhnte Feuerauge. „Nun lass den beiden doch ihren Spaß - solange sie noch Pfoten haben, auf denen sie herumlaufen können.“ Wehmütig betrachtete die dunkelrote Kätzin ihr verkrüppeltes Bein. Eigentlich war Feuerauge noch zu jung, um in den Ältestenbau zu ziehen, aber sie war nicht mehr dazu in der Lage, ihre Kriegeraufgaben zu erfüllen, und Honigherz genoss ihre Gesellschaft.
Die alte Königin mit dem langen, honigfarbenen Fell blinzelte Blattpfote schelmisch zu. „Wärst du so freundlich, Feuerauge ein Stück Frischbeute zu bringen, Liebes?“ Sie senkte die Stimme. „Sie wird launisch, wenn sie Hunger hat.“
„Das habe ich gehört!“, ertönte es aus der Ecke.
Blattpfote schnurrte. „Natürlich doch. Ich bringe dir auch etwas mit, Honigherz.“
Die Älteste winkte ab. „Lass gut sein, Blattpfote. Es gibt Katzen in diesem Clan, die es nötiger haben, bei Kräften zu bleiben, als ich.“
Blattpfote wollte schon protestieren, als Honigherz sie auch schon energisch aus dem Bau scheuchte. „Beeil dich, sonst ist es gleich zu spät!“ Ihre Augen funkelten schelmisch.
Auf dem Weg zum Frischbeutehaufen dachte Blattpfote über die Worte der ehemaligen Kriegerin nach. Honigherz war bereits alt, ohne genug Beute würde sie sehr schnell schwächer werden. Wollte sie sich etwa für ihren Clan opfern? Nicht, wenn ich etwas dagegen unternehmen kann! Blattpfote beschloss, ihrer Großmutter eine Extraportion mitzunehmen.
Das erwies sich jedoch als schwieriger als gedacht, als sie die Kuhle erreichte, in der normalerweise die Frischbeute gelagert hatte. Nun lag neben ihr jedoch nur der magere Vogel, den Eulenfeder gefangen hatte. Besorgt blickte zum Lagerausgang. Hoffentlich würden die anderen Patrouillen erfolgreicher sein. Vielleicht sollte sie trotz Eulenfeders Anweisungen auf die Jagd gehen, nachdem sie die Ältesten versorgt hatte …
Blattpfote hatte gerade die armselige Drossel vom Boden aufgehoben, als sie auch schon ein harter Schlag auf den Hinterkopf traf. In einem weiten Bogen flog das Beutestück zurück auf den Erdgrund.
Mit vor Ärger gesträubtem Fell fuhr Blattpfote herum. „Flammenfuß! Was sollte das denn?“
Der kräftige Krieger blickte ebenso wütend wie sie. „Das war mein Stück Frischbeute!“, knurrte er.
Zorn flammte in Blattpfote auf. „Das ist das letzte Stück! Es sollte für die Ältesten sein.“
„Ach ja? Wir haben seit Tagen nicht mehr richtig gegessen - kein Wunder, dass niemand die Kraft hat, etwas Vernünftiges zu fangen!“
Schützend stellte Blattpfote sich vor die Drossel, die mit verrenkten Flügeln im Sand lag. „Nein.“ Egal was Honigherz sagte - die Ältesten mussten vor den Kriegern mit Beute versorgt werden. So wollte es das Gesetz.
Mit einem wütenden Fauchen stürzte Flammenfuß sich auf Blattpfote. Erschrocken sprang die Schülerin rückwärts, doch der Krieger traf sie noch immer mit voller Wucht.
Verzweifelt wehrte Blattpfote sich, versuchte den schwereren Kater abzuschütteln, doch es wirkte nichts. Schon bald hatte der Ältere sie am gefrorenen Boden festgenagelt. Blattpfote jaulte auf, als sie einen nadelscharfen Schmerz an den Schultern verspürte. Er kämpft mit ausgefahrenen Krallen?
„Flammenfuß!“
Ihr Angreifer hielt inne.
„Was machst du da bloß? Ein Kampf um ein Stück Frischbeute?“
Blattpfote stimmte Mondlichtschweif lautlos zu; sie hätte die arme Drossel nur zu gern aufgegeben um bloß dieser Situation zu entkommen.
Knurrend stieg Flammenfuß von ihrem Rücken. Blattpfote zog sich ächzend wieder auf die Pfoten; aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass sich der ganze Clan um die beiden herum versammelt hatte, allen voran Mondlichtschweif, die nun entgeistert auf ihren Bruder einredete.
„Du kennst das Gesetz! Die Ältesten und Königinnen müssen vor uns versorgt werden!“
„Was interessiert mich das Gesetz.“ Flammenfuß dünner Schwanz peitschte hin und her. „Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn die Blattleere bald nicht endet, bringt sie uns noch allen den Tod!“ er wandte sich mit loderndem Blick zu Blattpfote um. „Geh mir bloß aus dem Weg!“
Eingeschüchtert kroch Blattpfote rückwärts. Ihr Kopf und ihr Rücken schmerzten pochend von dem unerwarteten Angriff. Warum hat er das getan? Ging es wirklich nur um die Frischbeute? Erschöpft ließ sie sich zurück auf den Boden sinken.
„Blattpfote!“ Echopfote kam auf ihre Schwester zu gerannt, an ihrer Seite Sternlichtglanz und Goldfell. „Geht es dir gut? Bist du verletzt?“
Sternlichtglanz untersuchte derweil ihren Rücken. „Nur ein paar Kratzer, nichts, was ich im Auge behalten müsste.“ Ihr eisiger Blick traf auf Flammenfuß. „Und was dich betrifft: wie kannst du nur ein eigenes Clanmitglied angreifen, und das in solch schweren Zeiten? Sei froh, dass die Wunden nur oberflächlich ist.“ Sie ging einige drohende Schritte auf den Roten zu. „Die nächsten drei Tage wirst du damit verbringen, mit mir Kräuter zu sortieren und über das nachzudenken, was du beinahe angerichtet hättest!“
Flammenfuß fletschte die Zähne, besann sich dann jedoch eines Besseren und stapfte wütend auf Mondlichtschweif zu, die im beruhigend zusprach.
„Was für ein fuchsherziger Idiot“, hörte Blattpfote Goldfell hinter sich zischen. Die junge Kriegerin warf Blattpfotes Angreifer einen verächtlichen Blick zu, ehe sie sich abwandte.
Langsam kehrte das Treiben im Lager wieder zur Normalität zurück. Rindensterns Patrouille war von der SturmClan-Grenze zurückgekehrt, der Anführer und sein Stellvertreter unterhielten sich nun neben dem Großen Baumstumpf mit gesenkten Stimmen mit Flammenfuß.
Unschlüssig betrachtete Blattpfote die Drossel, die in der Mitte der Lichtung auf dem Boden lag. Der von den kämpfenden Katzen aufgewirbelte Staub hatte sich in ihrem Gefieder festgesetzt; Blattpfote bezweifelte, dass sie noch besonders genießbar war.
Gerade als sie sich dazu durchgerungen hatte, sie zu entsorge, hörte sie ein lautes Rascheln aus dem Farntunnel. Blattpfote rümpfte die Nase. Mit einem Mal lag der penetrante Geruch von Blut in der Luft.
Heftig keuchend platzte Birkenherz aus dem Tunnel heraus. Blattpfote zuckte zusammen, als sie die tiefe Wunde an seiner Schulter bemerkte, aus der unaufhörlich Blut quoll. Der cremefarbene Kater hatte vor dem Lagereingang Wache gehalten. Großer SternenClan, was ist geschehen?
Es dauerte einige Augenblicke, bis der Krieger wieder zu Atem gekommen war. Dann rief er mit bebender Stimme: „Der BlattClan! Er greift das Lager an!“
Mit diesen Worten brach er vor dem versammelten Clan zusammen.

27. Kapitel

SCHOCKIERT STARRTE ECHOPFOTE den Kater an, der bewusstlos vor dem Lagereingang lag. Einen Herzschlag lang herrschte vollkommene Stille im Lager, fassungslose Stille.
Sofort ergriff Rindenstern das Kommando: „Schneebart, Flammenfuß! Bewacht den Lagereingang von außen; Lichtschweif müsste dort noch sein, unterstützt sie.“
Flammenfuß nahm den Befehl mit einem knappen Nicken entgegen und schlüpfte blitzschnell aus dem Lager.
Schneebart, der die Sonnensteine inzwischen verlassen hatte, zögerte. „Rindenstern, was ist mit meinen Jungen? Ich-“
„Keine Widerworte. Raus!“
Folgsam neigte der Weiße den Kopf.
„Blattpfote, hilf Sternlichtglanz, Birkenherz ins Krankenlager zu bringen.“
Beide Kätzinnen kauerten bereits neben dem Verletzen auf dem Boden und hievten den muskulösen Kater nun auf ihre Schultern.
Mit einem einzigen Satz sprang Rindenstern auf den Großen Baumstumpf hinauf. „Macht euch auf einen Überfall bereit“, miaute er an seinen ganzen Clan gerichtet. „Sichert die Kinderstube und den Ältestenbau. Der BlattClan plant, uns zu vernichten - sie werden keine Gnade walten lassen.“
Schnell verteilten die Clankatzen sich im Lager. Echopfote stand einige Augenblicke lang reglos da, ihr Pelz begann vor Anspannung zu kribbeln. Wie kann der BlattClan es nur wagen, in unser Territorium einzudringen! Die werden was erleben, wenn ich erst einen von ihnen in die Pfoten bekomme …
Gerade wollte Echopfote Goldfell zur Kinderstube folgen, als sie ihren Namen rufen hörte. Rindenstern kam schnellen Schrittes auf die Schülerin zu. „Mondfeuers Patrouille ist noch immer an der SturmClan-Grenze“, miaute er eindringlich. „Du musst sie holen, dann können sie die BlattClan-Katzen aus dem Hinterhalt angreifen.“
Echopfote nickte aufgeregt. Ihr Anführer übertrug ihr solch eine wichtige Aufgabe!
„Beeil dich.“ Rindenstern schnippte mit dem Schwanz gegen ihre Flanke. „Schneebart und Flammenfuß werden dir Rückendeckung geben, bis du den BlattClan abgehängt hast.“
Echopfote rannte quer durch Lager auf den Farntunnel zu. Ihre Gedanken rasten. Ich hoffe, alles geht gut … Ich darf Rindenstern nicht enttäuschen. Sie duckte den Kopf, als ein Wedel sie im Gesicht traf. Noch viel mehr - es geht um das Überleben meines Clans!
Mit jedem weiteren Schritt durch die Felsspalte wurde der Kampflärm lauter. Schreie tönten an Echopfotes Ohren, Kratzen, Keuchen, Heulen … Die Geräusche schienen von überall zu kommen.
Echopfote sprang aus dem Farntunnel hinaus direkt auf ein Schlachtfeld. Schneebart und Flammenfuß kämpften Schulter an Schulter gegen ein Meer aus Feinden, der ganze Wald schien aus Angreifern gemacht. Neben ihnen rangen Halbohr und Tigerpfote mit den Gegnern, hinter ihnen lag Lichtschweif, das sonst so schöne weiße Fell rot vor Blut. Noch hielten die Verteidiger stand, doch sie wurden immer weiter zurückgedrängt.
So viele BlattClan-Katzen … Wie sollten sie das Lager gegen eine solche Menge an Feinden verteidigen?
Schnell hatte Echopfote sich wieder gefangen. „Gebt mir Deckung!“, schrie sie. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie Schneebart sich überrascht zu ihr umblickte, als sie tief Luft holte und sich in das Meer aus Klauen und Zähnen stürzte.
Echopfote biss, kratzte, schlug sich ihren Weg bis zum Waldrand durch. Sie spürte, wie nadelscharfe Krallen ihr die Flanke aufrissen und stieß fest mit den Hinterläufen in die Richtung, in der sie den Übeltäter vermutete. Sofort war ein neuer Krieger zur Stelle.
Es waren einfach zu viele.
Ein gefleckter Kater - Echopfote glaubte, in ihm Nachtherz zu erkennen - warf sich auf ihren Rücken, nagelte sie am Boden fest. Alle Luft wich aus Echopfotes Körper. Sie spürte den Atem des feindlichen Kriegers in ihrem Nacken, als er zum Biss ansetzte; Panik wallte in Echopfote auf.
SternenClan, hilf mir!
Mit einem Ruck wurde das Gewicht von ihr gerissen. Und plötzlich war Echopfote frei, sie hatte den Rand der Katzenmenge erreicht.
„Renn!“, brüllte Flammenfuß hinter ihr und riss einem wütenden BlattClan-Kater die Nase auf.
Und Echopfote rannte. Schnee wirbelte um sie herum auf, mehrmals glitt sie auf der weichen Oberfläche aus, rappelte sich wieder auf, sprintete weiter. Ihre verletzte Pfote begann beinahe unerträglich zu schmerzen, aber Echopfote biss die Zähne zusammen.
Sie gab alles. Der Wald flog in einem einzelnen Wirbel aus grau und braun an ihr vorbei, Baumstämme und Schneeverwehungen tauchten wie aus dem Nichts vor ihr auf.
Hinter sich hörte Echopfote ein Hecheln. Eine BlattClan-Katze hatte die Verfolgung aufgenommen.
Echopfote war viel zu konzentriert darauf, den richtigen Weg zur SturmClan-Grenze zu finden, als dass sie sich darum hätte Sorgen machen können. Schneller! Gib alles! Du musst schneller als er sein!
Das Keuchen rückte in weite Ferne; alles, was Echopfote hörte, war das schnelle Trommeln ihrer Pfoten im tiefen Schnee.
Schneller. Schneller!
Plötzlich stieß Echopfote mit etwas weichem Braunen zusammen; der Aufprall raubte ihr alle Atemluft. Eine schrittweit rollte sie über den Boden, bis sie endlich liegen blieb.
„Großer SternenClan, Echopfote! Was machst du denn hier?“ Es war Haselschweif.
Erleichtert zog Echopfote die kalte Luft in ihre Lungen. Atmen, Echopfote, atmen!
Hinter Haselschweif war der Rest der Patrouille aufgetaucht. Federflug, die ein kleines Eichhörnchen im Maul trug, war mit ihrem hellen Pelz im Schnee kaum zu erkennen.
Ampferpfote musterte Echopfote von oben bis unten. „Du bist verletzt“, stellte er fest, Sorge lag in seiner Stimme. „Was ist passiert?“
„Der BlattClan greift an!“, keuchte sie schwer. „Wir müssen uns beeilen!“
Augenblicklich setzte Mondfeuer sich an die Spitze seiner Patrouille, seine Miene eisern. „Schnell!“
Ohne auf eine Antwort seiner Gefährten zu warten preschte der Graue los. Blitzschnell stürmten Federflug und Haselschweif dem SchneeClan-Krieger hinterher.
Echopfote schloss die Augen, helle Lichtblitze zuckten hinter den geschlossenen Lidern hin und her. Keuchend rang sie um Atem.
„Alles in Ordnung bei dir?“ Ampferpfote. Was tat er noch hier? Er sollte der Patrouille folgen und den SchneeClan verteidigen!
Entschlossen öffnete Echopfote die Augen. Ampferpfotes Gesicht vor ihr wurde langsam wieder klarer. „Los!“, jaulte sie. „Wir müssen unseren Clan retten!“
Wortlos rannten die beiden Schüler los, Seite an Seite in den Wald hinein. Echopfotes Brustkorb begann, mit jedem Sprung mehr zu schmerzen. Halte durch. Weiter, weiter! Sie beschleunigte ihre Schritte, überholte ihren Baugefährten.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden Federflug erreichten, die sich kreischend mit einer rot gemusterten BlattClan-Kätzin im Schnee wälzte. Federflug schien klar die Oberhand zu haben; schon bald hatte sie ihre Kontrahentin niedergedrückt und bearbeitete ihren Rücken mit scharfen Krallen.
„Weiter!“, schrie sie, als Echopfote und Ampferpfote ihre Schritte verlangsamten. „Ich komme schon alleine klar.“
Echopfote zögerte kurz, doch Ampferpfote trieb sie voran, weiter, immer weiter. Durch den verschneiten Wald, immer den durchdringenden Gestank nach Krieg, Blut und Tod nach.
Als sie das Schlachtfeld erreichten, blieb Echopfote wie angewurzelt stehen.
Flammenfuß und Halbohr, die besten Kämpfer des Clans, hielten noch immer tapfer die Stellung, obwohl sie bereits auf zahlreichen Wunden bluteten. Selbst der kleine Tigerpfote stand noch und kämpfte, obwohl seine Augen einen glasigen Schimmer angenommen hatten. Unweit des Kampfes kauerte Birkenpfote zwischen den Bäumen, das Maul voll Kräuter, während seine Mutter Farnschweif ihn mit Zähnen und Klauen verteidigte.
Schneebart war neben Lichtschweif in der Felsspalte, durch die die SchneeClan-Katzen ihr Lager betraten, zusammengebrochen, die Augen halb geöffnet; er blockierte den Weg für die BlattClan-Katzen.
Diese hatten jedoch noch eine andere Möglichkeit gefunden, in das fremde Lager zu gelangen. An den lang herabbaumelnden Wurzeln der gewaltigen alten Eiche, die oben auf der Felswand stand und ihre kahlen Äste schützend über dem Lager ausbreitete, hangelten sich Katzen hoch. Schnell hatten sie das obere Ende erreicht und waren über den Rand verschwunden.
Direkt ins SchneeClan-Lager.
„Haltet sie auf!“, brüllte Mondfeuer und schüttelte einen graubraunen Kater ab, der sich in seinem Nackenfell verbissen hatte und sofort wieder angriff. Unweit von ihm kämpfte Haselschweif mit Regenlied, der Zweiten Anführerin des BlattClans.
Echopfote und Ampferpfote wechselten einen flüchtigen Blick, dann preschte der rote Kater an ihr vorbei zur Felsspalte, wo Eschenstern gerade den halb bewusstlosen Schneebart zur Seite geschleudert hatte und sich jetzt durch den Farntunnel ins Lagerinnere drängte. Echopfote wollte ihm gerade folgen, als ein langer, brauner Kater ihr in den Weg sprang.
Sie erkannte ihn kaum wieder, dabei war es erst einen Mond her, dass sie das letzte Mal miteinander gekämpft hatten. Er war größer geworden; die Muskeln zeichneten sich nun deutlich unter seinem vom Blut verklebten Pelz ab. Und in Hirschsprungs grünen Augen loderte ein solcher Hass, wie Echopfote ihn noch nie gesehen hatte. Er verzog das Maul zu einem grausamen Lächeln.
„Sieh an, was haben wir denn da“, miaute der Kater mir vor Zorn rauer Stimme. „Hat sich das kleine Kätzchen wieder einmal mit den falschen Gegnern angelegt?“
Normalerweise hätten solche Worte Echopfote wütend gemacht, doch da lag etwas in Hirschsprungs Blick, was ihr Angst einjagte. Erst jetzt wurde ihr klar, dass dieser unendliche Hass für sie bestimmt war, nur für sie.
Echopfote rief sich Laubsterns Kampflektionen wieder ins Gedächtnis. Halte deine Augen offen. Nutze deine Umgebung. Sei schneller als dein Gegner. Nutze seine Schwächen gegen ihn aus.
Ziele auf die Kehle. Echopfote stockte. Sie war sich sicher, diesen Tipp noch nie zuvor erhalten zu haben, aber nun fühlte es sich an, als hätte Laubstern ihn ihr unzählige Male eingeprägt.
Echopfote lauschte tief in ihr Inneres hinein. Laubstern? Bist du da? Warst du das? Sie erhielt keine Antwort.
Erneut begann Hirschsprung zu sprechen, diesmal leiser, mehr zu sich selbst als zu Echopfote. „Besser, ich nehme endlich Rache. Für alles.“ Als er aufblickte loderte kalte Mordlust.
Echopfotes Fell sträubte sich unwillkürlich. Sie trat einen Schritt zurück und duckte sich in Erwartung des Angriffs.
Hirschsprung bleckte zornig die Zähne und stürzte sich auf Echopfote. Obwohl sie mit der Attacke gerechnet hatte, war sie aufgrund ihres schmerzenden Fußes zu langsam; der feindliche Krieger prallte mit voller Wucht in ihre Seite und riss sie mit sich zu Boden. Echopfote blieb die Luft weg, als der massigere Kater sie unter sich begrub, ein Kampfschrei blieb ihr in der Kehle stecken.
Hirschsprung grub die Krallen in ihre Flanke, Echopfote spürte, wie ihre Haut aufriss. Sie grub die Zähne in das Hinterbein des Angreifers, doch dieser schien das in seiner Rage kaum zu bemerken. Verzweifelt trat Echopfote mit aller Kraft zu und endlich gelang es ihr, den Braunen aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Blitzschnell war sie wieder auf den Pfoten, ihr Herzschlag pumpte durch ihre Glieder. Langsam verschwand ihr Blickfeld unter einem roten Schleier. Die Bewegungen der Kämpfenden um sie herum schienen sich zu verlangsamen, beinahe still zu stehen.
Es gab nur noch Hirschsprung und sie.
Der rötliche Kater setzte zum Sprung an, segelte durch die Luft auf sie zu. Sie konnte genau die empfindlichen Stellen seines Körpers erkennen: die Kehle, den Bauch, die Innenseiten der Beine …
Geschickt wich Echopfote der Attacke aus und rollte zur Seite, sodass Hirschsprungs Pfoten ins Leere griffen. Sofort ging sie zum Gegenangriff über, warf sich auf seinen Rücken, biss zu, hüpfte wieder außer Reichweite der gefährlichen Zähne und Krallen. Biss wieder zu.
Hirschsprung schrie vor Wut auf. Seine Bewegungen wurden träger, unkontrollierter. Siegessicher setzte Echopfote zum finalen Schlag an, zielte auf die ungeschützte Kehle.
Halt.
Stopp.
Was tust du da?
Im letzten Moment änderte Echopfote die Richtung ihres Zuges und krachte seitlich gegen den Kopf des anderen. Der Stoß warf sie beide um, ineinander verhakt kugelten sie über den aufgewühlten Boden, bis sie schließlich in einer Schneeverwehung stecken blieben.
Fassungslos blieb Echopfote liegen. Sie hätte beinahe jemanden umgebracht. Wenn sie sich nicht im letzten Moment unter Kontrolle gebracht hätte wäre Hirschsprung jetzt …
Hirschsprungs Kopf stieß vor und er biss zu; im letzten Moment konnte Echopfote ihren Hals zur Seite reißen, sodass er statt ihrer Kehle nur ihren Nacken traf. Ein unbegreiflicher Schmerz fuhr durch ihren gesamten Rücken. Echopfote schrie.
Auf einmal ließ der Druck nach, Hirschsprung wurde von ihr gerissen. Jemand stieß sie in die Seite, half ihr, aufzustehen. „Echopfote, lauf!“
Echopfote kannte diese Stimme, aber in ihrem Sichtfeld tanzten so viele schwarze Punkte, dass sie nicht erkennen konnte, zu wem sie gehörte.
Erneut wurde sie in die Seite gestoßen. „Nun mach schon!“
Langsam klärte sich ihr Blick wieder. Endlich erkannte sie den roten Kater neben sich wieder.
„Echopfote, du musst fliehen, ich-“
„Pass auf!“, schrie Echopfote, aber es war bereits zu spät. Hirschsprung hatte sich aufgerappelt und ließ nun seine Pfote mit tödlicher Präzision auf Ampferpfotes Kopf niedersausen.
Der Schüler brach zusammen.
Echopfote hörte ihren eigenen Schrei in ihren Ohren gellen.
Wie gelähmt starrte sie den reglosen Kater an, der mit verdrehten Gliedern in dem Schneehügel liegen geblieben war. Er kann nicht tot sein … Das … kann einfach nicht sein!
Nun wandte sich Hirschsprung mit keuchendem Atem zu ihr um. Seine Augen blitzten dunkel, die Lust zu Morden stand in ihnen.
Panik überrollte Echopfote. Ihr war es plötzlich, als würde sie Ampferpfotes Stimme in ihren Gedanken nachhallen hören. Echopfote, lauf!
Und Echopfote lief, drehte sich um und rannte entlang der Felswand in den Wald hinein, fort vom Schlachtfeld, fort von der Mordlust in Hirschsprungs Blick, fort von dem Körper im blutigen Schnee. Einfach nur fort.
Während sie rannte merkte Echopfote, wie ihr heiße Tränen übers Gesicht liefen. Ampferpfote. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Warum hatte er sich für sie geopfert?
Echopfote hörte kaum, wie Hirschsprung hinter ihr die Verfolgung aufnahm und langsam aufholte. Sie spürte kaum den eisigen Schnee unter ihren Ballen, spürte kaum den Schmerz, der ihren Körper bei jedem Schritt durchfuhr.
Eigentlich spürte sie gar nichts mehr.
Vor sich entdeckte Echopfote den abgebröckelten Steilhang, der auf das Plateau hinaufführte. Plötzlich fühlte es sich richtig an, dorthin zu gehen; es war der Ort, an dem Nachtschweif gestorben, und nun, da Ampferpfote …
Er darf einfach nicht tot sein!
Wie in Trance kletterte Echopfote die schneebedeckte Wand hinauf, rutschte ab, glitt aus. Es war ihr egal. Sollte sie ruhig stürzen.
Oben auf dem Plateau war der Wind schneidend und schien die ganze Kälte der Blattleere in ihren Pelz zu tragen. Es war seltsam, wie ruhig es hier war; fast, als hätte sie eine andere Welt betreten, in der der tobende Kampf nur wenige Schritte neben und einige Katzenlängen unter ihr nicht existierte.
Echopfote schauderte; es war, als hätte die Brise auch durch ihren Kopf gefahren und hätte all ihre Verwirrung weggeblasen. Endlich konnte sie wieder einen klaren Gedanken fassen.
Was mache ich hier? Mein Clan braucht mich!
Sie wandte sich um und erblickte Hirschsprung, der einige Katzenlängen von ihr entfernt stand und sie aus giftigen Augen anstarrte.
Einige Augenblicke standen die beiden einfach nur so da und blickten einander an. Der Kater und die Kätzin.
Dann begann Hirschsprung zu sprechen: „Ich hatte gedacht, wir wären Freunde. Wir hätten Freunde sein können.“ In seinen Worten schwang eine so tiefgründige Trauer mit, dass sie Echopfote fast von den Pfoten zu werfen schien. Verwirrt krallte sie sich an den kalten, glatten Fels. Worüber redet er?
„Ich dachte, ich hätte endlich jemanden gefunden, der mich versteht.“ Hirschsprungs Ausdruck verhärtete, seine Augen wurden wieder kalt. „Aber dann hast du mich verraten.“ Jetzt bebte seine Stimme vor Zorn, nicht vor unterdrückten Gefühlen. „Du hast mich ignoriert, mich einfach angegriffen, obwohl ich dich nie verletzten wollte!“ Er schrie die Worte fast, ihr Echo hallte in die Stille auf der Ebene hinaus.
Echopfote war noch immer nicht dazu in der Lage, sich zu bewegen, geschweige denn zu antworten. Immer wieder sah sie vor ihrem inneren Auge Hirschsprungs mit Krallen besetzte Pfote auf Ampferpfotes Kopf niedersausen.
Hirschsprung neigte den Kopf.
Der weiße Punkt, direkt über der Tatze, die Ampferpfotes Leben beendet hatte, brannte sich in Echopfotes Gedanken.
Sie fletschte die Zähne. „Du hast meinen Freund getötet.“
„Dafür wirst du bezahlen!“ Sie riefen es beide gleichzeitig, fast, als wären sie eine Katze, nicht zwei.
Echopfote duckte sich, ließ ihren Blick über ihren Widersacher schweifen. Ihr Blick blieb an seiner Kehle hängen, wo das Fell von winzigen, weißen Sprenkeln übersäht war. Sie würde Hirschsprung töten. Sie würde ihn töten! Nie hatte sie etwas mehr gewollt.
Kreischend stürzte sich die Kätzin auf den Braunen.
Der Kater werte sich wütend und schleuderte seine Gegnerin scheinbar mühelos von sich. Echopfote landete auf drei Pfoten, erneut schoss ein plötzlicher Schmerz schoss durch die Verwundung an ihrer vierten. Anscheinend war die Wunde aufgerissen, ein feines Rinnsal Blut tropfte heraus.
Egal - weiter, weiter!
Wieder sprang Echopfote auf Hirschsprungs Rücken, grub ihre verbliebenen Krallen in seinen dicken, rötlich braunen Pelz. Der Kater schnappte nach ihrer Kehle, aber Echopfote wich seinen scharfen Zähnen geschickt aus. Sie wollte zurückspringen, aber ihre Klauen hingen in Hirschsprungs Fell fest; sie verlor das Gleichgewicht und riss den Kater mit sich von den Pfoten. So ineinander verkeilt rollten die beiden über das Plateau.
Plötzlich senkte sich die Ebene vor ihnen ab und mit erschrockenen Schreien rollten die zwei Katzen hinab, direkt auf die schwarze, gähnende Spalte im Fels zu.
Echopfote versuchte verzweifelt, sich von Hirschsprung zu lösen, aber der Braune packte sie fest am Nackenfell, sodass sie sich kaum bewegen konnte.
Was macht er denn da? „Lass los, Hirschsprung! Wir werden fallen!“
„Wenn ich sterben muss, dann nicht alleine!“, nuschelte der Krieger durch ein Maul ihres Fells hindurch.
Ganz sicher nicht! In einer letzten Anstrengung grub Echopfote ihre Krallen tiefer in Hirschsprungs Haut, in seinen weichen Bauch. Vor Schmerz jaulte der Braune auf und Echopfotes Nackenfell entglitt seinen Zähnen. Der Kätzin gelang es, ihn von sich zu stoßen. Sie schlitterte einige Schritt weit über den nassen Fels und kam keuchend direkt neben der Spalte zum Stehen.
Sofort stürzte sich Hirschsprung mit vor Hass lodernden Augen wieder auf sie. Echopfote wich zurück, aber der größere Kater prallte seitlich gegen sie. Mit einem Aufschrei verlor sie das Gleichgewicht und fiel.
Und fiel.
Immer weiter.
Beinahe so, als würde die Zeit stehen bleiben.
Echopfote bekam den Rand eines Felsvorsprungs zu fassen; ein Ruck ging durch ihren Körper, als ihr Fall abrupt gestoppt wurde. Ächzend versuchte Echopfote, ihren Körper nach oben zu ziehen, doch als sie abzurutschen drohte gab sie es auf. Dort hing sie nun schwankend an zwei Pfoten, unter ihr der gähnende Abgrund.
Ein Kratzen ertönte und wenige Schwanzlängen über ihr erschien Hirschsprungs breites Gesicht. Es verzog sich zu einer gehässigen Grimasse.
„Hirschsprung“, krächzte Echopfote. „Hilf mir!“
Der Kater bewegte sich nicht.
„Bitte, ich rutsche ab!“ Ein letztes Mal spannte Echopfote die Muskeln an, aber es nützte nichts; alleine würde sie hier nie hinauskommen.
Angst durchfuhr sie wie eine eisige Welle. Ich werde sterben. Ich werde sterben und niemand wird je erfahren, dass Hirschsprung mich hätte retten können! Dass er Ampferpfote …
Der Kater machte es sich auf dem Boden vor der Spalte gemütlich. „Du hast mich verraten. Du hast uns verraten. Dich rette ich nicht.“ Stattdessen verzog er das Maul zu einem Grinsen. „Niemand wird dich retten können.“
Er hatte Recht; sie war vollkommen hilflos.
Hilflos.
Echopfote nahm all ihre letzte Kraft zusammen und schrie: „Hilfe!“

28. Kapitel

DIE SCHREIE HALLTEN SO LAUT von den Wänden des Felsenkessels wider dass Blattpfote einige Herzschläge lang die Orientierung verlor. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, all die Schmerzenslaute um sie herum auszublenden.
Unmöglich.
Die BlattClan-Katzen schienen von überall zu kommen. Inzwischen tobte der Kampf innerhalb der Lagergrenzen genauso heftig wie vor dem Eingang; zu allen Seiten hörte Blattpfote Fauchen, Kreischen, Wimmern …
Ein heftiger Schmerz in ihrer Seite riss Blattpfote aus ihren Gedanken. Sie riss die Augen in dem Moment auf, in dem ihr Angreifer ihr auf den Rücken sprang und scharfe Krallen sich tief in ihre Haut bohrten.
Blattpfote schrie auf, als ihr unter der Last die Beine nachgaben. Der Geruch ihres Gegners stieg ihr in die Nase. Marderpfote. Ein Knurren entwich ihrer Kehle.
Mit einem wütenden Jaulen gelang es ihr, ihren Angreifer abzuwerfen. Sofort wirbelte die Schülerin herum und begab sich in Verteidigungsposition.
Innerhalb von wenigen Augenblicken war Marderpfote wieder auf den Pfoten und attackierte sie erneut. Mit einem Sprung wich Blattpfote dem braun-schwarzen Kater aus.
Dieser fauchte wütend. „Verdammt sollt ihr SchneeClan-Katzen sein! Aber unseren Clan werdet ihr nicht auslöschen!“ Mit blitzenden Krallen schlug er nach ihr, immer wilder, immer heftiger.
Blattpfote merkte, wie sie langsam zurückgedrängt wurde. Wenn ich doch nur so gut kämpfen könnte wie Echopfote … Nein. Ich habe andere Stärken.
„Aber das hat doch gar keiner vor, Marderpfote.“ Blattpfote blieb stehen, hoffte, der BlattClan-Schüler würde es ihr gleichtun. Sofort landete dieser einen Treffer auf ihrer Nase.
Mit vor Schmerzen verschleiertem Blick zog die Goldene sich weiter zurück. „Wenn ihr uns nicht angreift, werden wir auch euch nichts tun. Lasst uns einfach nur in Ruhe und verlasst unser Territorium!“ Blattpfote wagte kaum zu hoffen, dass Rindenstern ihre Ansichten teilte. Wenn dieser Kampf beendet war, würde er sicherlich direkt den Gegenschlag planen.
Falls dieser Kampf zu unseren Gunsten ausgeht. Falls es den SchneeClan danach überhaupt noch gibt. Die Erkenntnis war ebenso stechend wie Marderpfotes Krallen, die ihr erneut die Flanke aufrissen.
Dieser hatte das Gesicht zu einer furchteinflößenden Fratze verzogen. „Pah! Das würde doch nicht einmal ein Fisch glauben.“
Blattpfote zuckte zusammen, als sie die panische Angst in seinen Zügen erkannte. Großer SternenClan, was bewegt diese Katzen bloß dazu, uns so anzugreifen?
„Erst, wenn ihr Mäusefresser den See verlassen habt, kann wieder Frieden einkehren. Die Worte des SternenClans waren klar - und immerhin haben wir eine Heilerin, der man vertrauen kann!“
Blattpfote verkrampfte sich. Niemand beleidigt meine Freundin! Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ein lauter Ruf durch das Lager hallte.
„Hilfe!“
Blattpfote fuhr herum. Das war Echopfote! Sie ist in Schwierigkeiten! Aber wo ist sie? Verzweifelt suchte sie den Felsenkessel mit den Augen ab. Echopfote sollte vor dem Lagereingang kämpfen - aber der Schrei kam eindeutig aus der anderen Richtung …
Blattpfote bemerkte Marderpfote erst, als es bereits zu spät war. Der Kater bekam ihr Hinterbein zu fassen und biss zu. Der Schmerz war so heftig, dass er Blattpfote beinahe die Sinne raubte. Sie brach zusammen, ihr Blickfeld ertrank in Dunkelheit. Wage nahm sie wahr, wie Marderpfote über ihr die Pfote zum Schlag anhob. Sie kniff die Augen zusammen und machte sich auf den Hieb gefasst. SternenClan, rette mich!
Der Schlag kam nie. Stattdessen hörte sie ein erschrockenes Jaulen von Marderpfote, dann einen Schmerzenslaut.
Langsam öffnete Blattpfote die Augen wieder. Einige Schwanzlängen entfernt rang Marderpfote mit einer golden gescheckten Kätzin, die ihm klar überlegen war. Wie ein Wirbelwind schlug die geschmeidige Kämpferin auf den muskulösen Kater ein, immer wieder und wieder und wieder.
Der Schüler ergriff mit einem grimmigen Heulen die Flucht.
Nun wandte sich die Goldene zu Blattpfote um. „Blattpfote! Bist du in Ordnung?“
Ich muss Echopfote retten! Sie würde niemals um Hilfe schreien, wenn es ihr nicht vollkommen ernst wäre … Mühsam rappelte Blattpfote sich auf, beinahe wurde ihr wieder schwarz vor Augen. „Echopfote! Sie steckt in Schwierigkeiten! Ich … ich muss …“
Ihr verletztes Bein knickte weg. Sofort war Sternlichtglanz an ihrer Seite und stützte sie. „Ich bringe dich in meinen Bau. Das sieht nach einer ernsthaften Verletzung aus.“
„Aber-“
„Haselschweif ist bereits unterwegs. In deiner jetzigen Verfassung würdest du Echopfote niemals helfen können.“
Resigniert ließ Blattpfote sich von der Heilerin in die kleine Höhle führen, die von Grauschweif mit Zähnen und Klauen bewacht wurde. Blattpfote zuckte zusammen, als sie die klaffenden Wunden in seinem dicken Pelz entdeckte. „Ich muss weiterkämpfen! Ich muss dem Clan-“
„Nein, musst du nicht“, knurrte Sternlichtglanz. „Es würde keine drei Herzschläge dauern, bis du das Bewusstsein verlierst.“ Sie verschwand in dem Bereich der Höhle, in dem sie ihre Heilkräuter aufbewahrte.
Erschöpft lehnte Blattpfote sich gegen die Höhlenwand. Die Heilerin hatte Recht: erneut merkte sie, wie sie in die Bewusstlosigkeit abdriftete …
„Bleib wach, Blattpfote!“
Blattpfote atmete zischend ein, als Sternlichtglanz eine Paste auf ihrem zerbissenen Bein auftrug. Der scharfe Geruch der Kräuter stieg ihr in die Nase, aber Blattpfotes Kopf war zu benebelt vom Schmerz, um sie erkennen zu können.
„Hier.“ Ohne nachzudenken leckte Blattpfote auf, was die Heilerin ihr vor die Pfoten geschoben hatte. Als der Schmerz langsam nachzulassen begann erkannte sie, dass es Mohnsamen gewesen waren.
Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag und vorsichtig ließ sie sich an der Wand hinab und auf den Boden sinken.
Sternlichtglanz, die aus dem Kräuterlager auftauchte, schüttelte unzufrieden den Kopf. „Dort holst du dir noch den Tod. Komm, ich bringe dich ins Krankenlager.“
„Du musst … dich nicht … um mich kümmern.“ Wie anstrengend es plötzlich war, zu sprechen …
„Oh doch, das muss ich.“ Die Goldene zog Blattpfote auf die Pfoten und stützte sie auf ihrem Weg zu der kleinen Lichtung. Es war so mühsam, eine Pfote vor die andere zu setzen, und Blattpfote fühlte sich, als sei ihr Körper plötzlich dreimal so schwer. Erschöpft lehnte sie sich an Sternlichtglanz‘ Schulter und ließ sich von der Kätzin weiterziehen. „Danke.“
Blattpfote nahm kaum war, wie die Goldene mit den Schnurrhaaren zuckte, als sie sich in das erstaunlich weiche Moos in dem Nest, in dem sie die letzten paar Nächte verbracht hatte, sinken ließ. Schlafen, einfach nur schlafen …
„Nichts zu danken. Das ist schließlich meine Aufgabe.“
Abrupt war Blattpfote wieder wach. Ja, Sternlichtglanz‘ Aufgabe war es zu heilen … wie kam es dann, dass sie es geschafft hatte, Marderpfote so mühelos zu besiegen?
Blattpfote betrachtete die zierliche Kätzin. Während sich unter dem Fell eines jeden Kriegers die Muskeln abzeichneten, stachen bei der Heilerin bloß die Knochen von der langen Blattleere heraus. Wie hatte es ihr bloß gelingen können, einen so starken Kater besiegen zu können?
Sternlichtglanz wollte sich gerade abwenden, als, beinahe ohne dass sie es merkte, die Frage aus Blattpfote herausrutschte: „Wo hast du gelernt, so gut zu kämpfen?“
Die Goldene erstarrte in der Bewegung. Blattpfote kniff die Augen zusammen. Ich vorlautes Mäusehirn! So etwas geht mich überhaupt nichts an …
Als Sternlichtglanz sich ihr zuwandte, glänzte tiefer Schmerz in ihren Augen. Erschrocken zuckte Blattpfote zurück. Großer SternenClan, warum habe ich mich nicht einfach zurückhalten können? Ich wollte sie doch nicht verletzen!
Sternlichtglanz senkte den Blick. „Ich hatte nicht immer eine Heilerin werden wollen, Blattpfote. Genauso wie du bin ich einmal eine ganz normale Schülerin gewesen.“
Blattpfote horchte auf.
Ihr Gegenüber schnurrte traurig und ließ sich vor ihr im Moos nieder. „Nein, ich hatte immer Kriegerin werden wollen, schon als Junges. Auf Patrouille durch den Wald preschen, meinen Clan im Kampf verteidigen, Abnahmen gemeinsam mit meiner Schwester meistern, selbst Junge großziehen …“ Sie stockte.
Verwirrt blinzelte. Es fiel ihr schwer zu denken, die Mohnsamen benebelten bereits ihren Verstand, aber irgendetwas von dem, was Sternlichtglanz gesagt hatte, ergab keinen Sinn. Schwester? Sternlichtglanz hat eine Schwester?
Sternlichtglanz fuhr fort: „Doch am Tag meiner Schülerzeremonie erhielt ich eine Prophezeiung: der SternenClan riet mir, Heilerschülerin zu werden - nur so könne ich meinem Clan mit all meinen Fähigkeiten dienen.“ Sie holte tief Luft. „Ich weigerte mich. Es gab nichts, was ich so sehr wollte, wie eine Kriegerin werden. Ich arbeitete harter als jeder andere Schüler, wurde besser und besser. Erneut warnten meine Ahnen mich, wenn ich mich der Prophezeiung nicht beugte, würde etwas Schreckliches passieren. Und erneut weigerte ich mich. Also nahmen sie mir meinen Vater und meine Schwester.“
Es war einer dieser Momente, in denen die Stille ohrenbetäubend war, der Schock jede Pore in Blattpfotes Körper ausfüllte, jedes Geräusch dämpfte. „Was?“ Es war kaum mehr als ein Krächzen.
„Sie starben keine zwei Monde später, direkt vor meinen Augen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte - nichts von dem, was ich als Kriegerin gelernt hatte, konnte gegen ihren Grünen Husten ankommen. In diesem Moment habe ich mir eines geschworen: nie wieder würde ich mich so hilflos fühlen. Nie wieder würde ich eine Katze sterben lassen.“
„A-aber … wie hat der SternenClan dir deine Familie …“ Blattpfotes Stimme brach.
Sternlichtglanz‘ Augen wurden wieder klar, ihre Stimme sachlich. Aller Schmerz war aus ihrem Blick verschwunden, stattdessen stand dort nur tiefes Verständnis. „Ich verstehe, warum sie sterben mussten. Warum ich Heilerin werden musste. Mein Mentor, Aschenfeuer, war bereits alt; zwei Blattwechsel nach meiner Ernennung zur Heilerschülerin starb er. Ohne mich wäre der Clan ohne Heiler gewesen - das hätte unser aller Ende bedeutet.“
Aber zwei Katzenleben zu beenden? Das kann nicht wahr sein. Das kann der SternenClan nicht getan haben! Sternlichtglanz muss sich irren - Grüner Husten bricht immer in der Blattleere aus …
„Was ich dir damit sagen möchte, Blattpfote …“ Sternlichtglanz lehnte sich vor, bis ihre Gesichter nur noch wenige Pfotenbreiten voneinander entfernt waren. „Wenn dir deine Ahnen etwas befehlen, wenn du eine Prophezeiung erfährst“, miaute die Heilerin eindringlich, „dann folge ihr. Was passieren wird, wird passieren - daran können wir nichts ändern. Alles, was wir tun können, ist das Schlimmste zu verhindern.“
Beunruhigt sah Blattpfote zu, wie die Goldene sich entfernte und durch ihren Bau hindurch zurück zum Schlachtfeld schlüpfte. Trotz der Mohnsamen rasten ihre Gedanken.
Warum erzählt sie mir das alles? Eine Prophezeiung, die ihre befiehlt, Heilerin zu werden … Will Sternlichtglanz etwa, dass ich auch Heilerin werde? Aber Sternlichtglanz hat doch schon einen Schüler! Hat das etwas mit meiner Begabung für das Heilen zu tun?
Verzweifelt schüttelte Blattpfote den Kopf.
Oder … hat sie eine Prophezeiung erhalten? Über mich? Will der SternenClan, dass ich Heilerin werde? Wird er etwa auch mir die Familie nehmen? Aber meine Eltern sind beide schon verstorben, und Echopfote …
Oh, Echopfote … Ein Schluchzen stieg in Blattpfotes Kehle auf.
Mohnsamen hin und her, niemals würde sie jetzt Schlaf finden können.

29. Kapitel

ES WAR KALT oben auf dem Plateau, selbst hier, wo Echopfote vor dem schneidenden Wind geschützt war. Ihre Pfoten hatten begonnen zu zittern, allerdings war sie sich nicht sicher ob vor Kälte oder vor Anstrengung.
Hirschsprung schien der Wind nichts auszumachen; vollkommen regungslos saß er da und Echopfote hätte gedacht, er wäre eingeschlafen, wenn nicht der scharfe Blick aus seinen stechend grünen Augen unablässlich auf ihr gelegen hätte.
Echopfote blinzelte die Tränen fort, die seitdem Ampferpfote zusammengebrochen und sein Blut den Schnee rot gefärbt hatte unaufhörlich aus ihren Augen rannen. Warum hielt sie überhaupt noch durch, klammerte sich weiter hier fest? Welchen Sinn hatte all das noch? Es würde so viel schneller gehen, wenn sie einfach losließ und fiel, immer tiefer.
Fiel wie Nachtschweif.
Ein Ruck durchging Echopfote. Nachtschweif.
Nachtschweif war nicht nur gefallen, sie war getötet worden! Und doch hatte sie nichts als Geheimnisse und Rätsel hinterlassen, und einen trauernden Clan. Das durfte nicht noch einmal passieren, nicht ihr! Sie musste die Clans warnen vor der Mordlust in Hirschsprungs Augen, vor dem Kater, der gerade ohne zu zögern ihren Freund ermordet hatte! Sie durfte ihren Clan nicht auch im Stich lassen. Sie durfte Blattpfote nicht noch einmal alleine lassen.
Hatte Nachtschweif genauso hier gehangen, wie Echopfote es gerade tat?
In einer letzten Anstrengung spannte Echopfote den Körper an, versuchte, sich den Felsvorsprung hinaufzuziehen.
Ein kaltes Lachen schallte von oben auf sie hinab, sein Echo hallte hundertfach in dem Abgrund wider. Der Ton fuhr Echopfote durch Mark und Knochen. Sie hielt inne.
Hirschsprung hatte sich nun auf die Seite gelegt und seinen Kopf etwas weiter zu ihr hinabgestreckt. Er fletschte die Zähne zu einem schadenfrohen Grinsen. „Ich würde dir ja gerne sagen, dass es hoffnungslos ist, dich weiter anzustrengen … Aber es ist zu köstlich, dir bei deinen Versuchen zuzusehen!“
Nein. Ich werde nicht aufgeben, niemals! Ein Knurren stieg in Echopfotes Kehle auf. Für Blattpfote, für Sturmpfote, für Ampferpfote werde ich es weiter versuchen!
Sie holte so tief Luft, wie sie wagte. „Warum tust du das?“, stieß sie keuchend hervor. „Was erhoffst du dir davon, mich umzubringen? Genugtuung?“ Echopfote kniff kurz die Augen zusammen. Oh ja, es wäre so eine Genugtuung, Hirschsprung totzusehen, aber … „Aber was kommt dann? Was, wenn das alles vorbei ist? Dann hast du nichts gewonnen!“
Hirschsprung schwieg einige Herzschläge lang, einige schmerzhafte Herzschläge, in denen Taubheit immer weiter ihre Beine hinaufkroch.
„Oh, ich werde dich nicht umbringen, Echopfote.“
Sie konnte ihre Vorderbeine kaum noch spüren. „Dann hilf mir!“ Sie hörte die eigene Verzweiflung in der Dunkelheit verhallen. Warum frage ich überhaupt noch? Er hat mich hier hinabgestoßen, Ampferpfote getötet, versucht, mich auch zu töten … Aber sowohl Logik als auch Stolz schienen im Angesicht des Todes zu verschwinden.
Echopfote wollte eine Pfote nach dem Braunen ausstrecken, wagte es aber nicht, den schmalen Felssims loszulassen. Es wäre so einfach für ihn, sie zu retten …
Hirschsprung lachte wieder. „Warum sollte ich?“ Sein Gesicht verzog sich zu einer schrecklichen Grimasse. Echopfote wäre zurückgezuckt, wenn sie sich hätte bewegen können. „Du hast mich mehr verletzt als es jemals eine Katze getan hat!“, brüllte er. Echopfote war sich sicher, dass man seine Worte bis in den Felsenkessel hinab hören konnte. Sollte sie noch einmal um Hilfe schreien? Konnte ihr überhaupt jemand helfen? War nicht jeder mit dem eigenen Überleben beschäftigt?
„Aber was habe ich dir denn getan?“, schrie Echopfote gegen den lauter werdenden Wind zurück. Es hatte begonnen, zu regnen, und dicke Wassertropfen verfingen sich in Echopfotes Schnurrhaaren. Unter diesen Umständen würde es noch schwieriger werden, sich zu halten …
Hirschsprung schnaubte voller Verachtung und wandte den Blick ab.
Vollkommene Verzweiflung stieg in Echopfote auf. Ich wünschte, Blattpfote wäre hier! Sie wüsste genau, was jetzt zu sagen ist. Aber Blattpfote war nicht hier. Sie war ganz auf sich selbst gestellt. Denk nach, Echopfote, denk nach! Was würde Blattpfote jetzt tun?
Ein letztes Mal holte Echopfote Luft: „Es muss doch nicht so enden, Hirschsprung.“
Noch immer schaute der Braune zur Seite.
„Sieh mich an. Bitte!“
Nun trafen sich ihre Blicke wieder. Leise Unsicherheit flackerte in Hirschsprungs grünem Blick.
Echopfote schöpfte neue Hoffnung. „Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen. Hilf mir, rette mich, und alles wird wieder gut werden! Jeder wird dir verzeihen. Ich verspreche es.“ Selten hatten Lügen so schwer gewogen – aber sie wogen nicht so schwer wie ihr eigenes Körpergewicht an ihren Vorderpfoten.
Hirschsprung verengte die Augen.
Echopfote schloss ihre. „Wir könnten wieder Freunde sein. Dieses Mal wirklich.“ Die Worte brannten wie Gift, aber doch kamen sie ihr so leicht von der Zunge. Freunde – pah! Niemals würden sie Freunde sein können. Niemals würde sie ihm vergeben können, vergeben wollen. Befreundet mit Ampferpfotes Mörder? Niemals!
Der Gedanke an ihren Freund schmerzte. Schmerzte genug, um den Funken Mitleid, der in ihrem Herzen aufkeimte, zu löschen.
Hirschsprung wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als er in der Bewegung erstarrte. Seine Nase zuckte. Dann wirbelte der Braune herum, seine ausgefahrenen Krallen schabten über den Steinboden, und verschwand aus Echopfotes Blickfeld.
„He! Ist da jemand?“
Doch niemand antwortete Echopfote. Stattdessen ertönten Schreie, Kampfgeräusche, das Schleifen von Krallen auf Fels vom Rand der Spalte.
Es war, als wäre ein Blitz durch Echopfote gefahren. Jemand hat meinen Hilferuf gehört! Ich werde gerettet! Vor Erleichterung hätte sie beinahe losgelassen.
„Hier!“, schrie Echopfote mit letzter Kraft. „Hierher! Ich bin hier unten!“ Mit jeder Silbe musste Echopfote ein bisschen mehr keuchen, aber das war ihr egal. Hilfe war gekommen. Nicht mehr lange, dann war dieser Albtraum endlich vorbei.
Noch immer keine Antwort.
Zweifel stiegen in Echopfote auf. Was, wenn das gar keine Hilfe war, die da gekommen war? Vielleicht hatte irgendein Waldtier Hirschsprung angegriffen, ein Dachs oder Fuchs, und jetzt war sogar ihre letzte Hoffnung vergebens gewesen …
Nein. Gib nicht auf Echopfote.
Es war, als hörte Echopfote die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. „Nachtschweif?“, wisperte sie. Wenn Laubstern mit ihr aus dem Wald der Finsternis kommunizieren konnte, dann vielleicht auch die ehemalige Zweite Anführerin des SchneeClans.
Nur noch ein kleines bisschen. Mit einem Mal durchströmte Echopfote neue Kraft, als hätte ihre Mutter ihr etwas von ihrem Leben eingeflößt. Entschlossen krallte die Schülerin ihre Krallen in den Felsvorsprung. Ich kann das schaffen, wenn nötig alleine!
Ein ohrenbetäubender Schmerzenslaut hallte über das Plateau und umgab Echopfote zu allen Seiten. Ihr Körper verkrampfte sich. Was geht da oben vor sich?
Einige Augenblicke lang herrschte Stille, dann näherten sich schleppende Pfotenschritte dem Rand der Spalte. Voll Furcht erwartete Echopfote, Hirschsprung würde auftauchen, doch stattdessen erschien ein anderes Gesicht vor dem grauen Himmel. Beide Ohren waren eingerissen und das Fell von blutenden Kratzern übersäht, doch seine grünen Augen glühten auf eine ganz andere Weise als die von Hirschsprung.
Echopfote hätte vor Freude fast angefangen zu weinen. „Haselschweif!“ Es war kaum mehr als ein Winseln.
„Großer SternenClan, was ist dir bloß passiert?“, murmelte der hellbraune Kater. In jedem anderen Moment hätte Echopfote es wahrscheinlich peinlich gefunden, so hilflos und entkräftet zu sein. Doch in diesem Moment hätte sie glücklicher nicht sein können.
Haselschweif warf einen Blick über die Schulter, fort von Echopfote, dann lehnte er sich vorsichtig den Abhang hinab und streckte eine Pfote aus. „Beeil dich!“
Langsam verlagerte Echopfote ihr Gewicht auf ihr linkes Vorderbein und löste die rechte Vorderpfote vom Fels, um sie ihrem Clangefährten entgegenzustrecken. Einige Herzschläge lang hingen sie so da, nur durch wenige Schnurrhaarbreiten voneinander getrennt, dann begann Echopfotes linke Pfote von dem Felssims zu rutschen. Panisch schrie sie auf, doch Haselschweif bekam ihre andere Pfote zu fassen und hielt sie fest, ganz fest, und zog Echopfote erst auf den Vorsprung hinauf und dann aus der Spalte hinaus.
Kaum hatten Echopfote wieder festen Boden unter den Pfoten, knickten ihr die Vorderbeine weg und sie landete mit der Schnauze auf dem nassen Felsboden.
Sofort zog Haselschweif sie wieder auf die Beine. „Schnell, wir müssen hier weg.“ Seine Stimme klang eindringlich.
Eine Welle aus Müdigkeit überrollte Echopfote. Sie konnte kaum noch die Augen offenhalten.
Energisch stieß Haselschweif sie in die Seite.
Echopfote zuckte zusammen, als Schmerz ihre zerkratzte Flanke durchfuhr. „Autsch“, murmelte sie.
„Komm schon, Echopfote, wir müssen uns beeilen!“
Die Dringlichkeit in Haselschweifs Stimme weckte Echopfote aus ihrer Trance. Beunruhigt blickte sie sich um. „Wo ist Hirschsprung?“
Ehe Haselschweif antworten konnte ertönte ein lauter Schrei aus Richtung der Bäume. Echopfote stolperte erschrocken zurück und wäre in die Spalte gestürzt, hätte Haselschweif sie nicht festgehalten, als der feindselige BlattClan-Kater zwischen den kahlen Sträuchern auftauchte. Er sah übel zugerichtet aus; überall fehlten ihm Büschel von Fell und eine lange Wunde zog sich quer durch sein Gesicht, nur knapp an seinen giftigen Augen vorbei. Haselschweif musste ein harter Gegner gewesen sein.
Als Hirschsprung die beiden SchneeClan-Katzen entdeckte, verdunkelte sich sein Blick und sein Körper straffte sich, so als wäre er unversehrt und am Höhepunkt seiner Kräfte. Echopfote holte zischend Luft, als der Rotbraune auf sie zustürmte.
Unwillkürlich fuhr Echopfote die Krallen aus, aber sofort schob Haselschweif sich schützend vor sie und duckte sich in die Verteidigungsposition. „Lauf zurück ins Lager!“, jaulte er, ehe auch er lospreschte und sich auf seinen Widersacher stürzte.
In einem Wirbel aus Zähnen und Klauen prallten die beiden Krieger aufeinander.
Einige Augenblicke lang starrte Echopfote die kämpfenden Katzen schockiert an. Dann rappelte sie sich auf. Ich, zurück ins Lager rennen? Das glaubst du doch selbst nicht, Haselschweif!
Mühsam schleppte sich Echopfote sich auf die Kämpfenden zu, bereit, sich zwischen sie zu werfen. In diesem Moment bekam Haselschweif Hirschsprungs Nackenfell zu fassen und schleuderte ihn mit einem Aufschrei von sich.
Keuchend wandte er sich zu Echopfote um und schrak zusammen, als er sie erkannte. „Warum bist du noch hier? Nun flieh endlich!“
„Das kannst du aber sowas von vergessen!“, knurrte Echopfote. „Ich lasse dich nicht im Stich!“
Haselschweifs Augen funkelten, aber er widersprach nicht.
Hirschsprung hatten sich wieder auf die Pfoten gezogen und stürzte sich nun mit einem Aufschrei auf sie. Haselschweif gelang es, auszuweichen, aber Echopfote war zu erschöpft und aufgrund ihrer verletzten Pfote nicht mehr schnell genug. Hirschsprung mit voller Wucht auf sie und riss sie mit sich. Echopfote hörte Haselschweifs erschrockenen Ausruf kaum, als ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und die Wucht des Aufpralls sie und Hirschsprung in Richtung der Spalte stolpern ließ. Sofort war Echopfote wieder auf den Beinen und wich hastig vor dem Anderen zurück, Energie loderte wie Feuer durch ihre Glieder.
Fast sofort war Haselschweif an ihrer Seite.
Es dauerte, bis auch Hirschsprung sich wieder aufrappelte. Der Kater war direkt neben der Spalte zum Erliegen gekommen und einige Herzschläge lang benommen liegengeblieben. Nun stand er mühsam auf und schüttelte verwirrt den Kopf, bevor er sich mit verschleiertem Blick wieder seinen Gegnern zuwandte.
Mit Entsetzen bemerkte Echopfote, wie sich im Boden Risse formten, immer mehr, die immer schneller wie ein Spinnennetz den Stein durchzogen. Brocken lösten sich am Rand des Abgrunds aus dem Fels, erst kleine, dann immer größere.
„Weg hier!“, jaulte Echopfote und sprang an Haselschweif vorbei in Richtung der schützenden Bäume, fort von der Spalte. Sie rannte los und betete zum SternenClan, die anderen mögen ihr folgen. Ihre Krallen verhakten sich in den vielen winzigen Ritzen im Stein, die glitt aus, spürte, wie eine weitere Kralle fast ausriss. Schnell rappelte Echopfote sich wieder auf, Panik beflügelte ihre Schritte. Sie würde nicht in die Spalte einbrechen, nicht noch einmal!
Als Echopfote im Dickicht unter den kahlen Ästen ankam und ihre Pfoten endlich wieder in Erde versanken und sie herumwirbelte, musste sich feststellen, dass nur einer der beiden Kater ihr gefolgt war. Neben ihr grub Haselschweif die kurzen Krallen in den Grund, um zu stoppen, aber Hirschsprung kauerte immer noch neben der Spalte, während sich der Boden um ihn herum langsam auflöste.
Echopfote stockte der Atem. Er wird stürzen! Egal, wie sehr sie den Kater verachtete, …
„Hirschsprung!“, schrie Echopfote mit heiserer Stimme, doch ihre Worte gingen im immer dichter werdenden Regen unter. „Pass auf! Du wirst einbrechen!“
Der Kater blickte in ihre Richtung, ein letztes Mal bohrten seine scharfen, dunkelgrünen Augen sich in ihre, und für einen Augenblick glaubte Echopfote, Wehmut in ihnen aufblitzen zu sehen. Dann verschwand er für immer in der Spalte.

30. Kapitel

ALS SIE SICH AN den Abstieg machten, konnte Echopfote kaum noch eine Pfote vor die andere setzen. Die Muskeln in ihren Vorderbeinen brannten bei jedem Schritt wie Feuer und ihre Pfote hatte wieder angefangen zu bluten, aber Echopfote war fast dankbar für den Schmerz. Immerhin übertönte er die gähnende Leere in ihrem Inneren.
Hirschsprung war tot. Ampferpfote war tot. All das war so unwirklich, dass Echopfote es immer noch nicht fassen konnte. Tot. Fort. Für immer.
Seit der BlattClan-Kater in die Spalte gestürzt war, hatten Haselschweif und Echopfote kein Wort gewechselt. Der Krieger blieb an ihrer Seite und stützte sie, bis sie den Abhang erreichten, über den sie hinab zum Lagereingang klettern mussten, aber Echopfote sah, dass auch seine Gedanken weit fort waren. Das Blitzen war aus seinem Blick gewichen und er war weit nach innen gerichtet.
Am Rand des Hangs blieben die beiden stehen. Echopfote ließ ihren Blick über die Landschaft unter ihnen schweifen. Der Schnee war aufgewirbelt von den drei Katzen, die hindurchgesprintet waren, einige der Schneeverwehungen waren so hoch, dass in ihnen eine Katze sicherlich bis zu den Ohrenspitzen verschwinden konnte.
Das Bild von Ampferpfote, wie er im roten Schnee zusammenbrach, blitze in Echopfotes Kopf auf. Schnell verdrängte sie den Gedanken an ihren Freund. Nicht jetzt. Nicht hier.
Echopfote konnte von fernher Schreie hören. Anscheinend war der Kampf immer noch voll im Gange. Nur wenige Fuchslängen entfernt, hinter all den vereisten Bäumen, kämpften ihre Clangefährten, ihre Freunde, noch immer um ihr Leben. Echopfote erinnerte sich an Schneebart und Lichtschweif, die beim Kampf vor dem Lagereingang das Bewusstsein verloren hatten. Was war mit Goldfell, Federschweif, Grauschweif? Waren sie noch am Leben? Was war mit Honigherz, den Jungen? Blattpfote?
Echopfote merkte, wie ihr ganzer Körper begann zu zittern. Sie sollten auch dort unten sein und kämpfen, ihren Clan verteidigen, ihr Leben für ihren Verbleib ihr riskieren. Aber wofür all das? Warum hetzte der SternenClan sie so gegeneinander auf? Warum griff der BlattClan sie an?
Mit einem Mal war Echopfote all das so leid – das ewige Kämpfen, die Angst. Schon jetzt hatte dieser Tag zwei Katzen zu viel das Leben gekostet.
Haselschweif schien dasselbe wie sie zu denken. „Was nun?“, durchbrach er die Stille.
Echopfote wandte den Kopf und sah die gleiche Ratlosigkeit in seinem Blick, die auch sie spürte. „Wir müssen den anderen helfen“, miaute sie kraftlos.
„Das müssen wir wohl.“ Ein Ruck ging durch Haselschweifs Körper. Plötzlich trat ein entschlossener Ausdruck in seine grünen Augen. Er spannte die Muskeln an und trat an den Rand der Klippe. „Dann los.“
Mit wenigen Sätzen hatte der Braune das untere Ende der Felsstufe erreicht. Es dauerte einige Herzschläge, bis er im tiefen Schnee das Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Dann wandte er sich in einer bemerkenswert geschmeidigen Bewegung um und blickte zu Echopfote hinauf. „Kommst du?“
Die Worte hallten in Echopfotes Kopf nach. Kommst du?
Sie wollte ihm folgen, aber ihre Pfoten wollten ihr einfach nicht gehorchen. Es war fast, als wäre sie zu Eis erstarrt.
Kommst du?
Erst jetzt spürte sie die Tränen, die ihr über die Schnurrhaare liefen. Ihr Atem begann, sich zu beschleunigen. Reiß dich zusammen, Echopfote!, schalt sie sich selbst. Krieger weinen nicht.
„Echopfote?“ Haselschweif war näher an den Fels hinan getreten. „Ist alles in Ordnung?“
Nein. Nein, es war nicht alles in Ordnung. Es würde nie wieder alles in Ordnung sein. Sie hatte gerade erst angefangen, Nachtschweifs Tod zu akzeptieren – was nun?
Echopfote zwang sich dazu, tief Luft zu holen. Ich schaffe das. Egal wie.
„Alles in Ordnung.“

Mit jedem Schritt, den die beiden durch den Wald liefen, schien die Welt um sie herum stiller zu werden, schienen die Schreie aus immer weiterer Ferne zu kommen. Es war fast, als würden die schneebedeckten Bäume jedes Geräusch verschlucken.
Echopfote konnte die Anspannung in der Luft nahezu spüren – es war, als prickelte sie auf ihrer Haut.
Auch Haselschweif versteifte sich. „Irgendetwas ist nicht richtig“, murmelte der Kater, dann rannte er los.
Auch Echopfote beschleunigte ihre Schritte, versuchte, so gut wie möglich mitzuhalten, aber es dauerte nicht lange, bis sie ihren Clangefährten aus den Augen verloren hatte. Sie biss die Zähne zusammen und rannte schneller.
Sie hörte Haselschweifs rauen Schrei, bevor sie sein braunes Fell wieder zwischen den Ästen ausmachen konnte.
Angst durchströmte Echopfote. Beinahe wäre sie in den Krieger hineingerannt, der abrupt am Rand der Lichtung vor dem Lagereingang stehen geblieben war. „Was ist-“ Sie verstummte, als sie an ihm vorbei auf die Lichtung blicken konnte.
Der Platz, auf dem nicht lange zuvor noch ein Kampf um Leben und Tod stattgefunden hatte, war wie ausgestorben. Nur der von unzähligen Pfoten aufgewühlte und unzähligen Wunden rot gefärbte Schnee wies auf die Schlacht hin.
Echopfotes Blickfeld begann zu verschwimmen, versank im Rot. Sie preschte an Haselschweif vorbei, der noch immer wie versteinert dastand, mitten auf die Lichtung hinauf. Wo waren Lichtschweif, Schneebart, all die anderen? Ihr Blick schoss zu dem Baum am Rand der Lichtung, wo sie auf Hirschsprung getroffen war. Ampferpfote. Wo war er? Sein Körper war fort, nur das Blut verklebte noch immer den Boden.
Echopfote hörte ihren eigenen Herzschlag in den Ohren. Blattpfote! Sie hatte im Lager gekämpft …
Das Lager.
„Schnell!“ Echopfote hörte die Panik in ihrer eigenen Stimme, als sie auf die Felsspalte zustürmte und sich hindurch ins Lager zwängte. Kaum hatte sie den Brombeertunnel verlassen, breitete sich vor ihren Augen das Chaos aus.
Überall auf dem Boden tummelten sich Katzen, BlattClan-Katzen und SchneeClan-Katzen waren kaum noch zu unterscheiden. Einige rangen verzweifelt miteinander, einige lagen auf dem Boden, schienen kaum noch zu atmen. Echopfote entdeckte ihren Mentor, wie er Seite an Seite mit seiner Gefährtin Eulenfeder vor dem Heilerbau kämpfte, hinter ihnen drückte Sternlichtglanz mit erschöpfter Miene Kräuter auf den Pelz des regungslosen Schneebart. Sowohl Grauschweif als auch Eulenfeder schienen kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, selbst die Heilerin blutete aus zahlreichen Wunden.
Wo ist Blattpfote? Angestrengt blickte Echopfote sich im Felsenkessel zu. Sie konnte ihre Schwester nirgendwo entdecken.
Stattdessen wurde sie von einem grau gefleckten BlattClan-Kater entdeckt, der sich mit mühsamen Schritten auf sie zubewegte.
Das darf so nicht weitergehen!
Ihr Kopf begann schmerzhaft zu pochen, in ihren Ohren dröhnte das Echo von tausend Stimmen. Echopfote kniff die Augen zusammen.
„Aufhören! Sofort!“ Ihr Schrei ging im Kampflärm unter.
Verzweifelt blickte Echopfote sich um. Der graue BlattClan-Kater war erstarrt und keuchend neben dem großen Baumstumpf, von dem aus Rindenstern seine Clanmitglieder zu Versammlungen rief, zusammengesunken und fixierte sie nun aus blauen Augen, ansonsten schien niemand ihre Worte gehört zu haben. Wenn ich nur etwas größer und lauter wäre … vielleicht würde mich dann jemand verstehen …
Ihr Blick blieb neben dem Grauen an dem Baumstamm hängen. Rindenstern … Versammlungen … Ihr kam eine Idee.
Es raschelte leise, als Haselschweif neben ihr aus der Felsspalte auftauchte. Entschlossen lief sie auf den überrumpelten Kater zu. „Komm mit! Du musst mir helfen!“
Perplex starrte der andere sie an. „Aber-“
„Keine Widerrede!“
Mit wenigen Sprüngen hatte Echopfote den schwarzgebrannten Baum erreicht. Nun, da sie neben ihm stand, kam er ihr noch riesiger vor als sonst. Wie schafft Rindenstern das bloß immer? Sie duckte sich tief in den Boden und spannte die Beine an. Ich kann das. Ich bin alt genug, um eine Kriegerin zu sein. Ich kann das schaffen!
„Echopfote, was machst du da? Das … das darfst du nicht!“
Echopfote ignorierte Haselschweifs Einwände und sprang.
„Warte!“
Ihre Krallen bohrten sich in das Holz. Einige Augenblicke lang strauchelte sie.
„Nur der Anführer darf vom Großen Baumstumpf aus sprechen!“
Echopfote wandte sich um. Von hier oben wirkten Haselschweif und all seine Widersprüche plötzlich ganz klein. Alles wirkte klein, von hier aus konnte sie tatsächlich das ganze Lager aus überblicken.
Nur der Anführer darf hier oben sein. Aber wo war der Anführer?
Echopfote entdeckte ihn am entgegengesetzten Lagerende, wo er neben den Sonnensteinen mit drei BlattClan-Katzen auf einmal kämpfte, eine von ihnen Eschenstern.
Einen Moment lang malte Echopfote sich aus, wie es wäre, selbst Anführerin des SchneeClans zu sein. Von hier oben über ihrem Clan zu stehen, all ihre Clangefährten unter sich zu sehen, Befehle im Kampf zu geben …
Und dann war der Moment vorbei, und Echopfote war wieder nichts mehr als eine unerfahrene, kleine Schülerin auf einem großen Baumstumpf.
Fast lautlos landete Haselschweif neben ihr. „Gut“, miaute er. „Was ist dein Plan?“
Echopfote blinzelte ihren Freund dankbar an. Dann drehte sie sich wieder zu den kämpfenden Katzen. Noch hatte niemand sie beide entdeckt …
Echopfote nahm all ihre letzte Kraft zusammen. Entschlossenheit breitete sich in ihr aus. Sei eine Anführerin! „Hört alle auf zu kämpfen! Bitte!“
Kaum ein halbes Dutzend Köpfe drehten sich zu ihnen um. Sie war einfach zu erschöpft …
„Halt!“ Haselschweifs Brüllen schallte über die Sandlichtung wie das Gebrüll eines Löwen. Unwillkürlich stellte sich Echopfotes Nackenfell auf.
Der Lärm auf der Lichtung verebbte. Eine nach der anderen unterbrachen alle Anwesenden ihre Kämpfe und wandten sich überrascht den beiden Jungkatzen auf dem Baumstumpf zu.
Auch Echopfote wandte ihren Blick ihrem Freund zu und vergaß vor Ehrfurcht fast, zu atmen. Den Rücken durchgestreckt, die Beine weit auseinander, den Kopf hoch erhoben … so, wie Haselschweif dort stand, sah er tatsächlich aus wie ein Anführer. Ihre Blicke trafen sich, und Echopfote meinte fast, sein Vater Grauschweif stünde vor ihr.
Unter ihrem Fell wurde ihr trotz des immer stärker werdenden Regens auf einmal glühend heiß.
Haselschweif berührte sie leicht mit der Schwanzspitze an der Seite, dann trat er zurück. „Jetzt du!“, flüsterte ihr, sein Atem strich leicht über das Fell an ihren Ohren.
Echopfote räusperte sich. Nun, da die Aufmerksamkeit zwei ganzer Clans auf ihr lag, wurde sie nervös. Plötzlich machte es sie unruhig, Haselschweif nicht mehr an ihrer Seite zu haben. Ohne ihn fühlte sie sich allein und unsicher.
Sie fand Rindenstern und Eschenstern in der Menge. Rindensterns Augen glühten – anscheinend war er nicht besonders glücklich darüber, seines Posten beraubt zu werden -, also heftete Echopfote ihren Blick auf den BlattClan-Anführer. Zu ihrer Überraschung hatte sich dieser seelenruhig auf dem nassen Boden niedergelassen und aufmerksam den Kopf schiefgelegt. Erst jetzt fiel Echopfote auf, wie ähnlich sich beide Kater sahen.
Sie holte tief Luft. „Hirschsprung ist tot.“
In Eschensterns Augen erstarb ein Funkeln. Aus der Menge ertönten entsetzte Schreie, vor allem von den BlattClan-Katzen.
Echopfote geriet ins Stottern. „Er ist auf dem Plateau in die Spalte gestürzt. Im Kampf hat plötzlich der Boden unter uns nachgegeben. Wir haben versucht, ihn zu retten aber … es war bereits zu spät …“ Ihre Stimme brach.
Eschenstern war aufgestanden und brachte seine voll Trauer maunzenden Clangefährten mit einem Schwanzschnippen zum Schweigen. „Hirschsprung war ein großartiger Krieger und Clangefährte.“ Seine Stimme klang rau und dunkel. „Und wie ein wahrer Krieger ist er im Kampf gestorben.“ Er fletschte die Zähne. Echopfote schrak zurück. „Aber niemals wird er der grandiose Anführer werden, der er zweifellos geworden wäre. Nicht einmal einen Körper habt ihr uns gelassen, um an seiner Seite zu trauern!“ Eschenstern knurrte drohend. „Dafür werdet ihr bezahlen!“
Laut jaulend stimmten seine Clangefährten ihrem Anführer zu.
Echopfote schnappte unwillkürlich nach Luft. „Aber das ist doch nicht unsere Schuld!“, japste sie. „Es war ein Versehen!“
Die Ausrufe der Katzen wurden von Rindensterns grollender Stimme übertönt: „Wenn ihr einen Kampf wollt, dann sollt ihr ihn haben!“
Oh nein! Genau das wollte ich doch verhindern! Fieberhaft suchte Echopfote nach den passenden Worten, als plötzlich Sternlichtglanz vor den Baumstumpf trat.
„Halt!“, jaulte die Heilerkatze mit gebieterischer Stimme. „Diese jungen Katzen haben Recht – wir sollten nicht mehr kämpfen. Habt ihr den Regen nicht bemerkt? Das ist ein Zeichen des SternenClans!“
Tatsächlich blickten sich einige Katzen um, als hätten sie den Regenschauer jetzt erst bemerkt.
Anklagend peitschte Sternlichtglanz mit dem Schwanz. „Unsere Ahnen wollen uns damit zeigen, dass sie diesen Kampf nicht gutheißen und unterbrechen wollen! Wir hätten schon viel früher auf sie hören sollen, dann wäre es vielleicht gar nicht zu einer solchen Tragödie gekommen.“
Eschenstern bahnte sich mit wütenden Schritten einen Weg durch die Menge an Katzen, die alle hastig vor ihm zurückwichen, bis er Nase an Nase mit der SchneeClan-Heilerin stand. „Ach ja?“, miaute er herausfordernd. „Warum dann hat uns ausgerechnet der SternenClan befohlen, den SchneeClan zu vertreiben?“
Obwohl sie ein gutes Stück kleiner war als ihr Gegenüber hob Sternlichtglanz stolz den Kopf. „Mach dir nichts vor Eschenstern. Der SternenClan würde so etwas niemals befehlen. Es hat immer drei Clans am Endlosen See gegeben, und so wird es auch immer sein.“
Eschenstern grollte: „Ihr seid auf eurem eigenen Territorium geschlagen. Verschwindet endlich, oder müssen wir nochmals nachhelfen?“
Ein paar seiner BlattClan-Katzen standen auf und bekündigten lautstark ihre Zustimmung, doch der Großteil blieb erschöpft liegen.
Sternlichtglanz ließ ihren Blick über die Gruppe schweifen. „Deine Krieger sind müde, Eschenstern. Ihr solltet nach Hause gehen. All das kann friedlich geklärt werden.“ Vom Baumstumpf aus konnte Echopfote das Gesicht der Heilerin zwar nicht sehen, war sich aber fast sicher, dass ihre Augen warnend blitzten.
Langsam verebbte der Regenschauer und einige zarte Sonnenstrahlen durchbrachen die dicke Wolkendecke. Erleichtert stieß Echopfote die Luft aus, von der sie gar nicht gemerkt hatte, dass sie sie angehalten hatte. Anscheinend war der Regen wirklich ein Zeichen des SternenClans …
Eschenstern ließ seinen Blick über seine erschöpften Kämpfer schweifen. Dann legte er zornig die Ohren an. Mit gesträubtem Fell wirbelte er zu Rindenstern herum, der noch immer neben den Sonnensteinen kauerte. „Das hier ist noch nicht vorbei! Das schwöre ich.“ Er machte einen Satz auf den Lagerausgang zu. „BlattClan! Wir gehen!“
Echopfote wäre vor Erleichterung am liebsten zusammengebrochen, als sich der Felsenkessel langsam leerte. Sie und Haselschweif wechselten einen glücklichen Blick.
„Nun zu euch!“ Sternlichtglanz fuhr so rückartig zu ihnen herum, dass Echopfote und Haselschweif beide so heftig zusammenzuckten, dass sie beinahe von dem Baumstumpf hinabgestürzt wären. „Kommt auf der Stelle da herunter!“
Eingeschüchtert kraxelte Echopfote an der Flanke des Baumstamms hinab, Haselschweif folgte ihr. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Heilerin so verärgert sein würde. Nun tauchte auch noch Rindensterns wütendes Gesicht neben dem der Goldenen auf.
„Was fällt euch beiden eigentlich ein? Ihr wisst ganz genau, dass es nur dem Anführer erlaubt ist, von dem Großen Baumstumpf aus zu sprechen!“
Echopfote wäre am liebsten im Boden versunken.
Haselschweif neben ihr neigte den Kopf. „Es tut uns leid, Rindenstern. Wir haben keinen anderen Weg gesehen, den Kampf zu beenden.“ Echopfote hätte beinahe geschmunzelt. Der Braune klang keine Spur reumütig.
Rindenstern verengte die Augen. „So etwas steht euch auch gar nicht zu“, donnerte er. „In meinen Bau – jetzt!“
„Ganz bestimmt nicht“, widersprach Sternlichtglanz entschieden. „Und du ruhst dich auch erst einmal aus, mein Lieber. Der Kampf hat uns alle erschöpft, und kein Anführer steckt es einfach so weg, ein Leben zu verlieren.“
„Du hast-“
„Keine Widerrede!“
Grummelnd schob der SchneeClan-Anführer sich an ihnen vorbei in Richtung seines Baus, der sich hinter dem Baumstumpf befand. Im Vorbeigehen meinte Echopfote ihn etwas wie „Sich so etwas herauszunehmen – Frechheit!“ murmeln zu hören, und war sich nicht sicher, ob er damit sie oder die Heilerin meinte.
Die hatte sich inzwischen daran gemacht, eine Wunde an Haselschweifs Schulter zu untersuchen. „Das sieht nicht gut aus“, nuschelte sie. „Wie hast du dir die denn zugefügt?“
„Hirschsprung“, erklärte Haselschweif kurz zuckte zusammen, als die Heilerkatze die Verletzung berührte.
„Ah. Ja.“ Sternlichtglanz verzog kritisch das Gesicht. „Ich glaube trotzdem, dass es da etwas gibt, was ihr mir verschweigt. Aber gut.“
Echopfote senkte den Blick auf die wunden Pfoten. Bilder begannen, ihren Kopf zu füllen. Hirschsprung, wie er in einen gähnenden Abgrund stürzte. Hirschsprung, wie er mir vor Mordlust glänzenden Augen auf sie zustürmte. Ein großartiger Krieger – pah! Hirschsprung, wie er seine krallenbewehrte Pfote auf Ampferpfotes Kopf niedersausen ließ.
Ampferpfote.
Echopfote bekam kaum mit, wie Sternlichtglanz Haselschweif zu Birkenpfote in den Heilerbau schickte und dann weiter zu einer kleinen Gruppe an Katzen ging, um sie zu untersuchen.
Ampferpfote würde niemals wieder so durch das Lager streifen können.
„Echopfote!“
Sie blickte auf. Blattpfote kam schwerfällig auf sie zu gehumpelt, eine Pfote zog sie hinter sich her.
In diesem Moment brachen alle Barrikaden. Echopfote rannte auf ihre Schwester zu und vergrub das Gesicht in ihrem kurzen, weichen Fell, dass so sehr nach Zuhause duftete wie nichts anderes auf dieser Welt. Sie spürte, wie ihre Schultern anfingen vor Schluchzern zu beben.
Blattpfote leckte ihr liebevoll übers Ohr. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, wisperte sie.
Echopfote wollte antworten, doch es kam nur ein weiterer Schluchzer aus ihrem Maul.
„He“, miaute Blattpfote sanft und trat vorsichtig einen Schritt zurück. „Alles wird gut. Alles ist gut.“
Echopfote schüttelte nur den Kopf. „Nichts ist gut“, brachte sie heraus.
Blattpfote blinzelte besorgt.
„Ampferpfote“, erklärte Echopfote bebend. „Er … er hat sein Leben gegeben, nur damit ich … nicht sterbe … Warum? Warum lebe ich noch? Warum ist er fort?“
Blattpfote starrte Echopfote einige Herzschläge lang an. Die Silberne versuchte, sich die Tränen aus den Augen zu blinzeln. Es gelang ihr nicht, den Blick ihrer Schwester zu deuten.
Endlich schnurrte die Goldene, auch wenn es etwas gezwungen wirkte. „Echopfote“, miaute sie rau. „Ampferpfote lebt! Er lebt noch!“
Was? Echopfote verstand nicht.
„Ampferpfote ist nicht gestorben. Er ist im Heilerbau. Birkenpfote kümmert sich um ihn.“
Langsam realisierte Echopfote, was Blattpfote da sagte. „Ampferpfote … lebt?“ Die Tränen versiegten.
„Ja!“ Blattpfote lächelte.
„Bist du … bist du dir sicher?“ Er war doch tot! Ich habe ganz genau gesehen, wie Hirschsprung ihn getötet hat …
Die Goldene nickte mit Nachdruck.
Glück strömte durch jede Faser in Echopfotes Körper. „Wie geht es ihm? Kann ich ihn sehen?“
„Komm mit.“ Behutsam drehte Blattpfote sich auf drei Beinen um und humpelte zurück auf die Höhle mit dem Heilerbau zu.
Echopfote folgte ihr langsam. Ihr Blick blieb an der Wunde an Blattpfotes Hinterbein hängen, die durch die Bewegung aufgerissen war und nun anfing, bluten. „Wie ist das passiert?“
„Was? Oh. Das.“ Blattpfote zuckte unglücklich mit den Ohren. „Marderpfote.“
„Wirklich?“
„Was für ein bescheuerter Fischfresser. Ich wünschte, ich könnte ihm das sofort heimzahlen.“
Echopfote kicherte. Vielleicht war es besser so – sie hatte immer den Eindruck gehabt, der redselige BlattClan-Schüler hatte Blattpfote immer ein wenig zu sehr gemocht.
Es tat beinahe weh, Blattpfote nicht zu drängen, schneller zu gehen, aber Echopfote konnte sehen, wie viel Mühe das Laufen ihrer Schwester bereitete. Sie wollte den Schmerz über die Verletzung, die Wut auf Marderpfote spüren, aber alles, was sie fühlte, war Glück. Sie war zu lange davon ausgegangen, dass Ampferpfote tot war, um noch länger zu warten.
Ein Schnurren drang aus ihrer Kehle. „Ich hatte solche Angst um dich, Blattpfote!“
Sie betraten den Schatten der Höhle, in der der Kräutervorrat und die Nester der Heilerkatzen untergebracht waren, und trafen fast sofort auf Eulenfeder und Grauschweif, die eng aneinandergeschmiegt dasaßen und Haselschweif, der wenige Schritte entfernt von Birkenpfote behandelt wurde, mit stolz leuchtenden Augen beobachteten. Echopfote musste wieder daran denken, wie sie beide Seite an Seite auf dem großen Baumstumpf gestanden hatten. Sie hatte sich so unsicher gefühlt, so unbedeutend – aber Haselschweif schien beinahe dafür gemacht zu sein, hoch oben zu seinem Clan zu sprechen. Seine Haltung, als er die Menge zum Schweigen gebracht hatte, wollte einfach nicht aus dem Kopf gehen. Er wäre bestimmt ein guter Anführer. Sie seufzte innerlich. Ich wäre auch gerne eine gute Anführerin.
Ampferpfote lag in dem kleinen Felsenkessel, in dem das Krankenlager des SchneeClans untergebracht war, in dem Nest, in dem in der letzten Nacht Blattpfote geschlafen hatte. Der rote Kater war nicht bei Bewusstsein und an seinem Kopf prangte eine furchteinflößende Wunde, aber sein Brustkorb hob sich regelmäßig.
„Er ist ganz alleine“, sagte Blattpfote mit trauriger Stimme.
Verwundert musste Echopfote feststellen, dass sie Recht hatte. Den anderen Verwundeten im Krankenlager wurde von mindestens einer Katze Gesellschaft geleistet; Schattenmond und ihre Jungen hockten bei Schneebart und unterhielten sich leise mit ihm, Farnschweif und ihre Tochter Blütenpfote hatten sich zu Tigerpfote gesetzt und Halbohr kauerte leise murmelnd neben dem immer noch schwer kranken Rankenschweif. Bei Ampferpfote aber war niemand.
Mitleid keimte in Echopfote auf. Wenn sie krank oder verletzt war, war immer Blattpfote bei ihr, um ihr Beistand zu leisten. Goldfell vertrieb ihr die Langeweile mit ihrem Geplapper über die neusten Geschehnisse im Clan und ihren Wutausbrüchen über Flammenfuß, Federschweif und Haselschweif heiterten sie mit ihren albernen Scherzen auf und Ampferpfote … Ampferpfote war immer einfach da.
Aber jetzt war niemand für ihn da. Soweit Echopfote wusste, hatte er nicht allzu tiefe Verbindungen zu seiner Familie, zu seinen Halbschwestern und zu seiner Mutter. Er redete nie darüber. Sie wusste nicht einmal, wer sein Vater war! Feuerauge war schon seit langen nicht mehr mit ihm zusammen.
„Ich finde, wir sollten ihm Gesellschaft leisten“, flüsterte Echopfote.
Blattpfote nickte mit wässrigen Augen. „Er freut sich bestimmt darüber. Auch, wenn er schläft, hilft es ihm sicherlich.“ Die zierliche Kätzin streckte sich vorsichtig und machte es sich dann neben dem Kater gemütlich. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was Echopfote nicht verstehen konnte. Dann senkte sie den Blick. „Ich bin müde, Echopfote.“
„Schließ ruhig die Augen. Ich passe auf.“ Echopfote schmiegte sich an ihre Schwester und vergrub die Nase in ihrem Fell. Familie. Sie war so dankbar, dass sie eine hatte.

31. Kapitel

BLATTPFOTE TRÄUMTE.
Sie rannte durch einen Wald, der in der Fülle der Blattgrüne blühte. Überall hörte sie das leise Scharren von Beutetieren im lockeren Boden, das Zwitschern von Vögeln in den grünen Ästen über ihr.
Blattpfote sog tief die warme Luft ein. Endlich schnitt ihr kein eisiger Wind mehr durch das kurze Fell, sondern eine laue, angenehme Brise. Endlich würde alles wieder besser werden.
Der Duft einer Maus stieg ihr in die Nase, ganz in der Nähe. Unwillkürlich fiel Blattpfote ins Jagdkauern. Sie erinnerte sich an die Drossel, um die sie mit Flammenfuß gekämpft hatte. Die Ältesten würden sich bestimmt freuen, wenn sie etwas fing.
Es gibt Katzen in diesem Clan, die es nötiger haben, bei Kräften zu bleiben, als ich. Das hatte Honigherz gesagt, bevor das Lager angegriffen wurde. Im Kampf hatte sie heldenhaft die Kinderstube verteidig und war dabei verletzt worden.
Entschlossen schob Blattpfote sich dicht am Boden vorwärts, immer auf das zarte Rascheln im Unterholz zu. Sie würde nicht zulassen, dass ihre Großmutter sich selbst für sie opferte.
Nun konnte sie die Maus erkennen. Sie knabberte zwischen einigen Farnwedeln an einem Korn. Blattpfote spannte ihre Muskeln an. Jetzt!
„Blattpfote.“
Blattpfote zuckte zusammen, die Maus verschwand blitzschnell im Unterholz. Überrascht sprang sie auf die Pfoten und wirbelte herum.
Zwischen den hohen Bäumen stand ein kurzbeiniger, grauweißer Kater und blickte aus strengen, goldenen Augen auf sie hinab. Sein langer Pelz glitzerte als hätte sich das Feuer des Silbervlieses in ihm verfangen.
Perplex starrte Blattpfote den Fremden an. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie träumen musste. „Wer bist du?“, hauchte sie.
Der Graue neigte den Kopf und ging mit eleganten Schritten auf die Schülerin zu. „Es freut mich, dich endlich treffen zu dürfen. Mein Name ist Moospelz. Einst, vor langer Zeit, war ich der Heiler des SchneeClans.“
Unwillkürlich sträubte sich Blattpfotes Fell, als ihr klar wurde, was das bedeutete. „Ich bin im SternenClan. Bin ich … bin ich etwa …“
Moospelz schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Sorge dich nicht, Blattpfote. Du liegst wohlbehalten schlummernd im SchneeClan-Lager.“
Erleichtert atmete Blattpfote auf. „Ich hatte schon Angst.“ Dann kam ihr ein anderer Gedanke. „Du sagtest … du freust dich, mich endlich treffen zu können? Warum? Warum besuchst du mich?“
Der Kater seufzte schwer, sein Schmunzeln erfror. „Ich wünschte, es wären glücklichere Umstände, die mich zu dir führen. Ich bin gekommen um dich zu warnen.“
„Mich?“, quiekte Blattpfote überrascht. Betreten blickte sie auf die hellen Pfoten. Die Worte waren aus ihre herausgerutscht ehe sie sie kontrollieren konnte. „Tut mir leid, es ist nur so … warum ausgerechnet mich?“ Sie blickte auf. „Warum nicht Rindenstern, oder Sternlichtglanz, oder …“
Moospelz wischte ihr mit seinem Schweif über die Nase und brachte sie somit zum Schweigen. „Es mag dir vielleicht noch nicht so vorkommen, aber du spielst eine große Rolle im Schicksal der Clans, Blattpfote. Jede Entscheidung, die du triffst, hat einen Einfluss auf unser aller Zukunft.“
Blattpfote vergaß, zu atmen. „Aber … das kann doch nicht sein“, hauchte sie. „Ich bin nur eine Schülerin! Was für einen Einfluss können meine Handlungen schon haben?“
Moospelz lehnte sich mit freundlichen Augen zu ihr vor. „Du bist nicht so wie die anderen. In dir schlafen Fähigkeiten, über die weder Rindenstern noch Sternlichtglanz verfügt. Du musst nur zu lernen, sie zu nutzen.“
Blattpfotes Kopf schwirrte. Ich? Fähigkeiten? Aber das kann nicht sein! Ich kann überhaupt nichts … Vor allem nichts, was die anderen nicht auch können …
Plötzlich kam Blattpfote ein Gedanke. Ihr wurde eiskalt. Ist es etwa das, wovor Sternlichtglanz mich heute noch gewarnt hat? Ist es tatsächlich meine Bestimmung, eine Heilerin zu werden?
„Aber was soll ich nun tun?“, fragte Blattpfote hilflos. „Was sind das für Fähigkeiten? Und wie kann ich sie nutzen? Wie kann ich sie überhaupt erkennen?“
Moospelz schnurrte freundlich. „Hör auf dein Herz, junge Blattpfote. Es wird dir den Weg weisen.“
Blattpfote ließ den Kopf hängen. Wenn ich doch wenigstens wüsste, was mein Herz mir sagt …
„Aber gib Acht.“ Der Gefleckte trat einige Schritte zurück. „Du bist kurz davor, den falschen Weg einzuschlagen. Wenn du das tust, sind wir alle in größter Gefahr.“
Kläglich blickte Blattpfote zu dem verstorbenen Heiler auf. „Es geht darum, dass ich eine Heilerin werden soll. Ist es nicht das?“ Sie senkte wieder den Blick. Aber ich bin eine Kriegerin! Sternlichtglanz hat schon einen Schüler, und Birkenpfote macht seine Arbeit großartig … „Wie soll ich denn wissen, welcher Weg der richtige ist? Und was, wenn ich es nicht schaffe?“
„Vertrau auf dich selbst. Tief in deinem Inneren weißt du, was du zu tun hast.“ Er berührte sanft Blattpfotes Nase mit der seinen. „Ich muss nun fort. Leb wohl, Blattpfote. Ich hoffe, unsere Wege werden sich ein weiteres Mal kreuzen.“ Er drehte sich um, und ging vollkommen lautlos wieder in den Wald hinein. Schritt für Schritt für Schritt.
„Warte! Ich habe noch so viele Fragen!“
Moospelz blieb stehen. „Es steht mir nicht zu, diese zu beantworten. Du musst dein Schicksal selbst entdecken.“
Verzweifelt sah Blattpfote zu, wie der Heiler zwischen den Bäumen verschwand. Oh nein! Jetzt bin ich nur noch verwirrter als zuvor. Wenn ich doch nur mit jemandem darüber sprechen könnte …
Plötzlich kam ihr eine letzte Idee. „Eine Sache noch!“ Schnell hatte sie Moospelz eingeholt.
Fragend blickte der Kater sie an.
Blattpfote begann zu stottern. „Ich dachte … wir sind hier im SternenClan … jetzt, wo ich einmal hier bin …“ Sie holte tief Luft. „Könnte ich noch jemanden treffen? Bitte. Ich vermisse sie so.“
Der Graue zögerte. „Ich kann dir nichts versprechen …Wer ist es denn, den du so gerne sehen möchtest?“
„Meine Mutter. Ihr Name ist Nachtschweif.“
Moospelz versteifte sich merklich. „Tut mir leid.“ Er wich ihrem Blick aus. „Nachtschweif bin ich in diesem Wald noch nie begegnet.“
„Oh.“ Blattpfote ließ die Schultern hängen. „Tut mir leid, dich aufgehalten zu haben.“
Moospelz schnurrte. „Du musst dich nicht entschuldigen. Aber nun musst du aufwachen. Ein neuer Tag wartet auf dich.“
Ein neuer Tag. Blattpfotes Glieder begannen, schwer zu werden. Sie wollte keinen neuen Tag. Sie wollte keinen neuen Tag, an dem sie gegen die Erwartungen ihrer Clangefährten ankommen musste. Keinen Tag, an dem sie gegen Echopfote ankommen musste. Kein Tag, an dem Ampferpfote sich für ihre Schwester opferte, während er sie gar nicht zu sehen schien.
Blattpfote kämpfte gegen die bleierne Müdigkeit an, die von ihr Besitz ergriff, doch es hatte keinen Sinn. Langsam aber sicher ertrank ihr Sichtfeld in gleißendem Weiß.
Wie von weither drang Moospelz‘ Stimme ein letztes Mal an ihr Ohr: „Gib Acht, junge Blattpfote. Ihr habt einen Verräter im Clan, finster und listig wie eine Schlange. Nur, wenn du das Richtige tust, kannst du deinen Clan retten.“

Das erste, was Blattpfote spürte, war Schmerz, lodernder Schmerz. Keuchend riss sie die Augen auf.
Sie war wieder im Krankenlager des SchneeClans. Es war noch früh, nur ein schmaler Strahl Dämmerlicht fiel durch die kahlen Dornenranken, die den winzigen Felsenkessel überdachten.
Um sie herum schliefen ihre Clangefährten noch. Dicht neben ihr spürte Blattpfote den tiefen, gleichmäßigen Atem von Echopfote, auf ihrer anderen Seite das kaum merkliche Heben und Sinken von Ampferpfotes Brust.
Ächzend richtete Blattpfote sich auf. Ihr verletztes Bein brannte wie Feuer. Im Traum hatte sie es schon fast wieder vergessen …
Der Traum!
Ein Verräter im SchneeClan! Unwillkürlich sträubte sich Blattpfotes Nackenfell. Aber wer kann das bloß sein? Sie blickte sich im Krankenlager um. Nur die Schwerverletzten waren hier untergebracht worden, viele der anderen Katzen waren bereits in ihre eigentlichen Baue zurückgekehrt.
Rankenschweif? Nein, dazu war er dem Clan zu treu ergeben.
Tigerpfote? Sicherlich nicht.
Farnschweif? Lichtschweif? Niemals.
Ihr Blick blieb an Flammenfuß hängen. Flammenfuß … Es war ein offenes Geheimnis, dass der brutale Krieger nicht allzu viel vom Gesetz der Krieger hielt. Außerdem hatte er sie vor dem versammelten Clan attackiert, aufgrund eines Stücks Frischbeute … Aber würde er wirklich seinen Clan verraten?
Blattpfote erschauderte. Irgendwie musste sie den Kopf freibekommen, sonst würde sie noch den Verstand verlieren.
Als Blattpfote sich vorsichtig von ihren Baugefährten fortschob und aufstand, schoss ein stechender Schmerz durch ihr Hinterbein. Keuchend sank Blattpfote zurück in ihr Nest. Wenn das so weiter geht werde ich niemals eine Kriegerin werden! Ich kann kaum stehen … Verzweifelt kniff sie die Augen zusammen.
Sie musste an Birkenpfote denken, der niemals ein Krieger werden würde. Was, wenn ihr das gleiche Schicksal drohte? Was, wenn Sternlichtglanz doch Recht hatte und der SternenClan tatsächlich so weit gehen würde, um sie dazu zu zwingen, eine Heilerin zu werden?
Sie sog tief die frische Luft ein und witterte den Duft des silbern gestreiften Katers im Heilerbau. Hatte Birkenpfote sich wirklich so einfach mit seinem Los abgefunden?
Nicht weit entfernt von ihrem Schüler streifte Sternlichtglanz durch den Bau. Einige Herzschläge später trat die Goldene aus dem Bau und somit in das Blickfeld von Blattpfote. Ihr Fell schien in der aufgehenden Sonne, die nun langsam den Himmel emporkletterte, beinahe zu glühen.
Blattpfote fiel sofort auf, wie erschöpft ihre Freundin aussah. Sicherlich hat sie in der letzten Nacht kaum ein Auge zu tun können! Mitleid stieg in ihr auf. Sie biss die Zähne zusammen und zog sich wieder auf die Pfoten. Vor Schmerz wurde ihr fast schwarz vor Augen. Was, wenn ich niemals wieder laufen kann? Kalte Angst kroch an ihren Gliedern empor.
Schnell schüttelte sie den Gedanken ab. Moospelz sagte, ich habe eine Wahl. Ich kann mich immer noch dazu entscheiden, eine Kriegerin zu werden! Sie dachte an Feuerauge, die wegen ihrer Verletzung schon seit so langer Zeit eine Älteste war, obwohl sie jünger als einige der Krieger war. An Morgenschweif, eine blinde Kätzin, die wenige Monde nach Blattpfotes Geburt gestorben war und nie eine wirkliche Kriegerin hatte sein können.
Nein.
Blattpfote fand ihre Balance auf drei Beinen und verbiss sich den Schmerz.
So würde sie nicht enden.
Blattpfote nahm all ihre Kraft und Mut zusammen und humpelte auf die Heilerin zu.
Sternlichtglanz‘ Gesicht hellte sich auf, als sie die Schülerin entdeckte. „Guten Morgen, Blattpfote.“ Die Kätzin unterdrückte ein Gähnen. In ihren stumpfen Augen stand alle Müdigkeit der Welt. „Wie kann ich dir helfen?“
„Überhaupt nicht – wie kann ich dir helfen?“ Wenn Blattpfote der Heilerin ein paar Aufgaben abnahm würde die vielleicht ein wenig Schlaf nachholen können …
Aber Sternlichtglanz winkte ab. „Du tust erst einmal gar nichts. Vor allem musst du dein Bein schonen … es fängt schon wieder an zu bluten!“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und hechtete zurück in den Heilerbau.
Blattpfote wollte ihr folgen, aber es dauerte nicht lange, bis die junge Kätzin wieder zurück war und sie dazu zwang, sich zwischen den frostverbrannten Farnwedeln niederzulassen. Mit hastigen Pfoten presste Sternlichtglanz ein Maulvoll Moos auf die blutende Wunde. „Beweg dich bloß nicht mehr so viel. Es ist kaum einen Tag her, dass du verletzt wurdest – wenn du jetzt schon anfängst, wieder durch die Gegend zu rennen, wird die Wunde nicht richtig verheilen.“
Blattpfote senkte den Blick. „Echopfote hätte nicht stillgesessen und nachgegeben.“
Der Blick aus Sternlichtglanz‘ dunklen Augen war stechend. „Das macht Echopfote aber nicht schlauer. Es ist wichtig, einigen Dingen die Zeit zu geben, die sie brauchen.“
Blattpfote musste sich zusammenreißen, um nicht zu dem schlafenden Ampferpfote hinüberzublicken. Vielleicht, mit der Zeit, wird er merken, dass Echopfote ihn nicht so liebt wie er sie liebt. Und vielleicht wird er sich dann für die Katze entscheiden, die ihn von Anfang an gemocht hat …
„Meinst du, die Wunde wird verheilen?“, fragte Blattpfote langsam. „Was, wenn nicht? Was, wenn ich niemals wieder-“
Sternlichtglanz fuhr ihr mit dem Schweif über den Mund und brachte sie somit zum Schweigen. „Alles wird gut werden, Blattpfote. Egal was passiert, der SternenClan wird dir die Kraft geben, weiter für deinen Clan zu sorgen. Auf welche Art und Weise auch immer.“
Der Mut verließ Blattpfote. Sie glaubt immer noch, ich sollte Heilerin werden! Glaubt Moospelz das auch? Könnte das wirklich meine Bestimmung sein? Sie ließ die Schultern hängen.
Sternlichtglanz schnurrte voll Mitleid. „Kopf hoch! Du wirst schon sehen. Früher oder später wird alles viel klarer werden.“ Sie schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. „Spürst du es auch?“, miaute sie dann. „Die Blattfrische naht!“
Sie hat meine Frage noch nicht beantwortet! Heißt das etwa, sie weiß selbst nicht, ob ich wieder gesund werden werde?
Seufzend schloss Blattpfote ebenfalls die Augen und schnupperte. Sternlichtglanz hatte Recht: es wurde wieder wärmer. Blattpfote konnte beinahe riechen, wie die Sonne die Kälte aus den letzten Ecken des Waldes trieb, denn Schnee verbannte, wie sich grüne Blätter entrollten und die ersten Blumen und Kräuter die zuvor gefrorene Erde durchstießen.
„Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung.“
Blattpfote schlug die Augen auf und blickte sofort in die tiefblauen ihrer Freundin und Heilerin. Diese lächelte und wandte sich dann um. „Schone die Wunde und überanstrenge dich nicht“, warnte sie, ohne Blattpfote anzusehen, während sie sich auf den Heilerbau zubewegte. „Wenn du dir keine Infektion einfängst dauert es bestimmt nicht lange, bis du wieder auf den Beinen bist.“
Verwirrt blickte Blattpfote der Kätzin hinterher. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung … was hat sie damit gemeint?
Plötzlich war es ihr, als könne sie wieder Moospelz‘ mahnende Stimme in ihrem Kopf hören: Du bist kurz davor, den falschen Weg einzuschlagen. Wenn du das tust, sind wir alle in größter Gefahr.
Blattpfote fasste einen Entschluss. Wenn sie mit dieser Wunde schon nicht für ihren Clan kämpfen konnte, dann würde sie wenigstens versuchen, ihm auf andere Art und Weise zu helfen. Und vielleicht würde sie dabei ja sogar herausfinden, welcher ihr richtiger Weg war.
„Sternlichtglanz, warte!“

Nachwort

Lieber Leser,

zu allererst: herzlichen Glückwunsch! Du hast es anscheinend tatsächlich geschafft, dieses Monster an Geschichte durchzulesen - congratulations! Ich hoffe sehr, dass es dir gefallen hat.

Außerdem, herzlichen, herzlichen Dank dafür, dass du Schwarzer Schnee gelesen hast. Wirklich. Es ist wirklich unbeschreiblich, meine Geschichten tatsächlich mit anderen Leuten teilen zu können.

Schwarzer Schnee startete am 4. Januar 2014 ohne jeglichen Plan und … passierte einfach irgendwie. Der erste Entwurf der Geschichte war keine zwei Monate fertiggestellt.
Ein halbes Jahr nach Beginn wurde mir jedoch klar, dass ich mehr kann und mehr von diesem Buch will. Deshalb habe ich alles noch einmal neu geschrieben - die „Version 2“ - und dabei alles, die Handlung, die Charaktere, die Welt, noch einmal ganz neu kennengelernt. Vor allem die Charaktere sind mir wirklich unglaublich ans Herz gewachsen; es ist fast, als wären sie reale Personen.

Ich glaube, das ist auch einer der Gründe warum Schwarzer Schnee häufig ein Projekt war, an dem ich nie die Lust und Motivation vollkommen verloren habe. Die Charaktere wollen einfach unbedingt von mir, dass ich sie weiterschreibe, und ich wollte ihre Geschichte weiterschreiben …

Und da sind wir nun, mehr als fünf Jahre später, am Ende dieser Reise. Nicht nur die Geschichte ist unglaublich viel mehr geworden, als ich erwartet hätte, sondern auch ich als Person habe mich sehr viel weiterentwickelt.
Dafür möchte ich an dieser Stelle noch einmal einigen ganz besonderen Personen danken! Zuerst meinen Wiki-Freunden Flocke, Ivy, Lovely, Honey und Holly dafür, dass ich solch tolle Menschen kennenlernen durfte und dass sie mich durch die schwerste Zeit meines Lebens gebracht haben.
Aber auch allen Kommentar-Schreibern: Löwenflamme, Hügellicht, Nini-Nom, Wolkenschatten, Buchenblatt, Gänseblumnase, Kojotenpfote, LilaWolken, Sonnenjäger, Minzauge, Honigtiger, Aschenstreif, Broncekralle, Waschbärpfote, Sonnenregen, Eichenstern, Leopardenschwinge, Jonathan.97, Nussfrost, Mistelzweig, Eichhornsprung, Sunnypaw907, Wintersturm, Dämmernacht und Mohnhasel. Ihr habt nicht nur dieser Geschichte, sondern auch mir bei der Weiterentwicklung und Verbesserung geholfen.
Danke für die Charaktere von Kojotenpfote, Buchenblatt, Vylera, Löwenflamme und Nini-Nom, die ich benutzen durfte!

Aber, meine lieben Menschen, das hier ist natürlich noch nicht das Ende, oh nein! Ich weiß nicht, wie weit ich zu meinen Lebzeiten an dieser Staffel noch kommen werde. Aber den zweiten Teil, Pfade der Finsternis, werde ich sofort anfangen!

Vielen Dank! Jegliche Art von Rückmeldung ist so very much appreciated.

Eure Grinsekätzchen! Disclsure i'm not okay with okay 20:39, 1. Jun. 2019 (UTC)

Umfrageergebnisse

Vielen Dank fürs fleißige Abstimmen!!

SchneeClan-Couples:

Platz 1: Echopfote & Sturmpfote 12 Stimmen
Platz 2: Blattpfote & Ampferpfote 7 Stimmen
Platz 2: Goldfell & Flammenfuß 7 Stimmen
Platz 4: Eulenfeder & Grauschweif 2 Stimmen
Platz 5: Schattenmond & Schneebart 0 Stimmen

(Stand: 1/6/19)


Lieblingscharaktere:

Platz 1: Echopfote 30 Stimmen
Platz 2: Blattpfote 11 Stimmen
Platz 3: Goldfell 6 Stimmen
Platz 4: Federflug 3 Stimmen

(Stand: 1/6/19)

weitere:

  • Platz 5: Sturmpfote, Flammenfuß, Schmetterlingsjunges, Sternlichtglanz, Eissturm, Birkenherz
  • Platz 6: Ampferpfote, Marderpfote
  • Platz 7: Birkenpfote, Schattenmond
  • Platz 8: Grauschweif, Nachtschweif, Haselschweif, Schneebart, Mondfeuer, Lichtschweif, Libellenjunges, Farnschweif, Habichtflügel, Blütenpfote, Laubstern, Flammenherz, Feuerauge
  • Platz 9: Rindenstern, Eulenfeder, Tigerpfote, Honigherz, Mondlichtschweif, Hirschsprung, Eschenstern, Dunstfleck, Tupfenpelz
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